Die Wiederkehr der Gewissheit
TL;DR: Eine Kolumne darüber, dass in Teilen der Linksjugend stalinistische, DDR-verklärende und antizionistische Denkmuster wieder salonfähig werden. Sie warnt: Eine demokratische Linke verliert ihre Glaubwürdigkeit, wenn sie den antistalinistischen Bruch von 1989 vergisst und Freiheit erneut dem Versprechen politischer Gewissheit opfert.
Stalinismus in der Linksjugend und die Krise einer
Linken, die ihre Geschichte verlernt
Manche politischen Sätze sind keine Meinungen. Sie ziehen
eine Grenze. Als Michael
Schumann am 16. Dezember 1989 auf dem außerordentlichen Parteitag der SED sagte:
„Wir brechen unwiderruflich mit dem Stalinismus als System“, sprach er nicht
eine Fußnote der Wendezeit. Er lieferte auch keine Notformel für eine Partei im
Einsturz. Er benannte die Bedingung, unter der diese Partei überhaupt
weiterexistieren konnte.
Aus der SED wurde die PDS, später Die Linke. Dieser Weg
führte nicht um den Bruch mit dem Stalinismus herum. Er führte durch ihn
hindurch. Die PDS konnte nur deshalb einen Platz im demokratischen Spektrum
beanspruchen, weil sie einräumte, was nicht länger zu beschönigen war: Die DDR
war kein nur unglücklich gescheitertes Reformexperiment. Sie war ein Staat, der
Freiheit beschnitt, Opposition bekämpfte und Bürger zu Untertanen erzog.
Antistalinismus war darum kein Schmuck am Programm. Er war die Eintrittskarte
in die Demokratie.
Vor diesem Hintergrund gewinnen die Recherchen von BR
und ARD
über die Linksjugend ['solid] ihr Gewicht. An der Oberfläche geht es um
Funktionäre, die Stalin feiern, Mao zitieren, Honecker verklären oder
antisemitische und antiisraelische Parolen verbreiten. Das ist hässlich genug.
Doch der eigentliche Befund liegt tiefer. Wieder treten politische Muster
hervor, deren Überwindung
einmal die Voraussetzung dafür war, dass es eine demokratische Linke nach der
SED überhaupt geben konnte .
Die Frage ist also nicht, ob die Linksjugend ein Problem
hat. Die Frage ist, warum Traditionen, die historisch erledigt schienen, für
Teile einer jungen Generation wieder nach Zukunft klingen.
Der vergessene Gründungskonsens
Der Antistalinismus der PDS war keine Seminarübung. Er war
gelernte Geschichte. Gysi, Schumann und andere Reformkräfte hatten begriffen,
dass sich sozialistische Politik nicht allein über ihre Ziele legitimiert. Die
Mittel zählen. Eine Gesellschaft kann Gleichheit versprechen und Unfreiheit
liefern. Sie kann Solidarität sagen und Gefängnis meinen. Sie kann sich
antifaschistisch nennen und doch autoritär herrschen.
Das war die Lehre von 1989.
Die neuen Recherchen zeigen nun eine Generation, der diese
Erfahrung offenbar fern geworden ist. Mitglieder des (am 1. Juni aufgelösten) Bundesarbeitskreises
„Agitationspropaganda“ kurz BAK
Agitprop verbreiteten Bilder von Stalin, Mao und Honecker, nannten
sich selbst „stalinistisch“ und bekannten sich auf Instagram zur „Tradition
realsozialistischer Staaten wie der DDR“. Ein
Funktionär schrieb intern: „Lang lebe Stalin!“ und „Lang lebe Honecker!“
Man kann das als pubertäre Provokation abtun. Nur erklärt das wenig.
Entscheidend ist nicht der Krawall. Entscheidend ist, dass er normal wird.
Politische Tabus verschwinden selten mit großem Knall. Sie
sickern zurück. Erst als Witz, dann als Pose, schließlich als Haltung.
Genau das dokumentieren die BR-Recherchen. Nicht dass es
Stalinfreunde gibt, ist neu. Solche Gestalten gab es immer. Neu ist die
Beiläufigkeit, mit der sie in einer Organisation auftreten, die sich selbst
emanzipatorisch, antifaschistisch und demokratisch nennt.
Darin liegt ein Missverständnis, das keineswegs harmlos ist.
Stalinismus erscheint in vielen dieser Äußerungen nicht als Herrschaftssystem,
sondern als Projekt mit Licht- und Schattenseiten. Dann fragt man nicht mehr:
Was geschah mit den Menschen? Sondern: Was wurde erreicht?
So beginnt die alte Rechnung.
Die Verklärung der Diktatur
Politische Romantik lebt von der Auswahl. Sie sieht nicht
das System, sondern sein Versprechen.
Wer die DDR verklärt, spricht von Kinderbetreuung und
schweigt über die Staatssicherheit.
Wer Stalin verteidigt, nennt Industrialisierung und übergeht den Gulag.
Wer Mao bewundert, redet von Modernisierung und verliert die Toten des Großen
Sprungs nach vorn aus dem Blick.
Dieses Muster findet sich bei dem inzwischen aufgelösten BAK
Agitprop. Dessen Leitung erklärte dem BR, Stalin habe Modernisierung betrieben
und Kapitalisten bestraft. Ja, Fehler habe es gegeben, aber man wolle sich auf
die „positiven Seiten“ des Realsozialismus beziehen. Nach
politischen Gefangenen und Mauertoten gefragt, antwortete der Arbeitskreis:
„Die Revolution fordert Opfer“.
In diesem Satz steckt der ganze Jammer autoritärer
Ideologie. Nicht weil er besonders originell wäre. Gerade weil er so gewöhnlich
klingt. Das 20. Jahrhundert kennt unzählige Varianten derselben Entschuldigung.
Immer gibt es das große Ziel. Immer den historischen Fortschritt. Immer
Menschen, die leider im Weg standen.
„Die Revolution fordert Opfer“ ist keine Entgleisung. Es ist
ein Programm. Der einzelne Mensch zählt nur noch als Material der Geschichte.
Freiheit wird verrechenbar. Rechte werden Posten in einer Bilanz.
Gegen genau diese Logik richtete sich der antistalinistische
Gründungskonsens der PDS.
Wer heute die „positiven Seiten“ des Stalinismus
herausarbeiten will, argumentiert im Kern wie jeder Bewunderer autoritärer
Effizienz. Dann steht auf der einen Seite Industrialisierung, Alphabetisierung,
soziale Sicherung. Auf der anderen Seite stehen Lager, Zwangsarbeit, politische
Gefangene, Terror und Tote. Der Skandal liegt nicht erst im Ergebnis dieser
Rechnung. Er liegt darin, dass man sie überhaupt aufmacht.
Demokratische Politik beginnt dort, wo bestimmte Dinge nicht
verrechnet werden dürfen.
Die Sehnsucht nach Eindeutigkeit
Die neue Attraktivität stalinistischer Figuren kommt nicht
aus historischem Wissen. Sie speist sich aus gegenwärtiger Überforderung.
Die Welt ist unübersichtlich. Die Klimakrise lässt sich
nicht national lösen. Ungleichheit verschwindet nicht durch eine einzige
Reform. Kriege haben selten nur eine Ursache. Selbst links und rechts sind
nicht mehr so bequem sortiert wie früher. Wer Halt sucht, kann an dieser
Komplexität verzweifeln.
Autoritäre Weltbilder machen ein anderes Angebot. Sie
ordnen. Sie verkürzen. Sie teilen die Welt in Täter und Opfer, Fortschritt und
Reaktion, Unterdrücker und Unterdrückte. Wer die Front kennt, muss die
Widersprüche nicht mehr aushalten.
Hier liegt die eigentliche Versuchung.
Niemand sehnt sich ernsthaft nach Kollektivierung und
Fünfjahresplan. Zurückkehrt etwas anderes: der Wunsch nach Gewissheit. Stalin,
Mao und andere autoritäre Figuren erscheinen dann nicht als historische
Herrscher, sondern als Zeichen der Entschlossenheit. Sie stehen gegen eine
demokratische Politik, die abwägt, streitet, zweifelt.
Demokratie wirkt schwach, weil sie langsam ist.
Autoritarismus wirkt stark, weil er entscheidet.
Der Preis verschwindet im Schatten der Geste.
Dabei liegt gerade im Zweifel die Stärke demokratischer
Politik. Sie zwingt dazu, den eigenen Irrtum mitzudenken. Autoritäre Ideologien
können das nicht. Sie ersetzen Unsicherheit durch Gewissheit, Pluralität durch
Wahrheit.
Am Ende landen sie fast immer dort, wo sie begonnen haben:
bei der Herrschaft weniger über viele.
Antizionismus und alte Muster
Besonders sichtbar wird diese Entwicklung in den Debatten
über Israel und den Nahostkonflikt.
Die BR-Recherchen beschreiben ein Milieu, in dem
antiimperialistische Deutungen nicht mehr Analyse sind, sondern Weltanschauung.
Ein Landessprecher
spricht von israelischen „Konzentrationslagern“. In einem anderen Beitrag
brennt eine israelische Flagge, dazu die Parole „Israel verrecke!“ Ein
Bundessprecher stellt den islamistischen Charakter der Hamas infrage und
nennt entsprechende Einordnungen „wirklich peinlich“.
Kritik an der israelischen Regierung ist legitim.
Selbstverständlich. Sie gehört zur demokratischen Öffentlichkeit wie Kritik an
jeder anderen Regierung. Doch die dokumentierten Aussagen überschreiten diese
Grenze. Israel erscheint nicht mehr als Staat mit einer Regierung, einer
Gesellschaft, Konflikten und Entscheidungen. Israel wird zur Chiffre.
Damit kippt die Debatte.
Aus Kritik wird moralische Totalisierung.
Aus konkreter Politik wird kollektive Schuld.
Aus Analyse wird Lagerdenken.
Wie leicht ein stalinistisch grundierter Antizionismus in
vulgären, als links verkleideten Antisemitismus umschlägt, führte im
vergangenen Jahr die Linksjugend Frankfurt vor. Unter
ihrem Namen, mit Logo und erkennbarem Parteibezug, erschien zu einer Meldung
über 52 jüdische Jugendliche aus Frankreich, die aus einem Flugzeug verwiesen
worden waren, der Satz: „Wir müssen leider enttäuschen: Der Rauswurf fand
nicht statt während das Flugzeug in der Luft war.“
Das war kein geschmackloser Witz. Es war die Pointe einer
Vernichtungsfantasie. Der Satz beklagte nicht den Ausschluss aus einem
Flugzeug, sondern dass er nicht tödlich endete. Wer so spricht, verlässt nicht
bloß den guten Ton. Er verlässt den Bereich politischer Kritik.
Noch aufschlussreicher war, dass dieser Satz nach der
Darstellung des Blogbeitrags 20 Tage lang öffentlich stehen blieb. Erst nach
massiver Kritik folgten Löschung, Distanzierung und die üblichen Formeln. Man
habe verletzt, man bedaure, man trete „fest entschlossen gegen jeden
Antisemitismus“ ein. Das klang weniger nach Einsicht als nach
Schadensbegrenzung. Die Autorin sei eine Einzelperson gewesen, suspendiert,
entfernt, nicht mehr Mitglied. Als wäre damit die politische Frage erledigt.
Gerade hier zeigt sich das alte Muster. Antisemitismus tritt
nicht immer mit Springerstiefeln auf. Er kann im Tonfall moralischer
Überlegenheit erscheinen, im akademisierten Antiimperialismus, im süffisanten
Kommentar, der Verachtung als Haltung verkauft. Er tarnt sich als Antizionismus
und verrät sich in dem Moment, in dem jüdisches Leben nicht mehr geschützt,
sondern verhöhnt wird.
Peter Ullrich beschreibt in seiner Kritik des
Linksjugend-Beschlusses genau diese Tendenz. Obwohl er eine stärkere
Solidarität mit Palästinensern grundsätzlich verteidigt, kritisiert er die
„einseitige“ Deutung
des Zionismus und die vereinfachenden antiimperialistischen Muster des
Beschlusses. Gerade weil diese Kritik aus der Palästina Solidarischen Linken
selbst kommt, ist sie schwerer abzutun.
Sie zeigt, worum es geht.
Nicht jede Kritik an Israel ist antisemitisch. Aber jede
Ideologie wird gefährlich, wenn sie politische Wirklichkeit nur noch durch ein
einziges Raster jagt.
Das klassische antiimperialistische Weltbild kennt
Unterdrücker und Unterdrückte. Diese Perspektive kann etwas erklären.
Gefährlich wird sie, wenn sie alles erklären soll. Dann verschwinden
Geschichte, Widersprüche und Ambivalenzen hinter einer moralischen Erzählung.
Am Ende steht nicht Solidarität, sondern Sortierung: hier die Guten, dort die
Bösen; hier Opfer, dort Feinde; und irgendwo dazwischen jüdisches Leben, das
nur noch als Störfall der eigenen Weltdeutung vorkommt.
Die Welt wird einfacher.
Und dadurch falscher.
Die Krise der linken Selbstkritik
Vielleicht liegt die Bedeutung dieser Entwicklung weniger in
den Aussagen einzelner Funktionäre als in dem, was sie über den Zustand der
Linken verraten.
Die demokratische Linke war immer dann stark, wenn sie ihre
eigenen Irrtümer ernst nahm. Die Kritik am Stalinismus kam nicht nur von
konservativen Gegnern. Sie kam von linken Dissidenten, Sozialisten,
Reformkommunisten. Sie war schmerzhafte Selbstaufklärung. Gerade deshalb hatte
sie Gewicht.
Heute verliert diese Tradition offenbar Bindekraft. Für
viele jüngere Aktivisten ist die DDR so fern wie für frühere Generationen das
Kaiserreich. Erinnerung wird abstrakt. Erfahrung wird Erzählung. Geschichte
wird Material für Symbolpolitik.
So wächst die Romantik.
Die DDR erscheint als Gegenbild zum Kapitalismus. Stalin als
Chiffre revolutionärer Konsequenz. Antiimperialismus als moralischer Kompass.
Die historischen Erfahrungen, die einst zur Kritik dieser Begriffe zwangen,
treten zurück.
Das ist kein Sonderproblem der Linksjugend. Rechte verklären
Nationen. Linke verklären Revolutionen. Liberale verklären gern die goldene
Zeit der Globalisierung. Nostalgie gehört zum Werkzeugkasten moderner Politik.
Für die demokratische Linke ist sie besonders gefährlich.
Denn ihre Glaubwürdigkeit beruhte jahrzehntelang gerade darauf, dass sie sich
selbst kritisieren konnte. Schumanns Satz war mehr als Distanzierung. Er war
ein Versprechen: Sozialistische Politik darf die Freiheit nie wieder dem
Fortschritt opfern.
Die Debatten in der Linksjugend stellen deshalb eine
unbequeme Frage. Was bleibt von einer politischen Tradition, wenn sie ihre
eigenen Lektionen vergisst? Und was geschieht mit einer demokratischen Kultur,
wenn die Gründe ihrer Entstehung verblassen?
Wenn Vergangenheit wieder Zukunft spielen soll
Es wäre bequem, die Vorgänge in der Linksjugend als
Randtheater abzulegen. Jugendorganisationen übertreiben. Jede Generation sucht
ihre Provokation. Doch die Recherchen von BR und ARD deuten auf mehr. Sie
zeigen nicht die Rückkehr des historischen Stalinismus. Sie zeigen die Rückkehr
einer politischen Versuchung.
Sie besteht darin, Freiheit gegen Gewissheit zu tauschen.
Sie besteht darin, Komplexität durch ideologische Klarheit zu ersetzen.
Sie besteht darin, Gegner nicht mehr als Gegner zu sehen, sondern als
Hindernisse.
Darum geht diese Debatte die ganze demokratische Linke an.
Nicht weil einige Funktionäre schlimme Sätze gesagt haben. Sondern weil sich an
diesen Sätzen entscheidet, ob der antistalinistische Gründungskonsens von 1989
noch Fundament ist oder nur noch Museumsstück.
Vielleicht liegt darin die bittere Ironie der Gegenwart.
Ausgerechnet eine Generation, die sich besonders antifaschistisch,
emanzipatorisch und progressiv versteht, entdeckt Denkmuster wieder, die ihre
Vorgänger mühsam begraben glaubten. Die Gespenster der Geschichte kehren nicht
zurück, weil sie stärker geworden sind. Sie kommen zurück, weil die Erinnerung
an ihre Gefahr schwächer wird.
Die entscheidende Frage lautet daher nicht, ob Stalinismus
in der Linksjugend wieder sagbar geworden ist. Sie lautet, wer heute noch
erklären kann, warum er einst unsagbar werden musste.