Zum bayerischen Ausweichmanöver über den Stalino-Dreck aus der Linksjugend
TL;DR: Zur Kritik das Ausweichmanövers der Linken Bayern: Statt auf konkrete Vorwürfe gegen Funktionäre der Linksjugend einzugehen, werde über Kontext, Medienkritik und angebliche Kampagnen gesprochen. Der Kernvorwurf bleibt: Wer politische Sätze äußert, muss sich zu ihnen verhalten.
Wie Die
Linke Bayern auf handfeste Vorwürfe mit Nebelmaschinen antwortet – und warum
das mehr über den Zustand der Debatte sagt als über den Bayerischen Rundfunk
Die Pointe
liegt nicht in dem, was gesagt wird. Sie liegt in dem, was fehlt.
Es gibt
politische Erklärungen, die wie ein Dementi klingen. Es gibt andere, die eher
einem Geständnis ähneln. Und
dann gibt es Texte wie die „Stellungnahme zur Hetzkampagne“ der Linken
Bayern: ein Lehrstück darüber, wie man von einem Vorwurf spricht, ohne ihn
anzufassen.
Der Bayerische
Rundfunk hat schwere Vorwürfe gegen Funktionäre der Linksjugend öffentlich
gemacht. Nicht wegen eines missglückten Nebensatzes. Nicht wegen eines aus dem
Zusammenhang gefallenen Kommas. Auch nicht wegen eines schlechten Tages auf
Instagram. Nach Darstellung der BR-Recherche geht es um Hamas-Verharmlosung,
Holocaust-Analogien, Intifada-Rhetorik und die Parole „Israel Verrecke!“
Darüber kann man streiten. Man kann solche Sätze verteidigen, wenn man es
darauf anlegt. Man kann sie verurteilen. Was nicht geht: so tun, als stünden
sie gar nicht im Raum.
Die Kunst,
den Vorwurf zu umkreisen
Genau das
leistet das Statement.
Es beginnt mit
dem üblichen Ritual nach politischem Flurschaden. Aussagen seien „bewusst oder
unbewusst aus dem Kontext gerissen“ worden. Wissenschaftliche Einordnungen und
Ironie seien verkürzt. Die Berichterstattung sei einseitig. Der Zeitpunkt
verdächtig. Eine Beschwerde beim Presserat werde geprüft.
Sehr schön. Nur
ist die entscheidende Frage nicht, ob ein Journalist den Satz bis zum letzten
Atemzug mitzitiert hat. Die Frage lautet: Was wurde gesagt?
Wer den
BR-Bericht liest, findet konkrete Beispiele. Die Rede von israelischen
„Konzentrationslagern“. Die Losung „Israel Verrecke!“. Die Relativierung der
Hamas als angeblich nicht einfach islamistische Organisation. Positive Bezüge
auf Intifada, einen Begriff, dessen politische Geschichte nicht aus
Kindergeburtstagen besteht, sondern auch aus Anschlägen auf Zivilisten.
Bemerkenswert
ist nicht, dass Die Linke Bayern diese Aussagen verteidigt. Bemerkenswert ist,
dass sie ihnen ausweicht.
Wer sagt, ein
Zitat sei aus dem Zusammenhang gerissen, sollte den Zusammenhang liefern. Wer
behauptet, eine Aussage werde verzerrt, müsste zeigen, worin die Verzerrung
besteht. Wer Skandalisierung beklagt, könnte die unskandalisierte
Originalfassung vorlegen.
Nichts davon
geschieht.
Der Text
schleicht um die Vorwürfe herum wie eine Katze um die nasse Stelle auf dem
Küchenboden.
Als
Kommunikationsstrategie ist das nicht neu. Wer keine Antwort hat, greift die
Frage an. Wer den Inhalt nicht halten kann, redet über das Verfahren. Wer
politisch im Morast steht, nennt ihn Metaebene.
Hier liegt das
Problem.
Das Statement
verlangt für die eigenen Leute maximale Kontextpflege. Für die
Berichterstattung gilt dieser Maßstab plötzlich nicht mehr. Da reichen
Andeutungen. Da genügt der Verdacht einer Absicht. Da werden „Narrativ“ und
„Zeitpunkt“ zu Beweisstücken einer Kampagne.
Man kennt das.
Es ist die alte Technik des Angeklagten, der nicht erklärt, warum er unschuldig
ist, sondern warum der Staatsanwalt schlechte Manieren hat.
Das kann
wirken. Es klärt nur nichts.
Dabei wäre
Differenzierung möglich gewesen. Natürlich gibt es Fälle, in denen Kontext
zählt. Ein Mao-Meme lässt sich nicht immer wie ein Parteitagsbeschluss lesen.
Politische Subkulturen arbeiten mit Ironie, Übertreibung, Anspielung. Memes
existieren. Ironie existiert. Dummheit übrigens auch.
Gerade deshalb
fällt auf, wo das Kontextargument verschwindet.
Die Aussage
über Mauertote als Opfer auf dem Weg zum Sozialismus wurde nach den
vorliegenden Darstellungen nicht als Meme in die Welt gesetzt. Sie wurde
politisch vertreten. Mit Anspruch. Mit Bedeutung. Da endet die Ausrede des
Kontextes, und die Verantwortung des Sprechers beginnt.
In der
Nahost-Frage ist es nicht anders.
Welcher
Zusammenhang macht „Israel Verrecke!“ akzeptabel?
Das klingt
polemisch, ist aber nur schlicht. Wenn die Verteidigung lautet, alles sei aus
dem Zusammenhang gerissen, dann muss dieser Zusammenhang irgendwann auftauchen.
Er tut es
nicht.
An dieser
Stelle hätte Hermann L. Gremliza, der 2019 in Hamburg verstorbene
Herausgeber der Zeitschrift konkret, vermutlich Freude gehabt,
keine heitere. Gremliza nahm politische Sprache ernst. Nicht mystisch, nicht
pädagogisch, nicht moralinsauer. Wörtlich. Entscheidend war, was da stand.
Nicht, welche Absichten später hineingelesen wurden. Nicht, welche Pressestelle
hinterher Schaum vor die Tür legte. Nicht, welche Feinde sich sonst noch finden
ließen.
Die Frage war
einfach: Steht der Satz dort oder steht er nicht dort?
Aus dieser
Perspektive wirkt das bayerische Statement auffällig weich. Es bestreitet die
Tatsachen kaum. Es bestreitet eher ihre politische Bedeutung. Und selbst das
nur durch die Blume.
Besonders klar
wird das beim Verweis auf die AfD.
Ja, von der
extremen Rechten geht eine erhebliche Gefahr für jüdisches Leben aus. Das ist
keine originelle Einsicht, sondern eine Feststellung. Nur beantwortet sie keine
der hier offenen Fragen.
Wenn der
Feuerwehrmann Rauch im Keller meldet, ist „Aber der Dachstuhl brennt stärker“
keine Entwarnung.
Der Hinweis auf
rechte Antisemiten widerlegt keinen linken Antisemitismus. Er widerlegt nicht
einmal einen einzigen Satz.
Darum wirkt
dieser Abschnitt wie ein Themenwechsel in politisch brauchbarer Verpackung.
Noch
interessanter ist eine andere Frage: Wo war der Landesvorstand, bevor der BR
berichtete?
Wer die
Debatten in der Linksjugend in den vergangenen Jahren verfolgt hat, kann kaum
überrascht gewesen sein. Streit über Stalin-Verherrlichung, Thälmann-Kult,
autoritäre Traditionspflege und antiisraelische Radikalisierung kam nicht aus
dem Nichts. Mitglieder haben darüber gesprochen. Funktionäre kannten die
Konflikte. Warnungen lagen herum, nicht irgendwo im Archiv, sondern auf dem
Tisch.
Wenn das
zutrifft, ergibt sich ein unangenehmes Bild.
Nicht der BR
hat das Problem geschaffen. Er hat darüber berichtet.
Das Problem war
schon da.
Die Schwäche
des Statements liegt daher nicht in einzelnen schiefen Formulierungen. Sie
steckt in seiner ganzen Bauart. Der Text hält Verteidigung für Widerlegung,
Kontext für Entlastung und Medienkritik für Argument.
Am Ende steht
ein Dokument, das erstaunlich viel über Journalismus sagt und erstaunlich wenig
über die dokumentierten Aussagen.
Vielleicht ist
genau das der Sinn.
Vielleicht soll
gar nicht geprüft werden, ob bestimmte Äußerungen politisch verkommen sind.
Vielleicht soll nur verhindert werden, dass man über sie spricht.
Doch Politik
beginnt dort, wo man sich zu den eigenen Worten verhält. Nicht zu den
Schlagzeilen. Nicht zu Kommentaren. Nicht zu Journalisten.
Zu den eigenen
Worten.
An diesem Punkt
liest sich die „Stellungnahme zur Hetzkampagne“ wie ein Text aus Gummi:
dehnbar, elastisch, schwer zu greifen, jederzeit bereit, jeder konkreten Form
auszuweichen.
Die offene
Frage lautet deshalb nicht, ob der BR fair berichtet hat. Darüber kann man
streiten.
Die
interessantere Frage lautet: Warum fällt es einer Partei leichter, eine
Berichterstattung anzugreifen, als die eigenen politischen Milieus zu befragen?