Die Toten des CSD und ihre politischen Erben
TL;DR: Der Anschlag auf den Berliner CSD war eine gezielte islamistische und queerfeindliche Tat. Wer daraus eine Anklage gegen Muslime und Migration macht, betreibt rassistische Verallgemeinerung. Wer den islamistischen Hintergrund aus Angst vor rechter Vereinnahmung verschweigt, verweigert die notwendige Analyse. Und wer die Tat zum Vorwand für mehr Überwachung und staatliche Kontrolle nimmt, schützt nicht die Freiheit, sondern baut sie ab. Eine glaubwürdige linke Antwort muss Islamismus, Rassismus und Queerfeindlichkeit zugleich bekämpfen und die Betroffenen ins Zentrum stellen.
Wie Rechte, Regierung und Teile der Linken den Anschlag
auf den Berliner CSD für ihre jeweilige Wahrheit zurechtlegen – und dabei die
Angegriffenen aus dem Blick verlieren
Kaum war das Blut auf dem Asphalt des Berliner Christopher
Street Day getrocknet, hatte die Republik bereits ihre alten Rollen verteilt.
Die Rechten wussten, dass die Migration schuld sei. Die Regierung wusste, dass
unsere offene Gesellschaft angegriffen worden sei. Und ein Teil der Linken
wusste vor allem, dass man jetzt bloß nichts sagen dürfe, was der AfD nützen
könnte.
So funktioniert das deutsche Krisenmanagement.
Dabei war die Sache zunächst eindeutig. Ein Islamist griff
einen Christopher Street Day an. Er griff keine abstrakte Idee an, keine
wolkige „Vielfalt“ und auch nicht die Bundesrepublik Deutschland. Angegriffen
wurden Menschen, die öffentlich sichtbar queer leben wollten. Wer daraus
einen Angriff auf „uns alle“ macht, verallgemeinert das Verbrechen bereits zum
nationalen Gemeinschaftserlebnis und nimmt den Opfern ihre konkrete Erfahrung.
Der Satz, den Politiker nach jeder Katastrophe aufsagen,
lautet bekanntlich: Das war ein Angriff auf unsere Werte. Das ist ungefähr so
wahr wie die Behauptung, der deutsche Staat habe die sexuelle Freiheit
erfunden. Noch gestern wurde über Regenbogenfahnen gestritten, über
Selbstbestimmungsgesetze lamentiert und über die Finanzierung queerer Projekte
gefeilscht. Noch gestern wurde die Regenbogenfahne im Bundestag unter dem
Beifall jener zurückgedrängt, die sich nach dem Anschlag plötzlich selbst zu
den Angegriffenen zählen. Heute soll ganz Deutschland im Glanz seiner Toleranz
erstrahlen.
Dazu heißt es in einem nd Artikel von Bodo
Niendel und Luca Renner völlig zu Recht: „Der Anschlag auf den Christopher
Street Day verlangt Konsequenzen – aber keine Politik der Angst oder Spaltung.“
Genau diese Politik beginnt jedoch regelmäßig wenige Minuten nach der Tat.
Unsere Schwulen gegen ihre Muslime
Die Rechte macht aus dem Islamisten den Muslim, aus dem
Muslim den Migranten und aus dem Migranten die Ursache allen Übels. Dass
derselbe politische Block den Christopher Street Day sonst für ein Symptom
gesellschaftlichen Verfalls hält, stört dabei nicht weiter. Wer gestern noch
gegen „Genderwahn“ wetterte, entdeckt heute plötzlich seine Liebe zu
homosexuellen Menschen – allerdings nur, solange diese als Beweismittel gegen
den fremden Feind taugen.
Der Opportunismus ist von einer Eleganz, die nur der
Nationalismus hervorbringen kann: unsere Schwulen gegen ihre Muslime. Dieselben
Leute, die queere Menschen sonst bestenfalls dulden, erklären sich über Nacht
zu deren Schutzmacht. Nicht aus Solidarität, sondern aus Besitzanspruch.
Queere Menschen gelten dieser Rechten nicht als
selbstbestimmte Subjekte, sondern als nationales Eigentum. Sie sind willkommen,
solange sie die angebliche Überlegenheit des Westens bezeugen. Sobald sie
eigene Rechte einfordern, traditionelle Familienbilder kritisieren, trans
Menschen verteidigen oder gegen die AfD demonstrieren, werden sie wieder zu
Vertretern des verhassten „Regenbogenkults“.
Der islamistische Hintergrund der Tat wird nicht dadurch
unwahr, dass die AfD ihn benennt. Aber ebenso wenig werden die rassistischen
Schlussfolgerungen der AfD dadurch wahr, dass der Täter Islamist war. Zwischen
einer politischen Ideologie und einer religiösen oder ethnischen Herkunft
besteht ein Unterschied, den die Rechte beseitigen muss, damit ihre Rechnung
aufgeht.
Aus dem einzelnen Täter werden Millionen potenzielle Täter.
Aus seiner Ideologie wird eine Eigenschaft seiner Abstammung. Aus der konkreten
Frage, weshalb ein bekannter Islamist offenbar weiterhin handlungsfähig war,
wird die allgemeine Forderung nach Abschiebung und „Remigration“.
Die politische Mitte arbeitet feiner, aber nicht weniger
zuverlässig. Sie verwandelt den konkreten Hass auf queere Menschen in eine
sentimentale Erzählung über „unsere offene Gesellschaft“. Der Anschlag wird zum
Angriff auf Deutschland, und Deutschland antwortet, wie Deutschland immer
antwortet: mit mehr Überwachung, mehr Befugnissen und neuen
Sicherheitsgesetzen.
Bodo
Niendel und Luca Renner erinnern an etwas, das in der allgemeinen Hysterie
unterzugehen droht: „Wer Freiheit verteidigen will, muss sie schützen, ohne sie
selbst abzubauen.“ Man könnte ergänzen: Wer Freiheit verteidigen will, sollte
aufhören, jeden Anschlag als Werbekampagne für den Sicherheitsstaat zu
missbrauchen.
Wenn ein den Behörden bekannter und womöglich überwachter
Gefährder eine solche Tat begehen kann, wäre zunächst zu klären, was die
zuständigen Stellen wussten, was sie unternahmen und woran sie konkret
scheiterten. Stattdessen fordert man vorsorglich mehr von genau jenen
Instrumenten, deren Versagen noch gar nicht untersucht wurde.
Die Angst vor der falschen Wahrheit
Ein
Teil der Linken verfällt in einen anderen Reflex. Aus Angst vor
rassistischer Instrumentalisierung scheut man sich, den islamistischen
Charakter der Tat offen zu benennen. Statt über Islamismus wird über die Gefahr
gesprochen, über Islamismus zu sprechen.
Das Problem ist nicht die Sorge vor Rassismus; sie ist
berechtigt. Das Problem beginnt dort, wo die erwartbare Reaktion der Rechten
darüber entscheidet, welche Wirklichkeit noch ausgesprochen werden darf.
Denn mehrere Dinge können gleichzeitig wahr sein.
Wahr ist, dass Islamismus eine autoritäre, reaktionäre und
queerfeindliche Ideologie ist. Wahr ist auch, dass muslimische Menschen weder
für islamistische Gewalt verantwortlich sind noch unter Generalverdacht
gestellt werden dürfen. Wahr ist schließlich, dass die Antwort auf Terror weder
in rassistischer Mobilisierung noch im Ausbau staatlicher Kontrolle liegen
kann.
Islamismus ist nicht mit dem Islam oder allen Muslimen
identisch. Er fällt aber auch nicht vom Himmel. Er ist eine politische
Interpretation religiöser Texte, Traditionen und Autoritäten. Wer jede
Verbindung zwischen Islamismus und Islam bestreitet, schützt nicht muslimische
Menschen vor Rassismus, sondern religiöse Vorstellungen vor Kritik.
Ebenso wenig wird ein Mensch durch Diskriminierung
automatisch fortschrittlich. Muslime können Opfer von Rassismus und zugleich
Träger patriarchaler oder queerfeindlicher Überzeugungen sein. Ein Mensch kann
in einem gesellschaftlichen Verhältnis unterdrückt werden und in einem anderen
selbst Unterdrückung ausüben. Marginalisierung ist kein politisches Gütesiegel.
Armut, Ausgrenzung und fehlende Teilhabe können
Radikalisierung begünstigen. Sie erklären aber nicht deren konkreten Inhalt.
Armut enthält keine Aufforderung, homosexuelle Menschen zu töten. Rassistische
Diskriminierung formuliert kein Programm für eine göttliche Rechtsordnung.
Bodo
Niendel und Luca Renner bringen die notwendige Gleichzeitigkeit auf den
Punkt: „Der Kampf gegen Rechtsextremismus und Islamismus darf nicht
gegeneinander ausgespielt werden.“ Beide Ideologien sind nicht identisch, aber
sie profitieren politisch voneinander. Der Islamismus braucht die Ausgrenzung
von Muslimen, um religiöse Gefolgschaft einzufordern. Die Rechte braucht
islamistische Gewalt, um ihre nationale Gemeinschaft gegen den angeblich
fremden Feind zu mobilisieren.
Jeder rechte Angriff auf Muslime liefert dem Islamismus
Propagandamaterial. Jeder islamistische Anschlag liefert der Rechten ihres. Sie
sind Gegner, aber zugleich zuverlässige Zulieferer füreinander.
Die eigentliche Frage lautet deshalb nicht, welches Lager
aus dem Anschlag Kapital schlagen kann. Sie lautet, wie Solidarität mit den
Betroffenen aussehen muss.
Bodo
Niendel und Luca Renner geben darauf eine richtige Antwort: „Unsere Antwort
darf nicht in autoritären Scheingewissheiten liegen, sondern in Solidarität und
dem Schutz derjenigen, die angegriffen werden.“
Solidarität beginnt mit einer einfachen Feststellung:
Angegriffen wurden queere Menschen. Nicht die Nation, nicht das Abendland und
auch nicht irgendeine abstrakte Zivilisation. Wer ihnen beistehen will, muss
weder den Islamismus verschweigen noch Muslime verdächtigen. Er muss nur bereit
sein, mehrere Wahrheiten gleichzeitig auszuhalten – eine Fähigkeit, die in der
deutschen Öffentlichkeit ungefähr so selten geworden ist wie politische
Vernunft.