Die Mitte im Europaparlament rückt nach rechts und nennt es Ordnung

TL;DR: Der Kommentar kritisiert, dass Europas politische Mitte migrationspolitische Härte übernimmt und sie als Ordnungspolitik verkauft. Freiheitsentzug, Leistungskürzungen und Auslagerung in Drittstaaten werden dabei als Verwaltung normalisiert.

Titelbild eines Blogbeitrags mit der eingeblendeten Überschrift „Die Mitte im Europaparlament rückt nach rechts und nennt es Ordnung“.  Im Hintergrund ist der Plenarsaal des Europäischen Parlaments zu sehen: ein großer, halbkreisförmig angelegter Sitzungssaal mit dicht besetzten Sitzreihen. Zahlreiche Abgeordnete sitzen an ihren Plätzen, vor ihnen Tische mit Unterlagen und technischen Geräten. In der Mitte befindet sich das Rednerpult, dahinter eine Reihe von Flaggen der EU-Mitgliedstaaten.  Am oberen Bildrand steht „Tagesspiegel“. Am unteren Rand ist eine weitere Schlagzeile zu lesen: „Asylpolitik EU-Parlament stimmt Abschiebezentren in Drittstaaten zu“. Die Szene vermittelt eine laufende parlamentarische Sitzung und politische Entscheidungsprozesse.


Wenn Europa Freiheitsentzug ohne Straftat, Leistungskürzungen und Abschiebung in Drittstaaten als Verwaltung verkauft, bleibt vom Versprechen universeller Grundrechte nur noch Rhetorik.

418 Abgeordnete heben die Hand, und plötzlich soll es wieder vernünftig sein, Menschen einzusperren, die nichts getan haben, außer da zu sein. Zwei Jahre Haft. Nicht wegen einer Straftat. Nicht nach einem Urteil. Nicht einmal, weil Schuld festgestellt wurde. Sondern weil jemand bei der eigenen Abschiebung nicht ausreichend „mitwirkt“. Darin liegt die sprachliche Meisterleistung dieser Politik: Aus Zwang wird Kooperation, aus Freiheitsentzug Verwaltung, aus Entrechtung Ordnung.

Der Rechtsstaat, so hat man es einmal gelernt, soll den Einzelnen vor der Willkür des Staates schützen. Nun wird dieses Prinzip umgedreht. Der Betroffene soll an seiner eigenen Entfernung mitarbeiten. Er soll Papiere beschaffen, seine Ausweisung erleichtern, seine Abschaffung organisieren. Tut er das nicht, werden Leistungen gekürzt, Dokumente beschlagnahmt, Türen verriegelt. Der Staat verlangt damit nicht nur Gehorsam, sondern aktive Beteiligung an der eigenen Bestrafung.

Und als wäre das nicht bedrückend genug, sollen Menschen künftig in „Return Hubs“ außerhalb der Europäischen Union verschwinden. Die Wortschöpfer dieser Zeit leisten Erstaunliches. Früher nannte man solche Orte Lager. Heute heißen sie Hubs. Das klingt nach Logistik, nach Effizienz, nach moderner Verwaltung. Menschen werden nicht mehr abgeschoben, sie werden gemanagt.

Aufschlussreich ist dabei nicht einmal die Zustimmung der äußersten Rechten. Ihre Begeisterung für Abschreckung, Ausgrenzung und Härte gehört zum festen Bestand ihrer Politik. Wirklich bemerkenswert ist etwas anderes: Die Einigung über die neuen Asylregeln wurde durch einen gemeinsamen Beschluss der Europäischen Volkspartei unter Manfred Weber und des rechten Flügels im EU-Parlament möglich. Die politische Mitte sucht die Rechte nicht mehr auf, um sie zu stellen oder zu begrenzen. Sie sucht sie auf, um Mehrheiten zu organisieren. Die entscheidende Grenze verläuft nicht mehr zwischen Konservativen und Rechtsaußen. Sie verläuft zwischen denen, die noch wissen, dass Grundrechte universell gelten müssen, und denen, die sie für verhandelbar halten.

Wenn rechte Abgeordnete nach der Abstimmung „Send them back“ rufen und dafür Applaus bekommen, ist das kein bloß peinlicher Zwischenfall. Es ist die ehrlichste Zusammenfassung dessen, was zuvor in Gesetzesform gebracht wurde. Die Parolen kamen erst nach der Abstimmung. Im Entwurf standen sie längst.

Europa erzählt sich gern, es habe aus den Katastrophen des 20. Jahrhunderts gelernt. Nun feiert es die Möglichkeit, Menschen ohne Straftat jahrelang einzusperren, ihnen Leistungen zu streichen und sie in Drittstaaten auszulagern, weil ihre bloße Anwesenheit zum Problem erklärt wird. Die Frage ist längst nicht mehr, wie weit man nach rechts rückt. Die Frage ist nur noch, wie lange man behaupten kann, dabei in der Mitte geblieben zu sein.

 

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