Die letzten Deutschen
TL;DR: Höcke sortiert „Deutsche“ wie Ware: West als amerikanisiert, Ost als angeblich unverfälschtes Reservat. Das ist keine Analyse, sondern ein Nationalmythos mit Verschwörung, Untergangspathos und dem Wunsch, Auschwitz aus dem Weg zu räumen. Imaginäres Volk, reale Feinde.
Björn Höcke findet ein Volk – und zwar dort, wo es am
verlässlichsten ist: in seinem Kopf.
Nun hat Björn Höcke also inventarisiert. Er stellt die
Deutschen in zwei Regale: hier die bloß noch „deutsch sprechenden Amerikaner“,
dort – bevorzugt jenseits der Elbe – die „deutsch sprechenden Deutschen“. Man
muss erst einmal auf die Idee kommen, einen Satz so zu bauen, dass er zugleich
nichts sagt und alles behauptet. Die Rechte schafft das mit der Routine des
schlechten Handwerks.
Höcke redet von „Deutschland“ wie ein Antiquar von einer
angeblich unersetzlichen Vase: einmal makellos, dann angeknackst, schließlich
von fremden Fingern beschmutzt. Der politische Gehalt dieser Erzählung ist alt
und unerquicklich: Es gibt ein ursprüngliches Volk, es gibt Verderber, es gibt
einen Verlust – und es gibt einen Auftrag zur Rückgängigmachung. Nationalismus
ist die immer gleiche Leier, nur in wechselnder Tonlage.
Der Westdeutsche, so lernen wir, sei von Amerika usurpiert
worden. Als hätte man ihm nachts die Seele herausoperiert und durch einen
Cheeseburger ersetzt. Der Ostdeutsche dagegen darf als ethnographisches
Schongebiet herhalten, ein Reservat, in dem „das Deutsche“ noch unberührt
herumliegt – konserviert wie ein Präparat im Glas.
Wer so spricht, beschreibt keine Gesellschaft. Er bastelt
sich einen Volkskörper, den er anschließend mit großer Geste beklagen kann:
hier die Wunde, dort der Täter, und dazwischen die Pose des Trauernden, der
sich zugleich zum Retter ernennt.
Folgerichtig fehlt auch die Untergangsmusik nicht.
Deutschland stehe vor dem Ende, Eliten arbeiteten gegen das Volk, die Nation
werde „ausgetauscht“. Das Personal dieser Schauergeschichte kann wechseln, die
Dramaturgie bleibt dieselbe: Schuld sind nie die Verhältnisse, nie die sozialen
Kämpfe, nie die handfesten Interessen – sondern immer die fremden Mächte, die
angeblich im Verborgenen ziehen. Nationalismus braucht Verschwörung wie andere
Ideologien Argumente: ohne geht’s nicht.
Und natürlich stört bei alledem Auschwitz. Nicht weil die
Erinnerung daran „übertrieben“ wäre, sondern weil sie der nationalen
Selbstverklärung im Weg steht. Wer Deutschland wieder lieben lernen will, soll
vorher lernen, weniger von seinen Verbrechen zu reden. Genau darum geht es,
wenn über „Erinnerungskultur“ geklagt wird: nicht um Wahrheit, sondern um
Erleichterung.
Höcke verkauft seinen Anhängern eine Identität, die es so
nie gab, und einen Verlust, der nie stattgefunden hat. Das, was er
„Deutschland“ nennt, ist keine historische Wirklichkeit, sondern eine
sentimentale Erfindung – ein Heimatroman, geschrieben gegen die Wirklichkeit.
Gerade deshalb ist sie so verführerisch und politisch so gefährlich. Denn wer
ein eingebildetes Volk retten will, braucht am Ende sehr reale Feinde.
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