Wenn der Fluss heiß wird, hilft auch kein Atomfetisch

TL;DR: Die aktuelle Hitzewelle entlarvt einen zentralen Widerspruch der Atomkraft-Rhetorik. Während Kritiker der Energiewende Kernenergie als Garant für Versorgungssicherheit feiern, mussten mehrere Atomkraftwerke in Frankreich und der Schweiz wegen zu warmer Flüsse abgeschaltet oder gedrosselt werden. Wer ausgerechnet in Hitzewellen auf Atomkraft als Allheilmittel setzt, ignoriert die physikalische Realität.

Screenshot einer Social-Media-Diskussion mit zwei Beiträgen übereinander.  Im oberen Teil ist ein Beitrag von Birgit Kelle (verifizierter Account, blaues Häkchen) zu sehen, veröffentlicht vor „18 Min.“. In ihrem längeren deutschen Text argumentiert sie, dass mit Klimaanlagen in Krankenhäusern Todesfälle vermeidbar gewesen wären, kritisiert politische Entscheidungen und stellt einen Zusammenhang zwischen Ideologie, Energiepolitik und vermeidbaren Todesfällen her.  Über diesen oberen Beitrag ist ein großer, halbtransparenter weißer Text gelegt: „Wenn der Fluss heiß wird, hilft auch kein Atomfetisch“.  Darunter folgt ein zweiter Beitrag von Ali Utlu („Folgen“, veröffentlicht vor „22 Std.“). In seinem Text behauptet er, dass ohne die Stilllegung von Kernkraftwerken in Deutschland und Belgien Klimaanlagen stärker genutzt werden könnten und dabei weniger CO₂-Emissionen entstanden wären. Zudem kritisiert er „die Grünen“ und macht sie für zahlreiche Todesfälle verantwortlich.  Die Darstellung entspricht einer typischen Social-Media-Oberfläche mit Profilbildern, Namen, Zeitangaben und Textbeiträgen.


Während Klimaskeptiker, die AfD und andere Atomkraft-Lobbyisten den Atomausstieg für die Folgen der Hitzewelle verantwortlich machen, zeigt die Realität das Gegenteil: Ausgerechnet bei extremer Hitze müssen Kernkraftwerke regelmäßig ihre Leistung drosseln oder ganz vom Netz gehen.

Man muss den Klimaskeptikern eines lassen: Sie verfügen über eine bemerkenswerte Fähigkeit, selbst die Realität als bloße Meinungsäußerung zu behandeln. Kaum steigt das Thermometer über die Dreißig, beginnt das vertraute Ritual. Schuld ist nicht die Hitze. Schuld ist der Atomausstieg.

Während in Frankreich Reaktor um Reaktor heruntergefahrenwird, weil die Flüsse zu warm geworden sind, erklären deutsche Atomromantiker, ohne Kernkraft wäre jetzt alles noch viel schlimmer. Das ist ungefähr so überzeugend, als würde man den Regenschirm für das Hochwasser verantwortlich machen.

Die Physik zeigt sich dabei unerquicklich unideologisch. Ein Kernkraftwerk braucht Kühlwasser. Wird der Fluss zu warm, muss gedrosselt oderabgeschaltet werden. Nicht, weil Greenpeace nachts heimlich den Schalter umlegt, sondern weil Wasser nun einmal keine Parteitagsbeschlüsse kennt.

Doch die Wirklichkeit ist für den Atomfetischisten nur lästiges Hintergrundrauschen. Er hält an seinem Reaktor fest wie andere an Wunderheilern oder Horoskopen. Dass ausgerechnet in Hitzewellen regelmäßig Atomkraftwerke vom Netz gehen, wird ignoriert. Stattdessen wird der deutsche Atomausstieg zum Universalschlüssel für jedes Problem erklärt – ganz gleich, ob die Tür überhaupt dazu passt.

Natürlich brauchen Krankenhäuser und Pflegeheime wirksamenHitzeschutz. Natürlich kostet das Energie. Aber wer daraus schließt, Atomkraft sei deshalb die widerspruchsfreie Lösung, verwechselt Wunschdenken mit Energiepolitik.

Die Pointe dieser Debatte ist unfreiwillig komisch: Ausgerechnet jene, die anderen Ideologie vorwerfen, erklären eine Technologie für krisenfest, die gerade in der Krise regelmäßig an ihre Grenzen stößt. Die Hitzewelle hat wieder einmal gezeigt: Gegen physikalische Tatsachen hilft keine politische Erregung. Nur leider verbreitet sie sich deutlich schneller als kühles Flusswasser.

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