Die alte Kunst der Kollektivschuld
TL;DR: Kinder als „zukünftige Mörder“ zu beschimpfen ist keine Israelkritik, sondern antisemitische Kollektivschuld. Kritik braucht Unterscheidung, Belege und Präzision – sonst wird aus Politik Mob.
Wer jüdischen oder israelischen Kindern „zukünftige Kindermörder“ nachruft, übt keine Kritik an israelischer Politik. Er bedient ein antisemitisches Bildreservoir – alt, bequem, mörderisch effizient. Und wer Antisemitismus bekämpfen will, muss genau hier anfangen: bei der Unterscheidung. Zwischen legitimer Kritik an einem Staat, einer Regierung, einer Militärstrategie – und der kollektiven Zuschreibung von Schuld an Menschen, die nichts getan haben außer da zu sein.
Wer Kindern „zukünftige Kindermörder“ hinterherbrüllt,
kritisiert keine Regierung. Er kritisiert nicht einmal einen Staat. Er
kritisiert überhaupt nichts. Er spricht ein Urteil über Personen, bevor
überhaupt eine Tat existiert. Herkunft wird zur Anklageschrift, Zugehörigkeit
zur Vorstrafe. Das ist keine Politik – das ist die vertraute deutsche
Fertigkeit, Kollektive zu basteln und ihnen Schuld umzuhängen, bis das Denken
aufhört und der Reflex übernimmt.
Die Beschimpften waren keine Generäle, keine Minister, keine
Mitglieder eines Kriegskabinetts. Es waren Kinder. Wer ihnen die Verbrechen
zuschreibt, die er Israel vorwirft, hat die Ebene politischer
Auseinandersetzung längst verlassen. Er steht wieder dort, wo aus Israelis „die
Israelis“ werden und aus Juden „die Juden“ – dort, wo nicht Aufklärung beginnt,
sondern Verblödung im Chor.
Damit ist nicht gesagt, jede Kritik an Israel sei
antisemitisch. Wer das behauptet, macht es sich genauso billig wie jene, die
jeden Juden für Netanjahu haftbar erklären wollen. Politische Kritik lebt
davon, unterscheiden zu können. Antisemitismus lebt davon, diese Unterscheidung
abzuschaffen.
Gerade deshalb reicht moralische Empörung nicht. Wer
einzelnen politischen Akteuren vorwirft, sie hätten ein Klima des Hasses
erzeugt, muss zeigen, was gesagt wurde, weshalb es falsch ist – und wie aus
Worten Anfeindungen werden. Sonst ersetzt man Analyse durch Verdacht, Beleg
durch Bauchgefühl, Argument durch Stimmung.
Das eigentliche Problem beginnt dort, wo Menschen nicht mehr
als Individuen vorkommen, sondern als Stellvertreter eines Kollektivs. Heute
trifft es israelische Kinder vor einem Stadion. Morgen andere. Das Personal
wechselt, das Verfahren bleibt gleich.
Wer wirklich etwas gegen Antisemitismus tun will, muss
deshalb zweierlei zugleich können: jüdische Menschen gegen Anfeindungen
verteidigen – und politische Begriffe so präzise gebrauchen, dass aus
berechtigter Kritik keine pauschalen Feindbilder werden. Denn Menschen mit
Projektionen zu verwechseln, war noch nie ein Schritt zur Emanzipation – immer
nur einer zurück in den Mob.
Alle Zitate aus: Statement der Jüdischen Gemeinde Düsseldorf Antisemitische Hetze vor Hotel und Stadion: Es reicht!
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