Der Krieg fährt Diesel
TL;DR: Russlands Krieg erreicht die eigenen Felder: Raffinerieangriffe, Treibstoffquoten und steigende Kosten legen Ernten lahm. Bauern zahlen für Moskaus Kriegswirtschaft – und akut drohen weltweit höhere Weizenpreise und neue Risiken für die Ernährungssicherheit.
Wie Russlands Kriegswirtschaft
Raffinerien, Felder und Bauern derselben Mangelordnung unterwirft – und die
Rechnung bis auf den Weltmarkt reicht.
Russland, das größte Land der
Erde, verfügt über Erdöl, Erdgas, Kohle, Atomwaffen und einen Präsidenten, der
sich bei jeder Gelegenheit vor Landkarten fotografieren lässt. Was Russland
offenbar nicht
in ausreichender Menge besitzt, ist Diesel für den Mähdrescher.
Das Landwirtschaftsministerium
hat vorgeschlagen, die
Treibstoffmengen zu begrenzen, welche die Regionen für ihre Bauern anfordern
dürfen. Eine Obergrenze für den Mangel also. Wo nicht genug
vorhanden ist, wird gerecht verteilt, was fehlt. Das nennt sich Planung, wenn
der Staat es tut, und Misswirtschaft, wenn der Markt daran schuld sein soll.
Der
Krieg, der nach Moskauer Sprachregelung keiner ist, hat damit einen weiteren
Sieg errungen. Nach Wohnungen, Kraftwerken, Brücken, Krankenhäusern und
Menschenleben erobert er nun die russischen Kornfelder. Die Front reicht bis
Krasnodar und Stawropol, ohne dass dort ein ukrainischer Panzer erscheinen
müsste. Es genügt, Raffinerien zu treffen, Handelswege zu stören und den Staat
dazu zu bringen, seine eigenen Bauern zu rationieren.
Der Krieg fährt eben nicht nur
mit Panzern. Er fährt mit Diesel. Und wenn der Diesel fehlt, bleibt nicht
allein der Panzer stehen.
Die Front verläuft durch den
Tank
Ukrainische Drohnen greifen
russische Raffinerien an, weil Raffinerien die Armee versorgen. Dasselbe
Produkt, das einen Schützenpanzer zur Front bringt, bewegt jedoch auch den
Traktor, den Lastwagen und den Mähdrescher. Der Treibstoff unterscheidet nicht
zwischen der Ernte und ihrer Vernichtung. Erst der Staat entscheidet, wer ihn
bekommt.
Dabei besitzt der Staat eine
natürliche Rangordnung. Zuerst kommt der Krieg. Dann kommt Moskau. Dann kommen
die staatsnahen Konzerne. Anschließend kommt lange nichts, und irgendwo hinter
diesem Nichts steht der Bauer mit einem Kanister.
Den Landwirten war versprochen
worden, sie würden bevorzugt versorgt. Die Bevorzugung besteht nun darin, dass man ihnen
amtlich mitteilt, wie viel weniger sie bekommen. Die Knappheit ist so akut,
dass einige regionale Behörden den Landwirten minderwertigen
Heizbrennstoff anbieten, damit ihre Maschinen weiterlaufen können. In
wichtigen Agrarregionen soll der tatsächliche Bedarf weit über den zugeteilten
Quoten liegen. An
manchen Tankstellen wird die Abgabe auf 100 oder 200 Liter beschränkt. Ein
Mähdrescher kann während einer Arbeitsschicht mehr verbrauchen. Der Bauer darf
also wählen, welchen
Teil des Feldes er nicht aberntet.
Die Freiheit des
Privateigentümers besteht bekanntlich darin, über die Produktionsmittel zu
verfügen, die er nicht benutzen kann.
Auf
den Feldern werden aus Stunden Tage und aus Tagen Ernteverluste. Maschinen
stehen. Getreide bleibt liegen. Regen und Reifegrad warten nicht auf
ministerielle Genehmigungen. Eine
Ernte, die im falschen Augenblick eingebracht wird, verwandelt sich nicht
in eine verspätete Ernte, sondern in verdorbenes Getreide.
Besonders hart trifft es die
unabhängigen Betriebe. Die großen, dem Staat und seinen Kreditinstituten
nahestehenden Agrarkonzerne verfügen über Lager, Lieferverträge und
Beziehungen. Der kleine Landwirt verfügt über den Spotmarkt. Dort darf er den
Mangel zum Marktpreis erwerben.
Die Dieselpreise
steigen, die Transportkosten
steigen, die Finanzierungskosten steigen. Nur der Bauer soll sich nicht
anstellen. Verkauft er seine Produkte teurer, gefährdet er die Preisstabilität.
Verkauft er sie billiger, gefährdet er seinen Betrieb. Geht er bankrott,
beweist dies die notwendige Konsolidierung der Landwirtschaft.
Der Krieg fördert auf diese Weise
den Fortschritt. Er ersetzt viele kleine Eigentümer durch wenige große.
In
ihrer Not sollen regionale Behörden den Bauern, wie schon geschrieben, sogar
minderwertige Heizbrennstoffe als Ersatz anbieten. Das ist die russische
Energiewende: vom Dieselmotor zum Ofenöl, vom Acker zur Improvisation.
Wahrscheinlich wird bald ein Minister erklären, die Maschinen liefen damit
nicht schlechter, sondern patriotischer.
Die Regierung hat zugleich den
Export von Benzin und Diesel beschränkt oder verboten, damit mehr Treibstoff im
Land bleibt. Doch ein Exportverbot erzeugt noch keinen zusätzlichen Liter. Es
verhindert lediglich, dass der vorhandene Liter das Land verlässt. Wo
Raffineriekapazitäten ausfallen, die Logistik militärischen Prioritäten folgt
und regionale Lieferketten zerbrechen, kann auch ein Dekret keinen Diesel
destillieren.
Der Staat befiehlt der Knappheit,
aufzuhören. Die Knappheit gehorcht nicht.
Vom leeren Tank zum teuren
Brot
Aus der Treibstoffkrise wird
deshalb eine Lebensmittelkrise.
Jeder Liter, der auf dem Feld fehlt, fehlt später im Getreidesilo. Jeder ausgefallene
Mähdrescher verkleinert das Angebot. Jeder höhere Transportpreis taucht
irgendwann auf dem Kassenzettel auf. Die Inflation beginnt nicht erst im
Supermarkt. Sie beginnt dort, wo ein Traktor mit leerem Tank steht.
Damit bedroht der Krieg auch die
russische Ernährungssicherheit. Ein Land kann gleichzeitig Getreideexporteur
und von steigenden Lebensmittelpreisen geplagt sein. Es kann volle Speicher
besitzen und leere Geldbörsen. Denn Ernährungssicherheit bedeutet nicht, dass
irgendwo Weizen vorhanden ist. Sie bedeutet, dass die Bevölkerung ihn bezahlen
kann.
Auch außerhalb Russlands bleibt
die Krise nicht folgenlos. Russland gehört zu den wichtigsten Weizenexporteuren
der Welt. Fällt ein erheblicher Teil seiner Ernte aus oder kann nicht
rechtzeitig verschifft werden, steigen die Preise besonders in jenen Ländern,
die von Importen aus der Schwarzmeerregion
abhängig sind. Der Krieg trifft dort Menschen, die weder russische Raffinerien
besitzen noch ukrainische Drohnen steuern und deren Regierungen trotzdem
erklären werden, der Brotpreis sei leider alternativlos.
So wird aus einem regionalen
Treibstofflimit ein globales Hungerargument.
Die russische Führung behauptet,
der Krieg verteidige die nationale Souveränität. Tatsächlich zeigt die
Treibstoffkrise, wie wenig souverän eine Gesellschaft ist, deren Landwirtschaft
mit den Resten versorgt wird, die eine Kriegswirtschaft übrig lässt. Die Bauern
sollen das Land ernähren, nachdem das Land den Krieg ernährt hat.
Am Ende wird man die ausgefallene
Ernte dem Wetter zuschreiben, den gestiegenen Preis den Spekulanten, den
Treibstoffmangel den regionalen Behörden und die regionalen Behörden dem
Westen. Nur der Krieg wird an nichts schuld gewesen sein. Denn für den Krieg
gilt in Russland dieselbe Regel wie für den Markt im Westen: Wenn er
funktioniert, war er notwendig. Wenn er scheitert, wurde er sabotiert.
Das Getreide auf den Feldern wird
davon nicht trockener.
Und der Mähdrescher fährt keinen
Meter weiter.