Der nützliche Holocaustleugner
TL;DR: Der Mossad soll jahrelang versucht haben, den früheren iranischen Präsidenten Mahmoud Ahmadinejad für sich zu gewinnen und ihn nach einem möglichen Regimewechsel als neuen Staatschef zu positionieren. Trotz geheimer Treffen und einer mutmaßlichen Rettungsaktion während des Krieges ging der Plan nicht auf. Wegen seiner Kontakte zu Israel soll Ahmadinejad inzwischen unter Hausarrest stehen.
Der Mossad
soll ausgerechnet Mahmoud Ahmadinejad, einen notorischen Antisemiten und
Holocaustleugner, als möglichen künftigen Machthaber des Iran aufgebaut haben.
Die Geschichte ist ein Lehrstück darüber, wie biegsam staatliche Moral werden
kann, sobald strategischer Nutzen ins Spiel kommt.
Manche
Geschichten wirken zu unwahrscheinlich, um wahr zu sein. Andere gewinnen gerade
durch ihre Absurdität an Plausibilität, weil sie den Regeln jener Welt folgen,
in der Geheimdienste, Regierungen und ehemalige Präsidenten handeln. Dort
besitzen Überzeugungen nur so lange Gewicht, wie sie den nächsten Plan nicht
behindern.
Eine solche
Geschichte veröffentlichte die New
York Times am 13. Juli 2026.
Nach Recherchen von Mark Mazzetti, Julian E. Barnes, Farnaz Fassihi und Ronen
Bergman soll Israels Auslandsgeheimdienst über Jahre versucht haben,
Ahmadinejad anzuwerben. Also jenen ehemaligen iranischen Präsidenten, der das
Atomprogramm seines Landes vorantrieb, regelmäßig gegen Israel hetzte und den
Holocaust leugnete.
Der Mann, derIsrael einst vernichtet sehen wollte, sollte nach israelischen Vorstellungenoffenbar beim Sturz der iranischen Führung helfen. Mehr noch: Für die Zeit nach
einem Regimewechsel war Ahmadinejad womöglich selbst als neuer Staatschef
vorgesehen.
Auch die CIA
soll von dem Vorgang gewusst haben. Berichten zufolge lief die Operation sowohl
während der Präsidentschaft Joe Bidens als auch unter Donald Trump. In
Washington gibt es also durchaus politische Kontinuität, vor allem dort, wo
niemand öffentlich über sie sprechen möchte.
Klimaschutz
mit dem Mossad
Anfang 2024
erhielt Gergely Deli, Rektor der Ludovika-Universität für den öffentlichenDienst in Budapest, eine ungewöhnliche Anfrage aus der ungarischen Regierung.
Seine Hochschule sollte eine Klimakonferenz ausrichten und Mahmoud Ahmadinejad
dazu einladen.
Die Wahl des
Gastes war erklärungsbedürftig. Ahmadinejad war weder als Klimaforscher bekannt
noch hatte er während seiner Präsidentschaft besonderes Interesse an
akademischem Austausch erkennen lassen. Deli berichtete später, die Konferenz
habe vielmehr als Deckmantel für geheime Gespräche zwischen Ahmadinejad und
Vertretern des israelischen Geheimdienstes gedient.
Aus einer
Klimatagung wurde damit ein Treffpunkt für Regimewechsler, aus der Universität
eine Bühne für Nachrichtendienste. Der Rektor sagte, er habe gehofft, durch die
Gespräche Menschenleben retten zu können. Solche moralischen Begründungen sind
in der internationalen Politik besonders dann gefragt, wenn der eigentliche
Zweck eines Vorhabens nicht öffentlich genannt werden darf.
Ehemaligen
US-Beamten zufolge reiste der damalige Mossad-Chef David Barnea persönlich nach
Budapest, um Ahmadinejad zu treffen. Danach soll der israelische Geheimdienst
die CIA über die Kontaktaufnahme unterrichtet haben.
IsraelischeStellen hätten außerdem Ahmadinejads Reise- und Unterkunftskosten übernommen.
Mehrfach soll er sich im Ausland mit israelischen Agenten getroffen haben,
unter anderem bei Aufenthalten in Budapest.
Bei einer
weiteren Reise im Juni 2025 bemerkten Ahmadinejads Leibwächter, Angehörige
einer Einheit der Islamischen Revolutionsgarde, dass der ehemalige Präsident
seinen Begleitern wiederholt entkam und längere Zeit verschwand. Auf Nachfrage
habe er erklärt, er habe sich mit Universitätsprofessoren getroffen.
Vielleicht
stimmte das sogar. Ein akademischer Titel schließt eine Tätigkeit für einen
Geheimdienst schließlich nicht aus.
Die
Wiedergeburt des Gemäßigten
Dass der Mossad
ausgerechnet Ahmadinejad für eine solche Rolle auswählte, war offenbar keine
spontane Idee. Israelische Dienste sollen über Jahre beobachtet haben, wie sich
das Verhältnis zwischen dem ehemaligen Präsidenten und der iranischen Führung
zunehmend verschlechterte.
Nach seinem
Ausscheiden aus dem Amt arbeitete Ahmadinejad sichtbar an einem neuen
öffentlichen Bild. Die übergroße Khakijacke verschwand, an ihre Stelle traten
maßgeschneiderte Anzüge. Er stutzte seinen Bart und begann, Englisch zu lernen.
Zugleich richtete sich seine Kritik nicht mehr nur gegen äußere Feinde, sondern
auch gegen Korruption, soziale Ungleichheit und die Härte der iranischen
Sicherheitskräfte.
Morgens empfing
er Bürger in seinem Teheraner Büro, hörte sich ihre Beschwerden an und schrieb
gelegentlich Briefe an Ministerien. Der frühere Hardliner gab sich nun als
Fürsprecher der kleinen Leute und Gegner einer abgehobenen Elite.
Ob dahinter
echte Einsicht, erneuter Machtwille oder eine Mischung aus beidem stand, lässt
sich kaum sagen. Ein früherer Berater erklärte, Ahmadinejad habe nicht aus
finanziellen Motiven gehandelt. Er verfüge längst über ein weitreichendes
wirtschaftliches Netzwerk. Sein eigentliches Ziel sei die Rückkehr an die Macht
gewesen.
Gegenüber
Vertrauten soll Ahmadinejad davon gesprochen haben, mit Unterstützung
ausländischer Mächte erneut an die Spitze des Iran gelangen zu wollen. Offenbar
sah er sich als eine Art iranischen Boris Jelzin: als den Mann, der nach dem
Zusammenbruch des alten Systems für eine neue Ordnung stehen könnte.
Für den Fall
einer Machtübernahme habe er sogar die Anerkennung Israels und eine
Normalisierung der Beziehungen im Rahmen der Abraham-Abkommen in Aussicht
gestellt.
Ein
Holocaustleugner als künftiger Friedenspartner. In der Realpolitik lässt sich
selbst die belastetste Vergangenheit neu deuten, sobald sie dem nächsten
Vorhaben im Weg steht.
Befreiung
durch Bombardierung
Ende Februar2026 soll die jahrelange Operation ihren Höhepunkt erreicht haben. In den
ersten Tagen des amerikanisch-israelischen Krieges gegen den Iran griff Israel
laut New York Times Ahmadinejads Anwesen in Teheran aus der Luft an.
Der Angriff
habe nicht dem Ziel gedient, den ehemaligen Präsidenten zu töten. Getroffen
worden seien stattdessen das Gebäude seiner Leibwächter und sein gepanzertes
Fahrzeug. Offenbar wollte man ihn so aus der Überwachung durch die
Revolutionsgarde lösen.
Kurz darauf
soll ein schwarzer Peugeot vorgefahren sein. Mossad-Agenten hätten Ahmadinejad
aufgenommen und ihn mit hoher Geschwindigkeit durch das Chaos der bombardierten
Hauptstadt in ein geheimes Versteck gebracht.
Folgt man
dieser Darstellung, begann die Befreiungsaktion mit Bomben auf das Anwesen des
Mannes, den man retten wollte. Auch das gehört zur Logik militärischer
Menschenrettung: Zuerst wird die Umgebung zerstört, danach gilt das Überleben
des Betroffenen als Erfolg.
Im Versteck
sollte offenbar die nächste Phase des Plans anlaufen. Der iranische Staat
sollte zusammenbrechen, Ahmadinejad als Alternative bereitstehen. Israel hätte
damit auf einen Mann gesetzt, der bekannt war, ein populistisches Netzwerk
besaß und genügend Groll gegen seine früheren politischen Verbündeten
mitbrachte.
Doch der
vorgesehene Staatschef spielte nicht mit. Berichten zufolge war Ahmadinejad
über die hektische Rettungsaktion verärgert und begegnete dem israelischen Plan
zunehmend mit Misstrauen. Schließlich verließ er das Versteck. Wie ihm das
gelang und was genau geschah, ist bis heute unklar.
Vielleicht
erkannte er, dass jene, die jemanden an die Macht bringen können, ihn ebenso
leicht wieder daraus entfernen. Vielleicht missfiel ihm auch nur die
Unterbringung. Geheimdienstgeschichten haben die Eigenart, dass zentrale Motive
im Dunkeln bleiben, während Nebensachen bis ins kleinste Detail überliefert
werden.
Rückkehr
unter Bewachung
Mehrere Monate
lang trat Ahmadinejad nicht öffentlich auf. Erst Anfang Juli 2026 wurde er kurz
bei der Trauerprozession für den getöteten Obersten Führer Ali Khamenei
gesehen.
Videoaufnahmen
zeigten ihn in einer dicken Jacke, obwohl in Teheran etwa 32 Grad herrschten.
Eine medizinische Maske hing unter seinem Kinn. Ahmadinejad sagte nichts, hielt
den Kopf gesenkt und war von Männern umringt, die wie Sicherheitskräfte
wirkten.
Ehemalige
iranische Regierungsvertreter sollen danach bestätigt haben, dass die
Geheimdienstabteilung der Islamischen Revolutionsgarde Ahmadinejad unter
Hausarrest gestellt habe. Den iranischen Behörden sei es gelungen, einen großen
Teil seiner Kontakte zu Israel nachzuvollziehen.
Offizielle
Bestätigungen aus Teheran oder Jerusalem lagen dem Bericht zufolge zunächst
nicht vor. Der Mossad schwieg, Ahmadinejads Sprecher wollte sich nicht äußern.
Dieses
Schweigen ist selbst Teil der Geschichte. Regierungen dementieren
üblicherweise, was sie entschieden zurückweisen wollen. Bleibt sogar das
Dementi aus, beginnt jener Raum gezielter Ungewissheit, in dem Geheimdienste
besonders gern operieren.
Das Personal
des Regimewechsels
Der Plan mit
Ahmadinejad soll Teil einer größeren israelischen Strategie zum Sturz der
iranischen Regierung gewesen sein. Dazu gehörten Berichten zufolge auch die
Bewaffnung und Ausbildung iranisch-kurdischer Oppositionskräfte im Nordirak.
Diese Einheiten sollten in den Westen des Iran vordringen, Gebiete unter ihre
Kontrolle bringen und schließlich in Richtung Teheran marschieren.
Dazu kam es
nicht. Auch Ahmadinejad wurde nicht zum Führer eines neuen Iran. Statt im
Präsidentenpalast landete er, folgt man den Berichten, unter der Bewachung
genau jenes Apparats, den seine ausländischen Unterstützer ausschalten wollten.
Damit wäre die
Operation gescheitert. Die politische Idee dahinter bleibt dennoch
bemerkenswert.
Jahrelang hatte
Israel Ahmadinejad , zurecht, als fanatischen Antisemiten, Holocaustleugner und
Unterstützer des iranischen Atomprogramms bekämpft. Als er sich jedoch mit der
Führung in Teheran überwarf und für einen Regimewechsel brauchbar erschien,
verwandelte sich der unversöhnliche Gegner in einen möglichen Partner.
Aus Sicht eines
Geheimdienstes ist das kein Widerspruch. Staaten ordnen die Welt öffentlich
nach moralischen Kategorien. Nachrichtendienste verwenden andere Maßstäbe:
nützlich oder nutzlos, kontrollierbar oder unberechenbar, schützenswert oder
entbehrlich.
Unter diesen
Bedingungen war Ahmadinejads Vergangenheit kein grundsätzliches Hindernis. Sie
hätte höchstens die spätere Öffentlichkeitsarbeit erschwert.
Dass ein
notorischer Antisemit zum israelischen Kandidaten für die Führung des Iran
werden konnte, widerspricht daher nicht der Logik eines Regimewechsels. Es
führt sie zu Ende. Wer ein fremdes Land neu ordnen will, sucht selten nach
einem Demokraten, Menschenrechtler oder moralisch untadeligen Reformer. Gefragt
ist jemand mit Anhängern, Kenntnis des Staatsapparats und der Bereitschaft,
sich gegen frühere Verbündete zu stellen.
Auf den ersten
Blick klingt die Geschichte unglaublich. Beim zweiten Hinsehen wirkt sie
beinahe gewöhnlich.
Sie erzählt von
einem ehemaligen Präsidenten, der sein Land mithilfe seiner einstigen Todfeinde
regieren wollte. Von einem Geheimdienst, der einen Holocaustleugner als
strategische Reserve betrachtete. Von einer Universität als Kulisse, von
Klimakonferenzen, die keine waren, und von Rettungsaktionen, die mit Bomben
begannen.
Vor allem aber handelt sie von einer politischen Welt, in der selbst die schlimmsten Überzeugungen verzeihlich werden, sobald ihr Träger im nächsten Krieg auf der gewünschten Seite steht.