Südafrikas Regierung entwaffnet den Mob – indem er sein Programm übernimmt
TL;DR: Südafrikas Präsident Cyril Ramaphosa
(ANC) weist Selbstjustiz und
fremdenfeindliche Gewalt zurück, übernimmt mit verschärften Abschiebungen,
Grenzkontrollen und neuen Einwanderungsgesetzen jedoch wesentliche Forderungen
der migrationsfeindlichen Bewegung. Statt die Ursachen von Arbeitslosigkeit und
Ungleichheit anzugehen, macht auch er Migration zum Sündenbock.
Südafrikas Präsident
Cyril Ramaphosa (ANC) hat vor drei Wochen in einer Ansprache an die Nation Gewand.
In ihr verurteilte er fremdenfeindliche und Rassistische Gewalt und übernahm dann
zugleich fast das ganze Programm des Mobs, verschärft Einwanderungsrecht,
Grenzschutz und Abschiebepolitik.
In den letzten Monaten
haben selbsternannte Bürgerwehren in Südafrika beschlossen, sie seien ab
dem 30. Juni die Passbehörde der Republik. Wer einen fremden Akzent hat, soll
verschwinden; wer fremd aussieht, muss sich ausweisen; wer keinen Zettel
vorzeigen kann, verliert mitunter nicht nur seine Hütte, sondern sein Leben. Der Staat erklärt
diese Privatpolizei für rechtswidrig – und übernahm
heute Abend beinahe ihr gesamtes Programm.
Cyril Ramaphosa
hat in seiner Fernsehansprache
den Mob gerügt. Man solle keine Gewalt anwenden, keine Menschen jagen,
keinen Gerüchten aus den sozialen Netzwerken glauben. Richtig. Nur folgt auf
diese rechtsstaatliche Einleitung ein Maßnahmenkatalog, der den Brandstiftern
signalisiert: Eure
Methoden sind verwerflich, eure Diagnose übernehmen wir.
Mehr
Abschiebungen. Mehr Grenzschutz. Mehr Kontrollen. Mehr Polizei. Mehr Gerichte.
Mehr biometrische Erfassung. Mehr Quoten für ausländische Beschäftigte.
Jede gesellschaftliche Krise bekommt ihre Uniform, ihren Stempel und ihre
Datenbank.
Der
südafrikanische Kapitalismus, der seit Jahrzehnten Millionen Menschen
arbeitslos hält, erklärt den Arbeiter aus Simbabwe zum Konkurrenten des
Arbeiters aus Soweto. Der Unternehmer, der beide für Hungerlöhne beschäftigt,
bleibt Unternehmer; der Staat, der dies jahrzehntelang hinnahm, entdeckt
plötzlich seine Entschlossenheit – nicht gegen Ausbeutung, sondern gegen jene,
die ihr ausgeliefert sind.
Dass
Arbeitgeber künftig härter bestraft werden sollen, klingt zunächst erfreulich.
Die einfachere Lösung wäre allerdings gewesen, das Arbeitsrecht konsequent
durchzusetzen, statt den Eindruck zu erwecken, die Nationalität des
Beschäftigten sei das Problem. Nicht der Pass drückt den Lohn, sondern der
Unternehmer, der weiß, dass Not billiger ist als Tarifverträge.
Ramaphosa
erklärt, Südafrika habe die Spaltung überwunden. Das wäre eine Neuigkeit.
Die Apartheid ist juristisch besiegt; ihre soziale Anatomie lebt in den
Townships, den Minen, den Villensiedlungen und den Arbeitslosenstatistiken
fort. Wer diese Wirklichkeit mit Grenzzäunen beantworten will, verwechselt
Geografie mit Gesellschaft.
Gewiss: Ein
Staat hat das Recht und die Pflicht, sein Einwanderungsrecht durchzusetzen. Er
muss Korruption bekämpfen, Verfahren ordnen und Menschenhandel verhindern. Wenn
die politische Debatte jedoch fast nur noch um Abschiebungen kreist, während
Arbeitslosigkeit, Ungleichheit und die Macht wirtschaftlicher Eliten zur
Randnotiz werden, erfüllt Migration dieselbe ideologische Funktion wie seit
jeher: Sie verwandelt soziale Verhältnisse in nationale Konflikte.