Der Skandal, der für das nd keiner sein soll

TL;DR: Özge Yaka deutet die Kritik an Elif Eralp als politisch inszenierten Antisemitismusskandal. Der Gegenkommentar zeigt die Leerstelle dieser These: Wer Wahlkampfinstrumentalisierung kritisiert, widerlegt damit nicht den Gegenstand der Kritik. Der Dahabflex-Song enthält neben Gaza-Solidarität auch positive Bezüge auf PFLP und Leila Khaled sowie „Tod der IDF“ und Molotowcocktail-Rhetorik. Kontext erklärt solche Aussagen – er macht sie nicht automatisch emanzipatorisch.

Screenshot eines Kommentars von nd – Journalismus von links mit der Überschrift „Inquisitorisches Ritual gegen Elif Eralp“. Darunter ist eine Frau mit Mikrofon zu sehen, die während einer Rede gestikuliert. Über dem Screenshot steht in großer weißer Schrift: „Der Skandal, der für das nd keiner sein soll“.

Wer, wie Özge Yaka am 03.09.2026 im nd, Gewaltparolen zum „Kontext“ erklärt, kritisiert nicht die Instrumentalisierung des Antisemitismusvorwurfs, sondern immunisiert die eigene Erzählung gegen den Text, über den gestritten wird.

Der Kommentar „Inquisitorisches Ritual gegen Elif Eralp“ hat eine klare These: Nicht ein problematischer Auftritt der Neuköllner Linken sei der Gegenstand des Streits, sondern ein von Medien und Konkurrenzparteien inszenierter Antisemitismusskandal, der Elif Eralp als linke Kandidatin delegitimieren soll. CDU, SPD, Grüne und Presse erscheinen als Block, der unter dem Vorwand der Antisemitismusbekämpfung Wahlkampf betreibt. Eralp wird zur Angeklagten eines „inquisitorischen Rituals“, in dem kein Bekenntnis gegen Antisemitismus genügen könne.

Daran ist nicht alles falsch. Deutsche Politiker behandeln Antisemitismus gern als Problem anderer, während die eigene Gesellschaft sich moralisch saniert. Doch aus der Instrumentalisierung eines Gegenstands folgt nicht dessen Nichtexistenz. Diesen Unterschied verwischt der Kommentar.

Das Lied, das verschwinden muss

„Aber der ganze ,Vorfall‘ bestand in einem Lied“, heißt es. Das klingt, als hätten empörungswillige Politiker aus einem harmlosen Kulturprodukt eine Staatsaffäre gezimmert. Nur: Entscheidend wäre, was gesungen wurde.

Genannt werden „Yalla, yalla Intifada“ und „Death to the IDF“, um beide in den „Kontext“ des Gaza-Krieges zu stellen. Nicht analysiert werden: „Palästina, Intifada, wie die PFLP“, „Leila-Chaled-Style“, „Tod, Tod für die IDF“ und „Mollis durch die Scheiben knall’n“. Wer diese Passagen auslässt, liefert keine Kontextualisierung, sondern Textpflege.

PFLP und Leila Khaled stehen nicht für eine Friedensinitiative, und „Mollis durch die Scheiben“ bezeichnet keine temperamentvolle parlamentarische Anfrage. Das Lied verbindet Solidarität mit Palästinensern mit der Ästhetik revolutionärer Gewalt. Es beschwört „Volk“, „Blut“, Opferbereitschaft, Intifada, bewaffnete Organisationen und den Tod einer gegnerischen Armee. Man kann das erklären. Aber Erklären ist nicht Entlasten.

Aufschlussreich ist die Konzession, man könne die Zeilen „für inakzeptabel halten – weil man der Ansicht ist, dass Gewalt keine Gegengewalt rechtfertigt. Mag sein.“ So wird der Kritiker zum abstrakten Pazifisten erklärt. Als gäbe es nur Verständnis für die Gewaltsemantik oder weltfremde Äquidistanz. Verschwunden ist die dritte Möglichkeit: Israels Kriegführung scharf zu verurteilen, das Leid in Gaza ernst zu nehmen und trotzdem PFLP-Romantik, Todesparolen und Molotowcocktail-Posen zurückzuweisen.

Auch die Formel vom „Genozid“ soll Israels Handeln benennen und den übrigen Liedtext moralisch unter Kuratel stellen. Wer nach PFLP, Leila Khaled oder „Tod der IDF“ fragt, verweigert dann angeblich den „Kontext“. Doch auch die schwerste Anklage gegen Israel macht eine Gewaltparole nicht zum Friedensangebot.

Das Lied verrät den Widerspruch selbst. Einerseits heißt es: „bald werdet ihr vor Gericht sein“ – eine Forderung nach Recht und Verantwortlichkeit. Daneben steht: „Tod, Tod für die IDF“ – die kollektive Todesformel. Gericht oder Vernichtung, individuelle Schuld oder Kollektivsubjekt: Der Unterschied wird nebensächlich.

Die Inquisition der Gegeninquisition

Damit seine Entlastung funktioniert, braucht der Artikel klare Rollen. Hier die „biodeutschen“ Kandidaten, dort die Tochter von Migranten; hier Establishment und Medien, dort Linke und Minderheiten; hier der Antisemitismusvorwurf als Waffe, dort die Angeklagte als Opfer. Aus Machtasymmetrien wird eine Erkenntnistheorie: Wer etablierter und deutscher ist, hat offenbar den schlechteren Begriff von der Sache.

Der Ausdruck „biodeutsch“ verschiebt die Prüfung des Arguments auf die Abstammung seiner Sprecher. Dass die Mehrheitsgesellschaft ihren Antisemitismus externalisieren kann, ist richtig. Daraus folgt aber nicht, dass linker oder migrantischer Antisemitismus erfunden wäre.

Noch deutlicher wird die Verschiebung im Satz: „Das Einzige, was für sie zählt, ist ein Wahlkampf, in dem Elif Eralp bei Umfragen in Führung liegt.“ Das ist Gedankenlesen. Natürlich können Konkurrenten einen Skandal nutzen. Nur sagt ihr Nutzen nichts darüber aus, ob die Kritik berechtigt ist. Ein wahrer Vorwurf bleibt wahr, wenn ein Gegner von ihm profitiert.

Ähnlich funktioniert der Vergleich mit kurdischen und linken Aktivisten in der Türkei. Aus Distanzierungsforderungen wird ein „Verhör“, aus politischer Kritik eine autoritäre Prüfung. Ein Berliner Parteienstreit ist aber kein staatlicher Repressionsapparat. Wer den Unterschied verwischt, leiht sich die Dramatik realer Verfolgung für die eigene Wahlkampferzählung.

Die Leerstelle bleibt das Vokabular des Liedes. „Ich gehöre zu mein Volk“, „ich opfere mich für sie“, „mein Blut ist palästinensisch“: Das ist die Sprache nationaler Identifikation. Dass sie aus der Position der Unterdrückten gesprochen wird, macht „Blut“ nicht materialistischer und „Volk“ nicht emanzipatorischer. Eine Linke, die Nationalismus nur erkennt, wenn er die falsche Fahne trägt, ersetzt die Kritik der Nation durch eine Auswahl sympathischer Nationen.

Hier scheitert der Kommentar an seinem Anspruch. Er verlangt Kontext und liefert Parteinahme; er beklagt Kollektivzuschreibungen und baut selbst ein Kollektiv aus „politischem Establishment“, „biodeutschen Kandidaten“ und Medien; er warnt vor dem Antisemitismusvorwurf als Waffe und behandelt Einwände gegen militanten Antizionismus fast als Beleg für dessen Missbrauch. Aus Ideologiekritik wird Lagerkunde.

Ja, deutsche Parteien können Antisemitismus instrumentalisieren. Ja, Erinnerungspolitik kann der Selbstentlastung dienen. Und ja, eine migrantische Linke kann nationalistische, autoritäre oder antisemitisch anschlussfähige Vorstellungen reproduzieren. Wer nur den ersten Teil sagt, schützt die eigene Seite vor Kritik.

Das „inquisitorische Ritual“ beginnt auch dort, wo der Liedtext so lange von seinem „Kontext“ gereinigt wird, bis PFLP, Leila Khaled, Todesruf und Molotowcocktail als ungehörige Fragen erscheinen. Eine Linke, die Emanzipation ernst meint, braucht keine Sondermoral für die Gewalt der vermeintlich richtigen Seite. Sie müsste deutschen Dünkel kritisieren, ohne palästinensischen Nationalismus zu verklären; Israels Regierung verurteilen, ohne Kollektive zum Tod zu wünschen; und Antisemitismus bekämpfen, ohne ihn ethnisch zu verteilen. Alles andere ist keine Befreiung vom Ritual, sondern nur der Wechsel des Altars.

 

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