Das Recht wird mit abgeschoben
TL;DR; Trump versprach Millionen Abschiebungen, und ausnahmsweise bestand die Lüge des Wahlkampfs nicht darin, dass er sein Versprechen brechen würde. Täglich werden Tausende festgenommen, Milliarden in Haftanstalten gesteckt und Menschen in Drittländer verfrachtet. Autokratisch regierte Staaten erhalten Geld dafür, diejenigen wegzusperren, die Washington loswerden will. Ohne Urteil, ohne absehbares Haftende und möglichst außerhalb der Reichweite amerikanischer Gerichte. Die Menschen verschwinden hinter Grenzen – und mit ihnen, so die Hoffnung der Regierung, ihre Rechte.
Die Trump-Regierung bezahlt autokratisch regierte Staaten dafür, Menschen aufzunehmen und auf unbestimmte Zeit festzuhalten. Wo amerikanisches Recht stört, wird nicht die Haft beendet, sondern der Häftling exportiert.
Donald Trump gewann die Wahl mit dem Versprechen, Millionen
Einwanderer abzuschieben. Viele hielten das für Wahlkampfrhetorik, also für
jene besondere Form der Lüge, bei der hinterher alle überrascht sind, wenn
einer Wort hält. Neunzehn Monate nach seinem Amtsantritt ist die Regierung
entschlossener denn je, ihr Versprechen einzulösen.
Beamte der Einwanderungsbehörden nehmen täglich rund 2.000
Menschen fest. Vergangene Woche wurde außerdem bekannt, dass ICE-Beamte mit
Handschuhen ausgerüstet werden sollen, mit denen sich Elektroschocks
verabreichen lassen. Milliarden fließen in neue Haftanstalten.
Und weil selbst die Vereinigten Staaten nur über begrenzten
Platz zum Wegsperren verfügen, wird ausgelagert.
Von El Salvador bis Ruanda bezahlt die US-Regierung andere
Staaten dafür, Abgeschobene aufzunehmen. Nun berichtet die New York Times unter
der Überschrift „Er
wurde in ein Land deportiert, von dem er noch nie gehört hatte. Er wird
vielleicht nie wieder frei sein.“ darüber, wie die Trump-Regierung im
Ausland ein System unbefristeter Inhaftierung errichtet: Gefängnisse jenseits
der eigenen Grenzen, bezahlt mit amerikanischem Geld und möglichst weit
entfernt von amerikanischen Gerichten.
Dort werden Menschen eingesperrt, die weder angeklagt noch
verurteilt worden sind.
Sie werden gegen Geld in Drittländer geschafft und dort auf
unbestimmte Zeit interniert.
Menschen ohne Urteil. Ohne absehbares Ende der Haft. Ohne
wirksame Möglichkeit, sich gegen ihre Gefangenschaft zu wehren.
Für die Betroffenen bedeutet „unbefristet“ dabei nicht
irgendeine juristische Feinheit. Es bedeutet: kein Datum. Kein Ende. Keine
Gewissheit, jemals wieder freizukommen.
So entsteht etwas, das die Wirkung einer Strafe hat, ohne
eine sein zu müssen – und deshalb ohne das lästige Beiwerk, das der Rechtsstaat
für eine Strafe einmal vorgesehen hatte: Anklage, Verfahren, Urteil, bestimmtes
Strafmaß. An ihre Stelle tritt die administrative Entscheidung. Ein Mensch wird
zum Fall, der Fall zum Datensatz und der Datensatz zur Begründung dafür, dass
dieser Mensch verschwinden soll.
Wo eine Behörde feststellt, jemand halte sich illegal im
Land auf, kann am Ende eine Haft stehen, deren Dauer niemand bestimmt hat.
Nicht lebenslänglich nach einem Urteil, sondern womöglich lebenslang ohne
eines. Der Unterschied dürfte vor allem diejenigen interessieren, die nicht
darin sitzen.
Die Konstruktion ist so einfach wie praktisch: Man bezahlt
ein anderes, möglichst wenig rechtsstaatlich regiertes Land dafür, einen
Menschen wegzusperren, den man selbst nicht freilassen will. Und weil das
Gefängnis nicht in den Vereinigten Staaten steht, soll möglichst auch das Recht
dort nicht hinkommen.
Die Abschiebung ist damit nicht mehr das Ende staatlicher
Gewalt. Sie ist ihre Auslagerung. Ausgelagert werden das Gefängnis, der
Gefangene und, wenn alles nach Plan läuft, auch die Frage, aufgrund welchen
Rechts der eine im anderen sitzt.