Daniel Bax: Die Linke als Notausgang
TL;DR: Die Linke kann parlamentarisch nötig sein, um eine AfD-Regierung zu verhindern. Daraus folgt aber weder ihre politische Unbedenklichkeit noch, dass Kritik an Antisemitischen Ausfällen aus ihren Reihen gegen sie bloß vorgeschoben ist. Bax verwechselt taktische Nützlichkeit mit politischer Entlastung.
Wer die AfD verhindern will, soll nach Daniel Bax die Linke brauchen. Nur verwechselt er parlamentarische Nützlichkeit mit politischer Wahrheit – und Opportunismus mit Widerlegung.
Daniel Bax hat in seinem Kommentar „Wer die AfD
verhindern will, muss auf die Linke setzen“ in der taz eine gute
Nachricht: Die Republik ist gerettet. Das BSW zerfällt, die AfD droht, die CDU
regiert, und irgendwo sitzt noch die Linke herum und besitzt Stimmen. Mehr
braucht es offenbar nicht, um aus ihr den „Fels in der
Brandung“ zu machen.
In Thüringen stützt sie eine CDU-geführte
Minderheitsregierung, in Sachsen-Anhalt könnte sie dasselbe tun. Daraus folgt
für Bax, dass alle bösen Gerüchte widerlegt seien: Die Linke sei weder
radikalisiert noch ideologisch verhärtet noch kompromissunfähig. Ein
bemerkenswerter Beweis. Eine Partei ist also dann besonders überzeugend links,
wenn sie zuverlässig genug geworden ist, eine CDU-Regierung vor dem
parlamentarischen Zusammenbruch zu bewahren.
Man könnte auch sagen: Die Linke darf endlich beweisen, dass
sie staatstragend ist, indem sie jene Verhältnisse administrativ stabilisiert,
deren Elend die AfD politisch bewirtschaftet. Die gesellschaftlichen
Bedingungen des Rechtsrucks – Konkurrenz, Abstiegsangst, Nationalismus,
rassistische Mobilisierung und eine Politik, die ihre eigenen Zumutungen als
Sachzwang verkauft – interessieren Bax weniger. Ihn beschäftigt die
Sitzordnung. Hauptsache, am Ende reicht es nicht für die AfD.
Das ist als parlamentarische Notwehr nicht einmal falsch.
Wenn Stimmen der Linken eine AfD-Regierung verhindern, soll man sie benutzen.
Nur wird aus einer Notmaßnahme noch keine Gesellschaftskritik und aus einem
Mehrheitsbeschaffer kein „Fels in der
Brandung“.
Vollends bequem wird es, wenn Bax auf Israel und
Antisemitismus zu sprechen kommt. Die Empörung über antisemitische Tendenzen in
der Linken sei „gespielt“,
der Vorwurf „vorgeschoben“.
SPD und Grüne wollten in Berlin bloß keine Enteignungsdebatte und schon gar
keine linke Bürgermeisterin. Möglich. Parteien besitzen Interessen. Diese
aufregende Entdeckung widerlegt nur leider keinen einzigen
Antisemitismusvorwurf.
Dass ein Vorwurf politisch instrumentalisiert wird, beweist
nicht seine Unwahrheit. Dass das BSW gegenüber Israel noch „schrillere Töne“
anschlägt, macht den Ton der Linken nicht richtiger. Wer seinen Ladendiebstahl
damit verteidigt, dass der Nachbar eine Bank ausgeraubt habe, darf mit
Verständnis rechnen, aber nicht mit Freispruch.
Besonders verräterisch wird Bax’ Maßstab beim Neuköllner
Linken-Fest. Die Empörung über den dort aufgetretenen Rapper sei „billig“,
schreibt er, schließlich hätten CDU und SPD kein Problem damit, in Thüringen
mit dem BSW zu koalieren, das gegenüber Israel „wesentlich schrillere Töne“
anschlage.
„Schrillere Töne“: als ließe sich die Sache mit einem
Dezibelmesser entscheiden. Entscheidend wäre doch zunächst, worüber man sich
bei dem Rapper empört: über bloß scharfe Kritik an der israelischen Regierung –
oder über eine Verherrlichung der PFLP, die Heroisierung Leila Khaleds und die
Rechtfertigung politischer Gewalt? Sollten die gegen ihn erhobenen Vorwürfe
zutreffen, wäre Bax’ Vergleich keine Relativierung eines übertriebenen
Skandals, sondern die Verharmlosung seines Gegenstands.
Und selbst wenn Wagenknecht über Israel noch
Unerträglicheres sagt, folgt daraus nichts. Terrorverherrlichung wird nicht
harmloser, weil anderswo jemand schriller redet. Antisemitismus wird nicht
dadurch widerlegt, dass sich ein Vergleichsobjekt finden lässt, das noch
widerwärtiger erscheint. Bax verwandelt eine qualitative Frage in einen
Wettbewerb der Geschmacklosigkeiten – und erklärt den Zweitplatzierten
anschließend für rehabilitiert.
Dass CDU und SPD beim BSW großzügiger wegsehen, wäre ein
Argument gegen CDU und SPD. Bax macht daraus eines für die Linke. So wird aus
der Doppelmoral der anderen die eigene Entlastungsurkunde
Gerade eine Linke müsste Antisemitismus in den eigenen
Reihen genauer untersuchen als ihre Gegner – nicht ungenauer. Bax verfährt
umgekehrt: Er fragt nach den Interessen der Ankläger und hält damit die
Angeklagten bereits für entlastet. Materialismus als Verteidigertrick.
Seine richtige Beobachtung lautet, dass CDU, SPD und Grüne
die Linke aus machtpolitischen Gründen dämonisieren können. Seine falsche
Folgerung lautet, deshalb müsse das Dämonisierte ungefährlich sein. Bürgerliche
Heuchelei und linker Antisemitismus schließen einander nicht aus. In
Deutschland haben Gegensätze gelegentlich die unangenehme Eigenschaft,
gleichzeitig wahr zu sein.
Am Ende verlangt Bax „verbale Abrüstung“.
Das klingt friedlich und kostet nichts. Die Linke soll die CDU retten, SPD und
Grüne sollen freundlicher über die Linke sprechen, und gemeinsam hält man die
AfD von den Ministersesseln fern.
Vielleicht gelingt das sogar.
Nur bleibt die Frage, warum eine Gesellschaft, die sich für
demokratisch, aufgeklärt und aus der Geschichte belehrt hält, überhaupt
regelmäßig Mehrheiten produziert, vor denen anschließend alle Demokraten
gemeinsam gerettet werden müssen.
Darauf gibt Bax keine Antwort.
Er zählt Stimmen.