Die Müllabfuhr der Begriffe
TL;DR:Pantisanos Gleichsetzung von CDU, AfD und Faschisten wirkt kämpferisch, ist aber analytisch schwach. Wer alle Unterschiede zwischen Konservatismus, Rechtsextremismus und Faschismus einebnet, entwertet den Faschismusbegriff und schwächt die eigene Kritik.
Luigi Pantisano erklärt CDU, AfD und Faschisten kurzerhand für unterschiedslos. Das klingt radikal, ersetzt aber Analyse durch Parole.
Luigi Pantisano, designierter Vorsitzender der Linkspartei, hat
erklärt, es gebe „gar keinen Unterschied zwischen der CDU, die
faschistische Politik macht, der AfD oder den Faschisten selbst“. Das ist einer
jener Sätze, die im Saal zuverlässig Wärme erzeugen: Applaus, Zustimmung, das
gute Gefühl, auf der richtigen Seite zu stehen. Zur Erkenntnis trägt er wenig
bei.
Denn schon die Grammatik weiß mehr als ihr Autor. Pantisano
zählt drei Dinge auf: die CDU,
die AfD und „die Faschisten selbst“. hielte er, was zutreffend wäre, AfD
und Faschisten für deckungsgleich, hätte er sich den Umweg sparen können. Er
hätte wie jede/r Antifaschist*in (z,B, die Kolleg*innen von ver.di) von der
AfD als faschistischer Partei sprechen können, von den Faschisten in ihr oder
hinter ihr. Stattdessen stellt er sie nebeneinander, unterscheidet also
sorgfältig, nur um im nächsten Atemzug zu erklären, es gebe nichts zu
unterscheiden. Der Satz verrät, was die Parole verleugnet.
Das ist nicht bloß ein sprachlicher Unfall. Es ist die
kleine Logik einer politischen Rede, die Empörung mit Analyse verwechselt und
Lautstärke für Radikalität hält.
Gerade aus marxistischer Sicht ist diese Gleichsetzung
armselig. Die klassische marxistische Faschismustheorie, von August
Thalheimer, Georg
Lukács, Leo
Trotzki über Clara
Zetkin bis Georgi
Dimitroff, hat den Faschismus nicht als Kübelbegriff für alles Rechte,
Reaktionäre und Widerwärtige benutzt. Sie Unterschieden zwischen
bürgerlichen Parteien, autoritären Staatsphantasien, reaktionären Bewegungen
und faschistischer Massenmobilisierung. Die CDU wäre in dieser Analyse eine
Partei des Bürgertums: Verwalterin kapitalistischer Zustände, Garantin der
Ordnung, Sachwalterin der Eigentumsverhältnisse. Aber nicht deshalb schon eine
faschistische Organisation.
Marxistische Kritik an konservativen Parteien bestand nie
darin, sie durch Zuruf in Faschisten zu verwandeln. Sie bestand darin zu
zeigen, unter welchen Bedingungen konservative Eliten faschistische Kräfte
dulden, fördern, benutzen oder ihnen den Weg bereiten. Zwischen dem
Steigbügelhalter und dem Mann im Sattel besteht ein Unterschied. Wer ihn nicht
mehr sieht, hat die Analyse abgegeben und die Parole dafür eingetauscht.
Dabei gäbe es an Friedrich Merz und seiner CDU wahrlich
keinen Mangel an Angriffsflächen. Die Übernahme rechter Vokabeln in der
Migrationspolitik, die Verschiebung des Sagbaren nach rechts, die törichte
Hoffnung, man könne die AfD durch Nachahmung halbieren, während man ihr den
Resonanzraum verdoppelt – all das ließe sich scharf kritisieren. Und zwar
schärfer, als es das Etikett „faschistisch“ erlaubt.
Denn wenn CDU, AfD und Faschisten am Ende dasselbe sein
sollen, dann verschwindet alles, worauf es politisch ankäme: der Unterschied
zwischen parlamentarischem Konservatismus, autoritärem Rechtsruck,
Rechtsextremismus und faschistischer Herrschaft. Der Faschismusbegriff verliert
seine Geschichte und damit seine Schärfe. Übrig bleibt eine Beschimpfung, die
umso größer klingt, je weniger sie erklärt.
Die Ironie an Pantisanos Satz ist, dass seine Grammatik
intelligenter ist als seine Politik. Sprachlich trennt er CDU, AfD und
Faschisten. Politisch erklärt er sie zur selben Sache. Aus diesem Widerspruch
bezieht der Satz seine Wirkung – und seine Schwäche.
Die Linke hatte einmal den Anspruch eine Antifaschistische
Partei zu sein, die Verhältnisse zu begreifen, um sie zu verändern. Heute
scheint manchem schon zu genügen, sie mit dem schwersten Wort zu bewerfen, das
gerade greifbar ist. Das macht die Rede nicht radikaler. Nur ungenauer. Und wer
ungenau wird, ist am Ende nicht gefährlich für den Gegner, sondern nur für den
eigenen Verstand.