Eric Gujers Freispruch der AfD
TL;DR: Die Kolumne kritisiert Gujer Artikel in der NZZ „Der antifaschistische Konsens gegen die AfD ist eine Lüge. Davon profitieren nur Linksextreme und Antisemiten“ dafür, reale linke Gewalt und linken Antisemitismus nicht zu verharmlosen, sondern zu instrumentalisieren: Sein Text misst mit zweierlei Maß, entlastet die AfD und macht die demokratische Mitte zur Helferin linker Extremisten.
Wie Eric Gujer linke Zumutungen gegen die AfD mobilisiert und dabei den Antifaschismus auf die Anklagebank setzt
Eric Gujers Text „Der
antifaschistische Konsens gegen die AfD ist eine Lüge“ stört nicht deshalb,
weil er linke Gewalt, Antisemitismus und politische Verrohung benennt. Genau
das ist nötig. Wer Journalisten angreift, Veranstaltungen von Demokraten mit
Gewalt verhindern will oder „Israel verrecke“ ruft, verteidigt die Demokratie
nicht. Er beschädigt sie.
Das Problem liegt an anderer Stelle: Diese Kritik wird bei
Gujer zum Entlastungsstück für die AfD.
Schon die Überschrift gibt die Richtung vor. Es heißt nicht:
In linken Milieus gibt es Antisemitismus, und er muss entschieden bekämpft
werden. Stattdessen erklärt Gujer den „antifaschistischen
Konsens“ gegen die AfD zur „Lüge“, von der angeblich „nur
Linksextreme und Antisemiten“ profitieren. Damit rückt die AfD aus der
Rolle der politischen Akteurin heraus. Sie erscheint kaum noch als Problem,
eher als Anlass. Angeklagt werden am Ende vor allem ihre Gegner.
Die Unschuld, die erst mit der Macht endet
Der zentrale Satz bei Gujer lautet: „Regiert
haben die Nationalisten noch nirgends. An ihren Taten kann man sie also nicht
messen.“ Das wirkt sachlich, verwechselt aber politisches Urteilen mit
einem Strafprozess. Eine Partei muss nicht erst Ministerien übernehmen, damit
man ihre demokratiefeindlichen Züge erkennen kann. Man kann ihre Programme
lesen, Reden auswerten, Netzwerke ansehen, Gerichtsbeschlüsse ernst nehmen und
genau hinhören, welches „Volk“ gemeint ist, wenn sie vom Volk spricht.
Gujer verschiebt die Beweislast. „Es
bleiben die Worte, und da agiert die Partei vorsichtig.“ Gerade diese
Vorsicht wäre ein Grund zur Aufmerksamkeit. Wer vorsichtig formuliert, ist
nicht automatisch ungefährlich. Er kann auch wissen, wo die juristische und
öffentliche Grenze liegt. Autoritäre Bewegungen legen ihre Absichten selten als
ordentlichen Verwaltungsplan vor. Sie arbeiten mit Andeutungen, Feindbildern,
Tabubrüchen und der Behauptung, die bestehende Demokratie sei in Wahrheit gar
keine.
Besonders deutlich wird diese Nachsicht bei Björn Höcke.
Gujer nennt ihn „unappetitlich“
und schreibt, Höcke halte Deutschland zwar „für
undemokratisch“ und die Medien für „gleichgeschaltet“,
vermeide es aber, seine Pläne „für
die blaue Alleinherrschaft allzu konkret zu benennen“. Das ist ein
merkwürdiger Trost. Wer den Staat als illegitim beschreibt und Medien als
gleichgeschaltet diffamiert, hat politisch bereits genug offenbart.*
Auffällig ist, was Gujer in diesem Zusammenhang
beiseiteschiebt. Das Verwaltungsgericht Köln bestätigte 2022, dass das
Bundesamt für Verfassungsschutz die AfD als rechtsextremistischen Verdachtsfall
beobachten durfte; das Oberverwaltungsgericht Nordrhein-Westfalen bestätigte
diese Linie 2024 im Kern. Es ging dabei nicht um Geschmacksfragen, sondern um
tatsächliche Anhaltspunkte gegen die freiheitliche demokratische Grundordnung.
Wer solche Befunde ausblendet, während er linke Parolen als Beweisstücke
ausstellt, urteilt nicht streng. Er urteilt asymmetrisch.
Linke Gewalt im grellen Licht
Gujer liegt richtig, wenn er Gewalt, Blockaden und
antisemitische Parolen nicht kleinredet. Wenn Demonstranten Journalisten mit „Schlägen,
Tritten und Flaschenwürfen“ angreifen, wie er schreibt, ist das kein
antifaschistischer Ausrutscher, denn mit Antifaschismus hat der Kamof gegen die
Presse nichts, mit dem Neo-Stalinismus vieler Linker Antisemiten alles zu tun.
Es ist ein Angriff auf Öffentlichkeit. Wenn in linken Zusammenhängen „Israel
verrecke“ gerufen wird, ist das keine zugespitzte Nahostkritik, sondern
Vernichtungsrhetorik. Eine Linke, die beim jüdischen Staat schneller an ein
Kolonialprojekt denkt als an jüdische Geschichte, hat aus der deutschen
Vergangenheit wenig gelernt.
Gerade weil dieser Befund ernst ist, fällt Gujers Umgang
damit so auf. Der Antisemitismus-Vorwurf dient nicht nur der Kritik an Linken.
Er wird zugleich gegen den Antifaschismus insgesamt gewendet. Aus realen
Entgleisungen entsteht bei ihm die These, der Konsens gegen die AfD sei
verlogen. Darin liegt der Kunstgriff: Aus der Brutalität einiger AfD-Gegner
folgt nicht, dass die AfD harmlos wäre. Ärztlicher Pfusch beweist schließlich
auch nicht, dass es die Krankheit nicht gibt.
Der Text arbeitet mit zwei Maßstäben. Bei der AfD verlangt
Gujer fast den unterschriebenen Umsturzplan. Bei ihren Gegnern reichen Nähe,
Milieu, Parole und Bündnis. Höcke erscheint als „prominente
Einzelstimme“; linke Jugendverbände, Antifa-Gruppen und Protestbündnisse
werden dagegen schnell zum Belastungsmaterial gegen die demokratische Mitte.
Rechts trennt Gujer sorgfältig zwischen Teil und Ganzem. Links fließt alles
ineinander: SPD-Prominenz, Grüne, Linke, „Omas
gegen rechts“, Antifa, Antisemiten.
Auch bei den Blockaden überzieht er. Gujer schreibt, die „Blockade
der Zufahrtswege mit dem Ziel, den AfD-Parteitag in Erfurt zu verhindern,
verstösst gleich mehrfach gegen das Grundgesetz“. Man kann solche Blockaden
kritisieren, sie strafrechtlich prüfen und politisch für falsch halten. Aber
private Demonstranten verletzen das Grundgesetz nicht in derselben Weise wie
ein Staat, der eine Partei verbietet oder eine Versammlung untersagt. Aus einer
möglichen Nötigung macht Gujer einen verfassungsfeindlichen Aufstand von links.
Dazu passt die Formel von den „nützlichen
Idioten“. SPD-Politiker und andere Protestteilnehmer würden sich, so Gujer,
zu Werkzeugen von Kräften machen, die „mindestens
so unappetitlich sind wie Höcke“. Wer so spricht, beschreibt politische
Gegner nicht mehr als Menschen mit eigenen Motiven. Er macht sie zu
fremdgesteuerten Helfern. Den AfD-Begriff von den „Systemparteien“ muss man
dafür gar nicht übernehmen. Seine Wirkung entsteht schon durch die Erzählweise.
Die Mitte ist nicht unschuldig
Gujer schreibt, die bürgerliche Mitte sei „schon
immer naiv in ihrer Haltung gegenüber der extremen Linken“ gewesen. Daran
ist etwas dran. Teile der Linken und des liberalen Milieus haben den
Realsozialismus verharmlost, antiisraelische Reflexe gepflegt und Gewalt als
nachvollziehbare Begleiterscheinung behandelt. Das ist nicht zu entschuldigen.
Doch Gujers Diagnose bleibt zu eng. Die deutsche Mitte wird
nicht nur dann gefährlich, wenn sie der Antifa zu freundlich begegnet.
Gefährlich wird sie auch dort, wo sie rechten Furor als fremde Krankheit
betrachtet, obwohl er aus ihrer eigenen Normalität wächst: aus Nationalstolz
mit schlechtem Gedächtnis, aus Ordnungsliebe ohne Erbarmen, aus Staatsräson als
Ersatzmoral und aus dem Bedürfnis, gesellschaftliche Krisen Minderheiten
anzulasten. Die AfD ist kein Meteorit. Sie ist eine zugespitzte Form vorhandener
Ressentiments.
Deshalb ist die Brandmauer mehr als moralisches Theater. Sie
soll verhindern, dass eine Partei Normalität gewinnt, deren führende Kräfte
demokratische Grenzen verschieben wollen. Man kann diese Brandmauer
heuchlerisch verwalten, mit fragwürdigen Verbündeten verteidigen und durch
schlechte Politik beschädigen. Überflüssig wird sie dadurch nicht. Gujer
erklärt sie jedoch für gescheitert und schreibt, man könne „punktuell
allerdings auch die Stimmen der AfD akzeptieren“. Das sei „Realpolitik“,
keine „Werteentscheidung“.
An dieser Stelle verrät der Text mehr, als ihm vielleicht
bewusst ist. Zuerst wird der antifaschistische Konsens zur Lüge erklärt. Dann
erscheinen seine Träger als naiv, verfassungsvergessen oder linksextrem
verstrickt. Am Ende wirkt die Annahme von AfD-Stimmen wie nüchterne
Regierungsfähigkeit. Die Botschaft lautet nicht: Seid wachsam gegenüber jedem
Extremismus. Sie lautet: Legt die Scheu vor rechts ab.
Gujer fragt zum Schluss: „Wann
endlich stehen die Anständigen gegen Linksextreme und Antisemiten auf?“ Die
Antwort ist einfach: sofort. Aber nicht, um danach wieder einzuschlafen, wenn
von rechts die Republik ethnisch sortiert werden soll. Der Kampf gegen
Antisemitismus ist kein Rabattcoupon für Nationalisten. Kritik an linker Gewalt
ist kein Persilschein für völkische Politik.
Der Text entlarvt sich durch seine Schieflage. Rechts liest
Gujer vorsichtig, links endgültig. Bei der AfD sucht er den Beweis für das
Ganze, bei ihren Gegnern genügt Schuld durch Berührung. So entsteht keine
demokratische Analyse, sondern bürgerliche Ideologieproduktion: Die Gefahr von
rechts wird relativiert, indem reale Schweinereien von links maximal ausgeleuchtet
werden.
Eine ernsthafte Kritik müsste beides leisten: linken
Antisemitismus ohne Milieurabatt angreifen und die AfD ohne Schonwaschgang
betrachten. Gujer gelingt das Erste nur, solange es dem Zweiten dient. Wer
Antisemitismus erst dann scharf sieht, wenn er gegen die Gegner der Rechten
verwendbar ist, nimmt ihn nicht ernst genug. Und wer die AfD erst prüft, wenn
er sie am Ende entlasten kann, prüft nicht. Er plädiert.
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*Um die Pläne für die blaue Alleinherrschaft zu verstehen,
ist der Text „Wenn
die AfD an die Macht kommt – was dann?“ von Stefan A. K. Weichelt unbedingt
lesenswert. Er ist zudem klüger als der zuvor besprochene Text zur Reinwaschung
der AfD von Eric Gujer.
Weichelt beschreibt die AfD nicht als Betriebsunfall der
Demokratie, sondern als deren Verwaltungsprogramm: erst lärmen, dann räumen.
Während vorn der Kulturkampf brüllt, werden hinten Beamte sortiert,
Fördermittel gestrichen, Schulen eingeschüchtert, Medien delegitimiert und
Rechtsbrüche als „Volkswille“ lackiert. Das Autoritäre erscheint hier nicht im
Kostüm des Putsches, sondern im grauen Anzug des Erlasses.
Der Kommentar dazu ist bitter einfach: Wer die Demokratie
abschaffen will, nennt es selbstverständlich ihre Rettung. Wer keine Lösungen
hat, liefert Feinde. Und wer den Rechtsstaat erst vor verschlossene Türen
stellt und danach auf Gerichte wartet, hat verstanden, dass Macht schneller
läuft als Recht. Der Text warnt deshalb weniger vor dem großen Knall als vor
der amtlichen Langeweile, in der eine Republik zu Aktenstaub zerfällt.
Noch ein Zitat aus dem Text: von Weichelt
"Es gibt ein Thema, das dieses Land gerade zerreißt. Es
zerreißt Familien am Küchentisch, Freundschaften in WhatsApp-Gruppen, ganze
Dörfer, in denen man sich plötzlich nicht mehr grüßt. Man kann ihm nicht
ausweichen – es sitzt mit am Tisch, es liegt mit im Bett, es wartet in jeder
Kommentarspalte. Und es ist kein Aufreger, der nächste Woche wieder
verschwindet. Es ist die Frage, die über die nächsten Jahre entscheidet – über
dein Land, deine Kinder, dein Leben: Was passiert eigentlich, wenn die AfD
wirklich an die Macht kommt?"