Der Lackmustest der Gesinnung
TL;DR: Die Kolumne kritisiert den Versuch, Palästina oder Israel zum moralischen Lackmustest linker Politik zu machen. Weder deutsche Staatsräson noch Antizionismus dürfen der Kritik entzogen werden. Solidarität mit Palästinensern verlangt keine Verklärung Palästinas zum revolutionären Kollektivsubjekt; jüdische Selbstbehauptung rechtfertigt nicht jede israelische Regierungspolitik. Der eigentliche Verrat linker Politik beginnt dort, wo Bekenntnis die Kritik ersetzt.
Wenn Palästina zum Prüfstein jeder linken Politik und Israel zur Prüfung deutscher Moral wird, ist das Ergebnis vor allem eines: viel Gewissheit und wenig Kritik. Der Streit in der Partei DIE Linke zeigt, wie schnell aus Gesellschaftsanalyse ein Bekenntnisritual werden kann.
Die deutsche Linke hat ein neues Verfahren zur
Wahrheitsfindung entdeckt: den Lackmustest der Gesinnung. Man prüft nicht mehr,
ob eine politische Behauptung stimmt, sondern ob derjenige, der sie äußert, auf
der richtigen Seite steht. Besonders zuverlässig funktioniert das bei Israel
und Palästina. Hier genügt inzwischen häufig ein Wort – „Zionist“, „Antisemit“,
„Genozidleugner“ –, und schon ist erledigt, wofür früher Argumente nötig waren.
Ein Interview
von The Left Berlin mit einem anonymen Mitglied der saarländischen Partei
DIE Linke liefert dafür reichlich Anschauungsmaterial. Anlass ist eine vom
SDS organisierte Amnesty-Veranstaltung zu Gaza. Die Universität intervenierte,
der Antisemitismusbeauftragte Roland Rixecker moderierte, nach der
Veranstaltung wurde auch er öffentlich angegriffen. Der Interviewte erkennt
darin einen größeren Zusammenhang: Teile der Linken seien institutionell
angepasst, parlamentarisch domestiziert und „extrem
zionistisch“. Am Ende folgt der große Satz: Mit dem „Verrat“
an Palästina entscheide sich Die Linke dafür, „jede
andere progressive Massenbewegung zu verraten“.
Das klingt entschlossen. Es hat nur den Nachteil, dass die
Schlussfolgerung größer ist als das Argument.
Die wunderbare Klarheit des Wortes „Zionist“
An der Kritik des Interviewten ist zunächst einiges
plausibel. Wenn eine Universität von Studierenden ein Awarenesskonzept gegen
Antisemitismus verlangt, zugleich aber nach deren Darstellung nicht eindeutig
festlegt, welche Definition gelten soll, darf man nach der disziplinierenden
Wirkung solcher Unbestimmtheit fragen. Wer die Grenze nicht kennt, lernt, sich
vorsorglich von ihr fernzuhalten. Dass Antisemitismusvorwürfe politisch
instrumentalisiert werden können, ist deshalb eine legitime Frage.
Merkwürdig wird es erst, wenn der Kritiker der begrifflichen
Unschärfe seine eigenen Begriffe auspackt.
Im Interview wimmelt es von „Zionisten“,
„extrem
zionistischen“ Milieus und „rechtszionistischen
Fraktionen“. Was damit jeweils gemeint ist, bleibt ähnlich elastisch wie
jener Antisemitismusbegriff, dessen Elastizität zuvor beklagt wurde. Ist
Zionist, wer Israels Existenz verteidigt? Wer die Genozid-These ablehnt? Wer
Mitglied der Deutsch-Israelischen Gesellschaft ist? Wer Netanjahu unterstützt?
Wer israelische Militärpolitik rechtfertigt?
Politisch sind das sehr verschiedene Dinge. Polemisch ist es
natürlich praktischer, sie zusammenzuführen. Der Zionist erfüllt dann dieselbe
Funktion wie der inflationär gebrauchte Antisemit: Er beendet die Debatte,
indem er den Gegner klassifiziert.
Noch bequemer ist „Verrat“. Wer eine falsche Analyse
vertritt, müsste widerlegt werden. Ein Verräter dagegen kennt die Wahrheit
bereits und hat sie verkauft. Man braucht seine Gründe nicht mehr zu prüfen,
sondern nur noch seine Niedertracht festzustellen. Aus Politik wird
Charakterkunde.
So gelangt das Interview zu seinem eigentlichen Kunststück:
Palästina wird nicht nur Gegenstand linker Solidarität, sondern deren oberstes
Prüfverfahren. Wer hier falsch liegt, verrät folgerichtig auch „jede andere
progressive Massenbewegung“. Warum das eine aus dem anderen folgen soll,
erfährt man nicht. Palästina ist der Lackmustest, weil Palästina zum
Lackmustest erklärt wurde.
Auch das Wort „progressiv“ verrichtet dabei Schwerstarbeit.
Eine unterdrückte Bevölkerung hat Anspruch auf Rechte, Schutz und politische
Selbstbestimmung. Daraus folgt aber nicht, dass jede Organisation, Ideologie
oder Bewegung, die in ihrem Namen auftritt, emanzipatorisch wäre. Unterdrückung
adelt keine Weltanschauung. Nationalismus bleibt Nationalismus, religiöser
Fundamentalismus Fundamentalismus und Antisemitismus Antisemitismus, auch wenn
ihre Träger selbst Unterdrückung erfahren.
„Palästina“ ist zudem kein politisches Individuum. Der
Begriff kann Zivilbevölkerung, Territorium, Staatlichkeit, Fatah, Hamas,
säkulare Linke, Diaspora oder deutsche Solidaritätsgruppen meinen. Wer all das
zum einheitlichen progressiven Subjekt zusammenschiebt, erspart sich
ausgerechnet jene Arbeit, für die Linke einmal zuständig sein wollten:
gesellschaftliche Widersprüche zu analysieren.
Das Leiden der Palästinenser wird dadurch nicht geringer. Im
Gegenteil. Gerade wer ihre Rechte ernst nimmt, muss sie nicht zu Darstellern in
einem europäischen Revolutionsstück machen.
Zwei deutsche Arten, sich im Recht zu fühlen
Nun wäre die gegenteilige Position kaum vernünftiger: Weil
der Antizionismus seine Ideologien besitzt, müsse die deutsche Staatsräson
schon die Wahrheit sein.
Israel ist für Deutsche tatsächlich nicht irgendein Staat.
Zwischen Deutschland und Israel steht Auschwitz. Die Shoah und die Erfahrung,
dass jüdisches Leben in Europa der Gewalt nichtjüdischer
Mehrheitsgesellschaften ausgeliefert war, gehören zur historischen
Voraussetzung jüdischer Selbstbehauptung. Wer Israel behandelt, als sei seine
Entstehung lediglich eine Laune des Kolonialismus gewesen, amputiert die
Geschichte so lange, bis sie zur eigenen Theorie passt.
Aber Geschichte stellt keine Blankoschecks aus. Aus der
historischen Notwendigkeit jüdischer Selbstverteidigung folgt weder die
Unfehlbarkeit einer israelischen Regierung noch die Rechtmäßigkeit jeder
militärischen Handlung. Israel, seine Existenz, seine jeweilige Regierung und
deren konkrete Politik sind keine Synonyme. Wer sie dazu macht, hilft weder
Israel noch der Erinnerung an Auschwitz. Er macht aus Geschichte Immunität.
Die Bundesrepublik wiederum hat guten Grund, ihre besondere
Beziehung zu Israel moralisch zu inszenieren. Eine Nation, die sich einst durch
Vernichtung definierte, präsentiert sich heute gern durch die vorbildliche
Erinnerung daran. Das kann aufrichtige Erinnerung und politische
Selbstlegitimation zugleich sein. Staaten verlieren ihre Interessen schließlich
nicht dadurch, dass ihre Reden feierlich werden.
Genau deshalb ist die Alternative zwischen Staatsräson und
Antizionismus so dürftig. Dass Antisemitismusvorwürfe instrumentalisiert werden
können, beweist nicht, dass der Antisemitismus verschwunden ist. Dass Israel
Kriegsverbrechen begehen kann, macht nicht jede Israelkritik vernünftig. Ein
antisemitisches Argument wird durch israelische Gewalt nicht richtig;
israelische Gewalt wird durch den Antisemitismus ihrer Gegner nicht legitim.
Man sollte meinen, eine Linke könne zwei falsche Dinge
gleichzeitig für falsch halten. Der gegenwärtige Lagerbetrieb betrachtet schon
das als verdächtige Unentschlossenheit.
Das zeigt auch der saarländische Fall. Rixecker
erscheint im Interview zunächst als der Mann, den die Universität zur
Kontrolle einer heiklen Veranstaltung einsetzt. Anschließend wird derselbe Rixecker
von proisraelischer Seite dafür angegriffen, dass er die Veranstaltung
überhaupt moderierte; auch Parteien griffen den Konflikt auf. Ein geschlossenes
Herrschaftskartell sieht gewöhnlich ordentlicher aus.
Interessanter wäre deshalb, die Widersprüche nicht
wegzusortieren. Was geschieht in Gaza? Wie sind konkrete israelische Handlungen
politisch und rechtlich zu bewerten? Wo schlägt Israelkritik in antisemitische
Projektion um? Wo wird der Antisemitismusvorwurf benutzt, um legitime Kritik zu
delegitimieren? Welche Interessen verfolgen deutsche Institutionen? Keine
Antwort erledigt automatisch die andere Frage.
Genau diese Trennung aber verträgt sich schlecht mit dem
politischen Bedürfnis nach moralischer Eindeutigkeit. Hier die „Zionisten“,
dort die „Palästinasolidarischen“; hier der Antisemit, dort der Genozidleugner.
Jede Seite besitzt ein Wort, das ihr die Beschäftigung mit dem Argument der
anderen erspart.
Die Linke wäre zu anderem fähig, wenn sie noch Interesse
daran hätte. Sie könnte palästinensische Entrechtung bekämpfen, ohne
„Palästina“ zum unschuldigen revolutionären Gesamtsubjekt zu erklären. Sie
könnte jüdische Selbstbehauptung verteidigen, ohne israelische Staatsgewalt zu
sakralisieren. Sie könnte deutsche Erinnerungspolitik kritisieren, ohne
Antisemitismus zum Trick der Herrschenden umzudeuten. Und sie könnte
Antisemitismus bekämpfen, ohne jeden politischen Gebrauch des
Antisemitismusvorwurfs für sakrosankt zu erklären.
Das wäre allerdings Kritik. Sie hat gegenüber dem Bekenntnis
einen schweren Nachteil: Sie verschafft keine moralische Heimat.
Vielleicht liegt hier der eigentliche „Verrat“, von dem so
gern gesprochen wird. Nicht darin, bei der vorgeschriebenen Frage das falsche
Kästchen anzukreuzen, sondern darin, Gesellschaftskritik durch
Lagerzugehörigkeit zu ersetzen. Dann werden tote Palästinenser zum Beweis für
die Reinheit des Antizionismus und ermordete Juden zum historischen Kapital
deutscher Staatsmoral. Die Betroffenen dürfen das Material liefern, mit dem
Deutsche ihre politischen Identitäten sortieren.
Palästinenser brauchen aber keine deutsche Linke, die sie zu
einem revolutionären Kollektivsubjekt verklärt. Juden brauchen keine Deutschen,
die aus Auschwitz ein Zertifikat ihrer heutigen Tugend machen.
Vielleicht wäre das der brauchbarere Lackmustest: nicht, auf
welcher Seite jemand steht, sondern ob er noch fähig ist, die eigene Seite
derselben Kritik auszusetzen wie die andere. Wer davon eine Ausnahme verlangt,
hat seine Entscheidung längst getroffen.
Nicht für Israel oder Palästina.
Für das Bekenntnis gegen die Kritik.