Anschlag auf den CSD Berlin: Der Täter, der für manche Linke keiner sein darf
TL;DR: Ist eine islamistische Tatmotivation belegt, muss sie benannt werden; Muslime kollektiv verantwortlich zu machen, bleibt rassistische Hetze. Wer den islamistischen Charakter der Tat aus lagerpolitischer Rücksichtnahme ausblendet und stattdessen unbelegt „rechte Kräfte“ zu ihren Bodenbereitern erklärt, ersetzt Analyse durch ideologische Selbstbestätigung. Die rechte Ausschlachtung des Anschlags ist ebenso zurückzuweisen wie das Raunen über Wahlen, Geheimdienste und „hybride Kriegsführung“. Aufklärung verlangt konkrete Täter, konkrete Ideologie, konkrete Bedingungen und belegbare politische Nutznießer.
Wer den Islamismus verschweigt wie es teile, der Linken
tun, z.B. Die Linke Neukölln und sich links gebende Einzelpersonen, bekämpft
nicht den Rassismus; wer aus dem Islamisten „die Muslime“ macht, bekämpft nicht
den Islamismus. Beide Seiten benötigen das Opfer nur als Material für ihr
Lagerbild.
Nach der Tat arbeiten die Deutungskombinate. Die einen kennen den Täter
schon, bevor die Polizei ihn kennt: Es war „der
Islam“, mithin der Nachbar, die Kollegin, der Taxifahrer, das Kind mit dem
arabischen Namen. Die anderen kennen ihn noch nach der Ermittlung nicht: Es waren
„rechte Kräfte“, das Patriarchat, womöglich das Wetter vor einer Wahl.
Jeder bekommt den Täter, den er bestellt hat; nur die Opfer bekommen nichts
zurück.
Sofern die vorliegenden Angaben stimmen, war der mutmaßliche
Täter ein als islamistischer Gefährder bekannter Mann, der Menschen im Umfeld
des Berliner CSD angriff. Das ist keine Petitesse, die aus Rücksicht auf eine
Minderheit in den Fußnoten verschwinden dürfte. Islamismus ist keine Herkunft,
keine Hautfarbe, kein Gebet und kein schützenswertes Merkmal. Er ist eine
politische Ideologie: autoritär, patriarchal, homofeindlich und gegen
individuelle Freiheit gerichtet. Wer sie aus Angst vor dem Beifall der Falschen
nicht benennt, überlässt ihre Kritik eben diesen Falschen.
Der Rassist verfährt spiegelverkehrt und endet gleich. Auch
er verweigert die Unterscheidung. Aus einem Islamisten werden „die Muslime“,
aus einer politischen Biographie wird eine Abstammungsgeschichte, aus dem Täter
ein Volksvertreter wider Willen. Islamisten nutzen diese Kollektivierung als
Sprecherpose; Rassisten, weil sie keine Individuen kennen. Beide führen Buch
über Blöcke; beide verachten den Menschen.
Die
Erklärung aus Neukölln weiß von rechten und antifeministischen Kräften,
Queerfeindlichkeit, Polizeigewalt und dem Abbau erkämpfter Rechte. Vieles
davon ist richtig. Nichts davon beweist, dass rechte oder konservative Akteure
den Boden für gerade diesen Anschlag bereiteten. Wer jede Gewalttat in die
fertige Schablone presst, betreibt keine Solidarität, sondern Tatortreinigung
am Begriff. Die Warnung vor rassistischer Verwertung ist nötig. Sie wird
falsch, sobald sie als Radiergummi für den islamistischen Charakter der Tat
dient.
Noch dünner ist die von einem Mitglied der Partei Die Linke
aus Moers gestellte und fast 500 mal gelikte Frage „Warum immer vor wichtigen
Wahlen?“. Sie trägt das Fragezeichen wie ein Alibi. „Wem nützt es?“ ist
nicht die Mutter aller Erkenntnis, sondern häufig die Hebamme des Unsinns. Ein
Ereignis wird nicht von dem verursacht, der später Nutzen daraus zieht. Sonst
hätte die Feuerwehr den Brand gelegt, weil sie danach gebraucht wird. Von
„hybrider Kriegsführung“ zu raunen, ohne Auftraggeber, Geldflüsse oder
operative Spuren zu nennen, ist politisches Tischrücken: Es klopft irgendwo,
also muss ein Geist im Raum sein.
„Progressive arbeiten mit Menschenliebe, Faschisten mit
Hass“ ist Reklame für Menschen, die sich selbst für die Ware halten. Politik
besteht nicht aus guten und bösen Gefühlen. Auch der Staat kann sich in
Regenbogenfarben beleuchten und am nächsten Morgen Überwachungsbefugnisse
erweitern. Eine Partei kann der Opfer gedenken und ihren Tod zur Grenzwerbung
benutzen. Auch ein antifaschistischer Post kann das Geschehen so gründlich
entwirklichen, dass am Ende nur die eigene moralische Unbeflecktheit sichtbar
ist.
Gerade deshalb muss beides zugleich gesagt werden. War die
Tat islamistisch motiviert, ist sie als islamistisch zu bezeichnen: nicht
„kulturell“, nicht „fremd“, nicht „muslimisch“. Daraus folgt kein Verdacht
gegen Muslime. Ein Mensch haftet für seine Handlungen, nicht für eine
zugeschriebene Gemeinschaft. Wer den Anschlag benutzt, um Einwanderer, Araber
oder Muslime insgesamt zu bedrohen, setzt die Entmenschlichung mit anderem
Personal fort. Wer aus Angst vor dieser Rechten den Islamismus leugnet, macht
die Realität zum Kollateralschaden seiner Bündnispolitik.
Zu untersuchen wären die konkreten Verhältnisse: Wie
radikalisierte sich der Täter? Welche Netzwerke, Prediger, Plattformen oder
Gefängnismilieus wirkten? Was wussten Behörden, welche Entscheidungen trafen
Gerichte, welche Maßnahmen waren rechtmäßig, welche wirkungslos? Warum blieb
eine Gefahr trotz Beobachtung bestehen? Welche Versäumnisse sind belegt? Und
wer nutzt die Tat nun wofür: für Abschottung, neue Geheimdienstvollmachten,
parteipolitische Mobilisierung oder die Selbstentlastung einer Szene, die ihren
reaktionären Gegner nicht beim Namen nennen möchte?
Solche Fragen sind mühsamer als ein Sharepic. Sie verlangen
Akten, Chronologien und Widerspruch gegen die eigenen Freunde. Das Lagerdenken
liefert alles frei Haus. Rechts heißt der Täter immer „der Migrant“, links
heißt er notfalls „die Rechte“, und in der Mitte heißt er „Anlass für ein
Maßnahmenpaket“. Alle drei Varianten ersparen die Analyse. Die erste produziert
Rassismus, die zweite Verdrängung, die dritte Befugnisse.
Die Opfer des CSD waren keine Statisten der Weltbilder. Wer
ihrer gedenkt, schuldet Genauigkeit. Genauigkeit bedeutet, islamistische
Feindschaft gegen queeres Leben zu benennen. Sie bedeutet ebenso, der
rassistischen Behauptung zu widersprechen, Muslime seien ein einheitliches
politisches Subjekt. Sie bedeutet, rechte Hetze und staatliche Verwertung nicht
zu übersehen, weil der Täter Islamist war. Und sie bedeutet, keine
Geheimkriegsoperette aufzuführen, solange es dafür keine Belege gibt.
Die Wahrheit verteilt keine Trostpreise. Sie kann zugleich
dem Rechten widersprechen, der kollektiviert, dem Linken, der verdrängt, und
dem Sicherheitsapparat, der aus jedem Versagen eine Bewerbung um mehr Macht
macht. Das ist kein Sowohl-als-auch, sondern in jeder Behauptung ein
Entweder-oder: belegt oder unbelegt, konkret oder mystifiziert, Kritik oder
Propaganda.
Ist der islamistische Charakter belegt, muss er benannt
werden. Der Muslim muss vor der Gleichsetzung mit dem Islamisten geschützt
werden. Das Opfer muss vor denen geschützt werden, die es zum Wahlplakat, zur
Grenzmarke, zum Antirassismus-Siegel oder zum Schattenriss eines imaginären
Geheimkriegs machen. Wer das für widersprüchlich hält, hat nicht zu viele
Widersprüche entdeckt, sondern zu wenige.