Wenn Antizionismus zur Straßenpatrouille wird
TL;DR: Kritik an Israel ist legitim. Wer aber behauptet, Teile einer Stadt seien von „parasitär israelischem Kapital infiltriert“, und Menschen willkürlich als „Zionisten“ markiert, macht sie kollektiv zu Feinden. Damit tritt an die Stelle von Kapitalismuskritik eine Personalisierung gesellschaftlicher Widersprüche. Das ist keine linke Analyse, sondern falsche Kapitalismuskritik mit strukturell antisemitischem Muster.
Die „antizionistische Patrouille“ in Thessaloniki zeigt,
wie schnell legitime Kritik an israelischer Politik in etwas anderes kippen
kann: Nicht mehr das Kapitalverhältnis wird kritisiert, sondern „das
israelische Kapital“. Damit verschiebt sich der Blick weg von ökonomischen
Strukturen und hin zu einer national markierten Gruppe. Genau darin liegt das
klassische Muster
Schon die Bezeichnung der Aktion ist aufschlussreich. Die Organisatoren
sprechen von einer „antizionistischen Patrouille“. Patrouillen gehen nicht
in eine Debatte. Sie beobachten, kontrollieren, markieren. Sie richten sich
nicht gegen politische Entscheidungen oder Argumente, sondern gegen Menschen,
die zuvor als Feinde bestimmt wurden. Wer, wie das anarchistische Kollektiv Rouvikonas, eine Stadt nach „Zionisten“ absuchen will, hat
die Ebene politischer Kritik verlassen.
Noch deutlicher wird es in der Behauptung, Thessaloniki sei
„parasitär vom israelischen Kapital infiltriert“. Das ist keine
Kapitalismuskritik. Es ist ihr Gegenteil.
Linke Kapitalismuskritik fragt nach Eigentum, Profitlogik,
Spekulation, Verdrängung und nach Kapital als gesellschaftlichem Verhältnis.
Sie fragt nicht zuerst nach dem Pass eines Investors. Ob ein Viertel durch
griechisches, deutsches, amerikanisches oder israelisches Kapital teurer wird,
ist für die Analyse des Kapitalismus zunächst zweitrangig. Kapital hat keine
Heimat.
Wer stattdessen „israelisches Kapital“ zum Kern des Problems
erklärt, nationalisiert ein gesellschaftliches Verhältnis. Dann stehen nicht
mehr Marktmechanismen, Renditeerwartungen oder Immobiliengeschäfte im Zentrum,
sondern eine bestimmte nationale Gruppe. Aus der Kritik an Strukturen wird die
Suche nach angeblichen Verursachern. Genau
so funktioniert falsche Kapitalismuskritik.
Der Kapitalismus erscheint dann nicht mehr als System von
Verhältnissen, sondern als Machenschaft bestimmter Menschen. Das ist keine
Analyse, sondern Projektion. Wird diese Projektion an Juden festgemacht, oder
in modernisierter Form an Israelis und „Zionisten“, spricht man zu Recht von
strukturellem Antisemitismus. Früher hieß es „jüdisches Finanzkapital“. Heute
heißt es „israelisches Kapital“. Die Wörter wechseln. Die Denkform bleibt.
Dafür muss niemand offen gegen Juden hetzen. Es reicht,
gesellschaftliche Widersprüche auf eine nationale oder ethnische Gruppe zu
verschieben und diese Gruppe als eigentlichen Motor ökonomischer Entwicklungen
darzustellen. Genau dafür ist der Begriff des strukturellen Antisemitismus
wichtig: Er beschreibt nicht nur Absichten, sondern auch die ideologische Form,
in der gedacht und gesprochen wird.
Dass dieselben Aktivisten anschließend erklären, „Zionisten“
seien in ihren Städten nicht willkommen, bestätigt den Befund. Denn wer soll
damit gemeint sein? Die israelische Regierung? Einzelne Minister? Die
Siedlerbewegung? Laut Darstellung geht es um Israelis als Touristen,
Geschäftsleute und Investoren. Menschen werden also wegen ihrer tatsächlichen
oder zugeschriebenen Verbindung zu Israel selbst zum politischen Problem
erklärt.
Dass diese Inszenierung ausgerechnet in Thessaloniki
stattfand, 95 Jahre nach dem Campbell-Pogrom, gibt ihr eine zusätzliche
historische Bitterkeit. Geschichte wiederholt sich nicht einfach. Aber sie
hinterlässt Erfahrung. Schwarze Hemden, geschlossener Auftritt und die
öffentliche Markierung einer als fremd definierten Gruppe sind Bilder, mit
denen man gerade in dieser Stadt nicht leichtfertig spielen sollte.
Natürlich darf man die Politik jeder israelischen Regierung
kritisieren. Man muss es sogar können. Wer das bestreitet, verwechselt
Demokratie mit Loyalitätspflicht. Genauso falsch ist aber die Behauptung, jeder
Hinweis auf Antisemitismus solle Kritik an Israel unterdrücken. Gerade weil
Israel kritisiert werden darf, muss die Grenze klar bleiben: Regierungskritik
ist etwas anderes als die Konstruktion eines nationalen oder ethnischen
Feindkollektivs.
Die eigentliche Tragik liegt darin, dass sich Teile einer
Linken, die Antisemitismus einmal als Bestandteil bürgerlicher
Herrschaftsideologie analysiert haben, heute seiner Denkformen bedienen. Wo
Kapitalismus nicht mehr als gesellschaftliches Verhältnis begriffen wird,
sondern als Werk „des israelischen Kapitals“, ist die Kritik am Kapital bereits
aufgegeben. Dann geht es nicht mehr um Emanzipation, sondern um Schuldige. Das
war nie links. Es war immer reaktionär.