Der Krieg fährt Diesel

TL;DR: Russlands Krieg erreicht die eigenen Felder: Raffinerieangriffe, Treibstoffquoten und steigende Kosten legen Ernten lahm. Bauern zahlen für Moskaus Kriegswirtschaft – und akut drohen weltweit höhere Weizenpreise und neue Risiken für die Ernährungssicherheit.

Screenshot eines Artikels der Moscow Times mit der englischen Schlagzeile: „Agriculture Minister Admits to ‘Rough Patches’ as Fuel Shortages Squeeze Some Farmers“. Darunter steht das Datum „July 17, 2026“ sowie eine Navigationsleiste mit Rubriken wie „News“, „Ukraine War“ und „Business“.  Über dem Beitragsbild ist ein deutscher Blog-Titel eingeblendet: „Der Krieg fährt Diesel“.  Das Bild zeigt einen Mähdrescher, der auf einem großen, goldgelben Getreidefeld arbeitet. Hinter der Maschine steigt eine breite Staubwolke auf, die den Hintergrund teilweise verdeckt. Am Horizont ist ein dunkler Waldstreifen zu erkennen. Die Szene vermittelt Landwirtschaft unter schwierigen Bedingungen.


Wie Russlands Kriegswirtschaft Raffinerien, Felder und Bauern derselben Mangelordnung unterwirft – und die Rechnung bis auf den Weltmarkt reicht.

Russland, das größte Land der Erde, verfügt über Erdöl, Erdgas, Kohle, Atomwaffen und einen Präsidenten, der sich bei jeder Gelegenheit vor Landkarten fotografieren lässt. Was Russland offenbar nicht in ausreichender Menge besitzt, ist Diesel für den Mähdrescher.

Das Landwirtschaftsministerium hat vorgeschlagen, die Treibstoffmengen zu begrenzen, welche die Regionen für ihre Bauern anfordern dürfen. Eine Obergrenze für den Mangel also. Wo nicht genug vorhanden ist, wird gerecht verteilt, was fehlt. Das nennt sich Planung, wenn der Staat es tut, und Misswirtschaft, wenn der Markt daran schuld sein soll.

Der Krieg, der nach Moskauer Sprachregelung keiner ist, hat damit einen weiteren Sieg errungen. Nach Wohnungen, Kraftwerken, Brücken, Krankenhäusern und Menschenleben erobert er nun die russischen Kornfelder. Die Front reicht bis Krasnodar und Stawropol, ohne dass dort ein ukrainischer Panzer erscheinen müsste. Es genügt, Raffinerien zu treffen, Handelswege zu stören und den Staat dazu zu bringen, seine eigenen Bauern zu rationieren.

Der Krieg fährt eben nicht nur mit Panzern. Er fährt mit Diesel. Und wenn der Diesel fehlt, bleibt nicht allein der Panzer stehen.

Die Front verläuft durch den Tank

Ukrainische Drohnen greifen russische Raffinerien an, weil Raffinerien die Armee versorgen. Dasselbe Produkt, das einen Schützenpanzer zur Front bringt, bewegt jedoch auch den Traktor, den Lastwagen und den Mähdrescher. Der Treibstoff unterscheidet nicht zwischen der Ernte und ihrer Vernichtung. Erst der Staat entscheidet, wer ihn bekommt.

Dabei besitzt der Staat eine natürliche Rangordnung. Zuerst kommt der Krieg. Dann kommt Moskau. Dann kommen die staatsnahen Konzerne. Anschließend kommt lange nichts, und irgendwo hinter diesem Nichts steht der Bauer mit einem Kanister.

Den Landwirten war versprochen worden, sie würden bevorzugt versorgt. Die Bevorzugung besteht nun darin, dass man ihnen amtlich mitteilt, wie viel weniger sie bekommen. Die Knappheit ist so akut, dass einige regionale Behörden den Landwirten minderwertigen Heizbrennstoff anbieten, damit ihre Maschinen weiterlaufen können. In wichtigen Agrarregionen soll der tatsächliche Bedarf weit über den zugeteilten Quoten liegen. An manchen Tankstellen wird die Abgabe auf 100 oder 200 Liter beschränkt. Ein Mähdrescher kann während einer Arbeitsschicht mehr verbrauchen. Der Bauer darf also wählen, welchen Teil des Feldes er nicht aberntet.

Die Freiheit des Privateigentümers besteht bekanntlich darin, über die Produktionsmittel zu verfügen, die er nicht benutzen kann.

Auf den Feldern werden aus Stunden Tage und aus Tagen Ernteverluste. Maschinen stehen. Getreide bleibt liegen. Regen und Reifegrad warten nicht auf ministerielle Genehmigungen. Eine Ernte, die im falschen Augenblick eingebracht wird, verwandelt sich nicht in eine verspätete Ernte, sondern in verdorbenes Getreide.

Besonders hart trifft es die unabhängigen Betriebe. Die großen, dem Staat und seinen Kreditinstituten nahestehenden Agrarkonzerne verfügen über Lager, Lieferverträge und Beziehungen. Der kleine Landwirt verfügt über den Spotmarkt. Dort darf er den Mangel zum Marktpreis erwerben.

Die Dieselpreise steigen, die Transportkosten steigen, die Finanzierungskosten steigen. Nur der Bauer soll sich nicht anstellen. Verkauft er seine Produkte teurer, gefährdet er die Preisstabilität. Verkauft er sie billiger, gefährdet er seinen Betrieb. Geht er bankrott, beweist dies die notwendige Konsolidierung der Landwirtschaft.

Der Krieg fördert auf diese Weise den Fortschritt. Er ersetzt viele kleine Eigentümer durch wenige große.

In ihrer Not sollen regionale Behörden den Bauern, wie schon geschrieben, sogar minderwertige Heizbrennstoffe als Ersatz anbieten. Das ist die russische Energiewende: vom Dieselmotor zum Ofenöl, vom Acker zur Improvisation. Wahrscheinlich wird bald ein Minister erklären, die Maschinen liefen damit nicht schlechter, sondern patriotischer.

Die Regierung hat zugleich den Export von Benzin und Diesel beschränkt oder verboten, damit mehr Treibstoff im Land bleibt. Doch ein Exportverbot erzeugt noch keinen zusätzlichen Liter. Es verhindert lediglich, dass der vorhandene Liter das Land verlässt. Wo Raffineriekapazitäten ausfallen, die Logistik militärischen Prioritäten folgt und regionale Lieferketten zerbrechen, kann auch ein Dekret keinen Diesel destillieren.

Der Staat befiehlt der Knappheit, aufzuhören. Die Knappheit gehorcht nicht.

Vom leeren Tank zum teuren Brot

Aus der Treibstoffkrise wird deshalb eine Lebensmittelkrise. Jeder Liter, der auf dem Feld fehlt, fehlt später im Getreidesilo. Jeder ausgefallene Mähdrescher verkleinert das Angebot. Jeder höhere Transportpreis taucht irgendwann auf dem Kassenzettel auf. Die Inflation beginnt nicht erst im Supermarkt. Sie beginnt dort, wo ein Traktor mit leerem Tank steht.

Damit bedroht der Krieg auch die russische Ernährungssicherheit. Ein Land kann gleichzeitig Getreideexporteur und von steigenden Lebensmittelpreisen geplagt sein. Es kann volle Speicher besitzen und leere Geldbörsen. Denn Ernährungssicherheit bedeutet nicht, dass irgendwo Weizen vorhanden ist. Sie bedeutet, dass die Bevölkerung ihn bezahlen kann.

Auch außerhalb Russlands bleibt die Krise nicht folgenlos. Russland gehört zu den wichtigsten Weizenexporteuren der Welt. Fällt ein erheblicher Teil seiner Ernte aus oder kann nicht rechtzeitig verschifft werden, steigen die Preise besonders in jenen Ländern, die von Importen aus der Schwarzmeerregion abhängig sind. Der Krieg trifft dort Menschen, die weder russische Raffinerien besitzen noch ukrainische Drohnen steuern und deren Regierungen trotzdem erklären werden, der Brotpreis sei leider alternativlos.

So wird aus einem regionalen Treibstofflimit ein globales Hungerargument.

Die russische Führung behauptet, der Krieg verteidige die nationale Souveränität. Tatsächlich zeigt die Treibstoffkrise, wie wenig souverän eine Gesellschaft ist, deren Landwirtschaft mit den Resten versorgt wird, die eine Kriegswirtschaft übrig lässt. Die Bauern sollen das Land ernähren, nachdem das Land den Krieg ernährt hat.

Am Ende wird man die ausgefallene Ernte dem Wetter zuschreiben, den gestiegenen Preis den Spekulanten, den Treibstoffmangel den regionalen Behörden und die regionalen Behörden dem Westen. Nur der Krieg wird an nichts schuld gewesen sein. Denn für den Krieg gilt in Russland dieselbe Regel wie für den Markt im Westen: Wenn er funktioniert, war er notwendig. Wenn er scheitert, wurde er sabotiert.

Das Getreide auf den Feldern wird davon nicht trockener.

Und der Mähdrescher fährt keinen Meter weiter.

 

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