Luigi Pantisano, Eva von Angern und das Problem politischer Begriffe
TL;DR: Eva von Angern widerspricht Luigi Pantisanos CDU-Faschismus-Vergleich nicht aus Milde gegenüber der CDU, sondern aus politischer Vernunft. Wer CDU und Faschismus gleichsetzt, macht jede Strategie unglaubwürdig, mit demokratischen Kräften eine AfD-Regierung zu verhindern. Die Kolumne zeigt, wie ein überdehnter Faschismusbegriff politische Analyse verdrängt und moralische Empörung an ihre Stelle setzt.
Die Linke in Sachsen-Anhalt will eine Regierungsbeteiligung der AfD verhindern. Dafür hält sie auch eine Zusammenarbeit mit der CDU für denkbar. Gleichzeitig erklärt ihr neuer Bundesvorsitzender die CDU zum Teil eines faschistischen Problems. Das ist mehr als eine unglückliche Formulierung. Hier zeigt sich ein politischer Widerspruch, der weit über die Person Luigi Pantisano hinausreicht.
Politische Begriffe haben ein Problem: Sie verschleißen. Oft
nicht durch ihre Gegner, sondern durch jene, die sie besonders häufig
verwenden. Beim Wort „Faschismus“ ist das besonders heikel. Wer diesen Begriff
benutzt, äußert nicht einfach nur Ablehnung. Er markiert eine Grenze. Er sagt
nicht bloß: Diese Politik ist falsch. Er sagt: Diese Politik verlässt den
demokratischen Rahmen.
Darum ist die schärfste
Stelle im Interview mit Eva von Angern nicht ihre Kritik an der CDU. Es ist
ihre Kritik an Luigi Pantisano. Ihr Vertrauen sei „erschüttert“, sagt sie,
nachdem dieser die CDU mit Faschismus in Verbindung gebracht hatte. Vor allem
warnt sie davor, den Begriff inflationär zu verwenden, weil das am Ende den
Faschismus selbst relativiere.
Man muss der CDU nicht nahestehen, um diesen Einwand für
politisch vernünftig zu halten.
Denn die entscheidende Frage ist nicht, ob Pantisano sich
ungeschickt ausgedrückt hat. Entscheidend ist etwas anderes: Wie will eine
Partei die AfD verhindern, wenn sie zugleich jene Partei, mit der sie dafür
möglicherweise zusammenarbeiten muss, als faschistisch beschreibt?
An diesem Punkt hört die Debatte auf, eine reine Sprachfrage
zu sein. Sie wird zu einem strategischen Problem.
Von Angern macht im Interview klar, dass sie eine
Zusammenarbeit mit der CDU nicht grundsätzlich ausschließt. In Sachsen-Anhalt
arbeite man längst zusammen, sagt sie. Zugleich betont sie, die Linke sei
bereit, „sehr viel zu tun, um ein Mitregieren der AfD zu verhindern“.
Diese Haltung kann man ablehnen. Aber sie ist in sich
schlüssig. Sie setzt voraus, dass es zwischen CDU und AfD einen Unterschied
gibt. Einen erheblichen Unterschied.
Wer die CDU dagegen dem Faschismus zurechnet, beschädigt
genau die Grundlage, auf der jede antifaschistische Bündnispolitik steht. Denn
wäre die CDU tatsächlich faschistisch, gäbe es keinen demokratischen Grund
mehr, sie der AfD vorzuziehen. Eine AfD-Regierung durch Kooperation mit der CDU
zu verhindern, wäre dann keine Strategie gegen den Faschismus, sondern nur eine
Entscheidung zwischen Varianten desselben Problems.
Die Versuchung der moralischen Abkürzung
Die Logik des politischen Kurzschlusses
Politik liebt große Wörter. Sie klingen entschlossen und
sparen oft die mühsame Arbeit genauer Begründung.
Wer einen Gegner konservativ nennt, muss erklären, was an
dessen Politik falsch ist. Wer ihn faschistisch nennt, glaubt häufig, die
Erklärung gleich mitgeliefert zu haben. Das Urteil ersetzt dann die Analyse.
Genau so verliert ein Begriff seine Kraft.
Politische Sprache braucht Unterschiede. Wenn jede harte
Migrationspolitik faschistisch ist, jede Sozialkürzung faschistisch und jede
konservative Partei ebenfalls, bleibt vom Begriff kaum noch etwas übrig. Er
beschreibt dann nicht mehr. Er signalisiert nur noch Haltung.
Bemerkenswert ist, dass von Angern dieselbe Logik an anderer
Stelle des Interviews selbst zurückweist. Sie nennt es „absurd“, wenn
CDU-Politiker die Linke mit der AfD gleichsetzen. Zu Recht. Die Linke ist nicht
die AfD.
Aber der Satz gilt auch in die andere Richtung: Die CDU ist
nicht die AfD.
Wer politische Unterschiede nur dann verteidigt, wenn sie
der eigenen Seite nützen, verteidigt sie nicht wirklich. Er gebraucht sie
taktisch.
Genau darin liegt eine Schwäche vieler aktueller Debatten.
Empörung tritt an die Stelle von Analyse. Der härteste Vorwurf schlägt die
genaueste Beschreibung.
Für die Linke wäre jedoch gerade das Gegenteil wichtig. Wer
überzeugend gegen die AfD argumentieren will, muss erklären können, warum sie
etwas anderes ist als die CDU. Nicht weil die CDU harmlos wäre. Sondern weil
Demokratie davon lebt, Unterschiede wahrzunehmen und politisch ernst zu nehmen.
Die eigentliche Pointe des Interviews liegt deshalb darin,
dass ausgerechnet eine linke Spitzenpolitikerin auf einer begrifflichen
Selbstverständlichkeit besteht, die heute fast schon ungewohnt klingt: Nicht
jeder politische Gegner ist ein Faschist.
Das klingt banal. Ist es aber nicht. Denn wenn am Ende alle
Faschisten sind, ist keiner mehr einer. Und eine Demokratie, die ihre Begriffe
verliert, verliert irgendwann auch ihre Orientierung.