Freiheit für die Rolex
TL;DR: Die NZZ macht aus Klingbeils halbherzigem Vorgehen gegen kriminelles Vermögen einen Angriff auf die Freiheit. Ihr Freiheitsbegriff verrät die Schieflage: Gefährdet erscheint der Besitz durch den Staat – nicht die Freiheit der Besitzlosen gegenüber der Macht des Eigentums.
Klingbeil will kriminelles Vermögen leichter festsetzen.
Die NZZ entdeckt darin den Anfang vom Ende der Freiheit – und verrät dabei vor
allem, welche Freiheit ihr besonders teuer ist.
Es gehört zu den zuverlässigsten Reflexen des Bürgertums,
die Freiheit dort in Gefahr zu sehen, wo das Eigentum Unannehmlichkeiten
bekommt. Lars Klingbeil möchte dem Zoll erlauben, Vermögen unter bestimmten
Voraussetzungen auch dann sicherzustellen, wenn noch kein Strafverfahren läuft.
Darüber kann und muss man rechtsstaatlich streiten. Wer Eigentum festsetzt,
braucht Gründe, Regeln, Kontrolle und Widerspruchsmöglichkeiten. Der Staat wird
nicht dadurch vertrauenswürdig, dass ein Sozialdemokrat ihn „gerecht“ nennt.
Der NZZ genügt das nicht. Sie
benötigt eine Rolex.
Denn Klingbeil hat gesagt, Geldwäschern könnten Porsche und
Rolex „erst mal“ weggenommen werden. Schon sieht das Blatt den rechtschaffenen
Uhrenträger am Horizont, der eines Morgens dem Zoll erklären muss, woher das
Geld für sein Zifferblatt stammt. Heute die Mafia, morgen der Steuerbetrüger,
übermorgen der Millionär, schließlich du und ich – sofern du einen Porsche
besitzt.
Das nennt man die schiefe Ebene. Praktisch an ihr ist, dass
man den Weg nicht nachweisen muss. Man malt ihn.
Der Trick besteht darin, einen wirklichen Einwand mit einem
eingebildeten Ende zu versehen. Wirklich ist: Vermögenssicherstellung ohne
Verurteilung berührt Grundrechte und verlangt rechtsstaatliche Grenzen.
Eingebildet ist: Daraus folge eine Politik, die legalen Wohlstand unter
Generalverdacht stellt. Dass eine Rolex kein Beweis für Geldwäsche ist, weiß
vermutlich sogar der Zoll. Das Gesetz müsste also daran gemessen werden, welche
Verdachtsmomente es tatsächlich verlangt – nicht daran, welche Assoziationen
ein Schweizer Leitartikler beim Wort Porsche bekommt.
Interessanter ist, was die NZZ unter Freiheit versteht. „Eine
freie Gesellschaft produziert Ungleichheit“, schreibt sie. Das ist der
Satz, für den der ganze Umweg über Mafia, Clan und Schweizer Feinmechanik sich
gelohnt hat.
Die Ungleichheit erscheint als Nebenprodukt der Freiheit,
ungefähr wie Wärme beim Verbrennungsmotor. Dass die Freiheit des Eigentümers
und die Abhängigkeit des Eigentumslosen zwei Seiten desselben
gesellschaftlichen Verhältnisses sein könnten, kommt nicht vor. Wer eine
Million versteuert, darf Porsche fahren: Fall erledigt. Woher die Million
gesellschaftlich kommt, wer sie erarbeitet hat und welche Macht Eigentum über
diejenigen verleiht, die keines besitzen, fällt nicht in die Zuständigkeit
dieser Freiheitslehre.
So wird ausgerechnet Klingbeil zum Beinahe-Enteigner. Dabei
ist sein Vorhaben viel bescheidener. Er will nicht das Eigentum abschaffen,
sondern den Unterschied zwischen ordentlichem und kriminellem Eigentum schärfer
bewachen. Der Sozialdemokrat bleibt damit, was Sozialdemokraten zuverlässig
sind: Hausmeister einer Ordnung, deren Grundbuch sie nicht anzutasten gedenken.
Man kann ihm vorwerfen, dass seine Instrumente zu weit
gehen. Man sollte sogar genau hinsehen, wenn Behörden Vermögen ohne
Verurteilung festsetzen dürfen. Aber daraus einen Angriff auf „die Freiheit“ zu
komponieren, heißt, eine sehr besondere Freiheit zur allgemeinen zu erklären:
die Freiheit des Besitzes vor dem Zugriff des Staates.
Die Freiheit vor der Macht des Besitzes hat in diesem Drama
keine Rolle.
Sie trägt vermutlich keine Rolex.