Der Vorwurf und die Wahrheit
TL;DR: Die Kolumne kritisiert eine Schieflage im Gespräch von Peter Merg mit Gerhard Hanloser: Der Antisemitismusvorwurf wird als mögliches Herrschaftsinstrument ausführlich analysiert, linker Antisemitismus dagegen als „Dummheit“ oder „Ausnahme“ verharmlost. Beides kann zugleich wahr sein: Der Staat kann Antisemitismusvorwürfe repressiv instrumentalisieren – und der konkrete Vorwurf kann trotzdem zutreffen. Entscheidend ist deshalb zuerst die Frage nach seinem Wahrheitsgehalt, erst danach nach Interessen und politischer Verwendung.
Der Antisemitismusvorwurf kann zum Instrument staatlicher
Repression werden. Daraus folgt nicht, dass er falsch ist. Das Gespräch von
Peter Merg mit Gerhard Hanloser zeigt, wie notwendige Kritik deutscher
Staatsräson in linke Selbstentlastung umschlagen kann.
Zum Gespräch „Was
bislang ein Diskurs war, hat sich verpolizeilicht„ von Peter Merg für die junge welt mit Gerhard Hanloser
Gerhard Hanloser hat für eine reale Entwicklung ein
brauchbares Wort gefunden: Was einmal vor allem politischer Streit gewesen sei,
habe sich „verpolizeilicht“. Gemeint sind Demonstrationsauflagen, Räumungen
universitärer Proteste, Disziplinarverfahren und abgesagte Veranstaltungen, die
mit Antisemitismusbekämpfung begründet werden. Im Gespräch mit Peter Merg in
der jungen Welt deutet Hanloser dies als Ausdruck eines
Machtverhältnisses. „Antisemitismusbekämpfung“ fungiere als respektable
Ummantelung der Repression gegen linke und propalästinensische Akteure.
Das ist zunächst keine abwegige These. Wer glaubt, der
deutsche Staat habe ausgerechnet in der Erinnerungspolitik aufgehört, Staat zu
sein, müsste erklären, warum nationale Interessen dort verschwinden sollten, wo
besonders feierlich von Moral gesprochen wird. Staaten schließen Bündnisse,
exportieren Waffen, verwalten Grenzen und verfolgen Interessen. Dass dabei auch
die Erinnerung an Auschwitz politisch funktionalisiert werden kann, ist eine
legitime staatskritische Annahme.
Problematisch wird es, sobald aus der politischen Verwendung
eines Vorwurfs etwas über dessen Wahrheitsgehalt folgen soll. Ein
Antisemitismusvorwurf wird nicht falsch, weil ein Innenminister ihn erhebt, und
nicht richtig, weil ein Antifaschist ihn erhebt. Wahrheit besitzt die lästige
Eigenschaft, sich nicht danach zu richten, welchem politischen Lager sie gerade
nützt.
Die angenehmen Ausnahmen
Hanloser leugnet Antisemitismus in der Linken keineswegs. Er
erinnert an antisemitischen Pseudoantikapitalismus, an die Identifikation von
Juden mit Kapitalisten, an Stalins sogenannte Ärzteverschwörung und die
Kampagne gegen „wurzellose Kosmopoliten“. Den 7. Oktober bezeichnet er als „nihilistisches
Massaker„, Bündnisse von Linken mit religiösen Fundamentalisten lehnt er ab.
Ihm die Leugnung linken Antisemitismus vorzuwerfen, wäre deshalb falsch.
Die Schwäche beginnt bei seiner Einordnung. Antisemitische
Erscheinungen innerhalb der Linken heißen zunächst „Dummheiten“
und anschließend „Ausnahmen“,
die von interessierter Seite zum Wesensmerkmal der antiimperialistischen Linken
aufgeblasen würden. Das kann stimmen. Nur müsste es begründet werden.
Denn „Ausnahme“ ist bereits eine Diagnose: Das Phänomen sei
episodisch statt strukturell, der Linken äußerlich statt in bestimmten Formen
ihres Denkens angelegt. Gerade das wäre zu untersuchen. Antisemitismus braucht
kein rechtes Parteibuch. Anschlussstellen entstehen dort, wo Kapitalismus nicht
als gesellschaftliches Verhältnis verstanden wird, sondern als Machenschaft
bestimmter Personen und Gruppen: Banken, Spekulanten, globale Eliten, geheime
Netzwerke – und irgendwann „Zionisten“.
Das ist die alte Versuchung regressiver Kapitalismuskritik:
Sie sucht hinter abstrakter Herrschaft konkrete Schuldige. Das
Kapitalverhältnis ist schwer zu hassen; der Kapitalist eignet sich besser. Dass
Juden historisch immer wieder als Projektionsfläche solcher Vorstellungen
dienten, macht antisemitischen Pseudoantikapitalismus zu mehr als einer
gelegentlichen „Dummheit“.
Eine Linke, die sich aufgrund ihres Antifaschismus für immun
hält, verabschiedet sich ausgerechnet vom Materialismus. Auch Linke sind
Produkte derselben Gesellschaft, die sie kritisieren. Ressentiments
verschwinden nicht durch richtige Selbsteinordnung.
Merg erkennt dieses Problem ausdrücklich. Die Linke sei
weder frei von Chauvinismus und Rassismus noch von Antisemitismus und müsse
diesen selbstkritisch bekämpfen. Doch seine anschließende Frage ist
verräterisch: Wie könne das geschehen, ohne „den
Gegnern in die Hände zu spielen“?.
Als hinge die Wahrheit davon ab, wer sich über sie freut.
Wer Kritik danach dosiert, ob CDU, Springer oder
Verfassungsschutz sie verwenden könnten, betreibt Lagerpolitik. Ein
antisemitischer Satz bleibt antisemitisch, wenn die Polizei ihn zitiert; ein
Polizeieinsatz bleibt kritisierbar, wenn der Betroffene zuvor einen
antisemitischen Satz gesagt hat. Dass beide Aussagen gleichzeitig wahr sein
können, überfordert offenbar eine politische Öffentlichkeit, die ihre
Wahrheiten nach Mannschaftsfarben sortiert.
Hier liegt die Asymmetrie des Interviews: Der
Antisemitismusvorwurf erhält bei Hanloser gesellschaftliche Strukturen,
Interessen, Thinktanks und Staatsapparate. Antisemitismus innerhalb der Linken
erhält „Dummheiten“ und „Ausnahmen“. Der eine wird materialistisch erklärt, der
andere eher als Abweichung behandelt.
Staatsräson und Selbstentlastung
Ähnlich doppeldeutig ist Hanlosers Kritik deutscher
Erinnerungspolitik. Er beschreibt die Verbindung von historischer Schuld,
Westbindung und Unterstützung Israels als interessengeleitete Staatsraison und
spricht von „verlogenem
Philosemitismus“ sowie politischer Instrumentalisierung des Erinnerns. Der
polemischen Formulierung liegt ein richtiger Gedanke zugrunde: Auschwitz hat
den deutschen Staat nicht moralisch geläutert. Staaten werden nicht geläutert.
Die Bundesrepublik kann der ermordeten europäischen Juden
gedenken und zugleich nationale Interessen verfolgen, Waffen exportieren und
Grenzen abschotten. Erinnerungspolitik macht aus einem Staat kein Subjekt der
Emanzipation. Deutsche Staatsräson verdient deshalb keine linke
Heiligsprechung. Israelische Regierungspolitik ist kritisierbar; ein
israelischer Ministerpräsident ist kein Sakrament und eine Regierung keine
Gedenkstätte.
Doch die umgekehrte Verkürzung ist ebenso falsch. Israel
wesentlich über seine „siedlerkoloniale
Struktur“ zu erklären, wie Hanloser es tut, mag Aspekte seiner Geschichte
erfassen, droht aber andere auszublenden: europäischen Antisemitismus, Pogrome,
jüdische Staatenlosigkeit und schließlich die Vernichtung der europäischen
Juden. Zionismus entstand nicht erst nach Auschwitz, und Auschwitz legitimiert
nicht jede israelische Politik. Aber jüdische Staatlichkeit lässt sich nach
Auschwitz auch nicht behandeln, als wäre ihre historische Besonderheit eine
lästige Fußnote einer ansonsten eindeutigen Kolonialgeschichte.
Eine universalistische Kritik muss beides können:
israelischen Nationalismus kritisieren und begreifen, weshalb jüdische
Selbstverteidigung historisch nicht irgendeine Variante gewöhnlicher
Nationalstaatsbildung ist. Ebenso wenig wird palästinensischer Nationalismus
dadurch emanzipatorisch, dass seine Gegner mächtiger sind. Internationalismus
besteht nicht darin, sich für den jeweils schwächeren Nationalismus zu
entscheiden.
Hanloser
selbst besteht zu Recht auf Kontext und Subtext, wenn Antisemitismus beurteilt werden
soll. Diese Methode müsste nur ebenso unerbittlich auf das eigene
politische Milieu angewandt werden. Wer „Zionismus“
sagt, sagt nicht automatisch Antisemitismus. Er sagt aber auch nicht
automatisch Internationalismus. Entscheidend ist, was damit erklärt wird: Wird
israelische Politik kritisiert oder werden Juden kollektiv verantwortlich
gemacht? Wird Herrschaft analysiert oder eine allmächtige „zionistische“
Macht imaginiert? Wird Kapitalismus kritisiert oder nach seinen angeblichen
Drahtziehern gesucht?
Genau hier bleibt das Gespräch schwach. Der
Antisemitismusvorwurf wird als gesellschaftliches Phänomen ausführlich nach
Produzenten, Interessen und Funktionen untersucht. Beim Antisemitismus selbst
genügt häufig die Feststellung, dass es ihn eben auch gebe. So entsteht keine
Leugnung, wohl aber eine Form der Selbstentlastung.
Eine illusionslose Linke hätte es schwerer. Sie könnte weder
mit dem Staat gegen jeden Israelkritiker noch mit jedem Israelkritiker gegen
den Staat marschieren. Sie müsste akzeptieren, dass eine Behörde aus einem
richtigen Befund eine repressive Maßnahme ableiten kann; dass ein Minister aus
moralisch richtigen Sätzen interessengeleitete Politik machen kann; und dass
ein Linker zugleich staatliche Repression richtig kritisieren und
antisemitischen Unsinn verbreiten kann.
Darin liegt die Verführung des Begriffs „Herrschaftsinstrument“.
Er beschreibt nicht nur die Macht, sondern verleiht demjenigen, gegen den sie
sich richtet, schnell die moralisch bequemere Rolle des Opfers. Doch wer
repressiert wird, hat deshalb nicht recht. Und wer herrscht, lügt deshalb nicht
notwendig. Materialistische Kritik sollte komplizierter sein als ein Western.
Die entscheidende Frage lautet daher zunächst nicht: Wem
nützt der Antisemitismusvorwurf? Sondern: Trifft er zu? Erst danach
ist zu fragen, wer ihn benutzt, mit welchem Interesse und mit welchen
Konsequenzen. Umgekehrt legitimiert selbst ein zutreffender
Antisemitismusvorwurf weder Demonstrationsverbote noch administrative Willkür.
Das Gespräch von Merg und Hanloser leugnet linken
Antisemitismus nicht. Es macht ihn jedoch kleiner, indem es seine Erscheinungen
als Fehler einer grundsätzlich aufgeklärten Tradition behandelt, während es den
Antisemitismusvorwurf als strukturelles Herrschaftsphänomen analysiert. Genau
darin liegt seine problematische Schieflage.
Eine emanzipatorische Linke besitzt keinen Anspruch auf
moralische Unschuld. Sie muss deutsche Staatsräson kritisieren können, ohne aus
jedem Gegner Israels einen Genossen zu machen; Antisemitismus in den eigenen
Reihen bekämpfen, ohne dafür die Zustimmung des Innenministeriums zu benötigen;
israelischen Nationalismus kritisieren, ohne jüdische Schutzlosigkeit aus der
Geschichte zu streichen; und palästinensisches Leid anerkennen, ohne
islamistische Täter zu Widerstandskämpfern umzudichten.
Der Antisemitismusvorwurf kann ein Herrschaftsinstrument
sein. Das ist eine Aussage über Herrschaft. Ob ein Vorwurf zutrifft, ist eine
andere Frage. Wer die zweite mit der ersten beantwortet, hat die Macht nicht
durchschaut, sondern sich vor einer unangenehmeren Möglichkeit geschützt: dass
der politische Gegner einen Vorwurf instrumentalisieren und trotzdem in der
Sache recht haben kann.