Anmerkungen zum Tod von Jean Ziegler

TL;DR: Jean Ziegler hatte mit seiner Kritik globaler Ungleichheit oft recht. Gleichzeitig bediente er in seiner Kapitalismus- und Israelkritik Denkfiguren, die Kritiker als strukturell antisemitisch bewerten. Sein politisches Erbe ist daher widersprüchlich: analytische Schärfe bei Nord-Süd-Fragen, ideologische Blindstellen bei Israel und autoritären Regimen.

 

Titelbild eines Blogbeitrags: Ein älterer Mann mit Brille und zurückgehendem Haaransatz sitzt an einem Tisch und spricht in ein Mikrofon. Er trägt ein dunkles Sakko über einem weißen Hemd und gestikuliert mit der rechten Hand, während er nach vorne blickt. Vor ihm steht ein Glas Wasser.  Im Hintergrund ist ein farbiges Plakat mit einem stilisierten Porträt zu sehen, daneben ein teilweise sichtbares Protest- oder Hinweisschild. Über das Bild gelegt ist der Titel: „Anmerkungen zum Tod von Jean Ziegler“.

Jean Ziegler ist am 11. Juni gestorben. Über ihn stand in konkret einmal, seine Äußerungen zu Israel zeugten „von schlichtem Antisemitismus“, während er „mit seiner Einschätzung dessen, was der Norden mit dem Süden anstellt, leider meistens recht“ habe. Damit ist im Grunde mehr gesagt als in vielen Nachrufen, die jetzt erscheinen.

„Über die Toten nur Gutes“, heißt es. Wer sich daran hält, hat es bequem. Im Fall Ziegler wird daraus derzeit ein kleines Heiligenbild: der unbeugsame Kämpfer gegen Hunger und Armut, der Ankläger der Reichen, der unbeirrbare Zeuge globaler Ungerechtigkeit. Das alles war er auch. Nur eben nicht nur.

Zu Jean Ziegler gehört ebenso, was konkret 2021 festhielt: Seine Urteile über das Verhältnis von Norden und Süden trafen häufig den Kern. Seine Rede über Israel aber führte in Gegenden, in denen Kapitalismuskritik nicht klüger wird, sondern älter, dunkler, vergifteter. Wer heute das eine preist und das andere unterschlägt, wie das nd es tut, erinnert nicht. Er räumt auf, damit die Legende hineinpasst.

Der Widerspruch lag nicht versteckt. Ziegler sah sich als Gegner von Unterdrückung, Ausbeutung und Diskriminierung. Zugleich bediente er Denkformen, die mit antisemitischen Weltbildern historisch eng verschwistert sind. Das macht ihn nicht zum Nationalsozialisten. Es löscht auch nicht aus, was an seinen Analysen des globalen Kapitalismus richtig war. Es verhindert nur die gemütliche Sorte Trauer, die aus einem politischen Leben eine Marmorplatte macht.

Oft waren Zieglers Beschreibungen der Weltunordnung scharf. Er sprach von der Macht multinationaler Konzerne, von den Folgen neoliberaler Politik, von der Verantwortung westlicher Staaten für Armut und Hunger im Süden. Vieles, was er sagte, wurde durch die Entwicklung nicht blamiert, sondern bestätigt. Reichtum und Macht haben sich weiter konzentriert. Seine Diagnosen wirkten deshalb selten überholt.

Das Problem begann dort, wo Analyse in Personalisierung kippte. Solange Ziegler ökonomische Verhältnisse beschrieb, konnte man von ihm lernen. Wo er aus Strukturen ein Drama geheimer Lenker machte, wurde es schief. Die kleine Gruppe weltweit vernetzter Finanzoligarchen, die Spekulanten, die verborgenen Machtzentren: Das sind Vokabeln aus einem ideologischen Gelände, auf dem seit Jahrhunderten antisemitische Projektionen spazieren gehen.

Natürlich gibt es Finanzeliten. Niemand muss so tun, als regierten Banken, Fonds und Konzerne nur in den Fantasien von Verschwörungsgläubigen. Entscheidend ist etwas anderes: Begreift man gesellschaftliche Prozesse als Ergebnis kapitalistischer Verhältnisse, Interessen und Institutionen? Oder als Werk einer fast allmächtigen Clique, die hinter dem Vorhang die Fäden zieht? An dieser Stelle trennt sich Kritik am Kapitalismus von ihrem antisemitischen Zerrbild. Einige Beispiele: „Wir leben in einer Welt des Schreckens, gemacht und beherrscht von einer Horde wild wütender Spekulanten.“ Die „Weltherrschaft“ liege „bei einer ganz kleinen Gruppe von Oligarchien, die das Finanzkapital beherrschen“. Diese „Gebieter des Kapitals“ würden den Weltmarkt „perfekt kontrollieren“

Merkwürdig ist nur, wie viele Verteidiger Zieglers bis heute so tun, als solle mit der Kritik an solchen Mustern jede Kapitalismuskritik erledigt werden. Das Gegenteil stimmt. Gerade wer den Kapitalismus kritisieren will, sollte ihn nicht zur Verschwörung verkleinern.

Noch deutlicher wurde die Schieflage bei Israel. Zieglers Kritik war nicht deshalb problematisch, weil sie sich gegen israelische Politik richtete. Regierungen zu kritisieren ist keine Sünde, sondern Voraussetzung öffentlicher Vernunft. Problematisch war die Fixierung.

Autoritäre Regime und Blutsaufende Diktatoren kamen bei ihm mitunter erstaunlich milde davon. Israel und westliche Demokratien standen dagegen auffällig oft im Zentrum seiner Anklagen. Der Schweizerische Israelitische Gemeindebund wies wiederholt auf diese Asymmetrie hin und kritisierte neben Zieglers Aussagen zu Israel auch seine Nähe zu Muammar al-Gaddafi und dessen Umfeld.

Die Ironie ist nicht besonders fein, aber deutlich. Ein prominenter Menschenrechtspolitiker geriet immer wieder in die Nachbarschaft von Machthabern, die Menschenrechte vor allem dann entdeckten, wenn sie sich gegen ihre Feinde verwenden ließen. Der sogenannte Gaddafi-Menschenrechtspreis, an dessen Entstehung Ziegler beteiligt war, gehört zu jenen Episoden, die in den freundlicheren Nachrufen jetzt lieber nicht stören sollen. Man versteht das. Es beschädigt das Bild.

Nur verlieren politische Urteile ihren Wert, sobald sie nach Lagerzugehörigkeit verteilt werden. Wer Menschenrechte ernst nimmt, verteidigt sie nicht gegen den Westen und erklärt sie bei antiwestlichen Regimen zur Nebensache. Entweder gelten sie allgemein, oder sie taugen nur noch als Fahne im jeweiligen Aufmarsch.

Darin zeigt sich eine ältere Logik des klassischen Antiimperialismus. Nicht das konkrete Handeln eines Regimes zählt, sondern seine Position im weltpolitischen Koordinatensystem. Der Westen ist der Hauptschuldige. Wer gegen ihn steht, erhält moralischen Vorschuss. Ob er ihn verdient, wird dann zweitrangig.

Ziegler war nicht der einzige, der so dachte. Aber er war einer der bekanntesten. Gerade deshalb lohnt es sich, an ihm die Grenzen eines Denkens zu studieren, das Macht nur zuverlässig erkennt, wenn sie westlich spricht, westlich zahlt und westlich bombardiert.

Sein Tod beendet eine politische Biografie voller Widersprüche. Ziegler war ein scharfer Kritiker globaler Ungleichheit. Er war zugleich blind für die gefährlichen Folgen mancher eigener Erklärungsmuster. Er griff reale Herrschaft an und bediente sich dabei zuweilen eines gedanklichen Erbes, das selbst zur Herrschaftsgeschichte gehört.

Wer Jean Ziegler gerecht werden will, muss beides sagen. Er verdient weder die Heiligsprechung noch die bequeme Verdammung. Seine Wahrheit liegt in der Spannung zwischen analytischer Schärfe und ideologischer Blindheit.

Vielleicht erklärt das, warum die Erinnerung jetzt so ordentlich ausfällt. Widersprüche stören die Trauerrede. Dabei verraten sie mehr als jede Heldengeschichte. Jean Zieglers größtes politisches Problem war nicht, dass er Macht kritisierte. Es war, welche Macht er sehen wollte und welche nicht.

 

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