Spahns Familie verdient Schutz – seine Politik Kritik
TL;DR: Regenbogenfamilien verdienen uneingeschränkten Schutz vor rechter und homophober Hetze. Das macht weder Jens Spahns politische Skandale noch die Ausbeutungsverhältnisse kommerzieller Leihmutterschaft weniger kritikwürdig.
Jens Spahn muss gegen homophobe Hetze verteidigt werden –
und zugleich für seine Maskenpolitik, seine politischen Verbindungen und die
Nutzung kommerzieller Leihmutterschaft kritisiert werden.
Jens Spahn hat eine bemerkenswerte Fähigkeit: Wo andere
Politiker einen Interessenkonflikt haben, besitzt er eine Bekanntschaft. Wo
öffentliche Aufträge fragwürdig vergeben werden, kennt er jemanden, den man
„einschätzen“ kann. Wo Milliardenrisiken entstehen, war die Not groß. Und wo
politische Verantwortung beginnt, endet zuverlässig die strafrechtliche
Zuständigkeit.
Das Verfahren gegen Spahn im Zusammenhang mit den
Maskenkäufen wurde nach den vorliegenden Angaben eingestellt, weil die
Ermittlungsbehörden keine ausreichenden Anhaltspunkte für eine Straftat sahen.
Das ist festzuhalten. Ebenso ist festzuhalten, was daraus nicht folgt: dass die
Beschaffung vernünftig, wirtschaftlich oder politisch verantwortbar gewesen
wäre.
Straflosigkeit ist kein Gütesiegel für Regierungshandeln.
Sie bedeutet lediglich, dass zwischen politischem Versagen und strafbarer
Handlung noch genügend Platz für eine Karriere in der CDU vorhanden ist.
Während der Pandemie wurden unter Spahns Verantwortung
Milliarden Masken beschafft, obwohl der ursprünglich angenommene Bedarf
erheblich niedriger lag. Das Ministerium lockte Lieferanten mit festen Preisen,
schloss innerhalb kurzer Zeit Verträge in Milliardenhöhe und verweigerte später
teilweise die Abnahme oder Bezahlung. Es folgten zahlreiche Gerichtsverfahren
und weitere finanzielle Risiken für den Staat.
Hinzu kamen Geschäfte mit Unternehmen, die durch politische
oder persönliche Kontakte vermittelt worden waren. Der Bundesrechnungshof
kritisierte die Beschaffung als ineffizient und unwirtschaftlich. Ein späteres
Gutachten erhob schwere Vorwürfe gegen die Organisation und
Entscheidungsfindung im Ministerium. Spahn wies persönliche Vorwürfe zurück und
berief sich auf die damalige Notlage.
Die Notlage erklärt vieles. Sie entschuldigt nicht alles.
Milliarden versenkt, Verantwortung vertagt
Die politische Öffentlichkeit behandelte diese Vorgänge mit
jener eigentümlichen Gelassenheit, die immer dann eintritt, wenn sehr große
Summen verschwinden. Bei hundert Euro zu viel Bürgergeld beginnt die moralische
Erziehung des Volkes. Bei Milliardenrisiken infolge ministerieller
Entscheidungen beginnt die differenzierte Betrachtung einer komplexen
Ausnahmesituation.
Man prüfte, relativierte, schwärzte und erklärte die
Katastrophe zum bedauerlichen Ergebnis des Zeitdrucks. Im Zweifel war niemand
verantwortlich, weil alle verantwortlich gewesen sein könnten. Die Maske wurde
zum Symbol der Pandemie und die Verantwortung zur unsichtbaren
Begleiterscheinung.
Dass Spahn politisch für diese Beschaffung einzustehen hat,
hängt nicht davon ab, ob ein Staatsanwalt ihm eine Straftat nachweisen kann.
Minister tragen Verantwortung nicht nur für das, was sie persönlich
unterschreiben, sondern auch für die Strukturen, Entscheidungen und Prioritäten
ihres Hauses. Wer in der Krise mit weitreichenden Vollmachten handelt, kann
sich später nicht damit begnügen, dass die Krise eben unübersichtlich gewesen
sei.
Ähnlich verhält es sich mit anderen Kontroversen seiner
Laufbahn. Immobiliengeschäfte, frühere geschäftliche Verbindungen zum
Gesundheitssektor, private Beteiligungen und die Nähe zu wirtschaftlich
einflussreichen Kreisen werfen Fragen nach Interessenkonflikten und politischer
Kultur auf. Nicht jede Nähe ist Korruption. Nicht jede Bekanntschaft ist
Bestechlichkeit. Aber auch nicht alles, was legal bleibt, ist deshalb politisch
sauber.
Gerade Spahn gehört zu jenen Politikern, die
gesellschaftliche Härte gern als Sachzwang verkaufen. Für Erwerbslose, Arme und
Menschen ohne Vermögen gelten Eigenverantwortung, Sparsamkeit und Zumutbarkeit.
Für Ministerien, Banken und Unternehmen gelten Krise, Komplexität und
bedauerliche Einzelfälle. Unten wird jeder Euro kontrolliert, oben werden
Milliarden als Lernkosten verbucht.
Die Empörung darüber blieb in konservativen Kreisen
überschaubar. Deutlich leidenschaftlicher wurde die öffentliche Erregung, als
es nicht mehr um öffentliche Gelder, sondern um Spahns Familie ging.
Nach den bekannten Fakten wurden Spahn und sein
Ehemann mithilfe einer Leihmutter Eltern. Plötzlich entdeckten Menschen, die
sich sonst kaum für die Arbeitsbedingungen, die Gesundheit oder die
Selbstbestimmung von Frauen interessieren, ihre Sorge um Mutterschaft und
Kindeswohl. In sozialen Netzwerken wurde nicht nur die Praxis der
Leihmutterschaft kritisiert. Angegriffen wurden zwei Männer, weil sie zwei
Männer sind.
Das Kind wurde zum Beweisstück gegen die Regenbogenfamilie
gemacht. Sein Leben wurde zum Material eines Kulturkampfs, der vorgibt, die
Familie zu schützen, indem er zunächst einmal eine konkrete Familie öffentlich
herabsetzt.
Dagegen ist Solidarität notwendig. Nicht zögerlich, nicht
taktisch und nicht mit einem „aber“.
Eine Familie wird nicht dadurch minderwertig, dass sie aus
zwei Vätern, zwei Müttern, einem Elternteil oder anderen verlässlichen
Bezugspersonen besteht. Kinder benötigen Fürsorge, Sicherheit und Menschen, die
dauerhaft Verantwortung übernehmen. Sie brauchen keine politische Kampagne, die
ihnen erklärt, ihre Familie sei ein gesellschaftlicher Irrtum.
Wer Spahn und seinen Mann wegen ihrer Homosexualität
angreift, verteidigt nicht das Kindeswohl. Er benutzt ein Kind, um Homophobie
als Moral auszugeben.
Die Regenbogenfamilie ist nicht das Problem
Aus der notwendigen Verteidigung einer Regenbogenfamilie
folgt jedoch keine Verpflichtung, Leihmutterschaft für fortschrittlich zu
erklären. Der Markt wird nicht emanzipatorisch, nur weil auch homosexuelle
Wohlhabende auf ihm einkaufen können.
Die entscheidende Frage lautet nicht, ob zwei Männer Eltern
sein dürfen. Selbstverständlich dürfen sie das. Die entscheidende Frage lautet,
unter welchen gesellschaftlichen Bedingungen der Körper einer Frau zum Mittel
für die Erfüllung eines fremden Kinderwunsches gemacht wird.
Kommerzielle Leihmutterschaft ist keine abstrakte Begegnung
gleichberechtigter Wünsche. Sie ist eine materielle Beziehung zwischen Menschen
mit höchst unterschiedlichen Möglichkeiten. Auf der einen Seite stehen
Personen, die über genügend Geld verfügen, um ihren Kinderwunsch mithilfe von
Agenturen, Kliniken, Verträgen und Rechtsanwälten zu verwirklichen. Auf der
anderen Seite steht eine Frau, die die gesundheitlichen Belastungen und Risiken
einer Schwangerschaft und Geburt trägt.
Für die Auftraggeber bedeutet das Verfahren die
Verwirklichung eines persönlichen Lebensentwurfs. Für die austragende Frau kann
es Erwerbsarbeit unter ökonomischem Druck bedeuten.
Eine marxistische Kritik setzt deshalb nicht bei der
sexuellen Orientierung der künftigen Eltern an. Sie setzt bei den Produktions-
und Eigentumsverhältnissen an. Schwangerschaft wird zur Dienstleistung, der
Uterus zum zeitweise vermieteten Produktionsmittel und das Kind zum
vereinbarten Resultat eines Vertrags.
Körperliche Bindungen, gesundheitliche Risiken und
emotionale Konflikte erscheinen darin als Bedingungen, die geregelt, versichert
oder finanziell abgegolten werden sollen. Der Markt behandelt alle Beteiligten
formal als freie Vertragspartner. Er verschweigt dabei, dass die Freiheit des
einen häufig auf der wirtschaftlichen Not der anderen beruht.
Dass eine Frau einem solchen Vertrag zustimmt, beendet die
gesellschaftliche Kritik nicht. Auch Beschäftigte stimmen Arbeitsverträgen zu.
Daraus folgt nicht, dass Ausbeutung in der Arbeitswelt unmöglich wäre.
Entscheidend ist, unter welchen Bedingungen eine Zustimmung erfolgt, welche
Alternativen vorhanden sind und wer die Risiken trägt.
Ein wohlhabender Auftraggeber kann auf eine Leihmutterschaft
verzichten. Eine Frau in finanzieller Not kann nicht auf das
angebotene Geld verzichten. Der Vertrag stellt dann nicht Gleichheit her,
sondern organisiert eine bereits bestehende Ungleichheit.
Nicht jede Leihmutter ist völlig rechtlos. Nicht jede
Entscheidung lässt sich auf unmittelbaren Zwang reduzieren. Frauen dürfen nicht
zu willenlosen Opfern erklärt werden. Doch ihre individuelle Handlungsfähigkeit
beseitigt weder das internationale Wohlstandsgefälle noch die ökonomischen
Strukturen der Reproduktionsindustrie.
Eine Kritik, die diese Verhältnisse ausblendet und nur das
Recht zahlungsfähiger Auftraggeber auf Vertragserfüllung kennt, verwechselt
Selbstbestimmung mit Kaufkraft.
Die Doppelmoral liegt daher nicht darin, dass Spahn als
homosexueller Mann Vater werden wollte. Dieser Wunsch ist weder verwerflich
noch erklärungsbedürftig. Sie liegt darin, persönliche Freiheit als private
Errungenschaft in Anspruch zu nehmen, während ihre materiellen Voraussetzungen
unsichtbar bleiben.
Wer genügend Geld besitzt, kann Grenzen überwinden,
biologische Möglichkeiten anderer Menschen vertraglich nutzen und seinen
Kinderwunsch international organisieren. Die Frau, die ihren Körper zur
Verfügung stellt, erhält dafür nicht dieselbe Freiheit. Sie erhält eine
Vergütung.
Spahn steht politisch für eine Ordnung, die diesen
Unterschied gern in zwei individuelle Entscheidungen auflöst. Der Wohlhabende
kauft eine Möglichkeit, die weniger Wohlhabende verkauft eine. Anschließend
erklärt der Liberalismus, beide seien frei gewesen.
Gerade deshalb darf die Kritik an Leihmutterschaft nicht den
Rechten überlassen werden. Rechte kritisieren nicht den Markt, sondern die
Regenbogenfamilie. Sie stören sich nicht in erster Linie daran, dass der Körper
einer Frau zur Ware werden kann. Sie stören sich daran, dass das Ergebnis des
Geschäfts nicht ihrem Familienbild entspricht.
Ihr Problem ist nicht die Ausbeutung, sondern die
Homosexualität.
Das erkennt man auch daran, dass dieselben Kreise bei
schlecht bezahlter Pflegearbeit, prekären Beschäftigungsverhältnissen,
häuslicher Gewalt oder Einschränkungen der reproduktiven Selbstbestimmung
selten eine vergleichbare Leidenschaft für Frauenrechte entwickeln. Die
Leihmutter interessiert sie vor allem als Waffe gegen zwei Väter.
Ebenso falsch wäre es, aus Angst vor rechter Zustimmung jede
Kritik an Leihmutterschaft einzustellen. Emanzipation bedeutet nicht, allen
zahlungsfähigen Menschen denselben Zugang zum Körper anderer zu verschaffen.
Gleichberechtigung auf dem Markt beseitigt nicht die Gewalt des Marktes.
Die notwendige Haltung ist deshalb weder kompliziert noch
widersprüchlich: Solidarität mit Spahn und seinem Mann gegen homophobe Hetze.
Solidarität mit dem Kind gegen seine Verwandlung in ein Argument des
Kulturkampfs. Solidarität mit den Frauen, deren reproduktive Fähigkeiten auf
einem globalen Markt angeboten werden. Und scharfe Kritik an Jens Spahn, wo er
politische Macht ausgeübt, öffentliche Mittel verwaltet und eine Ordnung
vertreten hat, in der sich persönliche Freiheit nach Zahlungsfähigkeit bemisst.
Man kann gegen Homophobie sein, ohne den Markt für
menschliche Körper zu feiern. Man kann die Regenbogenfamilie verteidigen, ohne
Leihmutterschaft zu verklären. Und man kann Jens Spahn gegen seine homophoben
Feinde verteidigen, ohne deshalb sein Freund zu werden.
Solidarität ist schließlich kein Ablasshandel. Und Kritik
keine Familienpolitik.