Ole Nymoen und Wolfgang M. Schmitt: Fünf vor Verharmlosung

TL;DR: Die Kolumne kritisiert, dass Ole Nymoen und Wolfgang M. Schmitt in der Folge „Danger Dan und das Elend des Antifaschismus“ Danger Dans Antifaschismus zwar zu Recht als symbolisch und politisch unzureichend beschreiben, zugleich aber die autoritäre Gefahr der AfD verharmlosen. Ökonomische Ursachen sind wichtig, erklären Faschismus und Antisemitismus jedoch nicht vollständig. Wer Antisemitismus erst bei einem ausformulierten Vernichtungsplan erkennt, verharmlost ihn.

Screenshot eines YouTube-Videos. Im Zentrum steht ein schwarzer Hintergrund mit großen, goldfarbenen Blockbuchstaben „WOHLSTAND FÜR ALLE“. Darüber ist in weißer Schrift der Blog-Titel eingeblendet: „Ole Nymoen und Wolfgang M. Schmitt: Fünf vor Verharmlosung“.  Unterhalb des Vorschaubildes sind typische YouTube-Elemente sichtbar, darunter der Videotitel „Danger Dan und das Elend des Antifaschismus – Ep. 363“, der Kanalname „Wohlstand für Alle“ sowie Interaktionssymbole wie „Abonnieren“, „Teilen“ und Like-Zähler.


Wie „Wohlstand für Alle“ die faschistische Gefahr ökonomistisch kleinredet

Ole Nymoen und Wolfgang M. Schmitt haben in „Danger Dan und das Elend des Antifaschismus ein Ziel und verfehlen es so gründlich, dass aus der Kritik am falschen Alarm eine eigene Entwarnung wird. In ihrer Episode über Danger Dans Lied „Keine Angst“ zerlegen sie den Haltungskitsch eines prominenten Antifaschismus, der den Staat am Montag verteidigt, am Dienstag von ihm ausgezeichnet wird und sich am Mittwoch als sein letzter Gegner inszeniert. Das ist treffend. Doch weil das Lied schlechte Antworten gibt, erklären die Podcaster schließlich auch die Gefahr für überschätzt, auf die es reagiert.

Ihr Einwand lautet im Kern: Die AfD sei nicht die NSDAP, sie plane weder „Lebensraum“ noch Konzentrationslager und wolle Bevölkerungsgruppen nicht millionenfach vernichten (Nymoen und Schmitt, 4:30–5:18). Historisch ist das richtig und politisch ungefähr so beruhigend wie die Mitteilung, der Brand im Treppenhaus sei kein Reichstagsbrand. Faschisierung muss keine historische Uniform tragen. Sie beginnt dort, wo Zugehörigkeit ethnisch sortiert, Gleichheit zur Zumutung erklärt und der Staat zum Werkzeug gegen jene umgebaut wird, die nicht ins Bild der „Volksgemeinschaft“ passen.

Der Faschismus kommt nicht im Kostüm

Nymoen und Schmitt wenden sich zu Recht gegen das Gerede von „fünf vor 1933“. Wer jede Verschärfung zur letzten Schlacht erklärt, stumpft die Sprache ab und macht aus Geschichte eine Sirene, die irgendwann niemand mehr hört. Aber aus der Nichtidentität zweier Epochen folgt keine Harmlosigkeit der späteren. Die Weimarer Republik wurde nicht an einem Morgen abgeschafft; ihre Gegner lernten, Institutionen zu benutzen, bevor sie sie zerstörten.

Der Podcast setzt die Schwelle für Faschismus auffällig hoch. Selbst eine AfD-Regierung, so heißt es, würde wohl weiterhin freie Wahlen zulassen; Rundfunk, Verfassungsschutz und Verwaltung könnten stärker nach rechts geprägt werden, doch „damit wären wir noch nicht im Faschismus“ (Nymoen und Schmitt,6:47–8:13). Das klingt nüchtern, ist aber eine Nüchternheit nach Art des Thermometers, das Fieber erst bei Organversagen meldet.

Autoritäre Herrschaft kündigt sich nicht zwingend durch die Abschaffung aller Wahlen an. Sie kann Gerichte besetzen, Medien einschüchtern, Lehrpläne umschreiben, Fördermittel entziehen, Polizei und Verwaltung politisch säubern und Minderheiten Schritt für Schritt entrechten. Das in der Vorlage diskutierte Wahlprogramm der AfD in Sachsen-Anhalt verweist mit Forderungen nach verpflichtendem „Deutschtum“, der Bestrafung einer „Beleidigung Deutschlands“ und autoritär verwalteten Sonderzonen auf ein völkisches Projekt, nicht bloß auf eine etwas strengere Variante konservativer Ordnungspolitik.

Wer darauf antwortet, Lager seien nicht angekündigt, verwechselt Analyse mit Hellseherei. Politische Verantwortung besteht nicht darin, den äußersten Ausgang zu behaupten. Sie besteht darin, eine Richtung zu erkennen, bevor sie am Ziel angelangt ist. Gerade wer historische Gleichsetzungen ablehnt, müsste die Gegenwart genauer beschreiben, statt sie an der maximalen Barbarei des Nationalsozialismus zu messen.

Klasse erklärt nicht alles

Stark ist die Episode dort, wo sie fragt, warum der Aufstieg der AfD ohne Ökonomie erklärt werden soll. Reallohnverluste, Energiepreise, Arbeitslosigkeit, Deindustrialisierung und eine Linke, die als Verwalterin des Bestehenden erscheint, gehören in jede ernsthafte Analyse (Nymoen und Schmitt,11:18–12:55). Auch der Hinweis auf schwankende AfD-Ergebnisse ist wichtig: Rechte Mehrheiten sind kein Naturzustand, sondern politisch hergestellt und deshalb politisch veränderbar.

Doch aus dieser Einsicht wird ein Ökonomismus, sobald rechte Ideologie nur noch als falsch adressierte soziale Kränkung erscheint. Nationalismus, Rassismus, Antisemitismus und die Lust an autoritärer Ordnung sind nicht bloß Irrtümer über den Lohnzettel. Manche wählen die AfD nicht trotz ihrer Härte gegen Schwächere, sondern wegen ihr. Eine Preisbremse kann die Stromrechnung senken; sie widerlegt noch keine Vorstellung vom ethnisch reinen Volk.

Die Podcaster wissen das und räumen ein, dass ökonomische Erklärungen nicht alle von Ressentiments Getriebenen erfassen (Nymoen und Schmitt, 42:32–43:15). Trotzdem bleibt ihre Argumentation auf jene Wähler zugeschnitten, die im Grunde nur auf eine glaubwürdige Sozialdemokratie warten. Das mag für einen Teil stimmen. Für den anderen wäre die Annahme schmeichelhaft, er habe den Rassismus gleichsam aus Versehen mitbestellt.

Noch schwächer wird die Folge beim Antisemitismus. Sie hat recht, den Slogan von den „99 Prozent“ nicht automatisch als antisemitisch zu verdammen. Kritik an Vermögenskonzentration ist keine Vorstufe zum Pogrom. Aber verkürzte Kapitalismuskritik kann antisemitisch werden, wenn sie abstrakte Herrschaft personalisiert, eine kleine Gruppe zum allmächtigen Drahtzieher erklärt oder Israel zum Welterklärungsprinzip macht. Antisemitismus beginnt nicht erst mit einem ausformulierten Vernichtungsplan.

Eine emanzipatorische Linke muss deshalb zwei Zumutungen zugleich aushalten: Sie darf deutsche Staatsräson und israelische Regierungspolitik nicht mit jüdischer Selbstverteidigung verwechseln; sie darf aber auch Antisemitismus nicht zum bloßen Vorwurf liberaler Kulturkämpfer erklären. Der Podcast löst diesen Widerspruch, indem er ihn polemisch zusammenschiebt. Das erleichtert die Pointe und erschwert das Denken.

Schutz ist kein Haltungskitsch

Treffend ist wiederum die Kritik an Danger Dans Aufruf, lokale Gruppen zu bilden, Geld zu sammeln, zu recherchieren und sich auf Konfrontationen vorzubereiten. Wer vom Klavierhocker aus andere in juristische und körperliche Risiken schickt, sollte erklären, wer die Folgen trägt. Nymoen und Schmitt benennen diesen sozialen Abstand mit Recht: Der Heroismus der Berühmten wird schnell zur Vorstrafe der Namenlosen.

Doch die Episode macht aus der Begrenztheit lokaler Antifa-Arbeit beinahe deren Nutzlosigkeit. Weil Sticker, Recherche und gegenseitiger Schutz keine parlamentarische Massenpartei besiegen, erscheinen sie als privatisierter Ersatz für Politik (Nymoen und Schmitt, 14:21–19:40). Das ist ein Kategorienfehler. Ein Feuerlöscher ersetzt keine Brandschutzordnung; deshalb wirft man ihn nicht weg.

In Dörfern und Kleinstädten, in denen rechte Netzwerke zum Alltag gehören, kann dokumentierte Gewalt, Begleitung zu Veranstaltungen oder ein verlässlicher Schutzraum sehr konkret darüber entscheiden, wer sich noch öffentlich zeigen kann. Der Podcast blickt auf diese Praxis aus der Höhe der gesamtgesellschaftlichen Strategie und übersieht ihren Nahbereich. Für Bedrohte ist „lokal“ kein Synonym für belanglos.

Auch die Kritik am Staat bleibt widersprüchlich. Nymoen und Schmitt spotten darüber, dass Antifaschisten den Staat zugleich anrufen und ihm misstrauen. Doch genau dieses Misstrauen ist vernünftig. Polizei, Gerichte und Verfassungsschutz sind weder geschlossene rechte Apparate noch neutrale Maschinen. Man kann auf rechtsstaatlichen Schutz bestehen und zugleich wissen, dass er ungleich verteilt, verspätet oder gar nicht gewährt wird.

Antiautoritäre Politik beginnt nicht mit der romantischen Flucht aus dem Staat, sondern mit der Weigerung, seine Garantien für Naturgesetze zu halten. Ebenso wenig darf sie sich auf den Staat verlassen, dessen Institutionen längst selbst Teil des politischen Rechtsrucks sind.

So trifft die Episode das Elend eines Antifaschismus, der sich in Fernsehbildern, Orden und moralischer Selbsterhöhung gefällt. Sie verfehlt aber das Elend der Verhältnisse, aus denen Faschismus und Antisemitismus wachsen. Ihr stärkster Satz lautet unausgesprochen: Symbolischer Widerstand ersetzt keine Politik. Ihr schwächster folgt daraus: Weil Symbolpolitik nicht genügt, sei die Gefahr, gegen die sie sich richtet, übertrieben.

Vielleicht steht es nicht fünf vor 1933. Sicher ist nur, dass die Uhr keinen historischen Kostümzwang kennt. Die entscheidende Frage lautet daher nicht, ob die AfD schon alles ist, was der Nationalsozialismus war. Sie lautet: Wie viel autoritären Umbau wollen wir abwarten, bevor der Hinweis auf den Unterschied selbst zum Bestandteil der Verharmlosung wird?

 


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