Der nützliche Holocaustleugner

TL;DR: Der Mossad soll jahrelang versucht haben, den früheren iranischen Präsidenten Mahmoud Ahmadinejad für sich zu gewinnen und ihn nach einem möglichen Regimewechsel als neuen Staatschef zu positionieren. Trotz geheimer Treffen und einer mutmaßlichen Rettungsaktion während des Krieges ging der Plan nicht auf. Wegen seiner Kontakte zu Israel soll Ahmadinejad inzwischen unter Hausarrest stehen.

Screenshot eines Artikels der „Jerusalem Post“ mit englischer Überschrift über einen ehemaligen iranischen Präsidenten unter Hausarrest und mutmaßliche Verbindungen zu Israel und dem Mossad. Darüber liegt in großer weißer Schrift der Blog-Titel „Der nützliche Holocaustleugner“.  Im unteren Teil des Bildes ist eine Straßenszene mit einer Menschenmenge zu sehen, vermutlich eine Demonstration. Mehrere Männer gehen dicht gedrängt durch eine Straße, einige tragen Jacken und Kopfbedeckungen. Im Hintergrund sind Gebäude, Fahnen und ein großes Porträtbanner an einer Hauswand erkennbar. Teile des Bildes sind an den Seiten unscharf, als ob der Fokus auf die zentrale Personengruppe gelegt wurde.  Die Kombination aus Nachrichtenseite und Demonstrationsszene stellt einen politischen Kontext her.


Der Mossad soll ausgerechnet Mahmoud Ahmadinejad, einen notorischen Antisemiten und Holocaustleugner, als möglichen künftigen Machthaber des Iran aufgebaut haben. Die Geschichte ist ein Lehrstück darüber, wie biegsam staatliche Moral werden kann, sobald strategischer Nutzen ins Spiel kommt.

Manche Geschichten wirken zu unwahrscheinlich, um wahr zu sein. Andere gewinnen gerade durch ihre Absurdität an Plausibilität, weil sie den Regeln jener Welt folgen, in der Geheimdienste, Regierungen und ehemalige Präsidenten handeln. Dort besitzen Überzeugungen nur so lange Gewicht, wie sie den nächsten Plan nicht behindern.

Eine solche Geschichte veröffentlichte die New York Times am 13. Juli 2026. Nach Recherchen von Mark Mazzetti, Julian E. Barnes, Farnaz Fassihi und Ronen Bergman soll Israels Auslandsgeheimdienst über Jahre versucht haben, Ahmadinejad anzuwerben. Also jenen ehemaligen iranischen Präsidenten, der das Atomprogramm seines Landes vorantrieb, regelmäßig gegen Israel hetzte und den Holocaust leugnete.

Der Mann, derIsrael einst vernichtet sehen wollte, sollte nach israelischen Vorstellungenoffenbar beim Sturz der iranischen Führung helfen. Mehr noch: Für die Zeit nach einem Regimewechsel war Ahmadinejad womöglich selbst als neuer Staatschef vorgesehen.

Auch die CIA soll von dem Vorgang gewusst haben. Berichten zufolge lief die Operation sowohl während der Präsidentschaft Joe Bidens als auch unter Donald Trump. In Washington gibt es also durchaus politische Kontinuität, vor allem dort, wo niemand öffentlich über sie sprechen möchte.

Klimaschutz mit dem Mossad

Anfang 2024 erhielt Gergely Deli, Rektor der Ludovika-Universität für den öffentlichenDienst in Budapest, eine ungewöhnliche Anfrage aus der ungarischen Regierung. Seine Hochschule sollte eine Klimakonferenz ausrichten und Mahmoud Ahmadinejad dazu einladen.

Die Wahl des Gastes war erklärungsbedürftig. Ahmadinejad war weder als Klimaforscher bekannt noch hatte er während seiner Präsidentschaft besonderes Interesse an akademischem Austausch erkennen lassen. Deli berichtete später, die Konferenz habe vielmehr als Deckmantel für geheime Gespräche zwischen Ahmadinejad und Vertretern des israelischen Geheimdienstes gedient.

Aus einer Klimatagung wurde damit ein Treffpunkt für Regimewechsler, aus der Universität eine Bühne für Nachrichtendienste. Der Rektor sagte, er habe gehofft, durch die Gespräche Menschenleben retten zu können. Solche moralischen Begründungen sind in der internationalen Politik besonders dann gefragt, wenn der eigentliche Zweck eines Vorhabens nicht öffentlich genannt werden darf.

Ehemaligen US-Beamten zufolge reiste der damalige Mossad-Chef David Barnea persönlich nach Budapest, um Ahmadinejad zu treffen. Danach soll der israelische Geheimdienst die CIA über die Kontaktaufnahme unterrichtet haben.

IsraelischeStellen hätten außerdem Ahmadinejads Reise- und Unterkunftskosten übernommen. Mehrfach soll er sich im Ausland mit israelischen Agenten getroffen haben, unter anderem bei Aufenthalten in Budapest.

Bei einer weiteren Reise im Juni 2025 bemerkten Ahmadinejads Leibwächter, Angehörige einer Einheit der Islamischen Revolutionsgarde, dass der ehemalige Präsident seinen Begleitern wiederholt entkam und längere Zeit verschwand. Auf Nachfrage habe er erklärt, er habe sich mit Universitätsprofessoren getroffen.

Vielleicht stimmte das sogar. Ein akademischer Titel schließt eine Tätigkeit für einen Geheimdienst schließlich nicht aus.

Die Wiedergeburt des Gemäßigten

Dass der Mossad ausgerechnet Ahmadinejad für eine solche Rolle auswählte, war offenbar keine spontane Idee. Israelische Dienste sollen über Jahre beobachtet haben, wie sich das Verhältnis zwischen dem ehemaligen Präsidenten und der iranischen Führung zunehmend verschlechterte.

Nach seinem Ausscheiden aus dem Amt arbeitete Ahmadinejad sichtbar an einem neuen öffentlichen Bild. Die übergroße Khakijacke verschwand, an ihre Stelle traten maßgeschneiderte Anzüge. Er stutzte seinen Bart und begann, Englisch zu lernen. Zugleich richtete sich seine Kritik nicht mehr nur gegen äußere Feinde, sondern auch gegen Korruption, soziale Ungleichheit und die Härte der iranischen Sicherheitskräfte.

Morgens empfing er Bürger in seinem Teheraner Büro, hörte sich ihre Beschwerden an und schrieb gelegentlich Briefe an Ministerien. Der frühere Hardliner gab sich nun als Fürsprecher der kleinen Leute und Gegner einer abgehobenen Elite.

Ob dahinter echte Einsicht, erneuter Machtwille oder eine Mischung aus beidem stand, lässt sich kaum sagen. Ein früherer Berater erklärte, Ahmadinejad habe nicht aus finanziellen Motiven gehandelt. Er verfüge längst über ein weitreichendes wirtschaftliches Netzwerk. Sein eigentliches Ziel sei die Rückkehr an die Macht gewesen.

Gegenüber Vertrauten soll Ahmadinejad davon gesprochen haben, mit Unterstützung ausländischer Mächte erneut an die Spitze des Iran gelangen zu wollen. Offenbar sah er sich als eine Art iranischen Boris Jelzin: als den Mann, der nach dem Zusammenbruch des alten Systems für eine neue Ordnung stehen könnte.

Für den Fall einer Machtübernahme habe er sogar die Anerkennung Israels und eine Normalisierung der Beziehungen im Rahmen der Abraham-Abkommen in Aussicht gestellt.

Ein Holocaustleugner als künftiger Friedenspartner. In der Realpolitik lässt sich selbst die belastetste Vergangenheit neu deuten, sobald sie dem nächsten Vorhaben im Weg steht.

Befreiung durch Bombardierung

Ende Februar2026 soll die jahrelange Operation ihren Höhepunkt erreicht haben. In den ersten Tagen des amerikanisch-israelischen Krieges gegen den Iran griff Israel laut New York Times Ahmadinejads Anwesen in Teheran aus der Luft an.

Der Angriff habe nicht dem Ziel gedient, den ehemaligen Präsidenten zu töten. Getroffen worden seien stattdessen das Gebäude seiner Leibwächter und sein gepanzertes Fahrzeug. Offenbar wollte man ihn so aus der Überwachung durch die Revolutionsgarde lösen.

Kurz darauf soll ein schwarzer Peugeot vorgefahren sein. Mossad-Agenten hätten Ahmadinejad aufgenommen und ihn mit hoher Geschwindigkeit durch das Chaos der bombardierten Hauptstadt in ein geheimes Versteck gebracht.

Folgt man dieser Darstellung, begann die Befreiungsaktion mit Bomben auf das Anwesen des Mannes, den man retten wollte. Auch das gehört zur Logik militärischer Menschenrettung: Zuerst wird die Umgebung zerstört, danach gilt das Überleben des Betroffenen als Erfolg.

Im Versteck sollte offenbar die nächste Phase des Plans anlaufen. Der iranische Staat sollte zusammenbrechen, Ahmadinejad als Alternative bereitstehen. Israel hätte damit auf einen Mann gesetzt, der bekannt war, ein populistisches Netzwerk besaß und genügend Groll gegen seine früheren politischen Verbündeten mitbrachte.

Doch der vorgesehene Staatschef spielte nicht mit. Berichten zufolge war Ahmadinejad über die hektische Rettungsaktion verärgert und begegnete dem israelischen Plan zunehmend mit Misstrauen. Schließlich verließ er das Versteck. Wie ihm das gelang und was genau geschah, ist bis heute unklar.

Vielleicht erkannte er, dass jene, die jemanden an die Macht bringen können, ihn ebenso leicht wieder daraus entfernen. Vielleicht missfiel ihm auch nur die Unterbringung. Geheimdienstgeschichten haben die Eigenart, dass zentrale Motive im Dunkeln bleiben, während Nebensachen bis ins kleinste Detail überliefert werden.

Rückkehr unter Bewachung

Mehrere Monate lang trat Ahmadinejad nicht öffentlich auf. Erst Anfang Juli 2026 wurde er kurz bei der Trauerprozession für den getöteten Obersten Führer Ali Khamenei gesehen.

Videoaufnahmen zeigten ihn in einer dicken Jacke, obwohl in Teheran etwa 32 Grad herrschten. Eine medizinische Maske hing unter seinem Kinn. Ahmadinejad sagte nichts, hielt den Kopf gesenkt und war von Männern umringt, die wie Sicherheitskräfte wirkten.

Ehemalige iranische Regierungsvertreter sollen danach bestätigt haben, dass die Geheimdienstabteilung der Islamischen Revolutionsgarde Ahmadinejad unter Hausarrest gestellt habe. Den iranischen Behörden sei es gelungen, einen großen Teil seiner Kontakte zu Israel nachzuvollziehen.

Offizielle Bestätigungen aus Teheran oder Jerusalem lagen dem Bericht zufolge zunächst nicht vor. Der Mossad schwieg, Ahmadinejads Sprecher wollte sich nicht äußern.

Dieses Schweigen ist selbst Teil der Geschichte. Regierungen dementieren üblicherweise, was sie entschieden zurückweisen wollen. Bleibt sogar das Dementi aus, beginnt jener Raum gezielter Ungewissheit, in dem Geheimdienste besonders gern operieren.

Das Personal des Regimewechsels

Der Plan mit Ahmadinejad soll Teil einer größeren israelischen Strategie zum Sturz der iranischen Regierung gewesen sein. Dazu gehörten Berichten zufolge auch die Bewaffnung und Ausbildung iranisch-kurdischer Oppositionskräfte im Nordirak. Diese Einheiten sollten in den Westen des Iran vordringen, Gebiete unter ihre Kontrolle bringen und schließlich in Richtung Teheran marschieren.

Dazu kam es nicht. Auch Ahmadinejad wurde nicht zum Führer eines neuen Iran. Statt im Präsidentenpalast landete er, folgt man den Berichten, unter der Bewachung genau jenes Apparats, den seine ausländischen Unterstützer ausschalten wollten.

Damit wäre die Operation gescheitert. Die politische Idee dahinter bleibt dennoch bemerkenswert.

Jahrelang hatte Israel Ahmadinejad , zurecht, als fanatischen Antisemiten, Holocaustleugner und Unterstützer des iranischen Atomprogramms bekämpft. Als er sich jedoch mit der Führung in Teheran überwarf und für einen Regimewechsel brauchbar erschien, verwandelte sich der unversöhnliche Gegner in einen möglichen Partner.

Aus Sicht eines Geheimdienstes ist das kein Widerspruch. Staaten ordnen die Welt öffentlich nach moralischen Kategorien. Nachrichtendienste verwenden andere Maßstäbe: nützlich oder nutzlos, kontrollierbar oder unberechenbar, schützenswert oder entbehrlich.

Unter diesen Bedingungen war Ahmadinejads Vergangenheit kein grundsätzliches Hindernis. Sie hätte höchstens die spätere Öffentlichkeitsarbeit erschwert.

Dass ein notorischer Antisemit zum israelischen Kandidaten für die Führung des Iran werden konnte, widerspricht daher nicht der Logik eines Regimewechsels. Es führt sie zu Ende. Wer ein fremdes Land neu ordnen will, sucht selten nach einem Demokraten, Menschenrechtler oder moralisch untadeligen Reformer. Gefragt ist jemand mit Anhängern, Kenntnis des Staatsapparats und der Bereitschaft, sich gegen frühere Verbündete zu stellen.

Auf den ersten Blick klingt die Geschichte unglaublich. Beim zweiten Hinsehen wirkt sie beinahe gewöhnlich.

Sie erzählt von einem ehemaligen Präsidenten, der sein Land mithilfe seiner einstigen Todfeinde regieren wollte. Von einem Geheimdienst, der einen Holocaustleugner als strategische Reserve betrachtete. Von einer Universität als Kulisse, von Klimakonferenzen, die keine waren, und von Rettungsaktionen, die mit Bomben begannen.

Vor allem aber handelt sie von einer politischen Welt, in der selbst die schlimmsten Überzeugungen verzeihlich werden, sobald ihr Träger im nächsten Krieg auf der gewünschten Seite steht.

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