Die Quarantäne der anderen
TL;DR: Die geplante US-Quarantänestation in Kenia zeigt, wie globale Gesundheitsvorsorge zur Machtfrage wird: Risiken werden ausgelagert, Verantwortung diplomatisch verpackt, und Kenia soll tragen, was die USA offenbar nicht im eigenen Land haben wollen.
Wie ein Ebola-Zentrum für Amerikaner*innen in Kenia mehr über Macht erzählt als über Medizin
Manche Sätze lesen sich wie Satire, bis man merkt,
dass sie aus Ministerien kommen. „Wir können und werden nicht zulassen,
dass Fälle von Ebola in die USA gelangen“, sagte US-Außenminister Marco Rubio
Ende Mai zum Ebola-Ausbruch in Zentralafrika. Wenig später zeigte sich, was das
heißt. Nicht das Virus sollte ferngehalten werden. Sondern die Infizierten.
Die Vereinigten Staaten planen auf dem kenianischen
Luftwaffenstützpunkt Laikipia bei Nanyuki eine Quarantäne- und Isolierstation
für amerikanische Staatsbürger und US-Mediziner, die in der Demokratischen
Republik Kongo oder in Uganda mit Ebola in Berührung gekommen sein könnten.
Zunächst fünfzig Betten, später womöglich mehr. Amerikanisches Personal.
Amerikanische Patienten. Amerikanische Zuständigkeit.
Nur der Boden darunter gehört Kenia.
Der Fall verdient Beachtung, weil er die wahre Landkarte der
Globalisierung freilegt. Waren, Kapital, Rohstoffe: alles darf reisen. Risiken
dagegen sollen bleiben, wo sie auftauchen. Oder wenigstens irgendwo unterwegs
abgestellt werden. Kenia wird so zum Vorzimmer einer Macht, die ihre Bürger
schützen möchte, ohne sich den Ärger ihrer Heimkehr ins eigene Land
einzuhandeln.
So sagt das natürlich niemand. Offiziell geht es um
Gesundheitsvorsorge. Um Sicherheit. Um Zusammenarbeit. Die Sprache
diplomatischer Erklärungen ähnelt den Etiketten industrieller Lebensmittel: Man
erfährt wenig darüber, was drin ist, aber es soll bekömmlich klingen.
Bemerkenswert ist, dass selbst amerikanische
Gesundheitsbeamte Zweifel anmeldeten. Nach Angaben von CNN kritisierten
Mitarbeiter der CDC den Plan intern erheblich. Einige seien wütend gewesen,
weil er die Rekrutierung für Ebola-Einsätze erschweren könne. Außerdem sei
schwer vorstellbar, dass eine rasch errichtete Einrichtung in Ostafrika den
Standard jener Spezialzentren
erreicht, die in den USA über Jahrzehnte aufgebaut wurden.
Das sagt viel. Die Baumeister der amerikanischen
Seuchenabwehr trauen der eigenen Infrastruktur offenbar mehr zu als einer
Auslagerung nach Kenia. Eine merkwürdige Pointe, wenn dieselbe Auslagerung
anderen als verantwortungsvolle Gesundheitspolitik verkauft werden soll.
Die Rückkehr des freundlichen Kolonialismus
In Kenia entzündete sich der Streit an einer Frage, die
größer ist als Ebola: Wer bestimmt, welches Land welches Risiko tragen soll?
Davji Bhimji Atellah, Generalsekretär der Kenya Medical
Practitioners, Pharmacists and Dentists Union, fragte öffentlich, weshalb die
USA gerade Kenia gewählt hätten, obwohl das Zentrum des Ausbruchs
in der Demokratischen Republik Kongo liege. Die Frage klingt schlicht.
Gerade deshalb trifft sie.
Denn die amerikanische Begründung bewegt sich. Einmal heißt
es, Kenia habe geeignete Kapazitäten. Dann ist von geografischer Nähe die Rede.
Später von Flughäfen
in der Region, die nicht ausreichten. Jede Erklärung kann man einzeln
plausibel finden. Zusammen wirken sie wie nachgereichte Zettel zu einem
Beschluss, der längst feststand.
Die Kritik vieler Kenianer*innen kommt daher nicht bloß aus
Angst vor Ebola. Angst ist kein besonders guter politischer Lehrer.
Entscheidend ist das Wiedererkennen eines Musters. Ein reiches Land erklärt
etwas für notwendig, das es lieber nicht auf eigenem Gebiet erledigt, und
findet dafür einen ärmeren Partner. Danach heißt die Sache gemeinsame
Verantwortung.
In der Debatte fällt häufig das Wort „medizinischer
Kolonialismus“. Man sollte es nicht achtlos benutzen. Kolonialismus war kein
missglückter Vertrag, sondern ein Herrschaftssystem. Doch manche Wörter
bleiben, weil manches von den Verhältnissen bleibt. Die Idee, Risiko
auszuführen und Verantwortung einzuführen, gehört dazu.
Besonders heikel ist die Frage, wer in dieser Einrichtung
überhaupt behandelt würde. Vertreter der kenianischen Regierung erklärten, auch
Kenianer*innen könnten Zugang erhalten. Die US-Regierung vermied
eine entsprechende Zusage. So entstand der Eindruck einer Anlage, die auf
kenianischem Boden steht, aber vor allem amerikanischen Zwecken dient.
Man drehe die Lage nur kurz um. Kenia errichtet auf einem
Militärgelände in Arizona ein Isolierzentrum für eigene Staatsbürger, während
Amerikaner*innen draußen bleiben. Die Begeisterung über so viel internationale
Solidarität hielte sich vermutlich in engen Grenzen.
Die politische Krise verschärfte sich, als der High Court in
Kenia die Eröffnung vorläufig stoppte. Eine Menschenrechtsorganisation hatte
geklagt und auf mögliche Gefahren
für die öffentliche Gesundheit verwiesen.
Man sollte meinen, ein solcher Beschluss werde wenigstens
vorerst beachtet. Doch Berichte über weitere Arbeiten auf dem
Luftwaffenstützpunkt nährten Zweifel. Der BBC vorliegende Satellitenbilder
deuteten auf Bautätigkeit
trotz gerichtlichen Stopps hin. Auch die New York Times berichtete, US-Militärpersonal
sei noch Tage später mit dem Aufbau der Anlage beschäftigt gewesen.
Es gibt Augenblicke, in denen Bürokratie versehentlich die
Wahrheit sagt. Eine Regierung beteuert Respekt vor rechtsstaatlichen Verfahren,
während im Hintergrund weitergebaut wird. Mehr Enthüllung braucht es dann kaum.
Der frühere Oberste Richter Kenias, Willy Mutunga, sprach
von westlicher Heuchelei. Der Westen predige Rechtsstaatlichkeit, behandle
fremde Verfassungen aber gern als verhandelbares Zubehör,
sobald sie den eigenen Interessen im Weg stünden.
Das mag scharf formuliert sein. Es ist nur nicht schwer,
Beispiele dafür zu finden. Universelle Werte enden erstaunlich oft an der
Grenze strategischer Zweckmäßigkeit.
Die Toten der Vorsorge
Am Ende kam der Streit auf die Straße.
In Nanyuki demonstrierten Hunderte gegen das Projekt. Sie
trugen kenianische Flaggen, Plakate und einen symbolischen Sarg mit der
Aufschrift „Ebola“. Die Bilder waren drastisch. Irrational waren sie nicht.
Protest ist oft die Sprache jener, denen man die Entscheidung abgenommen hat.
Die Reaktion der Sicherheitskräfte machte alles schlimmer.
Die Polizei setzte Tränengas ein. Mehrere Menschen wurden
erschossen oder tödlich verletzt. Reuters-Journalisten berichteten von
einem Mann mit einer Schussverletzung am Kopf; andere Berichte sprechen von
mindestens drei Toten
bei den Auseinandersetzungen.
Damit bekommt die Sache ihre bittere Wendung. Eine Anlage,
die dem Schutz von Leben dienen soll, wird zum Anlass einer Krise, in der
Menschen sterben.
Die Demonstranten tragen keine Verantwortung für Ebola. Die
kenianische Bevölkerung auch nicht. Das Virus kommt nicht aus Nairobi und nicht
aus Nanyuki. Dennoch sollen viele nun die Risiken einer Strategie tragen, die
anderswo erdacht wurde.
Darin liegt die politische Sprengkraft des Projekts.
Befürworter der Anlage verweisen zu Recht darauf, dass Ebola
eine ernste Gefahr ist. Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation hat der
aktuelle Ausbruch Hunderte Todesopfer gefordert und sich über
die Grenzen der Demokratischen Republik Kongo hinaus ausgebreitet.
Das darf man nicht verharmlosen.
Doch Gesundheitskrisen bringen regelmäßig eine Versuchung
mit sich: politische Fragen als technische Probleme auszugeben. Sobald ein
Virus im Spiel ist, gilt Kritik schnell als verantwortungslos. Wer
widerspricht, erscheint als hysterisch, irrational oder populistisch.
Hier geht es aber nicht nur um Epidemiologie. Es geht um
Souveränität. Um Offenheit. Um die Bedingungen internationaler Zusammenarbeit.
Und um die Frage, weshalb die mächtigste Nation der Erde offenbar glaubt,
gefährdete Amerikaner*innen seien in Kenia besser aufgehoben als in den
Vereinigten Staaten.
Kenias Präsident William Ruto verteidigte das Projekt mit
dem Hinweis, eine
Ablehnung wäre „unmenschlich“. Das ist ein großes Wort. Nur beginnt
Humanität gewöhnlich dort, wo Risiken gemeinsam getragen werden. Nicht dort, wo
man sie auf der Landkarte verschiebt.
Vielleicht ist Ebola deshalb gar nicht das eigentliche Thema
dieser Debatte. Das Virus wirkt eher wie ein Kontrastmittel. Sichtbar wird eine
Ordnung, die Solidarität gern beschwört und selten gleich verteilt.
Die Vereinigten Staaten sehen in der Anlage eine
Schutzmaßnahme. Viele Kenianer*innen sehen darin eine Zumutung. Beides kann
gleichzeitig wahr sein.
Die offene Frage lautet: Was bleibt von einer Partnerschaft,
wenn die eine Seite Sicherheit auslagert und die andere Misstrauen einführt?