Antifaschismus an der Fünf-Prozent-Hürde
TL;DR: Campacts Wahlempfehlung ist mathematisch plausibel: Ziehen SPD und Grüne in den Landtag ein, erschwert das eine absolute AfD-Mehrheit. Doch parlamentarische Schadensbegrenzung ist noch keine Strategie gegen den Rechtsruck. Sie verhindert womöglich eine AfD-Regierung, erklärt aber weder deren Stärke noch verändert sie deren gesellschaftliche Ursachen.
Campact erklärt die Rettung von SPD und Grünen zur Strategie gegen die AfD – und verwechselt dabei eine plausible Wahlrechnung mit einer Erklärung des Rechtsrucks
Die AfD soll verhindert werden, indem ausgerechnet jene
Parteien parlamentarisch gerettet werden, die seit Jahrzehnten an der
Verwaltung der Verhältnisse beteiligt sind, in denen sie groß geworden ist.
Campact nennt das „strategisch wählen“. Die Rechnung dahinter kann stimmen. Die
politische Analyse beginnt dort allerdings erst.
Der Ausgangspunkt ist simpel. Liegen SPD und Grüne in
Sachsen-Anhalt unter fünf Prozent, bleiben ihre Stimmen bei der proportionalen
Sitzverteilung grundsätzlich unberücksichtigt. Dadurch steigt der Sitzanteil
der Parteien, die die Sperrklausel überwinden. Bei einer AfD von mehr als 40
Prozent kann das entscheidend sein. Schaffen SPD und Grüne dagegen den Einzug,
sinkt der relative Sitzanteil der AfD. Eine absolute Mehrheit wird schwieriger.
Das ist Wahlmathematik, kein Geheimnis und erst recht kein
Skandal. Ungenau wird Campact nur dort, wo es heißt, die „Sitze“ von SPD und
Grünen gingen andernfalls an die übrigen Parteien. Sitze, die eine Partei wegen
der Sperrklausel nicht erhält, können nicht weitergereicht werden. Die Stimmen
fallen aus der proportionalen Berechnungsgrundlage heraus. Das Ergebnis kann
dasselbe sein; die Dramaturgie klingt nur besser, wenn die AfD die verlorenen
Sitze der Demokraten gleichsam einsammelt.
Aus dieser Rechenoperation macht Campact eine politische
Strategie. Wer nicht von Rechtsextremen regiert werden wolle, solle SPD oder
Grüne wählen. Damit wird aus einer bedingten taktischen Überlegung ein
antifaschistischer Imperativ. Die Voraussetzung dafür bleibt unausgesprochen: Entscheidend
sei zunächst nicht, welche Politik diese Parteien betreiben, sondern dass sie
im Parlament sitzen.
So entsteht die komfortable Kategorie der „demokratischen
Parteien“. Sie erspart die nähere Betrachtung ihrer Demokratie. Die SPD
erscheint nicht als Partei von Agenda 2010 und Hartz-Gesetzen, die Grünen nicht
als Regierungspartei des ersten deutschen Kriegseinsatzes seit 1945. Beides
macht sie selbstverständlich nicht zur AfD. Es macht nur die Behauptung
fragwürdig, ihre parlamentarische Existenz sei schon eine Strategie gegen die
gesellschaftlichen Bedingungen des Rechtsrucks.
Denn warum eine Partei mit offen nationalistischen,
autoritären und rassistischen Angeboten mehr als 40 Prozent erreichen kann,
erklärt Campact nicht. Die AfD tritt in diesem Modell auf wie ein Rechenfehler
der Demokratie. Man korrigiert den Divisor, indem man zwei Parteien über fünf
Prozent hebt, und schon ist wenigstens die absolute Mehrheit beseitigt.
Nur: Was wurde damit politisch beseitigt?
Kein AfD-Wählender verschwindet, weil die Grünen 5,1 statt
4,9 Prozent erhalten. Keine soziale Konkurrenz, kein Nationalismus und kein
autoritäres Bedürfnis erledigen sich mit der Mandatsverteilung. Auch die
politische Verantwortung der Parteien, die Arbeitsmarkt, Sozialstaat,
Migrationspolitik und deutsche Machtpolitik über Jahrzehnte gestaltet haben,
wird durch ihre Aufnahme in die demokratische Notgemeinschaft nicht geringer.
Das bedeutet umgekehrt nicht, dass eine strategische
Stimme irrational wäre. Wer als vorrangiges Ziel eine absolute AfD-Mehrheit
verhindern will, kann unter den beschriebenen Bedingungen vernünftige Gründe
haben, SPD oder Grüne zu wählen, ohne sich über deren Politik die geringsten
Illusionen zu machen. Das kleinere Übel wird nicht dadurch zum größeren, dass
man weiß, wie klein seine Vorzüge sind.
Campact verlangt jedoch mehr als diese nüchterne
Einsicht. Die Organisation verkauft parlamentarische Schadensbegrenzung mit
den Worten „AfD stoppen: Warum Du Grüne oder SPD wählen solltest“ als
politische Gegenstrategie. Darin liegt die eigentliche Verkürzung. Aus „Diese
Stimme kann eine AfD-Mehrheit verhindern“ wird beinahe unmerklich „Diese Stimme
stoppt die rechte Gefahr“.
Für den Wahltag mag das genügen. Für den Tag danach nicht.
Eine Gesellschaft, in der mehr als zwei von fünf Wählern
einer Faschistischen Partei ihre Stimme geben wollen, hat kein
Fünf-Prozent-Problem. Sie hat ein politisches Problem. Wer dessen Lösung darin
sieht, SPD und Grüne gerade noch über die Sperrklausel zu tragen, verhindert
eine Faschistische Regierung. Er hat noch nicht erklärt, was diese Regierung
überhaupt möglich gemacht hat.
So bleibt vom angekündigten strategischen Antifaschismus eine
taktisch durchaus plausible Sitzplatzreservierung für die parlamentarische
Konkurrenz. Die AfD wäre damit vorerst von der absoluten Mehrheit entfernt.
Die Verhältnisse, die sie hervorgebracht haben, dürfen
weiterregieren!