Die mächtigste Splittergruppe der Welt
TL;DR: Rechte wie Hans-Georg Maaßen und autoritäre "Linke" stehen politisch auf verschiedenen Seiten – und machen doch dieselbe kleine, heterogene Strömung zum übermächtigen Gegner. Die einen sehen in „Antideutschen“ Deutschlandhasser*innen im Mainstream, die anderen Zionist*innen und Verräter*innen an der Linken. Die Inhalte unterscheiden sich, die Methode ähnelt sich: Homogenisierung, Kontaktschuld und Ausschluss. Der Zwerg muss zum Riesen werden, damit er als Feind taugt.
Wie Rechte und autoritäre Linke die „Antideutschen“ zum übermächtigen Feind erklären
Deutschland ist wieder in Gefahr. Nicht durch jene, die Ausländer*innen durch die Straßen jagen, nicht durch Reichsbürger, die Minister entführen möchten, und schon gar nicht durch Deutsche, die Deutschland für eine ausgezeichnete Idee halten. Die Gefahr kommt diesmal von Leuten, die Deutschland nicht mögen.
Hans-Georg Maaßen hat sieentdeckt: die Antideutschen.
Das Kunststück besteht
zunächst darin, eine seit dreißig Jahren zerstrittene Szene, deren Mitglieder
sich zuverlässig darüber verständigen können, dass die jeweils anderen keine
richtigen Antideutschen sind, in eine geschlossene politische Macht zu verwandeln.
Aus einigen Zeitschriften, ehemaligen Szeneläden, Antifa-Gruppen und Autoren
entsteht bei Maaßen eine Art unsichtbares Zentralkomitee der
Deutschlandabschaffung.
Sein Beweis ist von
bestechender Einfachheit: Irgendjemand hat irgendwann etwas Ungeheuerlichesgesagt.
„Bomber Harris – do it
again.“
Damit wäre geklärt, was
Antideutsche denken. Nach derselben Methode ließe sich aus jedem CDU-Parteitag
anhand des dümmsten Zwischenrufs das Grundsatzprogramm rekonstruieren.
Aber Maaßen begnügt sich
nicht mit politischer Kritik. Er kennt auch die Seelen seiner Gegner. Es seienMenschen aus „belasteten Familien“, die deutsche Schuld verarbeiten müssten.
Das ist deutsche
Vergangenheitsbewältigung auf der Höhe ihrer Zeit: Nicht mehr Auschwitz bedarf
einer Erklärung, sondern das auffällige Bedürfnis einiger Nachgeborener, immer
noch davon zu reden.
Wer Deutschland liebt, istnormal. Wer wissen möchte, was an diesem Deutschland historisch so liebenswert
gewesen sein soll, hat vermutlich Familienprobleme.
Besonders hübsch ist MaaßensSorge um die „ethnischen Deutschen“.
Um den Antideutschen
vorwerfen zu können, Menschen kollektiv zu entmenschlichen, muss er die
Menschen zunächst selbst zum ethnischen Kollektiv erklären. Der Antinationale
sagt: Weg mit der Nation. Maaßen hört: Weg mit den Deutschen.
Zwischen Staat und Mensch,
Nation und Individuum, deutscher Staatsangehörigkeit und deutschem Blut bleibt
in dieser Übersetzung nicht viel Platz.
Dann geschieht das Wunder,
ohne das keine ordentliche politische Verschwörung auskommt: Die winzige Sekte
erobert den Mainstream.
Ihre ehemaligen Angehörigen
sitzen angeblich bei Medien, Parteien und unter Rechtsextremismusexperten.
Namen und Beweise stören dabei nur. Die Biographie ersetzt das Argument. Wer
einmal im falschen Milieu publiziert hat, trägt dessen Erbgut fortan in sich.
Man könnte darüber lachen,
wäre die Methode nicht auf der anderen Seite so beliebt.
Der Zwerg, den alle zum
Riesen brauchen
Denn kaum hat Maaßen festgestellt, dass die Antideutschen heimlich Deutschland regieren, meldet sich der autoritäre "Linke" und Antiimperialist*innen und erklärt, dieselben Antideutschen hätten heimlich die Linke übernommen.
Rechts lautet die Anklage:
Deutschlandhasser.
Linksautoritäre Variante: Zionist*innen, Imperialistenfreunde, Antikommunist*innen – kurz „Antideutsche sindkeine Linken!“.
So stehen zwei politische
Lager, die einander sonst gern versichern, nichts miteinander gemein zu haben,
vor demselben Zwerg und streiten darüber, weshalb er ein Riese sei.
Für Maaßen zerstört erDeutschland.
Für Autoritäre Linkezerstört er die Linke.
Erstaunlicherweise bleibt ihm
zwischen diesen beiden Vernichtungswerken noch Zeit, Artikel zu schreiben.
Natürlich sind Antideutsche
keine unschuldigen Opfer missgünstiger Großmächte. Wer „Bomber Harris, do it
again“ für Gesellschaftskritik hält, darf sich über Kritik nicht beklagen. Die
Verwandlung ermordeter Zivilisten in Material für eine Pointe wird nicht
dadurch klüger, dass die Pointe antinational gemeint war. Auch unter
Antideutschen gab und gibt es Dogmatismus, politischen Größenwahn und jene
besondere Freude an der moralischen Totalverurteilung, die bei Sekten jeder
Größe beliebt ist.
Nur folgt daraus nicht, dass ihre Kritiker*innen recht haben.
Das Interessante am
gegenwärtigen Streit ist vielmehr die enorme Produktivität des Feindes.
Maaßen benötigt den
Antideutschen, um aus Kritik an Deutschland Hass auf „ethnische Deutsche“ zu
machen und aus einigen Journalisten ein infiltriertes Meinungssystem.
Der autoritäre Linken und Antiimperialist benötigt denselben Antideutschen, um den Kampf gegen Antisemitismus
als Verrat am Marxismus und Antiimperialismus und Solidarität mit Israel als Ausschlussgrund
aus der Linken behandeln zu können.
Die Inhalte sind verschieden.
Die Technik ähnelt sich.
Man nimmt eine kleine
heterogene Strömung. Man erklärt ihre widerstreitenden Mitglieder zum Block.
Man sucht die hässlichsten Zitate heraus. Man verfolgt ehemalige Angehörige
durch ihre späteren Biographien. Aus Bekanntschaften werden Netzwerke, aus Veröffentlichungsorten
ideologische Hauptquartiere, aus Einfluss wird Herrschaft. Anschließend kann
jeder, der etwas Ähnliches sagt, dem imaginären Apparat zugeschlagen werden.
Kontaktschuld ist schließlich
die bequemste Form der Ideologiekritik: Man braucht keine Argumente mehr zu
widerlegen, sobald man ihre Besitzer erfolgreich katalogisiert hat.
Der Rechte fragt deshalb
nicht mehr, ob die Kritik am deutschen Nationalismus stimmt, sondern wo ihrUrheber früher geschrieben hat.
Der autoritäre Linke fragt
nicht mehr, ob eine Antisemitismuskritik stimmt, sondern ob ihr Urheber Israelverteidigt.
Und beide nennen das Analyse.
Vielleicht liegt darin das
eigentliche Ärgernis der Antideutschen: nicht dass sie Deutschland oder die
Linke beherrschen, sondern dass ihre bloße Existenz zwei politische Milieus
zwingt, Dinge auszusprechen, die sie lieber für selbstverständlich hielten.
Dem einen ist die Nation
heilig.
Dem anderen der
Antiimperialismus.
Und beide reagieren
ausgesprochen ungehalten, wenn jemand fragt, wie viele Menschen eigentlich noch
geopfert werden müssen, damit eine solche Abstraktion ihre Unschuld behält.
Die „Antideutschen“ sindkeine geheime Macht. Sie sind eine kleine, widersprüchliche, teilweise längst
zerfallene politische Strömung, die ebenso kritikwürdige Dummheiten wie
notwendige Fragen hervorgebracht hat.
Dass Rechte und autoritäre
Linke die „Antideutschen“ größer machen müssen, als sie sind, sagt deshalb am
Ende weniger über die Antideutschen als über ihre Feinde.
Für die einen stehen sie
außerhalb der nationalen Gemeinschaft. Für die anderen außerhalb der Linken.
Über das Warum herrscht
erbitterter Streit.
Über das Wohin bemerkenswerte
Einigkeit:
Raus.