„Leistungsträger“ gegen „Arbeitsunwillige“ – die bequeme Moral der Bayernpartei
TL;DR: Die Bayernpartei beklagt, dass Menschen hart arbeiten und trotzdem zu wenig haben. Doch statt zu fragen, warum Arbeit so wenig einbringt, richtet sie den Blick auf Bürgergeldempfänger. So wird aus einem Verteilungsproblem ein moralischer Gegensatz zwischen „Fleißigen“ und „Arbeitsunwilligen“ – und aus der Kritik gesellschaftlicher Ungleichheit das Ressentiment gegen diejenigen, die noch weniger haben.
Die Bayernpartei entdeckt den ausgebeuteten Arbeiter – und erklärt ihm vorsichtshalber den Arbeitslosen zum Problem.
Die Bayernpartei sorgt sich um den arbeitenden Menschen. Das
ist rührend, denn ihrer eigenen Beschreibung nach geht es ihm miserabel. Er
steht „tagtäglich auf“, „schuftet“, zahlt Steuern, bekommt zu wenig heraus und
muss fürchten, dass selbst lebenslange Arbeit keine auskömmliche Rente
garantiert. Man könnte angesichts dieser Diagnose auf den Gedanken kommen, mit
der Arbeitsgesellschaft stimme etwas nicht.
Die Bayernpartei kommt auf einen anderen: Irgendwo arbeitet
einer nicht.
Damit ist der Schuldige gefunden und das Problem gelöst,
jedenfalls ideologisch. Nicht erklärungsbedürftig ist, warum der Beschäftigte
trotz Arbeit zu wenig hat. Erklärungsbedürftig ist, warum ein anderer trotz
Nichtarbeit überhaupt etwas hat. Der Skandal besteht nicht im Schuften, sondern
darin, dass jemand davon verschont bleibt.
„Leistung muss sich wieder lohnen!“, heißt die Parole. Sie
klingt wie eine Forderung an diejenigen, die über Löhne und Arbeitsbedingungen
verfügen. Gemeint ist aber vor allem eine Drohung an diejenigen, die keinen
Lohn beziehen. Denn wenn der Abstand zwischen Arbeit und Bürgergeld zu klein
ist, gäbe es zwei Möglichkeiten, ihn zu vergrößern: oben mehr oder unten
weniger. Politisch interessant wird merkwürdigerweise fast immer die zweite.
Schuften ist gut. Nur der Nachbar darf nicht liegen
So verwandelt sich eine durchaus vernünftige Erfahrung – ich
arbeite hart und kann mir trotzdem wenig leisten – in eine bemerkenswerte
Gerechtigkeitslehre: Dann soll der, der nicht arbeitet, gefälligst noch weniger
haben.
Das ist Sozialkritik als Treppenwitz. Wer auf einer
niedrigen Stufe steht, soll nicht fragen, wer die Treppe gebaut hat, sondern
empört auf den Menschen eine Stufe darunter treten.
Dafür liefert der Beitrag gleich die passenden moralischen
Kostüme. Hier „die Fleißigen“, dort die „Arbeitsunwilligen“. Hier
„Leistungsträger“, dort Nichtarbeitende. Aus gesellschaftlichen Positionen
werden Charaktereigenschaften. Der eine hat wenig, weil er anständig ist und
arbeitet; der andere erhält wenig, aber offenbar immer noch verdächtig viel,
weil es ihm an „Eigenverantwortung“ mangelt.
Dass Arbeitslosigkeit mit Krankheit, Qualifikation,
Konjunktur, Betreuungspflichten, Alter oder schlicht damit zu tun haben kann,
dass Unternehmen Arbeitskräfte nach ihrem Bedarf einstellen und nicht nach dem
Bedürfnis des Einzelnen, seinen Fleiß unter Beweis zu stellen, stört diese
kleine Moralfabel nur.
Natürlich gibt es Menschen, die eine Arbeit ablehnen. Es
gibt auch Arbeitnehmer, die während der Arbeitszeit im Internet surfen,
Unternehmer mit Fehlentscheidungen und Erben, deren Beitrag zur Wertschöpfung
in der Wahl ihrer Eltern bestand. Nur käme niemand auf die Idee, aus ihnen eine
Theorie der Gesellschaft zu bauen.
Beim Bürgergeldempfänger geschieht genau das. Aus möglichem
individuellem Verhalten wird ein Sozialtypus: der „Arbeitsunwillige“. Man
braucht ihn, weil ohne ihn eine unangenehme Frage übrig bliebe: Warum reicht
der Lohn des Fleißigen eigentlich nicht?
Klassenkampf mit Blick nach unten
„Aus dem Sozialstaat ist ein aufgeblähter Sozialhilfestaat
geworden“, heißt es. Das hübsche Bild suggeriert, irgendwo werde hemmungslos
verteilt. Wer die Rechnung bezahlt, steht ebenfalls fest: der „Steuerzahler“.
So wird ausgerechnet der Sozialstaat dem Lohnabhängigen als
feindliche Macht präsentiert. Dabei versichert er Risiken, die gerade aus
dessen Abhängigkeit von Erwerbsarbeit entstehen. Wer seine Arbeitskraft
verkaufen muss, braucht Einkommen auch dann, wenn sie vorübergehend niemand
kaufen will, wenn er krank wird oder im Alter nicht mehr kann. Der Sozialstaat
beseitigt diese Abhängigkeit nicht. Er macht sie erträglicher.
Die Kunst besteht nun darin, dem Beschäftigten diese
Absicherung als Luxus eines anderen vorzuführen.
Dafür muss aus dem „Steuerzahler“ eine eigene
gesellschaftliche Spezies werden. Als ob Bürgergeldempfänger keine
Verbrauchsteuern zahlten, Arbeitnehmer niemals Transfers bezögen und der
heutige „Leistungsträger“ morgen nicht krank, arbeitslos oder pflegebedürftig
werden könnte. Die wirklichen Lebensläufe sind für die Erzählung unbrauchbar.
Sie braucht zwei Lager, sauber getrennt wie auf einem Wahlplakat.
Noch praktischer ist das Wort „Leistung“. Es verrät nie, was
es eigentlich misst. Anstrengung kann es kaum sein. Sonst müssten Pflegekräfte,
Bauarbeiter, Reinigungskräfte und Paketboten regelmäßig die
Einkommensstatistiken anführen. Gesellschaftlicher Nutzen kann ebenfalls nicht
gemeint sein; dafür werden manche höchst nützlichen Tätigkeiten auffallend
schlecht bezahlt.
„Leistung“ bezeichnet daher vor allem das wunderbare
Verfahren, den wirtschaftlichen Erfolg nachträglich zum persönlichen Verdienst
zu erklären. Wer viel bekommt, muss viel geleistet haben. Wer wenig bekommt,
soll mehr leisten. Und wer gar keinen Marktpreis erzielt, wird zum Problemfall
der „Eigenverantwortung“.
Damit erhält die Konkurrenzgesellschaft ihre passende Moral.
Auch die Formel „auf Kosten der Steuerzahler“ hilft beim
Aufräumen. Sie tut so, als sei staatliche Umverteilung vor allem ein
Geldtransport aus den Taschen fleißiger Beschäftigter in die Kühlschränke
Müßiger. Staatliche Wirtschaftsförderung, Eigentumsschutz,
Unternehmenssubventionen oder die öffentliche Infrastruktur, ohne die private
Gewinne kaum entstehen könnten, haben in dieser moralischen Buchhaltung keine
vergleichbare Anschaulichkeit. Der Bürgergeldbescheid lässt sich eben leichter
zum Feind erklären als eine Eigentumsordnung.
Und weil das Ressentiment noch etwas Heimatfarbe verträgt,
kommen „Berliner Klientel- und Genderdebatten“ hinzu. Berlin steht für
Ideologie, Bayern für „Vernunft“. Dass die eigene Einteilung der Bevölkerung in
Fleißige und Arbeitsunwillige vielleicht ebenfalls eine Ideologie sein könnte,
ist in diesem Weltbild ungefähr so wahrscheinlich wie eine Berliner Currywurst
auf dem Oktoberfest.
Die Pointe liegt aber tiefer. Der Beitrag bestreitet die Not
des Arbeitenden gar nicht. Er benötigt sie.
Der „Leistungsträger“ muss erschöpft sein, sonst
funktioniert der Vergleich nicht. Er muss früh aufstehen, schuften, verzichten
und sich um die Rente sorgen. All das wird nicht als vermeidbare Zumutung
behandelt, sondern als moralischer Adelstitel. Seine Plackerei beweist seine
Würde. Deshalb wäre es beinahe gefährlich, sie abzuschaffen: Woran sollte man
den Fleißigen dann noch erkennen?
So entsteht eine eigentümliche Solidarität mit dem Arbeiter.
Man verspricht ihm nicht, dass er weniger schuften muss. Man verspricht ihm,
dass der andere für sein Nichtschuften schlechter davonkommt.
Der gesellschaftliche Reichtum bleibt dabei diskret
außerhalb der Debatte. Nicht gefragt wird, wer ihn produziert, wem Unternehmen,
Immobilien und Kapital gehören oder wer darüber entscheidet, welcher Anteil des
Produzierten als Lohn zurückkommt. Die Verteilungsfrage endet genau dort, wo
Eigentumsfragen beginnen.
Der erschöpfte Arbeiter soll deshalb nach unten sehen. Dort
liegt sein politisch maßgeschneiderter Gegner: der Mensch im Liegestuhl.
Solange er auf den zeigt, funktioniert die ganze
Veranstaltung. Aus zu niedrigem Lohn wird zu hohes Bürgergeld. Aus unsicherer
Rente wird mangelnde „Eigenverantwortung“ anderer. Aus gesellschaftlicher
Ungleichheit wird ein Charaktertest zwischen Fleiß und Faulheit.
Der „Faulenzer“ ist deshalb für diese Politik unverzichtbar.
Nicht weil er die Lage des Arbeiters verursacht, sondern weil er verhindert,
dass nach deren Ursachen gefragt wird.
Am Ende darf der Fleißige weiter schuften – nur mit dem
beruhigenden Wissen, dass es dem Menschen unter ihm künftig schlechter geht.
„Leistung muss sich lohnen“ bekommt damit einen sehr präzisen Sinn: Nicht das
gute Leben ist der Lohn der Arbeit. Der Lohn ist, dass ein anderer ein
schlechteres hat.