El Obeid: Zuflucht unter Belagerung

 Während immer mehr Vertriebene in der Hauptstadt Nord-Kordofans Schutz suchen, greifen die Rapid Support Forces Straßen, Strom- und Wasserversorgung an. El Obeid wird zum Zufluchtsort und verliert zugleich die Grundlagen, die ein Überleben dort ermöglichen.

Titelbild eines Blogartikels mit der Überschrift „El Obeid: Zuflucht unter Belagerung“. Darüber ein Zitat von UNICEF über die Flucht von Kindern und Familien im Sudan.  Das Bild zeigt ein großes Flüchtlingslager in einer trockenen, staubigen Umgebung. Entlang eines breiten Sandwegs stehen dicht an dicht provisorische Zelte aus Planen und Stoffen. Zahlreiche Menschen bewegen sich zwischen den Unterkünften, darunter viele Kinder.  Im Vordergrund steht ein Kind, das eine große Metallschüssel auf dem Kopf trägt und direkt in die Kamera blickt. Weitere Personen gehen den Weg entlang oder stehen vor den Zelten. Straßenlaternen säumen den Weg in der Ferne.  Die Szene vermittelt Enge, Hitze und die schwierigen Lebensbedingungen von Menschen auf der Flucht in einem überfüllten Lager.

Seit Anfang Juli 2026 sind Zehntausende Menschen aus Süd- und West-Kordofan nach El Obeid geflohen. Gleichzeitig schneiden die paramilitärischen Rapid Support Forces (RSF) die Stadt durch Drohnenangriffe und eine faktische Blockade zunehmend von ihren Versorgungswegen ab. Strom und Wasser fallen aus, Treibstoff wird knapp, Arbeitsplätze verschwinden, medizinische Hilfe ist immer schwerer erreichbar. Gerade ihre strategische Bedeutung macht die Stadt zum Schutzraum und Angriffsziel zugleich.

UNICEF warnt, dass bis zu 500.000 Zivilisten gefährdet sein könnten. Kindern drohe, „getötet, verletzt, vertrieben oder anderen schweren Menschenrechtsverletzungen ausgesetzt zu werden“. El Obeid liegt rund 360 Kilometer südwestlich von Khartum und verbindet Zentral-Sudan mit Kordofan und Darfur. Die Armee nutzt die Stadt als Stützpunkt, die RSF sieht in ihr ein Hindernis, Hilfsorganisationen brauchen sie als logistisches Zentrum. Mit der Kontrolle über El Obeid entscheidet sich deshalb auch, wer Waren- und Fluchtrouten beherrscht.

Wenn die Versorgungsstraße zur Front wird

Nur eine wichtige Versorgungsroute ist noch verblieben: die Straße nach Kosti im Bundesstaat Weißer Nil. Nach Angaben der Sudan Tribune greifen RSF-Drohnen dort gezielt Lastwagen und Verkehrswege an. Ausgebrannte Fahrzeuge stehen am Straßenrand, Lieferungen bleiben aus, die Preise schnellen in die Höhe. Die Autobahn ist damit nicht länger bloß eine Verbindung zur Außenwelt. Sie ist Teil der Front.

Dawelbeit Elzein Abdalla, Feldkoordinator von Islamic Relief, beschreibt die Angriffe so: „Die Drohnen haben alles getroffen, von Tankstellen bis zu Tankwagen, und auch die Hauptstraße, die die Stadt mit der Außenwelt verbindet, ist ins Visier geraten“. Laut Industrieangaben wurden acht Tankstellen in El Obeid und weitere Anlagen entlang der östlichen Autobahn getroffen. Auf dem Schwarzmarkt kostete eine Gallone Benzin zuletzt 100.000 sudanesische Pfund, umgerechnet etwa 20 US-Dollar.

Treibstoffmangel wirkt weit über die Tankstellen hinaus. Er verteuert Wassertransporte und Warenlieferungen, legt Krankenwagen lahm und schränkt den Betrieb von Generatoren ein. Die Folgen dauern an, lange nachdem eine Drohne eingeschlagen ist. UNFPA berichtet von Angriffen auf Umspannwerke, Wasseranlagen und Gesundheitseinrichtungen. Dadurch fallen auch Angebote zur sexuellen und reproduktiven Gesundheit sowie Schutzdienste für Frauen und Mädchen aus.

Ohne Strom und Treibstoff funktionieren Pumpen, Tankwagen und Notstromaggregate nicht. Islamic Relief zufolge hat sich der Preis für einen Wasserkanister innerhalb weniger Wochen verdoppelt. Al Jazeera warnt zugleich vor Cholera und anderen Krankheiten, die sich über verunreinigtes Wasser verbreiten können. Aus zerstörter Technik entsteht so eine soziale Ordnung des Mangels. Menschen mit wenig Geld verlieren zuerst den Zugang zu sauberem Wasser, medizinischer Behandlung und Schutz, oft für lange Zeit.

Zuflucht, aber kein Auskommen

Von März bis Juni erreichten mehr als 11.000 Familien El Obeid, insgesamt rund 60.000 Menschen . Für die gesamte Region Kordofan verzeichnete die IOM einen deutlichen Anstieg der seit Oktober 2025 neu Vertriebenen: von mehr als 132.000 Menschen im Februar 2026 auf über 219.000 Ende Juni. Innerhalb von weniger als neun Monaten habe es mehr als 100 Ereignisse gegeben, die neue Vertreibungen auslösten.

Für viele ist es nicht die erste Flucht. Manche wurden bereits zum zweiten oder dritten Mal vertrieben. Nach Angaben von Save the Children verließen innerhalb von zwei Wochen mehr als 11.000 Menschen den Raum El Obeid, darunter über 5.500 Kinder. Zur selben Zeit suchen andere Schutz innerhalb der Stadt. Darin liegt kein Widerspruch. Sicherheit ist kein fester Ort mehr, sondern manchmal nur die kurze Pause zwischen zwei Verschiebungen der Front.

Maryan floh aus Alouba südlich von El Obeid. „Meine Familie erhält zwar Lebensmittelrationen, aber es gibt keine Arbeit, um unsere anderen Grundbedürfnisse zu decken“, sagt sie. Die Rationen helfen gegen den Hunger. Medikamente, Transportkosten und ein eigenes Einkommen ersetzen sie nicht.

In El Obeid gibt es mehr als 80 Ölmühlen und Fabriken. Viele haben ihre Produktion eingestellt, weil Strom fehlt und keine Erdnüsse mehr aus West-Kordofan geliefert werden. Abbas, ein Vertriebener aus Al-Dubaibat, hatte Arbeit in einer Ölmühle gefunden. Dann traf eine Drohne die Anlage. „Die Fabrik stellte den Betrieb ein, und ich verlor über Nacht meine Arbeit“.

Solche Angriffe vernichten mehr als Maschinen und Gebäude. Ein Beschäftigter verliert sein Einkommen und wird von Hilfe abhängig, während ein produzierender Betrieb selbst zum Versorgungsfall wird. Die übliche Trennung zwischen humanitärer und wirtschaftlicher Krise greift deshalb zu kurz. Selbst wenn Waren noch erhältlich sind, können Familien ohne Einkommen nicht davon leben.

Warnungen, Verantwortung und widersprüchliche Zahlen

Wie viele Menschen sich derzeit in El Obeid aufhalten, ist unklar. Islamic Relief geht von fast 600.000 Einwohnern aus, darunter mehr als 105.000 Vertriebene. Die IOM nennt rund 500.000 Menschen und über 83.000 Binnenvertriebene. Deutlich höher liegen die Angaben anderer Quellen: Die Sudan Tribune berichtet von etwa 3,2 Millionen Einwohnern, von denen fast die Hälfte vertrieben sei. Anadolu verweist auf inoffizielle Schätzungen von nahezu drei Millionen Menschen.

Diese Unterschiede lassen sich nicht als bloße Rundungsabweichungen abtun. Möglicherweise beruhen sie auf verschiedenen Stadtgrenzen, Erhebungszeitpunkten oder Schätzverfahren. Die Berichte erklären das jedoch nicht. Ein gemeinsames Bild zeichnen sie trotzdem: Die Zahl der Vertriebenen steigt, während Versorgung und Zugang zu lebenswichtigen Diensten abnehmen. Preise klettern, Strom und Wasser fallen aus, medizinische Hilfe bricht weg. Vorsicht ist daher bei einzelnen Größenangaben geboten, nicht bei der Einschätzung der Notlage.

Hilfsorganisationen warnen vor einer „drohenden humanitären Katastrophe“, obwohl sie zugleich von täglichen Angriffen und bereits kollabierenden Diensten berichten. Die Katastrophe wird sprachlich in die Zukunft verschoben, obwohl viele Menschen sie längst erleben. So lässt sich Alarm äußern, ohne die Verantwortung für das bereits Geschehene vollständig benennen zu müssen.

Der Vergleich mit El Fascher ist daher mehr als zugespitzte Warnsprache. Dort führten Kämpfe, Angriffe auf Lager und die Zerstörung wichtiger Infrastruktur zu Hunger, Massenflucht und blockierter humanitärer Hilfe. Vertreter der Vereinten Nationen befürchten, dass El Obeid eine ähnliche Entwicklung nehmen könnte. Die beiden Städte lassen sich nicht gleichsetzen. Das Muster ist dennoch vertraut: Einkesselung, Angriffe auf die Versorgung, Behinderung von Hilfe und schließlich weitere Vertreibung.

Die Verantwortung liegt bei den Konfliktparteien. Berichte bringen die RSF mit der Blockade, den Drohnenangriffen und der Bedrohung der verbliebenen Versorgungsroute in Verbindung. Die sudanesischen Streitkräfte kontrollieren El Obeid und bauen ihre militärischen Stellungen aus. Auch diese Nutzung der Stadt erhöht die Gefahr für die Zivilbevölkerung. Dabei geht es nicht darum, beide Seiten gleichzusetzen. Entscheidend ist, ihre jeweiligen Handlungen und Schutzpflichten klar zu benennen.

Humanitäre Korridore könnten Fluchtwege offenhalten und Lieferungen ermöglichen. Dafür braucht es jedoch überprüfbare Garantien, vereinbarte Feuerpausen, unabhängige Beobachtung und freien Zugang zu Kliniken sowie Wasser- und Stromanlagen. Fehlen diese Bedingungen, bleibt ein Korridor lediglich eine Straße, die jederzeit wieder gesperrt werden kann.

Die IOM beziffert ihre Finanzierungslücke auf fast 90 Millionen US-Dollar. Im Jahr 2026 dürften mehr als 30 Millionen Menschen im Sudan humanitäre Hilfe benötigen. Solche Finanzierungslücken bleiben nicht abstrakt. Sie entscheiden darüber, welche Klinik ohne Generator auskommen muss und welche Wasserstelle unrepariert bleibt.

„Das ist keine Übung. Es ist ein Alarmsignal, das die Staats- und Regierungschefs weltweit erreichen muss“, sagt UN-Hochkommissar Volker Türk. El Obeid ist noch nicht El Fascher. Genau deshalb zählt die Warnung jetzt.

Die Stadt zeigt, wie eine moderne Belagerung funktioniert. Sie zerstört nicht allein Gebäude, sondern alles, was einen Ort bewohnbar hält. Die Front zieht sich durch Wasserleitungen, Tankstellen und Vorratsräume von Krankenhäusern. Wer erst reagiert, wenn davon nur noch Ruinen übrig sind, hat die Gefahr nicht zu spät verstanden. Er hat zu spät gehandelt.

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