Wenn Antizionismus zur Straßenpatrouille wird

TL;DR: Kritik an Israel ist legitim. Wer aber behauptet, Teile einer Stadt seien von „parasitär israelischem Kapital infiltriert“, und Menschen willkürlich als „Zionisten“ markiert, macht sie kollektiv zu Feinden. Damit tritt an die Stelle von Kapitalismuskritik eine Personalisierung gesellschaftlicher Widersprüche. Das ist keine linke Analyse, sondern falsche Kapitalismuskritik mit strukturell antisemitischem Muster.

Screenshot eines englischsprachigen Nachrichtenartikels mit der Überschrift: „‘Anti-Zionist patrol’ in Thessaloniki sparks outrage from Greek Jewish community“. Darunter ein erklärender Untertitel, der auf einen Vorfall im Stadtteil Kalamaria verweist, 95 Jahre nach einem antisemitischen Pogrom.  Über dem unteren Bildbereich liegt ein großer, halbtransparenter weißer Text: „Wenn Antizionismus zur Straßenpatrouille wird“.  Das Bild zeigt eine nächtliche Straßenszene: Eine Gruppe von mehreren Personen bewegt sich gemeinsam durch eine Straße. Sie tragen überwiegend schwarze Kleidung; auf ihren Shirts sind Symbole in den Farben Rot, Weiß, Grün und Schwarz zu erkennen. Die Gesichter der Personen sind unkenntlich gemacht (verpixelt).  Im Hintergrund sind Gebäude, ein Baum und geparkte Fahrzeuge zu sehen, schwach beleuchtet durch Straßenlaternen. Die Szene wirkt organisiert und angespannt, wie ein gemeinsames Auftreten einer Gruppe im öffentlichen Raum.

Die „antizionistische Patrouille“ in Thessaloniki zeigt, wie schnell legitime Kritik an israelischer Politik in etwas anderes kippen kann: Nicht mehr das Kapitalverhältnis wird kritisiert, sondern „das israelische Kapital“. Damit verschiebt sich der Blick weg von ökonomischen Strukturen und hin zu einer national markierten Gruppe. Genau darin liegt das klassische Muster strukturellen Antisemitismus.

Schon die Bezeichnung der Aktion ist aufschlussreich. Die Organisatoren sprechen von einer „antizionistischen Patrouille“. Patrouillen gehen nicht in eine Debatte. Sie beobachten, kontrollieren, markieren. Sie richten sich nicht gegen politische Entscheidungen oder Argumente, sondern gegen Menschen, die zuvor als Feinde bestimmt wurden. Wer, wie das anarchistische Kollektiv Rouvikonas,  eine Stadt nach „Zionisten“ absuchen will, hat die Ebene politischer Kritik verlassen.

Noch deutlicher wird es in der Behauptung, Thessaloniki sei „parasitär vom israelischen Kapital infiltriert“. Das ist keine Kapitalismuskritik. Es ist ihr Gegenteil.

Linke Kapitalismuskritik fragt nach Eigentum, Profitlogik, Spekulation, Verdrängung und nach Kapital als gesellschaftlichem Verhältnis. Sie fragt nicht zuerst nach dem Pass eines Investors. Ob ein Viertel durch griechisches, deutsches, amerikanisches oder israelisches Kapital teurer wird, ist für die Analyse des Kapitalismus zunächst zweitrangig. Kapital hat keine Heimat.

Wer stattdessen „israelisches Kapital“ zum Kern des Problems erklärt, nationalisiert ein gesellschaftliches Verhältnis. Dann stehen nicht mehr Marktmechanismen, Renditeerwartungen oder Immobiliengeschäfte im Zentrum, sondern eine bestimmte nationale Gruppe. Aus der Kritik an Strukturen wird die Suche nach angeblichen Verursachern. Genau so funktioniert falsche Kapitalismuskritik.

Der Kapitalismus erscheint dann nicht mehr als System von Verhältnissen, sondern als Machenschaft bestimmter Menschen. Das ist keine Analyse, sondern Projektion. Wird diese Projektion an Juden festgemacht, oder in modernisierter Form an Israelis und „Zionisten“, spricht man zu Recht von strukturellem Antisemitismus. Früher hieß es „jüdisches Finanzkapital“. Heute heißt es „israelisches Kapital“. Die Wörter wechseln. Die Denkform bleibt.

Dafür muss niemand offen gegen Juden hetzen. Es reicht, gesellschaftliche Widersprüche auf eine nationale oder ethnische Gruppe zu verschieben und diese Gruppe als eigentlichen Motor ökonomischer Entwicklungen darzustellen. Genau dafür ist der Begriff des strukturellen Antisemitismus wichtig: Er beschreibt nicht nur Absichten, sondern auch die ideologische Form, in der gedacht und gesprochen wird.

Dass dieselben Aktivisten anschließend erklären, „Zionisten“ seien in ihren Städten nicht willkommen, bestätigt den Befund. Denn wer soll damit gemeint sein? Die israelische Regierung? Einzelne Minister? Die Siedlerbewegung? Laut Darstellung geht es um Israelis als Touristen, Geschäftsleute und Investoren. Menschen werden also wegen ihrer tatsächlichen oder zugeschriebenen Verbindung zu Israel selbst zum politischen Problem erklärt.

Dass diese Inszenierung ausgerechnet in Thessaloniki stattfand, 95 Jahre nach dem Campbell-Pogrom, gibt ihr eine zusätzliche historische Bitterkeit. Geschichte wiederholt sich nicht einfach. Aber sie hinterlässt Erfahrung. Schwarze Hemden, geschlossener Auftritt und die öffentliche Markierung einer als fremd definierten Gruppe sind Bilder, mit denen man gerade in dieser Stadt nicht leichtfertig spielen sollte.

Natürlich darf man die Politik jeder israelischen Regierung kritisieren. Man muss es sogar können. Wer das bestreitet, verwechselt Demokratie mit Loyalitätspflicht. Genauso falsch ist aber die Behauptung, jeder Hinweis auf Antisemitismus solle Kritik an Israel unterdrücken. Gerade weil Israel kritisiert werden darf, muss die Grenze klar bleiben: Regierungskritik ist etwas anderes als die Konstruktion eines nationalen oder ethnischen Feindkollektivs.

Die eigentliche Tragik liegt darin, dass sich Teile einer Linken, die Antisemitismus einmal als Bestandteil bürgerlicher Herrschaftsideologie analysiert haben, heute seiner Denkformen bedienen. Wo Kapitalismus nicht mehr als gesellschaftliches Verhältnis begriffen wird, sondern als Werk „des israelischen Kapitals“, ist die Kritik am Kapital bereits aufgegeben. Dann geht es nicht mehr um Emanzipation, sondern um Schuldige. Das war nie links. Es war immer reaktionär.

 


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