Die alte Kunst der Kollektivschuld

TL;DR: Kinder als „zukünftige Mörder“ zu beschimpfen ist keine Israelkritik, sondern antisemitische Kollektivschuld. Kritik braucht Unterscheidung, Belege und Präzision – sonst wird aus Politik Mob.

Titelbild eines Beitrags mit blau eingefärbtem Hintergrundbild einer Synagoge oder eines jüdischen Gemeindegebäudes mit Kuppeldach in einer städtischen Umgebung. Im oberen Bereich ist das Logo der „Jüdischen Gemeinde Düsseldorf“ zu sehen.  Darüber liegt ein großer, halbtransparenter Text: „Statement der Jüdischen Gemeinde Düsseldorf“. Im Zentrum steht hervorgehoben der Schriftzug: „Die alte Kunst der Kollektivschuld“.  Am unteren Rand ist ein weiterer Text eingeblendet: „Antisemitische Hetze vor Hotel und Stadion: Es reicht!“.

Wer jüdischen oder israelischen Kindern „zukünftige Kindermörder“ nachruft, übt keine Kritik an israelischer Politik. Er bedient ein antisemitisches Bildreservoir – alt, bequem, mörderisch effizient. Und wer Antisemitismus bekämpfen will, muss genau hier anfangen: bei der Unterscheidung. Zwischen legitimer Kritik an einem Staat, einer Regierung, einer Militärstrategie – und der kollektiven Zuschreibung von Schuld an Menschen, die nichts getan haben außer da zu sein.

Wer Kindern „zukünftige Kindermörder“ hinterherbrüllt, kritisiert keine Regierung. Er kritisiert nicht einmal einen Staat. Er kritisiert überhaupt nichts. Er spricht ein Urteil über Personen, bevor überhaupt eine Tat existiert. Herkunft wird zur Anklageschrift, Zugehörigkeit zur Vorstrafe. Das ist keine Politik – das ist die vertraute deutsche Fertigkeit, Kollektive zu basteln und ihnen Schuld umzuhängen, bis das Denken aufhört und der Reflex übernimmt.

Die Beschimpften waren keine Generäle, keine Minister, keine Mitglieder eines Kriegskabinetts. Es waren Kinder. Wer ihnen die Verbrechen zuschreibt, die er Israel vorwirft, hat die Ebene politischer Auseinandersetzung längst verlassen. Er steht wieder dort, wo aus Israelis „die Israelis“ werden und aus Juden „die Juden“ – dort, wo nicht Aufklärung beginnt, sondern Verblödung im Chor.

Damit ist nicht gesagt, jede Kritik an Israel sei antisemitisch. Wer das behauptet, macht es sich genauso billig wie jene, die jeden Juden für Netanjahu haftbar erklären wollen. Politische Kritik lebt davon, unterscheiden zu können. Antisemitismus lebt davon, diese Unterscheidung abzuschaffen.

Gerade deshalb reicht moralische Empörung nicht. Wer einzelnen politischen Akteuren vorwirft, sie hätten ein Klima des Hasses erzeugt, muss zeigen, was gesagt wurde, weshalb es falsch ist – und wie aus Worten Anfeindungen werden. Sonst ersetzt man Analyse durch Verdacht, Beleg durch Bauchgefühl, Argument durch Stimmung.

Das eigentliche Problem beginnt dort, wo Menschen nicht mehr als Individuen vorkommen, sondern als Stellvertreter eines Kollektivs. Heute trifft es israelische Kinder vor einem Stadion. Morgen andere. Das Personal wechselt, das Verfahren bleibt gleich.

Wer wirklich etwas gegen Antisemitismus tun will, muss deshalb zweierlei zugleich können: jüdische Menschen gegen Anfeindungen verteidigen – und politische Begriffe so präzise gebrauchen, dass aus berechtigter Kritik keine pauschalen Feindbilder werden. Denn Menschen mit Projektionen zu verwechseln, war noch nie ein Schritt zur Emanzipation – immer nur einer zurück in den Mob.

Alle Zitate aus: Statement der Jüdischen Gemeinde Düsseldorf Antisemitische Hetze vor Hotel und Stadion: Es reicht!

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