Die letzten Deutschen

 TL;DR: Höcke sortiert „Deutsche“ wie Ware: West als amerikanisiert, Ost als angeblich unverfälschtes Reservat. Das ist keine Analyse, sondern ein Nationalmythos mit Verschwörung, Untergangspathos und dem Wunsch, Auschwitz aus dem Weg zu räumen. Imaginäres Volk, reale Feinde.

Titelbild eines Beitrags mit einem Ausschnitt einer Artikelseite. Oben steht die Einordnung „Krudes Podcast-Interview“. Darunter folgt die Überschrift: „Björn Höcke: Die letzten Deutschen lehnen das Deutschsein ab“.  Unter der Überschrift befindet sich ein kurzer Einleitungstext, der beschreibt, dass Höcke erneut vor einem Mikrofon sitzt und radikale Thesen verbreitet, darunter eine eigene Definition davon, wer als „echter Deutscher“ gilt.  Über dem Bild liegt ein großer, halbtransparenter Text: „Die letzten Deutschen“.

Björn Höcke findet ein Volk – und zwar dort, wo es am verlässlichsten ist: in seinem Kopf.

Nun hat Björn Höcke also inventarisiert. Er stellt die Deutschen in zwei Regale: hier die bloß noch „deutsch sprechenden Amerikaner“, dort – bevorzugt jenseits der Elbe – die „deutsch sprechenden Deutschen“. Man muss erst einmal auf die Idee kommen, einen Satz so zu bauen, dass er zugleich nichts sagt und alles behauptet. Die Rechte schafft das mit der Routine des schlechten Handwerks.

Höcke redet von „Deutschland“ wie ein Antiquar von einer angeblich unersetzlichen Vase: einmal makellos, dann angeknackst, schließlich von fremden Fingern beschmutzt. Der politische Gehalt dieser Erzählung ist alt und unerquicklich: Es gibt ein ursprüngliches Volk, es gibt Verderber, es gibt einen Verlust – und es gibt einen Auftrag zur Rückgängigmachung. Nationalismus ist die immer gleiche Leier, nur in wechselnder Tonlage.

Der Westdeutsche, so lernen wir, sei von Amerika usurpiert worden. Als hätte man ihm nachts die Seele herausoperiert und durch einen Cheeseburger ersetzt. Der Ostdeutsche dagegen darf als ethnographisches Schongebiet herhalten, ein Reservat, in dem „das Deutsche“ noch unberührt herumliegt – konserviert wie ein Präparat im Glas.

Wer so spricht, beschreibt keine Gesellschaft. Er bastelt sich einen Volkskörper, den er anschließend mit großer Geste beklagen kann: hier die Wunde, dort der Täter, und dazwischen die Pose des Trauernden, der sich zugleich zum Retter ernennt.

Folgerichtig fehlt auch die Untergangsmusik nicht. Deutschland stehe vor dem Ende, Eliten arbeiteten gegen das Volk, die Nation werde „ausgetauscht“. Das Personal dieser Schauergeschichte kann wechseln, die Dramaturgie bleibt dieselbe: Schuld sind nie die Verhältnisse, nie die sozialen Kämpfe, nie die handfesten Interessen – sondern immer die fremden Mächte, die angeblich im Verborgenen ziehen. Nationalismus braucht Verschwörung wie andere Ideologien Argumente: ohne geht’s nicht.

Und natürlich stört bei alledem Auschwitz. Nicht weil die Erinnerung daran „übertrieben“ wäre, sondern weil sie der nationalen Selbstverklärung im Weg steht. Wer Deutschland wieder lieben lernen will, soll vorher lernen, weniger von seinen Verbrechen zu reden. Genau darum geht es, wenn über „Erinnerungskultur“ geklagt wird: nicht um Wahrheit, sondern um Erleichterung.

Höcke verkauft seinen Anhängern eine Identität, die es so nie gab, und einen Verlust, der nie stattgefunden hat. Das, was er „Deutschland“ nennt, ist keine historische Wirklichkeit, sondern eine sentimentale Erfindung – ein Heimatroman, geschrieben gegen die Wirklichkeit. Gerade deshalb ist sie so verführerisch und politisch so gefährlich. Denn wer ein eingebildetes Volk retten will, braucht am Ende sehr reale Feinde.

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