Wenn der Fluss heiß wird, hilft auch kein Atomfetisch
TL;DR: Die aktuelle Hitzewelle entlarvt einen zentralen Widerspruch der Atomkraft-Rhetorik. Während Kritiker der Energiewende Kernenergie als Garant für Versorgungssicherheit feiern, mussten mehrere Atomkraftwerke in Frankreich und der Schweiz wegen zu warmer Flüsse abgeschaltet oder gedrosselt werden. Wer ausgerechnet in Hitzewellen auf Atomkraft als Allheilmittel setzt, ignoriert die physikalische Realität.
Während Klimaskeptiker, die AfD und andere
Atomkraft-Lobbyisten den Atomausstieg für die Folgen der Hitzewelle
verantwortlich machen, zeigt die Realität das Gegenteil: Ausgerechnet bei
extremer Hitze müssen Kernkraftwerke regelmäßig ihre Leistung drosseln oder
ganz vom Netz gehen.
Man muss den Klimaskeptikern eines lassen: Sie verfügen über
eine bemerkenswerte Fähigkeit, selbst die Realität als bloße Meinungsäußerung
zu behandeln. Kaum steigt das Thermometer über die Dreißig, beginnt das
vertraute Ritual. Schuld ist nicht die Hitze. Schuld ist der Atomausstieg.
Während in Frankreich Reaktor um Reaktor heruntergefahrenwird, weil die Flüsse zu warm geworden sind, erklären deutsche Atomromantiker,
ohne Kernkraft wäre jetzt alles noch viel schlimmer. Das ist ungefähr so
überzeugend, als würde man den Regenschirm für das Hochwasser verantwortlich
machen.
Die Physik zeigt sich dabei unerquicklich unideologisch. Ein
Kernkraftwerk braucht Kühlwasser. Wird der Fluss zu warm, muss gedrosselt oderabgeschaltet werden. Nicht, weil Greenpeace nachts heimlich den Schalter
umlegt, sondern weil Wasser nun einmal keine Parteitagsbeschlüsse kennt.
Doch die Wirklichkeit ist für den Atomfetischisten nur
lästiges Hintergrundrauschen. Er hält an seinem Reaktor fest wie andere an
Wunderheilern oder Horoskopen. Dass ausgerechnet in Hitzewellen regelmäßig
Atomkraftwerke vom Netz gehen, wird ignoriert. Stattdessen wird der deutsche
Atomausstieg zum Universalschlüssel für jedes Problem erklärt – ganz gleich, ob
die Tür überhaupt dazu passt.
Natürlich brauchen Krankenhäuser und Pflegeheime wirksamenHitzeschutz. Natürlich kostet das Energie. Aber wer daraus schließt, Atomkraft
sei deshalb die widerspruchsfreie Lösung, verwechselt Wunschdenken mit
Energiepolitik.
Die Pointe dieser Debatte ist unfreiwillig komisch:
Ausgerechnet jene, die anderen Ideologie vorwerfen, erklären eine Technologie
für krisenfest, die gerade in der Krise regelmäßig an ihre Grenzen stößt. Die
Hitzewelle hat wieder einmal gezeigt: Gegen physikalische Tatsachen hilft keine
politische Erregung. Nur leider verbreitet sie sich deutlich schneller als
kühles Flusswasser.