Yossi Bartal im nd Treffend gegen Pop-Antifaschismus, blind für Antisemitismus
TL;DR: Bartal erkennt zutreffend, dass popkultureller Antifaschismus oft symbolische Ersatzhandlung bleibt. Doch seine Kritik verliert an Schärfe, sobald Israel, Iran und Antisemitismus ins Spiel kommen: Aus Solidarität mit Israel wird vorschnell Zustimmung zu Massenmord, Iran erscheint fast nur als Opfer, und „antideutsch“ dient als pauschales Feindetikett. So wird sein Universalismus selbst selektiv.
Yossi Bartal erkennt den Ersatzcharakter des popkulturellen Antifaschismus – und entzieht
seiner Kritik den Boden, sobald Israel, Iran und Antisemitismus ins Bild
treten.
Yossi Bartal
trifft in „Musikalisch
wie lyrisch unspektakulär“
einmal einen wunden Punkt. Ein Lied, das kleine Gruppen zum Ausspionieren,
Bloßstellen und Anzeigen von Neonazis anhält, ist noch keine Theorie des
Faschismus. Es ist nicht einmal eine Strategie gegen ihn. Es ist eine
Gebrauchsanweisung für politische Selbstvergewisserung: Man erkennt den Feind,
meldet ihn und darf sich für einen Augenblick auf der richtigen Seite der
Geschichte fühlen. Die Gesellschaft, die diesen Feind hervorbringt, bleibt
ebenso unbeschädigt wie der Staat, dessen Staatsanwaltschaft das Lied bemüht.
Bartal hat
recht, wenn er diese Geste als verspätet beschreibt. Seine Formulierung, es
klinge, „als hätten die 2000er Jahre angerufen“, bezeichnet eine Politik, die
Faschismus noch immer als Aufmarsch einiger Glatzköpfe behandelt, während
rechte Programme längst in Parlamente, Redaktionen und Behörden eingezogen
sind. Wer unter solchen Bedingungen den antifaschistischen Ernstfall am Klavier
simuliert, verwechselt die Begleitmusik mit dem Konflikt.
Auch Bartals
Spott über den öffentlich-rechtlichen Mut zur Vorsicht sitzt. Ein Sender, der
militärische Gewalt als Notwehr deuten lässt, aber ein Lied wegen seiner
Gewaltfantasie aus dem Programm nimmt, hat keinen einheitlichen Maßstab,
sondern eine Hausordnung. Bartal fragt, „was schon eine Anleitung zu
antifaschistischen Straftaten im Vergleich zu einem Aufruf zum
Völkerrechtsbruch“ sei. Die Frage legt eine Rangordnung erlaubter Gewalt offen:
Bomben werden eingeordnet, ein Refrain wird abgesetzt.
Doch Bartal
hält den Maßstab, den er dem ZDF vorhält, selbst nicht durch. Er verlangt eine
Kritik, die nicht nach Freund und Feind urteilt, und wechselt den Maßstab,
sobald Israel ins Spiel kommt. Dann wird aus Solidarität mit einem bedrohten
Staat ohne weitere Prüfung „Unterstützung für Massenmord“. Die nötigen
Zwischenschritte spart er ein: Welche konkrete Handlung wurde gebilligt? Welche
Äußerung trägt den Vorwurf? Wo endet die Verteidigung israelischer Existenz, wo
beginnt die Zustimmung zu einem Verbrechen? Bartal ersetzt die Antwort durch
das Urteil und nennt das Konsequenz.
Der blinde
Fleck des Universalismus
Bartal fordert
einen Antifaschismus, der „universalistisch und humanistisch“ bleibt. Das
klingt vernünftiger als die Pose des militanten Refrains. Nur ist
Universalismus kein Löschpapier, auf dem historische Unterschiede verschwinden.
Die Vernichtung der europäischen Juden, die fortbestehende Bedrohung jüdischen
Lebens und die Funktion Israels als Schutzort sind keine Fußnoten eines
allgemeinen Gewaltverbots. Wer sie in die Formel „Menschen gegen Gewalt“
auflöst, behandelt nicht alle gleich. Er macht die besonders Bedrohten wieder
zu einem Fall unter anderen.
Der Text verrät
diese Verschiebung dort, wo Iran fast nur als bombardiertes Land erscheint.
Bartal spricht vom „iranischen Regime“, doch das Wort bleibt folgenlos. Das
Regime handelt in seiner Darstellung kaum; es wird behandelt. Seine Repression,
sein Antisemitismus, seine Feindschaft gegen Israel und seine regionale
Machtpolitik kommen nicht als eigenständige Momente vor. USA und Israel
verfügen über Handlungsmacht, Iran über Opferstatus. Das ist die vertraute
Arbeitsteilung des Antiimperialismus: Der Westen tut, seine Gegner erleiden.
Man muss keinen
Krieg rechtfertigen, um diese Ordnung zurückzuweisen. Wer militärische Gewalt
kritisieren will, sollte genauer unterscheiden als ihre Apologeten. Ein
Angriff, eine Drohung, ein Regime, eine Bevölkerung, ein Staat und seine
Regierung sind nicht dasselbe. Bartal hält dem Lied vor, Doxxing, Anzeige und
körperlichen Angriff zu vermischen, und verfährt außenpolitisch kaum anders.
Israelische Regierung, israelischer Staat, jüdische Selbstverteidigung und jede
Äußerung der Solidarität rücken bei ihm so eng zusammen, bis der Vorwurf
„Massenmord“ nur noch einen Satz entfernt ist.
Sein Begriff
„antideutsch“ erfüllt dabei die Funktion, die sonst das Wort „Nazi“ in
schlechter Agitation übernimmt: Er beendet die Prüfung, bevor sie begonnen hat.
Aus einer widersprüchlichen Strömung wird eine „Generation“, aus
Israel-Solidarität Militarismus, aus der Kritik am linken Antisemitismus die
Verteidigung des Bestehenden. Das Etikett schafft jene Homogenität, die der
Gegenstand nicht besitzt. Wer Bartals Feindbegriff akzeptiert, muss nichts mehr
unterscheiden; er darf sortieren.
Bartal verlangt
zu Recht eine Vorstellung davon, „wofür man überhaupt kämpfen soll“. Doch seine
Antwort bleibt eine Liste: Klimakrise, Militarisierung, Sozialabbau. Diese
Begriffe markieren Konflikte, sie erklären noch keinen Faschismus. Menschen
werden nicht automatisch zu Rassisten, weil die Miete steigt, und nicht zu
Antisemiten, weil der Sozialstaat schrumpft. Zwischen Krise und Ressentiment
stehen Ideologie, Organisation und der Wunsch, sich durch Unterwerfung
aufzuwerten. Wer diese Vermittlung auslässt, ersetzt die verkürzte
Faschismuskritik des Pops durch die verkürzte Faschismuskritik der
Sozialdiagnose.
Seine beste
Einsicht lautet, dass eine Ordnung, die Recht nur für die eigenen Freunde
gelten lässt, autoritär wird. Seine Anwendung bleibt selektiv. Für Neonazis
fordert er, zwischen Recherche, Anzeige, Einschüchterung und Angriff zu
unterscheiden. Für Israel genügt ihm die Kette von Solidarität, Krieg und
Massenmord. Für das iranische Regime verlangt er Kontext; für die israelische
Selbstverteidigung liefert er Verdacht.
Der bessere
Einwand wäre strenger als Bartals. Er würde weder den Refrain für Widerstand
halten noch Israel zum Sonderfall erlaubter Verleumdung machen. Er würde
staatliche Gewalt prüfen, ohne die Feinde Israels zu entpolitisieren. Er würde
das Recht nicht heiligen, aber auch nicht nach Lagern staffeln. Und er würde
Antisemitismus nicht als Störung einer allgemeinen Humanität behandeln, sondern
als deren hartnäckige Widerlegung.
Bartal hat den
richtigen Verdacht: Wo Politik zur Pose wird, bleibt die Herrschaft stehen.
Doch sein Text zeigt, wie leicht die Kritik der Pose selbst zur Pose gerät. Man
erkennt den Feind, versieht ihn mit dem Etikett „antideutsch“ und darf sich für
einen Augenblick auf der richtigen Seite der Geschichte fühlen. Das Verfahren
ist älter als die 2000er Jahre. Gerade deshalb hätte es eine schärfere Kritik
verdient.
Quelle der
Zitate: Yossi Bartal, „Musikalisch wie lyrisch unspektakulär“, nd, 20.07.2026.