Ein Platz für alle – nur nicht in den bestehenden Verhältnissen

TL;DR: Die im Juni 2026 neue gegründete jüdisch-arabische Partei „A Place for Us All“ (auf Hebräisch Makom Lekulanu, auf Arabisch Maku Kulanu) erhebt Gleichheit, Frieden und soziale Gerechtigkeit zum gemeinsamen politischen Programm. Gerade deshalb wirkt sie in einer Gesellschaft, die Juden und Araber politisch trennt, wie eine Provokation. Ihr größtes Risiko ist die Sperrklausel von 3,25 Prozent: Scheitert sie daran, könnten Stimmen der Opposition verloren gehen. Ihr größtes Potenzial liegt jedoch darin, junge palästinensische Bürger und arabische Frauen zu mobilisieren, die bisher nicht wählen wollten. Entscheidend ist daher nicht nur, ob die Partei in die Knesset einzieht, sondern ob Gleichheit überhaupt noch als realistische Politik gelten kann.

Screenshot eines Artikels der Jewish Telegraphic Agency mit der englischen Überschrift „Standing Together founders launch Arab-Jewish party, prompting fears of a fractured Israeli left“. Darüber ist die Navigationsleiste der Website mit Kategorien wie „Israel“, „Ideas“, „Global“ und „Politics“ sichtbar.  Im Zentrum befindet sich ein Foto von drei Erwachsenen, die draußen vor einem Gebäude miteinander sprechen: Zwei Personen tragen lilafarbene T-Shirts, eine dritte Person ein dunkles Oberteil. Sie stehen in entspannter Haltung beieinander und wirken im Gespräch vertieft. Im Hintergrund sind eine Hauswand, Fenster und ein Außenbereich zu sehen.  Über das Bild ist ein großer deutscher Blog-Titel gelegt: „Ein Platz für alle – nur nicht in den bestehenden Verhältnissen“. Am unteren Bildrand befinden sich Untertitel in hebräischer und arabischer Schrift.


Die im Juni neue gegründete jüdisch-arabische Partei „A Place for Us All“ verspricht nichts Utopischeres als Gleichheit. Dass dies in Israel bereits als politisches Wagnis gilt, sagt mehr über die Ordnung aus als über ihre Gegner.

Am 4. April wird Alon-Lee Green in Tel Aviv von der Polizei abgeführt, weil er einen Krieg einen sinnlosen Krieg nennt. Das ist kein besonders origineller Satz. In einem Land, das seine politische Vernunft zunehmend an der Zahl der Fronten misst, genügt er dennoch, um als Störung zu gelten. Wenige Wochen später gründet Green gemeinsam mit Rula Daood eine arabisch-jüdische Partei. Ihr Name klingt wie die Aufschrift über einem kommunalen Jugendzentrum: „Ein Platz für uns alle“. Ihr Programm dagegen liest sich unter den herrschenden Umständen wie eine Provokation.

Die Provokation besteht darin, den Satz wörtlich zu nehmen. Juden und Araber sollen nicht nebeneinander organisiert werden, als wären sie zwei Reisegruppen, die denselben Bus nur aus Sicherheitsgründen benutzen. Sie sollen gemeinsam entscheiden, gemeinsam kandidieren und gemeinsam Verantwortung tragen. Nicht ein jüdischer Apparat mit arabischem Schmuck am Revers, nicht eine arabische Liste mit jüdischem Entlastungszeugen, sondern eine Partei, die Parität nicht verspricht, sondern auf ihre Kandidatenliste setzt.

Gleichheit als Provokation

Angeführt wird Makom Lekulanu, wie die Partei auf Hebräisch heißt, von Daood und Green. Hinzu kommen Sally Abed, Ghadir Hani, Itamar Avneri und Yonatan Zeigen: drei jüdische und drei palästinensische Israelis, ebenso viele Frauen wie Männer. Abed formuliert den Bruch mit der politischen Arbeitsteilung knapp: Man habe ihr stets gesagt, die Araber sollten für die arabische Gesellschaft zuständig sein und die Juden für die jüdische. Sie wolle stattdessen „Verantwortung für die gesamte Gesellschaft“ übernehmen.

Was sich wie eine Frage gerechter Besetzung liest, ist in Israel eine Verfassungsfrage ohne Verfassung: Wer gehört zum politischen „Wir“? In den üblichen Umfragen, berichtet Amit Elkayam, werden die Befragten gern in Anhänger der Koalition, Anhänger der Opposition und „die Araber“ geteilt. Zwanzig Prozent der Bevölkerung erscheinen damit nicht als Bürger mit widerstreitenden Interessen, sondern als ethnischer Restposten der Demoskopie. Die Statistik erledigt, was die Politik vorbereitet: Sie zählt Menschen und zählt sie zugleich nicht mit.

„Ein Platz für uns alle“ ist aus Standing Together hervorgegangen, jener 2015 gegründeten jüdisch-arabischen Bewegung, die im vergangenen Jahrzehnt etwas tat, das im politischen Betrieb als naiv gilt: Sie organisierte konkrete Interessen. Ihre Aktivist*innen demonstrierten für einen Waffenstillstand, schützten Hilfslastwagen nach Gaza vor rechten Saboteuren, sammelten Geld für mobile Schutzräume in staatlich vernachlässigten Beduinengemeinden und begleiteten Palästinenser im Westjordanland, um Angriffe von Siedlern zu dokumentieren oder zu verhindern.

Dazu kommen Proteste gegen organisierte Kriminalität in arabischen Städten, gegen Armut, für soziale Rechte und für Klimagerechtigkeit. Das ist keine romantische Schule der Koexistenz, in der beide Seiten einander bei Gebäck ihre Narrative vorlesen. Es ist die nüchterne Einsicht, dass eine Rakete keinen gemeinsamen Staat schafft, ein fehlender Schutzraum aber sehr genau zeigt, wie ungleich der vorhandene Staat seine Bürger schützt.

Die neue Partei bleibt organisatorisch, rechtlich und finanziell von Standing Together getrennt; Green und Daood nehmen für ihre Kandidatur unbezahlten Urlaub. Diese Trennung ist mehr als Vereinsrecht. Sie soll verhindern, dass eine Bewegung mit rund 7.000 zahlenden Mitgliedern zur Vorfeldorganisation einer Liste schrumpft und jeder Protest künftig als Wahlwerbung verrechnet wird. Ob die Scheidung hält, wird sich zeigen. In der Politik werden Verwandtschaftsverhältnisse gern dementiert, bis die Erbschaft verteilt wird.

Das Programm verbindet Diplomatie statt Krieg mit ziviler und nationaler Gleichheit, Maßnahmen gegen Kriminalität, kostenloser Bildung von Geburt an und einem Mindestlohn von 50 Schekel. Hinzu kommen Lebenshaltungskosten, soziale Sicherheit und Klimapolitik. Nichts davon ist neu. Neu ist nur, dass diese Forderungen nicht nach Volkszugehörigkeit sortiert werden sollen. Wo Krankenversicherung, Miete und Mindestlohn noch ethnisch gelesen werden, erscheint Klassenpolitik bereits als Völkerverständigung.

Die Parteigründer beschreiben den gegenwärtigen Kurs mit Begriffen, die im israelischen Mainstream als Zumutung gelten. Green spricht von „Zerstörung, ethnischen Säuberungen im Gazastreifen und im Westjordanland sowie territorialer Expansion“ und wirft der politischen Mitte vor, die Palästinafrage nicht zu lösen, sondern zu verwalten. Man muss diese Diagnose nicht in jedem Wort übernehmen, um den Gegenstand zu erkennen: Eine Opposition, die Netanjahu austauschen, seine Politik gegenüber den Palästinensern aber möglichst geräuschlos fortführen will, bietet Personalwechsel als Staatsräson an.

So wird die kommende Wahl wieder als Referendum über Benjamin Netanjahu beworben. Das ist bequem, weil ein Mann leichter abzuwählen ist als ein Verhältnis. Netanjahu regierte am 7. Oktober 2023, er hält das Land seither im Krieg, und dennoch zeigen die in den Artikeln zitierten Umfragen keine klare Führungsalternative. Die Opposition scheitert nicht nur an ihrem Personal, sondern an einer politischen Geometrie, in der arabische Parteien zwar Mandate liefern dürfen, eine Koalition mit ihnen jedoch vielen jüdischen Parteien als unsittlicher gilt als die Fortsetzung des Status quo.

Der neue Zusammenschluss setzt genau dort an. Green sagt, Netanjahu könne nur abgelöst werden, wenn jüdische und palästinensische Bürger in großer Zahl wählen und demselben politischen Block ihre Stimmen geben. Das klingt arithmetisch, ist aber beinahe ketzerisch. Denn die israelische Opposition behandelt die Stimmen palästinensischer Bürger häufig wie geliehenes Geld: Man benötigt es dringend, möchte sich aber nicht öffentlich dabei sehen lassen, es anzunehmen.

Die Hoffnung muss 3,25 Prozent erreichen

Die Partei verspricht, vor allem jene zu mobilisieren, die dem Wahlbetrieb bereits gekündigt haben. Nach den von ihren Vertretern genannten Umfragen will nur etwa jeder vierte palästinensische Bürger Israeld zwischen 18 und 24 Jahren wählen; bei arabischen Frauen liege die erklärte Wahlabsicht bei rund 40 Prozent. Mit der neuen Liste, behauptet Green, könne sich der Anteil bei den Jungen verdoppeln . Das ist noch kein Wahlergebnis, sondern eine Hoffnung mit Dezimalstellen.

Hoffnung muss in Israel allerdings die Sperrklausel überwinden. 3,25 Prozent braucht eine Partei für den Einzug in die Knesset. Die ersten Erhebungen sahen „A Place for Us All“ bei etwa 2,6 Prozent oder knapp drei Mandaten, also unterhalb der Schwelle. Unter dem Verhältniswahlrecht ist ein politischer Gedanke erst dann existent, wenn genügend Menschen dasselbe Kästchen ankreuzen. Darunter wird er nicht widerlegt, sondern entsorgt.

Die Kritik liegt daher auf der Hand und hat den Vorteil, sich für verantwortlich halten zu dürfen. Eine weitere linke Partei könne Stimmen der Demokraten oder von Hadash abziehen und so ausgerechnet Netanjahu helfen. Die Protestgruppe Kumi Israel warnt vor „politischen Abenteuern“, deren Stimmen am Ende verfallen könnten. Sami Abu Shehadeh von Balad hält die neue Liste zwar für gut gemeint, aber für aussichtslos; rund 150.000 Stimmen seien unerreichbar, vermutlich werde die Partei gar nicht bis zur Wahl durchhalten.

Das Argument ist nicht falsch. Wer unter der Sperrklausel bleibt, verwandelt Überzeugung in Verlustrechnung. Doch der Vorwurf der Spaltung setzt voraus, dass es bereits ein geeintes Lager gibt, das nur durch Eigensinn gefährdet wird. Tatsächlich verhandeln Hadash, Ta’al und Balad selbst über eine neue gemeinsame Liste, während Ra’am eine andere Koalitionsstrategie verfolgt . Die viel beschworene Einheit ähnelt daher einem Familientreffen, zu dem noch niemand zugesagt hat, dessen Sitzordnung aber schon als heilig gilt.

Green hält dagegen, die Partei wolle den „Kuchen“ nicht neu teilen, sondern vergrößern. Zudem schließt er einen gemeinsamen Block mit anderen Parteien nicht aus und verspricht, „verantwortungsvoll“ zu handeln, falls der Einzug gefährdet bleibt . Das ist vernünftig, vielleicht zu vernünftig für eine Gründung, die gerade davon lebt, das Unmögliche nicht vorab dem Wahlarithmetiker zu überlassen. Eine Partei, die nur kandidiert, wenn sie sicher gewinnt, wäre keine Partei, sondern eine Meinungsumfrage mit Geschäftsordnung.

Trotzdem wäre es töricht, aus der neuen Liste schon jene Gegenmacht zu machen, die sie erst werden will. Sechs ausgewogen ausgewählte Kandidaten heben keine gesellschaftliche Trennung auf. Parität auf einem Plakat ersetzt weder Organisation in Betrieben und Vierteln noch Vertrauen in Gemeinden, die jahrzehntelang gelernt haben, dass staatliche Gleichheit meist in Sonntagsreden stattfindet. Auch Standing Together muss beweisen, dass seine internationale Sichtbarkeit sich in lokale Stimmen übersetzen lässt.

Gerade darin liegt der politische Wert des Versuchs. Die Partei zwingt ihre Gegner, nicht nur über Netanjahu, sondern über das „Danach“ zu sprechen. Soll der nächste Premierminister lediglich höflicher erklären, warum Frieden vertagt und Gleichheit sicherheitspolitisch geprüft werden muss? Oder verändert sich die Gesellschaft erst dann, wenn palästinensische Bürger nicht länger als Reserve der Opposition, sondern als Mitautoren des Gemeinwesens auftreten?

Ein Platz ist noch keine Macht

Die prominente Hilfe aus Hollywood liefert dazu eine kleine Fußnote der Gegenwart. Natalie Portman nannte die Partei bei einer Online-Spendenveranstaltung eine der „mutigsten und spannendsten Entwicklungen“ der israelischen Politik und warb für Hoffnung statt Spaltung . Das verschafft Aufmerksamkeit. Offenbar benötigt politische Menschlichkeit, bevor sie international als Nachricht gilt, gelegentlich eine Oscarpreisträgerin als Echtheitszertifikat.

Man sollte Portman daraus keinen Vorwurf machen. Die Absurdität liegt nicht in ihrer Solidarität, sondern in einer Öffentlichkeit, die eine jüdisch-arabische Liste erst bemerkt, wenn Hollywood das Licht richtig setzt. Wo Gleichberechtigung wie ein Nischenprodukt vermarktet werden muss, wird selbst der Universalismus zur Kampagne. Die gute Sache bekommt ein Gesicht, damit niemand länger auf ihren Inhalt schauen muss.

Der Parteiname bleibt deshalb klüger, als seine Sanftheit vermuten lässt. „Ein Platz für uns alle“ ist kein Aufruf, sich zu vertragen. Er ist die Ankündigung eines Verteilungskampfs: um Schutz, politische Macht, Land, Löhne, Bildung und das Recht, nicht als demografisches Problem behandelt zu werden. Eine Ordnung, die ihre Stabilität daraus gewinnt, dass nicht alle denselben Platz haben, hört im Wort „alle“ keine Einladung, sondern eine Drohung.

Vielleicht scheitert die Partei an 3,25 Prozent. Vielleicht fusioniert sie, zieht sich zurück oder wird von jenen gewählt, die bisher zu Hause blieben. Keine dieser Möglichkeiten macht ihre Gründung automatisch historisch. Historisch wäre erst, wenn die gemeinsame Liste nicht als moralische Ausnahme bestaunt, sondern als politischer Normalfall behandelt würde.

Bis dahin stellt Makom Lekulanu eine Frage, die über ihren Wahlerfolg hinausweist: Ist eine Partei zu idealistisch, weil sie gleiche Rechte unter ungleichen Bedingungen verlangt – oder ist eine Gesellschaft, die Gleichheit für unrealistisch hält, längst unfähig geworden, Realität von ihrer eigenen Ideologie zu unterscheiden?

 

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