Der Anschlag auf den CSD und seine politischen Dolmetscher
TL;DR; Die Kolumne zeigt, wie ein islamistischer Anschlag auf den Berliner CSD von verschiedenen politischen Lagern vereinnahmt wird. Der Staat ersetzt mögliche Rechenschaft durch Trauerrhetorik, Rechte machen aus einem Täter eine Anklage gegen Muslime und Migranten, während Teile der Linken den islamistischen Hintergrund aus ihrem Weltbild herausfiltern. Gefordert wird eine Kritik, die Islamismus klar benennt, Rassismus zurückweist und den Opfern keine nachträgliche politische Identität aufzwingt.
Ein
islamistischer Anschlag trifft den Berliner CSD. Noch bevor die Opfer versorgt
sind, beginnt der Wettbewerb um ihre weltanschauliche Verwertung.
Eine
Frau ist tot, 29 Menschen sind verletzt. Nach den zusammengetragenen
Berichten steuerte ein Mann im Tiergarten einen Kleinbus in Menschen und griff
anschließend Passanten mit einer Machete an. Der
Tatverdächtige galt als Islamist, als Sympathisant des „Islamischen
Staates“ und als polizeilicher Gefährder.
Das ist der
Kern. Er ist weder kompliziert noch bequem. Ein mutmaßlicher Islamist griff
Menschen im Umfeld einer queeren Demonstration an. Wer diesen Satz verschweigt,
schützt keine Minderheit, sondern die eigene Begriffsausstattung. Wer aus ihm
eine Anklage gegen Muslime oder Migranten macht, beschreibt nicht den Täter,
sondern sucht Ersatzschuldige.
Politische
Vernunft müsste zwei Gedanken zugleich aushalten: Islamistische Ideologie kann
queerfeindlich und tödlich sein; Muslime tragen dafür keine Kollektivschuld.
Für manche Debatten ist schon diese Gleichzeitigkeit eine Zumutung. Sie
verlangen nach einer Hälfte der Wahrheit, weil die ganze nicht ins Lager passt.
Solidarität
ohne Amnesie
Der
Demonstrationsaufruf „Von
Trauer zu Wut zu Widerstand“ warnt zu Recht vor rassistischer Hetze,
rechter Gewalt gegen CSDs und dem Versuch, Minderheiten gegeneinander
auszuspielen. Dann heißt es: „Egal, welcher Täter am Ende
gefasst wird, die Gewalt gegen uns kommt von rechts“.
Zu diesem
Zeitpunkt war der mutmaßliche Täter bereits identifiziert und bei einem
Polizeieinsatz getötet worden. Trotzdem erklärt der Aufruf seine Ideologie für
nebensächlich. Das Urteil steht fest, bevor die Tatsachen eintreten dürfen.
Der Aufruf
beginnt: „Ein Transporter
rast in die Menschenmenge.“ Das Fahrzeug handelt, der Täter verdunstet.
Später treten Regierung, „Bild & Co.“, Polizei und „Faschisierung“ zur
vertrauten Kulisse zusammen. So wird aus einem konkreten islamistischen
Anschlag eine allgemeine Anklage gegen Gegner, die schon vor der Tat
feststanden. Die rechte Instrumentalisierung wird kritisiert, indem der Aufruf
die Tat für die eigene Kampagne instrumentalisiert. Der Zweck ist ein anderer,
das Verfahren nicht.
Das Dilemma ist
real: Wer Islamismus benennt, muss verhindern, dass Rechte daraus eine
Kollektivschuld von Muslimen und Migranten konstruieren. Wer ernsthaft vor
Rassismus warnt, darf dafür den islamistischen Charakter der Tat nicht
wegmoderieren. Emanzipatorische Kritik muss beides leisten. Sonst überlässt sie
den Rechten die Kritik am Islamismus und den Islamisten die Behauptung, jede
Kritik an ihnen sei Rassismus.
Die Erklärungen
muslimischer
Verbände widerlegen die Vorstellung eines muslimischen Blocks. Die
Formel vom bloßen „Missbrauch“ der Religion sollte dennoch nicht jede Frage
nach religiös begründeter Herrschaft beenden. Islamismus ist nicht der Islam;
er fällt aber auch nicht vom Himmel.
Der Staat
trauert über sich selbst
Der
Bundeskanzler nennt die Tat „abscheulich“, die Familienministerin einen
„Angriff auf die Demokratie“, der Regierende Bürgermeister einen Angriff auf
Berlins Freiheit und Weltoffenheit. Nichts davon ist falsch. Es ist nur die Art
Wahrheit, für die man keine Akte öffnen muss.
Der Verdächtige
war den Behörden nach den vorliegenden Berichten nicht unbekannt. Er
soll als Hochrisikoperson eingestuft, im Gemeinsamen Terrorismusabwehrzentrum
behandelt und zeitweise überwacht worden sein. Die Observation sei
zurückgefahren worden, nachdem sie keine Hinweise auf „aktionsorientiertes
Verhalten“ ergeben habe und Kapazitäten fehlten .
Daraus folgt
nicht, dass die Tat sicher zu verhindern gewesen wäre. Es folgt aber, dass
Vertrauen in die Sicherheitsbehörden keine Antwort, sondern Gegenstand der
Untersuchung ist. Wenn ein Staat erst Risiken berechnet und nach der
Katastrophe seine Gefühle mitteilt, hat die Verwaltung alle Formulare, aber
noch keine Erklärung.
Prompt folgen
Forderungen nach mehr Befugnissen, härteren Strafen und Erwachsenenstrafrecht
für „Gefährder“. Wo die Behörden bereits viel wussten, soll die Lösung noch
mehr Wissen heißen. Wo eine Prognose versagte, soll dieselbe Prognose mehr
Rechtsfolgen auslösen. Der Gefährder bezeichnet keine verurteilte Tat, sondern
eine behördliche Einschätzung. Wer daraus automatisch schärferes Strafrecht
ableitet, lässt die Exekutive schon vor dem Urteil am Strafmaß mitschreiben.
Die Trauerrede
wird so zum Waschgang. Erst erklärt sich der Staat zum Beschützer der Freiheit,
dann fordert er neue Mittel, um sein mögliches Versagen besser auszustatten.
Rechts zählt
Herkunft, links verschwindet Ideologie
Der
Arche-Sprecher Wolfgang Büscher behauptete, „achtzig bis neunzig Prozent“
der jungen Männer, die nach Deutschland gekommen seien, unterstützten radikale
Kräfte. Belege? Keine. Wozu auch: Wer eine Minderheit zum Sicherheitsrisiko
erklären will, braucht keine Statistik, sondern nur eine Zahl, die groß genug
für die Schlagzeile ist.
Büschers
Behauptung leistet, was der Propagandafilm Boys Beware
mit dem Bild des homosexuellen Kinderräubers leistete: Sie verwandelt das
Vorurteil in Vorsorge, die Denunziation in Verantwortungsbewusstsein und eine
Minderheit in eine lauernde Gefahr. Nicht der Beweis soll überzeugen, sondern
der Verdacht haften bleiben.
Besonders
hübsch scheitert die Erzählung an ihrem Gegenstand. Der Tatverdächtige soll in
Berlin geboren und deutscher Staatsbürger gewesen sein. Ausgerechnet dieser
Fall dient als Beweis gegen jene, „die zu uns gekommen sind“. Die
Herkunftserzählung braucht keine passende Herkunft. Ihr genügt ein Name, der
fremd genug klingt, um einen Deutschen nachträglich zum Einwanderer zu
erklären.
Ein Täter steht
für Millionen, eine Biografie für eine Bevölkerung. Der Islamist verschwindet;
übrig bleibt der Migrant als politische Requisite.
Auf der anderen
Seite lässt sich die Ideologie des Täters ebenfalls beseitigen. Die Linke
Neukölln verwies auf rechte und antifeministische Kräfte, ohne den
islamistischen Hintergrund zu benennen. Das könnte analytisch funktionieren,
wenn sie Islamismus ausdrücklich als autoritäre, patriarchale und extrem rechte
Ideologie erklärte. Ohne diese Einordnung bleibt der Etikettentausch: Der Täter
passt nicht ins Schaubild, also wird das Schaubild über ihn gelegt.
Für Marx war
die Deutung der Welt kein Selbstzweck, sondern Voraussetzung ihrer Veränderung.
„Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert; es kommt darauf
an, sie zu verändern“, heißt
es in der elften Feuerbachthese . Die Linke
Neukölln hat daraus offenbar eine zwölfte gemacht: Es kommt nicht darauf
an, die Wirklichkeit zu verändern, sondern sie so lange umzudeuten, bis sie ins
Weltbild passt.
Auch
die Behauptung, Islamismus sei für queere Menschen in Deutschland die
„größte Gefahr“, verlangt mehr als einen schrecklichen Beleg. Für eine
Rangliste bräuchte es vergleichbare Daten zu islamistischer, rechtsextremer,
familiärer, partnerschaftlicher und sonstiger Gewalt – nicht das
Alternativwissen des Ressentiments, das den Verdacht zählt und das Ergebnis
schon vor der Erhebung kennt. Eine reale Gefahr wird nicht kleiner, wenn man
auf den unbelegten Superlativ verzichtet. Sie wird genauer.
Die politische
Sprache kennt zwei Formen der Feigheit. Die eine sagt „Islam“, wenn sie Muslime
meint und Islamisten behauptet. Die andere sagt „rechts“, wenn sie Islamismus
nicht aussprechen möchte. Beide ersparen sich die Unterscheidung, und beide
nennen es Haltung.
Queerfeindlichkeit,
Sexismus, Rassismus und Antisemitismus sind keine auswärtigen Waren. Sie
gehören zum heimischen Bestand. Gerade deshalb ist es unsinnig, den Islamismus
zu ethnisieren oder aus Rücksicht auf das eigene Weltbild zu verschweigen.
Der Berliner
CSD hält trotz Sponsorenwagen, Parteiprominenz und Standortwerbung einen
Anspruch fest, der über die Veranstaltung hinausweist: Menschen sollen keiner
Nation, Religion oder Autorität Rechenschaft darüber schulden, wen sie lieben
und wie sie leben. Darin, ohne höhere Genehmigung Mensch sein zu dürfen, liegt
die Provokation für religiöse Menschenfeinde – ob islamistisch, evangelikal
oder anders firmierend.
Die Opfer
brauchen keine Dolmetscher, die ihnen nachträglich das passende Parteibuch
ausstellen. Sie brauchen Aufklärung darüber, weshalb ein bekannter
Hochrisikogefährder handeln konnte, Schutz vor islamistischer und anderer
queerfeindlicher Gewalt und Schutz vor der rassistischen Rechnung, die aus
einem Täter eine Bevölkerung macht.
Vielleicht
beginnt politische Redlichkeit dort, wo ein Lager einen wahren Satz ausspricht,
den auch der Gegner gebrauchen könnte, ohne ihm deshalb die Schlussfolgerung zu
überlassen. Wer wäre dazu nach diesem Anschlag bereit?