Der Antisemitismus war wieder einmal nicht eingeplant
TL;DR: Eine Kritik nicht nur der „Yalla Yalla Intifada“-Rufe bei einer Wahlkampfveranstaltung der Neuköllner Linken, sondern vor allem der anschließenden politischen Rituale: Entsetzen, Distanzierung, angekündigte „Konsequenzen“. Die entscheidende Frage lautet, ob es sich tatsächlich um einen lokalen Ausrutscher handelt – oder ob Teile der Berliner Linken ein grundsätzliches Problem mit der Grenze zwischen Kritik an israelischer Regierungspolitik, Antizionismus und der Verharmlosung politischer Gewalt haben. Zugleich wendet sich der Text gegen pauschale Urteile über die gesamte Partei. Glaubwürdigkeit zeigt sich nicht in Pressemitteilungen, sondern dort, wo klare Grenzen innerparteilich tatsächlich etwas kosten.
Die Berliner Linke erklärt den Neuköllner Antisemitismus
Skandal zum Betriebsunfall. Das Problem ist nur: Wer immer wieder
Betriebsunfälle produziert, sollte irgendwann die Betriebsanleitung lesen.
Es gibt politische Skandale, deren anschließende
Aufarbeitung so zuverlässig abläuft, dass man sie als Theaterstück aufführen
könnte. Erster Akt: Etwas geschieht, das angeblich niemand wollte. Zweiter Akt:
Die Parteispitze ist „entsetzt“. Dritter Akt: Man verlangt „Konsequenzen“.
Vorhang. Bis zur nächsten Vorstellung. Genau
dieses Schauspiel bietet die Berliner Linke nach einer Neuköllner
Wahlkampfkundgebung, auf der der Rapper Dahabflex „Yalla Yalla Intifada“
und „Death to the IDF“ sang. Der Tagesspiegel beschreibt die Parolen als „klare
Gewaltaufrufe gegen den Staat Israel, dessen Einwohner und Mitglieder der
israelischen Streitkräfte“. Darüber lässt sich angesichts des Kontextes kaum
mit semantischer Spitzfindigkeit hinwegturnen.
Interessanter als die Frage, ob hier eine Grenze
überschritten wurde, ist deshalb die politische Frage, weshalb
diese Grenze offenbar erst bemerkt wird, nachdem andere darauf zeigen.
Besucher sangen mit, Menschen tanzten, eine Palästinaflagge wurde geschwenkt. Der
Co-Vorsitzende der Neuköllner Linken, Hermann Nehls, betrat während des
Auftritts sogar die Bühne und machte Fotos. Eine unmittelbare
Distanzierung? Fehlanzeige. Erst am nächsten Tag begann jenes Ritual, mit dem
Parteien gern beweisen, dass sie mit einem Ereignis nichts zu tun haben, das
ohne ihre Veranstaltung gar nicht stattgefunden hätte.
Spontan war vor allem die Überraschung
Nehls
erklärte, der Song habe „nicht zum vorher mit uns abgesprochenen
künstlerischen Programm“ gehört und sei „spontan aufgeführt“ worden. Das ist
eine bemerkenswerte Verteidigung. Denn sie beantwortet eine organisatorische
Frage, wo eine politische gestellt ist. Entscheidend ist nicht, ob der
problematische Titel auf Seite drei des Ablaufplans stand. Entscheidend ist,
warum ein Künstler eingeladen wurde, dessen politische Positionierung offenbar
genügend Anlass geboten hätte, genauer hinzusehen – und warum während des
Auftritts niemand die Notbremse zog.
Auch Spitzenkandidatin Elif Eralp erklärte später: „Ich bin
entsetzt, die Verantwortlichen hätten sofort intervenieren müssen.“ Das stimmt.
Nur beginnt damit die interessante Frage erst. Wer sind eigentlich „die
Verantwortlichen“? Einige überforderte Funktionäre in Neukölln, die zufällig
einen falschen Künstler auf die richtige Bühne ließen? Oder
existiert in Teilen der Partei ein politisches Milieu, in dem radikaler
Antizionismus so lange als legitime Zuspitzung gilt, bis seine Konsequenzen
derart unüberhörbar werden, dass die Landesvorsitzende „stinksauer“ werden
muss?
Der Tagesspiegel konzentriert sich stark auf Neukölln. Das
ist verständlich, denn dort fand die Kundgebung statt. Politisch droht diese
Lokalisierung jedoch zur bequemen Erzählung zu werden: Hier die schwierigen
Neuköllner, dort die vernünftige Landespartei, die nun energisch aufräumt. Das
entlastet alle Beteiligten. Die Kritiker erhalten ihren Skandal, die
Parteiführung ihren Sündenbock und die übrigen Bezirksverbände die angenehme
Gewissheit, dass die ideologischen Abgründe selbstverständlich immer zwei U-Bahn-Stationen
weiter beginnen.
Doch wer glaubt, die Auseinandersetzung lasse sich auf Neukölln begrenzen, macht es sich zu einfach. Auch andernorts in der Berliner Linken existieren Strömungen, in denen die Grenze zwischen legitimer Kritik an israelischer Regierungspolitik, fundamentaler Ablehnung des Zionismus und einer politischen Rhetorik, die jüdische Ängste bemerkenswert gleichgültig behandelt, mindestens umkämpft ist. Das bedeutet nicht, jedem Mitglied der Partei Antisemitismus zu unterstellen. Eine solche Kollektivzuschreibung wäre genau jene intellektuelle Faulheit, die man kritisieren sollte. Es bedeutet aber, politische Milieus nicht dadurch unsichtbar zu machen, dass man jeden neuen Vorfall zum isolierten Missverständnis erklärt.
Das Feigenblatt und seine Gärtner
CDU-Politiker
Stefan Evers formuliert die gegenteilige Totaldiagnose: „Antisemitismus ist
bei der Berliner Linkspartei längst kein Ausrutscher mehr, sondern Teil ihres
politischen Systems. Elif Eralp spielt dabei das Feigenblatt.“ Das ist
wirkungsvoll, aber analytisch bequem. Aus realen Problemen wird eine
Wesensbeschreibung der gesamten Partei. Der politische Gegner muss dann nicht
mehr untersucht, sondern nur noch etikettiert werden. So entsteht das vertraute
Freund-Feind-Theater: hier die demokratisch Geläuterten, dort die strukturell
Verdächtigen.
Nur macht die Übertreibung von Evers die Selbstentlastung
der Linken nicht glaubwürdiger. Im Gegenteil: Gerade wer die pauschale
Verdächtigung einer ganzen Partei zurückweist, muss genauer fragen, welche
Kräfte in ihr welche Sprache normalisieren. Die entscheidende Alternative
lautet nicht „Die Linke ist antisemitisch“ oder „Die Linke hat kein
Antisemitismusproblem“. Parteien sind keine Personen mit einheitlicher Seele.
Sie sind Machtverbände, Milieus und Bündnisse. Interessant ist daher, welches
Verhalten intern belohnt, geduldet, relativiert oder erst dann sanktioniert
wird, wenn öffentlicher Schaden droht.
Hier liegt auch die Leerstelle des üblichen
Distanzierungsrituals. Landeschefin Kerstin Wolter verlangt „Konsequenzen“, Eralp
spricht von einer „Grenzüberschreitung“. Allerdings stellt sich grade bei
Wolter die Frage nach der Glaubwürdigkeit. 2024 brachte die heutige
Landesvorsitzende Die Linke Berlin beim Landesparteitag im Oktober den Änderungsantrag
ÄA 4.3 ein, der beinhaltete „10.Z. 35 Streiche: ‚Wir nehmen keine Bedrohung
jüdischen Lebens in diesem Land oder sonst irgendwo hin. Es gilt, alles zu tun,
„damit Auschwitz nie wieder sei.“‘“. Aber eine Grenze, die erst nach ihrer
Überschreitung sichtbar markiert wird, war politisch offenbar nicht besonders
gut bewacht. Seit Jahren wird in Deutschland darüber gestritten, wann Kritik an israelischer Regierungspolitik in Antisemitismus, Dämonisierung oder die Legitimation politischer
Gewalt kippt. Niemand in einer Berliner Parteiführung kann ernsthaft behaupten,
dieses Minenfeld sei überraschend aufgetaucht.
Hinzu kommt ein historischer Zusammenhang, der ausgerechnet
bei der Parole „Intifada“ nicht zur Fußnote schrumpfen darf. Der Begriff
bezeichnet eben nicht nur abstrakt ein „Abschütteln“. Er ist mit Aufständen
verbunden, in denen Bombenanschläge, Attentate und Tote zum politischen Alltag
gehörten. Wer ihn heute skandiert, darf sich nicht wundern, wenn Juden darin
nicht das poetische Versprechen universeller Emanzipation hören. Sprache
besitzt Geschichte. Nur politische Propaganda tut gern so, als könne man Wörter
nach Bedarf entkernen und anschließend unschuldig wiederbefüllen.
Besonders bitter wird das im Berliner Wahlkampf, dessen
entscheidender Tag unmittelbar vor Jom Kippur liegt. Man muss keine
apokalyptischen Szenarien erfinden, um die Zumutung zu erkennen. Schon die
Vorstellung, dass bei einem Wahlerfolg ausgerechnet jene Parolen auf Berliner
Straßen als vermeintliche Befreiungsrhetorik auftauchen könnten, während
jüdische Berliner sich auf den höchsten Feiertag ihres religiösen Jahres
vorbereiten, zeigt, wie verschieden dieselbe Stadt erlebt werden kann. Für die
einen wäre es revolutionäre Folklore. Für andere eine ziemlich konkrete
Erinnerung daran, dass politische Gewaltfantasien selten bei Metaphern bleiben.
Konsequenzen, dieses rätselhafte Wort
Der eigentliche Lackmustest, um das Wort des SPD-Kandidaten
Steffen Krach aufzugreifen, besteht deshalb nicht in der nächsten
Pressemitteilung. „Konsequenzen“ sind im politischen Betrieb ein wundersames
Substantiv: maximal entschlossen im Klang, vollkommen unbestimmt in der Sache.
Konsequenzen können alles bedeuten – Rücktritt, Ausschluss, Gesprächskreis,
Arbeitsgruppe oder die feste Absicht, beim nächsten Mal noch entschlossener
Konsequenzen anzukündigen.
Wer glaubwürdig sein will, müsste stattdessen erklären, nach
welchen politischen Kriterien Bündnisse, Einladungen und Kandidaturen bewertet
werden. Er müsste offenlegen, wo Kritik an israelischer Regierungspolitik endet und die Romantisierung
von Gewalt beginnt. Und er müsste diese Maßstäbe nicht nur in Neukölln
anwenden, sondern überall dort, wo die Partei um Einfluss, Mandate und
Regierungsämter kämpft – auch in Mitte und anderen Bezirken.
Das wäre unbequemer als die Erzählung vom entgleisten
Rapper. Denn dann ginge es nicht mehr um einen Song, sondern um politische
Kultur. Nicht mehr um die Frage, wer am Samstagabend welches Mikrofon bekam,
sondern darum, welche Vorstellungen von Solidarität, Befreiung und Gewalt in
Teilen einer Partei anschlussfähig geworden sind. Zugleich müssten ihre Gegner
aufhören, aus jedem Skandal die moralische Erledigung sämtlicher Linker
abzuleiten. Beides gehört zusammen: keine pauschale Verurteilung – und keine
lokale Quarantäne eines Problems, das größer sein könnte als Neukölln.
Vielleicht zieht die Berliner Linke tatsächlich jene
„Konsequenzen“, von denen nun gesprochen wird. Vielleicht zeigt sie, dass ihre
roten Linien mehr sind als nachträglich aufgestellte Warnschilder. Skepsis
bleibt dennoch angebracht. Denn eine Partei beweist ihren Schutz jüdischen
Lebens nicht dadurch, dass ihre Führung nach einem Skandal die richtigen Sätze
sagt. Sie beweist ihn dort, wo diese Sätze etwas kosten: Zustimmung, Bündnisse,
Stimmen, innerparteilichen Frieden.
Sollte am Wahlabend irgendwo zwischen Hermannplatz und
Sonnenallee tatsächlich „Yalla Yalla Intifada“ erklingen, wäre deshalb nicht
Baklawa das Problem und auch nicht die Herkunft der Menschen, die sie
verteilen. Das Problem wäre eine politische Kultur, die eine historisch mit
Gewalt aufgeladene Parole zum Festgesang umdeutet und anschließend erstaunt
fragt, weshalb Juden nicht mitfeiern. Wer das verhindern will, braucht keine
weitere Runde ritualisierter Empörung. Er braucht eine Grenze, die schon gilt,
bevor die Kameras laufen.