Ole Nymoen und Wolfgang M. Schmitt: Fünf vor Verharmlosung
TL;DR: Die Kolumne kritisiert, dass Ole Nymoen und
Wolfgang M. Schmitt in der Folge „Danger Dan und das Elend des
Antifaschismus“ Danger Dans Antifaschismus zwar zu Recht als symbolisch und
politisch unzureichend beschreiben, zugleich aber die autoritäre Gefahr der AfD
verharmlosen. Ökonomische Ursachen sind wichtig, erklären Faschismus und
Antisemitismus jedoch nicht vollständig. Wer Antisemitismus erst bei einem
ausformulierten Vernichtungsplan erkennt, verharmlost ihn.
Wie „Wohlstand für Alle“ die faschistische Gefahr
ökonomistisch kleinredet
Ole Nymoen und Wolfgang M. Schmitt haben in „Danger Dan und das Elend des
Antifaschismus“ ein Ziel und verfehlen es so gründlich, dass aus der
Kritik am falschen Alarm eine eigene Entwarnung wird. In ihrer Episode über
Danger Dans Lied „Keine Angst“ zerlegen sie den Haltungskitsch eines
prominenten Antifaschismus, der den Staat am Montag verteidigt, am Dienstag von
ihm ausgezeichnet wird und sich am Mittwoch als sein letzter Gegner inszeniert.
Das ist treffend. Doch weil das Lied schlechte Antworten gibt, erklären die
Podcaster schließlich auch die Gefahr für überschätzt, auf die es reagiert.
Ihr Einwand lautet im Kern: Die AfD sei nicht die NSDAP, sie
plane weder „Lebensraum“ noch Konzentrationslager und wolle Bevölkerungsgruppen
nicht millionenfach vernichten (Nymoen und Schmitt, 4:30–5:18).
Historisch ist das richtig und politisch ungefähr so beruhigend wie die
Mitteilung, der Brand im Treppenhaus sei kein Reichstagsbrand. Faschisierung
muss keine historische Uniform tragen. Sie beginnt dort, wo Zugehörigkeit
ethnisch sortiert, Gleichheit zur Zumutung erklärt und der Staat zum Werkzeug
gegen jene umgebaut wird, die nicht ins Bild der „Volksgemeinschaft“ passen.
Der Faschismus kommt nicht im Kostüm
Nymoen und Schmitt wenden sich zu Recht gegen das Gerede von
„fünf vor 1933“. Wer jede Verschärfung zur letzten Schlacht erklärt, stumpft
die Sprache ab und macht aus Geschichte eine Sirene, die irgendwann niemand
mehr hört. Aber aus der Nichtidentität zweier Epochen folgt keine Harmlosigkeit
der späteren. Die Weimarer Republik wurde nicht an einem Morgen abgeschafft;
ihre Gegner lernten, Institutionen zu benutzen, bevor sie sie zerstörten.
Der Podcast setzt die Schwelle für Faschismus auffällig
hoch. Selbst eine AfD-Regierung, so heißt es, würde wohl weiterhin freie Wahlen
zulassen; Rundfunk, Verfassungsschutz und Verwaltung könnten stärker nach
rechts geprägt werden, doch „damit wären wir noch nicht im Faschismus“ (Nymoen und Schmitt,6:47–8:13).
Das klingt nüchtern, ist aber eine Nüchternheit nach Art des Thermometers, das
Fieber erst bei Organversagen meldet.
Autoritäre Herrschaft kündigt sich nicht zwingend durch die
Abschaffung aller Wahlen an. Sie kann Gerichte besetzen, Medien einschüchtern,
Lehrpläne umschreiben, Fördermittel entziehen, Polizei und Verwaltung politisch
säubern und Minderheiten Schritt für Schritt entrechten. Das in der Vorlage
diskutierte Wahlprogramm der AfD in Sachsen-Anhalt verweist mit Forderungen
nach verpflichtendem „Deutschtum“, der Bestrafung einer „Beleidigung
Deutschlands“ und autoritär verwalteten Sonderzonen auf ein völkisches Projekt,
nicht bloß auf eine etwas strengere Variante konservativer Ordnungspolitik.
Wer darauf antwortet, Lager seien nicht angekündigt,
verwechselt Analyse mit Hellseherei. Politische Verantwortung besteht nicht
darin, den äußersten Ausgang zu behaupten. Sie besteht darin, eine Richtung zu
erkennen, bevor sie am Ziel angelangt ist. Gerade wer historische
Gleichsetzungen ablehnt, müsste die Gegenwart genauer beschreiben, statt sie an
der maximalen Barbarei des Nationalsozialismus zu messen.
Klasse erklärt nicht alles
Stark ist die Episode dort, wo sie fragt, warum der Aufstieg
der AfD ohne Ökonomie erklärt werden soll. Reallohnverluste, Energiepreise,
Arbeitslosigkeit, Deindustrialisierung und eine Linke, die als Verwalterin des
Bestehenden erscheint, gehören in jede ernsthafte Analyse (Nymoen und Schmitt,11:18–12:55).
Auch der Hinweis auf schwankende AfD-Ergebnisse ist wichtig: Rechte Mehrheiten
sind kein Naturzustand, sondern politisch hergestellt und deshalb politisch
veränderbar.
Doch aus dieser Einsicht wird ein Ökonomismus, sobald rechte
Ideologie nur noch als falsch adressierte soziale Kränkung erscheint.
Nationalismus, Rassismus, Antisemitismus und die Lust an autoritärer Ordnung
sind nicht bloß Irrtümer über den Lohnzettel. Manche wählen die AfD nicht trotz
ihrer Härte gegen Schwächere, sondern wegen ihr. Eine Preisbremse kann die
Stromrechnung senken; sie widerlegt noch keine Vorstellung vom ethnisch reinen
Volk.
Die Podcaster wissen das und räumen ein, dass ökonomische
Erklärungen nicht alle von Ressentiments Getriebenen erfassen (Nymoen und Schmitt, 42:32–43:15).
Trotzdem bleibt ihre Argumentation auf jene Wähler zugeschnitten, die im Grunde
nur auf eine glaubwürdige Sozialdemokratie warten. Das mag für einen Teil
stimmen. Für den anderen wäre die Annahme schmeichelhaft, er habe den Rassismus
gleichsam aus Versehen mitbestellt.
Noch schwächer wird die Folge beim Antisemitismus. Sie hat
recht, den Slogan von den „99 Prozent“ nicht automatisch als antisemitisch zu
verdammen. Kritik an Vermögenskonzentration ist keine Vorstufe zum Pogrom. Aber
verkürzte Kapitalismuskritik kann antisemitisch werden, wenn sie abstrakte
Herrschaft personalisiert, eine kleine Gruppe zum allmächtigen Drahtzieher
erklärt oder Israel zum Welterklärungsprinzip macht. Antisemitismus beginnt
nicht erst mit einem ausformulierten Vernichtungsplan.
Eine emanzipatorische Linke muss deshalb zwei Zumutungen
zugleich aushalten: Sie darf deutsche Staatsräson und israelische
Regierungspolitik nicht mit jüdischer Selbstverteidigung verwechseln; sie darf
aber auch Antisemitismus nicht zum bloßen Vorwurf liberaler Kulturkämpfer
erklären. Der Podcast löst diesen Widerspruch, indem er ihn polemisch
zusammenschiebt. Das erleichtert die Pointe und erschwert das Denken.
Schutz ist kein Haltungskitsch
Treffend ist wiederum die Kritik an Danger Dans Aufruf,
lokale Gruppen zu bilden, Geld zu sammeln, zu recherchieren und sich auf
Konfrontationen vorzubereiten. Wer vom Klavierhocker aus andere in juristische
und körperliche Risiken schickt, sollte erklären, wer die Folgen trägt. Nymoen
und Schmitt benennen diesen sozialen Abstand mit Recht: Der Heroismus der
Berühmten wird schnell zur Vorstrafe der Namenlosen.
Doch die Episode macht aus der Begrenztheit lokaler
Antifa-Arbeit beinahe deren Nutzlosigkeit. Weil Sticker, Recherche und
gegenseitiger Schutz keine parlamentarische Massenpartei besiegen, erscheinen
sie als privatisierter Ersatz für Politik (Nymoen und Schmitt,
14:21–19:40). Das ist ein Kategorienfehler. Ein Feuerlöscher ersetzt keine
Brandschutzordnung; deshalb wirft man ihn nicht weg.
In Dörfern und Kleinstädten, in denen rechte Netzwerke zum
Alltag gehören, kann dokumentierte Gewalt, Begleitung zu Veranstaltungen oder
ein verlässlicher Schutzraum sehr konkret darüber entscheiden, wer sich noch
öffentlich zeigen kann. Der Podcast blickt auf diese Praxis aus der Höhe der
gesamtgesellschaftlichen Strategie und übersieht ihren Nahbereich. Für Bedrohte
ist „lokal“ kein Synonym für belanglos.
Auch die Kritik am Staat bleibt widersprüchlich. Nymoen und
Schmitt spotten darüber, dass Antifaschisten den Staat zugleich anrufen und ihm
misstrauen. Doch genau dieses Misstrauen ist vernünftig. Polizei, Gerichte und
Verfassungsschutz sind weder geschlossene rechte Apparate noch neutrale
Maschinen. Man kann auf rechtsstaatlichen Schutz bestehen und zugleich wissen,
dass er ungleich verteilt, verspätet oder gar nicht gewährt wird.
Antiautoritäre Politik beginnt nicht mit der romantischen
Flucht aus dem Staat, sondern mit der Weigerung, seine Garantien für
Naturgesetze zu halten. Ebenso wenig darf sie sich auf den Staat verlassen,
dessen Institutionen längst selbst Teil des politischen Rechtsrucks sind.
So trifft die Episode das Elend eines Antifaschismus, der
sich in Fernsehbildern, Orden und moralischer Selbsterhöhung gefällt. Sie
verfehlt aber das Elend der Verhältnisse, aus denen Faschismus und
Antisemitismus wachsen. Ihr stärkster Satz lautet unausgesprochen: Symbolischer
Widerstand ersetzt keine Politik. Ihr schwächster folgt daraus: Weil
Symbolpolitik nicht genügt, sei die Gefahr, gegen die sie sich richtet,
übertrieben.
Vielleicht steht es nicht fünf vor 1933. Sicher ist nur,
dass die Uhr keinen historischen Kostümzwang kennt. Die entscheidende Frage
lautet daher nicht, ob die AfD schon alles ist, was der Nationalsozialismus
war. Sie lautet: Wie viel autoritären Umbau wollen wir abwarten, bevor der
Hinweis auf den Unterschied selbst zum Bestandteil der Verharmlosung wird?