Das BSW oder die Freiheit, nicht verantwortlich zu sein
TL;DR:Das BSW möchte zugleich
Opposition, Machtfaktor und unschuldiger Zuschauer sein. Wenn seine Enthaltung
der AfD nützt, sollen die „Alt-Parteien“ schuld sein; wenn Verdi daraus
Konsequenzen zieht, ist plötzlich die Demokratie bedroht. Verdis Entscheidung ist
diskutierbar – Kings Opferinszenierung beantwortet jedoch nicht die
entscheidende Frage nach der politischen Verantwortung des BSW.
Das BSW will parlamentarischen Einfluss, aber
keine Haftung für dessen Folgen. Verdi zieht daraus eine antifaschistische
Konsequenz – und Alexander King erklärt die verlorene Podiumseinladung
kurzerhand zum Demokratieproblem.
Die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi (Landesbezirk Berlin-Brandenburg) hat Alexander King, den
Berliner Landesvorsitzenden und Spitzenkandidaten des Bündnisses Sahra
Wagenknecht (BSW), offiziell von einer politischen Podiumsdiskussion ausgeladen. King,
der selbst Verdi-Mitglied ist, sollte ursprünglich am 31. August 2026 im
Vorfeld der Wahl zum Berliner Abgeordnetenhaus bei der Veranstaltung „Verdi
trifft Politik“ mit anderen Spitzenkandidaten diskutieren.
Das BSW ist, wenn man seiner eigenen Darstellung glauben
darf, inzwischen das erstaunlichste politische Wesen der Republik: stark genug,
um Mehrheiten zu verändern, aber immer zu schwach, um für deren Folgen
verantwortlich zu sein.
Sollte seine Enthaltung einem AfD-Ministerpräsidenten den
Weg ins Amt ebnen, dann waren es selbstverständlich die „Alt-Parteien“. Wird
daraus eine politische Konsequenz gezogen, dann sind es die undemokratischen
Funktionäre. Und wird Alexander King von einem einzigen Verdi-Podium
ausgeladen, dann ist er – während er Zeitungen Interviews gibt und öffentlich
ankündigt, vor der Veranstaltung aufzutreten – auch schon „mundtot“.
Mundtotigkeit war selten so gesprächig.
Verdi hat King weder die Kandidatur verboten noch seine
Partei verboten noch ihm das Wahlrecht entzogen. Die Gewerkschaft hat
entschieden, wem sie auf ihrer eigenen Veranstaltung ein Podium bietet. Das
kann man unklug finden. Man kann verlangen, dass politische Gegner öffentlich
konfrontiert werden. Aber daraus einen Anschlag auf die Demokratie zu machen,
heißt Demokratie mit dem Anspruch auf einen reservierten Stuhl zu verwechseln.
Noch bemerkenswerter ist Kings Lieblingsausweg: die
„Alt-Parteien“. Sie hätten die AfD groß gemacht, weshalb ausgerechnet das BSW
offenbar nicht mehr erklären müsse, was es selbst tut. Als hätte
parlamentarische Verantwortung ein Verfallsdatum, sobald man einen Schuldigen
für die Vorgeschichte gefunden hat.
Natürlich haben die Parteien, die seit Jahrzehnten
regieren, jede Menge zu verantworten. Sozialabbau, Abstiegsangst,
Nationalismus, autoritäre Zumutungen und die fortgesetzte Erfahrung, dass der
Mensch hauptsächlich als Kostenstelle und Konkurrenzsubjekt vorkommt,
verschwinden nicht deshalb aus der Geschichte, weil Verdi ein
antifaschistisches Schreiben aufsetzt.
Aber gerade deshalb ist der BSW-Trick so billig. Aus der
richtigen Feststellung, dass die Verhältnisse die Rechte hervorbringen, wird
die falsche Folgerung gebaut, man selbst könne ihr parlamentarisch den Weg
freihalten und anschließend unschuldig auf die Verhältnisse zeigen.
Wer einem Rechtsextremen nicht die Stimme gibt, ihm aber
sehenden Auges durch Enthaltung die notwendige Mehrheit verschafft, kann sich
über die Feinheit dieses Unterschieds freuen. Der Ministerpräsident wird
deshalb nicht weniger gewählt.
Verdis „rote Linie“ verdient dabei keine Heiligsprechung.
Eine Gewerkschaft beweist ihren Antifaschismus nicht allein dadurch, dass sie
jemanden auslädt. Antifaschismus, der bei Podiumsordnungen beginnt und bei
Tarifpolitik, sozialer Konkurrenz und den materiellen Bedingungen des
Ressentiments endet, wäre wohlfeil. Auch Verdi muss sich daran messen lassen,
ob die große historische Rhetorik mehr ist als die moralische Dekoration eines
Veranstaltungskalenders.
Aber zwischen dieser notwendigen Kritik und Kings
Selbstviktimisierung liegt ein beträchtlicher Unterschied.
Das BSW möchte Opposition gegen „die da oben“ sein,
Regierungsfähigkeit ausstrahlen, taktische Bewegungsfreiheit gegenüber der AfD
behalten und gleichzeitig von jeder Verantwortung für die Folgen dieser
Bewegungsfreiheit freigesprochen werden. Das ist keine höhere Dialektik. Es ist
politische Buchhaltung: Einfluss wird auf der Habenseite verbucht,
Verantwortung auf der Sollseite gestrichen.
Verdi darf dafür eine rote Linie ziehen.
Und wenn das BSW daraufhin vor dem Gebäude erscheint und
verkündet, man werde sich „nicht mundtot machen lassen“, liefert es
unfreiwillig den schönsten Kommentar zur eigenen Pose gleich mit: Niemand hört
so laut den angeblich zum Schweigen Gebrachten wie den, der über sein Schweigen
gerade die nächste Presseerklärung verschickt.