Der ['solid] Klassenkrieg findet ohne Klassen statt

TL;DR: Ein Solid-Neukölln-Sticker zeigt Hello Kitty mit Sturmhaube und AK47 unter der Parole „CLASSWAR“. Der Widerspruch: Wo Klassenkrieg behauptet wird, fehlen Klassen, Produktionsverhältnisse und materielle Interessen. Stattdessen treten Nation, bewaffneter Widerstand und revolutionäre Popästhetik an ihre Stelle. Eine materialistische Linke müsste palästinensische Entrechtung und israelische Politik ebenso analysieren wie Nationalismus, Islamismus, Klassenherrschaft und Antisemitismus – ohne nationale Befreiung kurzerhand zum Klassenkampf zu erklären.

Foto eines Aufklebers mit den Worten „Organize Classwar“ vor den Farben der palästinensischen Flagge. In der Mitte ist eine bewaffnete Comicfigur zu sehen, daneben das Logo von „[’solid] Neukölln“. Darüber steht in weißer Schrift: „Der [’solid] Klassenkrieg findet ohne Klassen statt“.

Eine bewaffnete Hello Kitty, Palästinafarben und das Wort „CLASSWAR“: Ein Berliner Sticker möchte Klassenkampf sein und zeigt doch vor allem Nation, Gewehr und revolutionäres Branding. Interessant wird er dort, wo seine Gewissheiten enden – bei der Frage, wer hier eigentlich gegen wen und wofür kämpft.

Es gehört zu den Vorteilen politischer Aufkleber, dass sie wenig Platz für Ausreden lassen. Wer eine Wand mit „ORGANIZE“ und „CLASSWAR“ versieht, hat jedenfalls nicht vor, für die nächste Sitzung des Kleingartenvereins zu werben. Auf dem Sticker von Solid Neukölln steht zwischen den beiden Parolen eine Hello Kitty mit Sturmhaube und AK47, hinter ihr rote, schwarze und grüne Flächen, daneben der rote Stern. Das Ensemble ist deutlich genug: Palästina, Revolution, bewaffneter Kampf. Und weil Revolution heute offenbar auch einen Markenbotschafter braucht, übernimmt diese Aufgabe eine der erfolgreichsten Niedlichkeitsfiguren der globalen Konsumkultur.

Man könnte das für einen gelungenen Witz halten, wäre nicht ausgerechnet das Wort „CLASSWAR“ darauf gedruckt. Denn Klassenkrieg ist, nimmt man den Marxismus beim Wort, nicht der Name für alles, was irgendwie bewaffnet, unterdrückt und revolutionär aussieht. Klassenkampf bezeichnet einen gesellschaftlichen Konflikt, dessen Parteien gerade nicht durch Fahnenfarben, Herkunft oder nationale Zugehörigkeit bestimmt werden, sondern durch ihre Stellung in den Produktionsverhältnissen. Bei Emile Burns heißt das in orthodoxer Klarheit: Die gesellschaftliche Teilung in Klassen entsteht daraus, dass die einen den Produktionsprozess leisten, während die anderen aufgrund ihrer Verfügung über die Produktionsbedingungen einen Teil des Produkts aneignen. Der politische Sinn einer Klassenanalyse besteht deshalb zunächst in einer Frage, die auf einem Sticker schlecht aussieht: Wer besitzt was?

Auf dem Neuköllner Exemplar besitzt immerhin Hello Kitty ein Gewehr. Über alles Weitere erfährt man wenig.

Palästinensische Lohnabhängige kommen nicht vor, palästinensische Unternehmer ebenso wenig. Israelische Arbeiter fehlen wie israelische Kapitalisten. Produktionsverhältnisse, Eigentum, Lohnarbeit und materielle Interessen haben offenbar keinen Platz mehr gefunden, nachdem AK47, Sturmhaube und revolutionärer Stern untergebracht waren. Der Gegner bleibt sogar vollständig unsichtbar. „CLASSWAR“ wird verkündet, aber die Klassen wurden nicht eingeladen.

Vom Proletariat zum Volk

Das wäre eine bloße ikonographische Ungenauigkeit, wenn der Sticker nicht gerade durch seine marxistische Vokabel einen analytischen Anspruch erhöbe. Marxistische Klassenpolitik beginnt aber nicht damit, jedes unterdrückte Kollektiv nachträglich zum Proletariat zu ernennen. „Palästinenser“ ist ebenso wenig eine Klasse wie „Israelis“. Ein palästinensischer Kapitalbesitzer und ein palästinensischer Lohnarbeiter können gemeinsame nationale Interessen haben, ohne deshalb identische Klasseninteressen zu besitzen. Genau darin liegt die Schwierigkeit nationaler Befreiungsbewegungen: Sie können verschiedene Klassen gegen Fremdherrschaft oder für nationale Selbstbestimmung zusammenschließen, ohne den Gegensatz dieser Klassen aufzuheben.

Auch die marxistische Tradition kennt solche Bündnisse. Burns beschreibt Revolutionen ausdrücklich nicht als Unternehmungen einer gesellschaftlich homogenen Gruppe. Unterschiedliche Schichten können gegen einen gemeinsamen Gegner kämpfen; entscheidend bleibt jedoch, welche Klassenkräfte beteiligt sind, welche Interessen sie verfolgen und welche Klasse die politische Führung übernimmt. Die Klassenanalyse verschwindet also nicht, sobald mehrere gesellschaftliche Gruppen gemeinsam handeln. Im Gegenteil: Dann wird sie erst interessant.

Der Sticker löst das Problem eleganter. Er analysiert das Bündnis nicht, sondern ersetzt die Analyse durch ein Bild. Wo unterschiedliche soziale Interessen untersucht werden müssten, erscheint das national codierte Subjekt; wo politische Ziele auseinandergelegt werden müssten, erscheint das Gewehr; wo das Verhältnis von nationaler Befreiung und sozialer Emanzipation zu bestimmen wäre, steht vorsorglich „CLASSWAR“.

Dabei ist nicht einmal der militärische Ton des Wortes das eigentliche Problem. Mark Steven weist darauf hin, dass „class war“ historisch keineswegs bloß eine besonders laute Übersetzung von Klassenkampf ist. Die Rede vom Klassenkrieg kann den Übergang vom gesellschaftlichen Widerspruch zum offenen Antagonismus markieren; bei Marx und Engels, später bei Luxemburg, Lenin und Mao, erscheint die militärische Sprache im Zusammenhang mit der Zuspitzung gesellschaftlicher Konflikte bis hin zu Revolution und Bürgerkrieg. Gerade deshalb verlangt sie nach einer Antwort auf die Frage, welche Klassen diesen Krieg führen. Sonst bleibt von der historischen Bestimmung nur das Adrenalin übrig.

Das Gewehr auf dem Sticker ist also nicht zu konkret, sondern politisch erstaunlich abstrakt. Es sagt alles über die gewünschte Temperatur und nichts über das gesellschaftliche Verhältnis. Der bewaffnete Kämpfer wird nicht als Angehöriger einer bestimmten politischen Organisation mit bestimmten Zielen, Interessen und einer kritisierbaren Ideologie dargestellt, sondern als „Widerstand“ schlechthin. Und Widerstand, einmal zur moralischen Universalie erhoben, besitzt einen großen Vorteil: Man muss nicht mehr fragen, wer widersteht, welcher Herrschaft er widersteht und welche Herrschaft er selbst errichten möchte.

Eine materialistische Betrachtung könnte dagegen gleichzeitig palästinensische Entrechtung und nationale Unterdrückung, gesellschaftliche Klassenverhältnisse, israelische Politik, Nationalismus, Islamismus und regionale Machtinteressen untersuchen. Gerade eine solche Betrachtung müsste sich weigern, aus der Tatsache der Unterdrückung die politische Unschuld jedes Akteurs abzuleiten, der gegen sie kämpft. Der Unterdrückte ist ein gesellschaftliches Subjekt und keine Heiligenfigur. Ihm diese politische Bestimmbarkeit abzusprechen, ist keine Solidarität, sondern Projektion.

Für einen Teil der deutschen Linken scheint aber gerade die Projektion attraktiv zu sein. Der bewaffnete Befreiungskämpfer irgendwo anders liefert, was im Alltag zwischen Universität, Kulturprojekt und Bezirksverband eher knapp geworden ist: das Bild der Revolution. Die Gewalt anderer kann dabei umso vorbehaltloser romantisiert werden, je weniger man ihre Folgen selbst zu tragen hat. Der nationale Kampf wird zur Projektionsfläche eines revolutionären Begehrens, das sich seinen Gegenstand so zurechtlegt, dass dieser möglichst wenig widerspricht.

Darin liegt die unfreiwillige Genialität der Hello Kitty. Eine Figur der globalen Warenwelt wird mit Sturmhaube und AK47 ausgestattet und soll dadurch gegen eben jene Ordnung gewendet werden, deren Fähigkeit zur Vermarktung noch aus jeder Rebellion ein Motiv für T-Shirts, Sticker und Social-Media-Profile gemacht hat. Man könnte das als Détournement feiern. Man könnte aber auch bemerken, dass die Umkehrung verblüffend vollständig misslingt: Nicht Hello Kitty wird revolutionär, sondern die Revolution wird Hello Kitty.

Das Gewehr verliert Gewicht. Keine Toten, keine Verwundeten, keine Angst, keine Repression, keine zivilen Opfer stören das Bild. Die Waffe wird Accessoire, Militanz wird Design, und bewaffneter Kampf erhält jene konsumierbare Niedlichkeit, die man dem Kapitalismus sonst als Fähigkeit vorwirft, noch seinen Widerspruch als Ware zurückzuverkaufen. Die revolutionäre Pose ist bereit zum Aufkleben. Die Produktionsverhältnisse bleiben derweil unbeschädigt.

Die deutsche Leerstelle

Noch heikler wird die Sache dort, wo die deutsche Sprecherposition ins Spiel kommt. Ein Sticker in Neukölln ist keine unmittelbare Äußerung eines Menschen unter Besatzung oder eines Beteiligten an einem Krieg. Er ist politische Kommunikation in Deutschland. Deshalb darf man ihn auch danach fragen, welche deutsche politische Fantasie er bedient.

Zu dieser Frage gehört der Antisemitismus. Nicht als Zauberwort, mit dem jede Solidarität mit Palästinensern erledigt und jede Kritik an israelischer Politik verboten werden könnte. Sturmhaube, Palästina-Solidarität und Kritik an Israel beweisen für sich genommen keinen Antisemitismus. Auch der Sticker liefert einen solchen Beweis nicht. Wer ihn dennoch einfach zum antisemitischen Geständnis erklärt, erspart sich dieselbe Analyse, deren Fehlen er den anderen vorwirft.

Aber das Gegenteil ist nicht vernünftiger. Eine deutsche Linke kann einen Konflikt, in dem jüdische Geschichte und jüdische Selbstbestimmung eine Rolle spielen, nicht in ein handliches Schema aus Imperialismus und Befreiung übersetzen und anschließend erklären, Antisemitismus sei leider nicht mehr ins Layout gegangen. Gerade wer materialistisch argumentieren will, müsste untersuchen, wann die Kritik konkreter israelischer Herrschaftspolitik in eine Weltanschauung umschlägt, in der Israel nicht mehr als bestimmter Staat mit bestimmter Regierung, Gesellschaft und bestimmten Interessen erscheint, sondern als Chiffre des schlechthin Bösen.

Das Problem liegt also nicht darin, Israel einer Kritik zu unterziehen. Staaten sind keine metaphysischen Wesen und ihre Regierungen keine Gegenstände religiöser Verehrung. Das Problem beginnt dort, wo aus konkreter Kritik eine Totalerklärung wird und die Besonderheit des Gegenstands im Weltbild verschwindet. Ein Denken, das sich selbst materialistisch nennt, müsste gegen solche Abkürzungen besonders misstrauisch sein. Denn Ideologie erkennt man nicht daran, dass sie keine Tatsachen enthält. Man erkennt sie daran, wie sie Tatsachen anordnet, welche Widersprüche sie verschwinden lässt und welche Erklärung plötzlich für alles zuständig sein soll.

Der Sticker ist dafür ein kleines, fast zu hübsches Lehrstück. Er bietet ein fertiges Urteil, bevor die Kategorien geklärt sind. Das nationale Zeichen sagt, wer das revolutionäre Subjekt ist. Das Gewehr sagt, wie revolutionär es ist. „CLASSWAR“ sagt schließlich, wie der Betrachter das Ganze theoretisch einzuordnen hat. Was nicht vorkommt, ist ausgerechnet jener Vorgang, auf den Marxismus einmal einigen Wert legte: die Analyse gesellschaftlicher Verhältnisse.

Das ist umso bemerkenswerter, als Klassenkampf in der marxistischen Theorie gerade kein Kostüm für politische Sympathien ist. Die Zugehörigkeit zu einer Klasse bestimmt sich durch das Verhältnis zu den Produktionsmitteln und die daraus hervorgehenden gegensätzlichen Interessen. Klassenbewusstsein wiederum soll aus der Erkenntnis dieser gemeinsamen materiellen Lage und ihrer politischen Organisation entstehen. Die Pointe des berühmten Internationalismus von Marx und Engels bestand deshalb nicht darin, Nationen für nichtexistent zu erklären, sondern die gemeinsame gesellschaftliche Stellung von Arbeitern über nationale Grenzen hinweg politisch geltend zu machen.

Auf dem Sticker läuft die Bewegung in die Gegenrichtung. Aus einer Kategorie, die nationale Zugehörigkeiten durchkreuzen soll, wird das revolutionäre Gütesiegel eines national codierten Kampfes. Der Internationalismus endet bei der Identifikation mit dem richtigen Volk.

Vielleicht ist das der entscheidende Unterschied zwischen Solidarität und Romantik. Solidarität muss ihren Gegenstand nicht für unschuldig erklären. Sie kann palästinensische Rechte verteidigen, ohne palästinensische politische Kräfte der Kritik zu entziehen; sie kann israelische Regierungspolitik kritisieren, ohne Israel zur metaphysischen Verkörperung des Imperialismus zu machen; sie kann Antisemitismus analysieren, ohne Rassismus gegen Palästinenser zu relativieren; und sie kann nationale Unterdrückung ernst nehmen, ohne Nation mit Klasse zu verwechseln. Erst die Fähigkeit, diese Widersprüche gleichzeitig auszuhalten und begrifflich zu bestimmen, verdiente vielleicht den Namen materialistisch.

Der Sticker möchte es einfacher. Das ist sein gutes Recht; Aufkleber sind selten Habilitationsschriften. Nur sollte man dann nicht ausgerechnet „CLASSWAR“ darauf schreiben und sich wundern, wenn jemand nach den Klassen fragt.

Denn am Ende bleibt von der großen revolutionären Geste eine merkwürdige Verkehrung. Das Wort behauptet Materialismus, das Bild liefert Identifikation. Das Wort verspricht Klassenpolitik, das Bild organisiert nationale Symbolik. Das Wort beschwört gesellschaftliche Revolution, während Hello Kitty dafür sorgt, dass selbst das Sturmgewehr noch niedlich genug für die Popkultur bleibt.

Vielleicht ist das die zeitgemäße Form des Klassenkriegs: Er muss vor allem gut aussehen. Die Klasse kann später dazukommen.

Oder auch nicht.

 

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