Die letzte Gewissheit der autoritären Linken: Israel als Weltformel

TL;DR: Der Antrag G.36 der AKL zum Potsdamer Parteitag der Partei Die Linke ist weniger eine Analyse des Nahostkonflikts als Ausdruck einer autoritären Denkweise. Er ordnet komplexe Widersprüche in ein einfaches Schema von Herrschaft und Widerstand ein und macht Israel zum zentralen Symbol imperialer Macht. Die Kolumne fragt, ob diese politische Grammatik den Konflikt noch erklärt – oder vor allem die Krise von Teilen Linken selbst offenlegt.

Titelbild eines Beitrags mit einer dokumentenähnlichen Darstellung. Im oberen Bereich ist ein Ausschnitt eines Antrags mit der Überschrift „Antrag G.36: Für gleiche Rechte in Westasien – gegen jeden Rassismus und Antisemitismus“ zu sehen. Darunter werden als Antragsteller verschiedene linke Gruppierungen und Arbeitsgemeinschaften genannt.  Über das Bild liegt ein großer, halbtransparenter Text: „Die letzte Gewissheit der autoritären Linken: Israel als Weltformel“.

Wie der Antrag G.36 der Antikapitalistischen Linken und Anderer die Rückkehr eines antiimperialistischen Denkens markiert, das mehr über den Zustand der von Teilen deutschen Linken verrät als über Israel, Palästina und Antisemitismus

Manche politischen Texte geben vor, die Welt zu erklären. Andere legen, oft unfreiwillig, ihre Autoren offen. Der Antrag G.36 „Für gleiche Rechte in Westasien – gegen jeden Rassismus und Antisemitismus“, eingebracht von Strömungen der Partei Die Linke, gehört entschieden zur zweiten Sorte. Formal geht es um Israel, Palästina, Krieg, Besatzung, Antisemitismus und Außenpolitik. Tatsächlich geht es um Teile der Linken, die sich an diesem Konflikt abarbeitet.

Der Antrag fällt in eine Zeit, in der Gewissheiten rar geworden sind. Alte Ordnungen bröseln, neue werden nicht fertig. Kriege, autoritäre Bewegungen, ökonomische Verunsicherung und tektonische Verschiebungen in der Weltpolitik schaffen ein Klima, in dem Orientierung zur Ware wird. Und wo Orientierung fehlt, haben Weltbilder Konjunktur, die Komplexität nicht aushalten müssen. Nicht weil sie besonders klug wären, sondern weil sie Ruhe versprechen.

G.36 ist genau so ein Ruheversprechen.

Der Text gibt sich als Plädoyer für gleiche Rechte und als Abgrenzung gegen Rassismus und Antisemitismus. Das ist der moralische Anstrich. Liest man ihn jedoch als politisches Dokument, nicht als Selbstzertifikat, zeigt sich ein anderes Muster. Seine Hauptleistung ist nicht die Analyse eines konkreten Konflikts. Seine Hauptleistung ist die Übersetzung einer widersprüchlichen Region in eine vertraute antiimperialistische Grammatik.

Damit fängt das Problem an.

Die Rückkehr der großen Erzählung

G.36 beginnt mit einer Setzung, die den Rest bereits festlegt. Der Krieg erscheint als „Fortsetzung einer auf Expansion und regionale Hegemonie ausgerichteten Politik der Zerstörung, Kontrolle und Landnahme durch Israel und die USA“ (Zeile 5–7). Schon die ersten Seiten machen aus dem Konflikt kein Geflecht konkurrierender Dynamiken, sondern den Ausläufer eines einheitlichen imperialen Projekts.

Israel und die USA treten dabei wie ein Kollektivsubjekt auf: handlungsfähig, geschlossen, strategisch, historisch konsequent. Die andere Seite kommt überwiegend als Objekt vor, als etwas, dem etwas geschieht.

Das ist keine Unachtsamkeit, sondern Methode. Es entspricht jener Denkbewegung, die die „Thesen über die autoritäre Linke“ als Kern antiimperialistischer Weltdeutung beschreiben: Wirklichkeit wird entlang großer Lagerkämpfe sortiert, Entwicklungen werden auf den Gegensatz von Herrschaft und Widerstand zusammengeschrumpft.

Der Witz ist nicht, dass jede Imperialismusanalyse Unsinn wäre. Der Witz ist, dass Imperialismus hier zur Universalerklärung wird.

Wer über Israel redet, redet über Imperialismus. Wer Antisemitismus erwähnt, landet beim Kolonialismus. Wer Krieg sagt, meint Hegemonie. Alles bekommt seinen Platz in derselben Schublade. Das schafft Ordnung. Erkenntnis folgt daraus nicht zwingend.

Gerade der Nahostkonflikt ist schwer zu begreifen, weil mehrere Erklärungsebenen zugleich stimmen können: nationale Ansprüche, religiöse Traditionen, koloniale Erfahrungen, Sicherheitsinteressen, Antisemitismus, arabischer Nationalismus, politische Ökonomie, Erinnerungspolitik, nackte Machtpolitik. G.36 kennt diese Vielfalt. Er arbeitet nicht mit ihr. Er räumt sie weg.

Israel als Symbol, nicht als Gesellschaft

Auffällig ist, wie Israel im Antrag auftaucht. Nicht als Gesellschaft mit Klassen, Fraktionen, inneren Konflikten, wechselnden Regierungen und gegensätzlichen Ideologien. Sondern als Akteur mit einer nahezu durchgehenden historischen Logik.

Besonders deutlich wird das dort, wo vom politischen Zionismus die Rede ist. Die Vision eines „Groß-Israel“ sei „seit jeher auch im politischen Zionismus verankert“ gewesen, heißt es (Zeile 22–24). Später gilt das Nationalstaatsgesetz von 2018 nicht als Zäsur, sondern als konsequente Fortführung eines seit der Staatsgründung gültigen Prinzips (Zeile 94–104).

Man muss diese Lesart nicht teilen, um ihre Funktion zu erkennen. Israel wird nicht als widersprüchliches historisches Projekt gezeigt, sondern als kontinuierliche Verwirklichung einer kolonialen Idee. Das macht Geschichte angenehm übersichtlich. Genau diese Übersicht kostet.

Denn dieselbe Entwicklung, die Palästinenser millionenfach vertrieben und entrechtet hat, war zugleich die Geschichte einer jüdischen Emanzipationsbewegung, die aus jahrhundertelanger Verfolgung hervorging. Der Antrag erwähnt das, knapp. Zionismus sei eine Reaktion auf europäischen Antisemitismus (Zeile 160–164). Nur wirkt dieser Satz wie eine Randnotiz.

Antisemitismus erscheint häufig als historische Einleitung, Kolonialismus als Hauptfigur. Damit verschiebt sich das Gewicht der Erklärung. Im Zentrum steht nicht mehr die Frage, warum Juden einen eigenen Staat wollten. Im Zentrum steht, was dieser Staat anderen angetan hat.

Das ist als Perspektive legitim. Es wird dort unerquicklich, wo es als einzige Perspektive durchgesetzt wird.

Die merkwürdige Stellung des Antisemitismus

Der Titel verspricht viel: „gegen jeden Rassismus und Antisemitismus“. Man könnte erwarten, dass Antisemitismus im Text eine eigenständige analytische Rolle spielt. Er spielt sie nur am Rand.

Antisemitismus wird verurteilt, historisch anerkannt, politisch zurückgewiesen. Selten aber wird er als gesellschaftliche Struktur mit eigener Dynamik behandelt. Die tragenden Begriffe heißen Kolonialismus, Besatzung, Apartheid, Imperialismus, Vertreibung. Sie organisieren den gesamten Text. Antisemitismus taucht häufig als ein Problem unter mehreren auf.

Gerade hier zeigt sich eine Schwäche, die über Israel hinausweist. Antisemitismus ist nicht einfach eine Variante von Rassismus. Er funktioniert anders. Er konstruiert Juden oft nicht als minderwertig, sondern als übermächtig. Er erklärt Krisen über Personalisierung abstrakter Verhältnisse. Er produziert Verschwörungsphantasien, nicht bloß Ausgrenzung.

Wer Antisemitismus als Unterfall allgemeiner Diskriminierung behandelt, übersieht leicht seine Besonderheit. G.36 vermeidet offene antisemitische Argumente. Er unterschätzt aber die Eigenlogik des Problems. Das ist politisch kein Detail.

Die Sehnsucht nach Eindeutigkeit

Die „Thesen über die autoritäre Linke“ beschreiben autoritäres Denken als Drang, gesellschaftliche Totalität einseitig zu ordnen und Widersprüche in klare Fronten zu pressen (Basisgruppe Antifa 2024, These 5). Genau dieser Drang prägt weite Teile von G.36.

Die Welt steht geschniegelt da.

Hier die imperialen Mächte. Dort die Unterdrückten. Hier Besatzung, dort Widerstand. Hier Herrschaft, dort Befreiung.

Natürlich finden sich Differenzierungen. Hamas wird als „rechte fundamentalistische Organisation“ benannt, die ihre Herrschaft mit Gewalt gegen die eigene Bevölkerung absichere (Zeile 121–124). Auch die PLO bleibt nicht unkritisiert. Doch diese Einsprengsel ändern die Grundarchitektur kaum. Der Text bleibt antiimperialistisch getaktet. Man könnte sagen: Hamas wird getadelt, das Weltbild bleibt unangetastet.

Darin liegt die Nähe zu jener Denkform, die die Bremer Autor*innen beschreiben: gesellschaftliche Konflikte werden in eine globale Erzählung von Imperialismus und Befreiung eingepasst, politische Komplexität wird systematisch reduziert (Basisgruppe Antifa 2024, These 8b).

Der G.36illustriert diese Diagnose nicht, weil jede einzelne seiner These zwangsläufig falsch wäre. Sondern weil fast jede seiner These in dieselbe Richtung zeigt. Ein Text, der nur Bestätigung liefert, produziert selten Erkenntnis.

Der Konflikt als Spiegel

Vielleicht erklärt das auch die auffällige Asymmetrie. Über israelische Macht wird ausführlich gesprochen. Über die Krisen autoritärer Bewegungen in der Region deutlich weniger. Über Besatzung sehr viel. Über die politische Ökonomie islamistischer Herrschaft kaum. Über Kolonialismus seitenlang. Über Antisemitismus vergleichsweise kurz.

Das heißt nicht, alles müsste gleich gewichtet sein. Es zeigt nur, welche Fragen als die richtigen gelten.

Der Antrag betrachtet den Nahen Osten letztlich durch die Brille einer bestimmten linken Tradition. Er fragt weniger, was geschieht. Er fragt, wie das Geschehen in eine bekannte Theorie passt. Das Ergebnis erinnert an einen alten Trick politischer Weltdeutung: Wer nur einen Hammer hat, sieht Nägel. Wer ein antiimperialistisches Raster besitzt, findet überall Imperialismus.

Schwierig wird es, wenn die Wirklichkeit nicht mitspielt.

Denn dieser Konflikt verweigert sich seit Jahrzehnten den großen Gewissheiten. Er widerlegt jene, die ihn zum Religionskrieg erklären wollen. Er widerlegt auch jene, die ihn ausschließlich als Kolonialkonflikt lesen. Und er enttäuscht die Hoffnung, nationale Selbstbestimmung könne sämtliche Widersprüche auflösen.

Seine Tragik besteht darin, dass mehrere Wahrheiten gleichzeitig existieren. G.36 versucht dagegen, eine Hauptwahrheit zu installieren. Das macht den Text politisch handhabbar. Es macht ihn analytisch dünner.

Die Linke und ihre letzte Weltformel

Am Ende sagt G.36 womöglich weniger über Israel als über die Verfassung eines Teils der Linken in Deutschland. Der Antrag steht für eine politische Kultur, die in wachsender Unsicherheit nach theoretischer Ordnung greift. Auf chaotische Wirklichkeit antwortet sie mit begrifflicher Disziplinierung. Alles bekommt seinen Platz, alles wird erklärbar, alles fügt sich in die Erzählung von Herrschaft und Widerstand.

Warum das attraktiv ist, liegt auf der Hand. In Krisenzeiten nimmt man lieber eine Landkarte als ein Labyrinth.

Nur entsteht politische Einsicht selten dort, wo die Karte sauberer ist als das Gelände.

Historisch lag die Stärke linker Kritik darin, Widersprüche sichtbar zu machen, nicht sie glattzuziehen. Darin, Verhältnisse offen zu legen, die sich einfachen Moralgrammatiken entziehen. G.36 geht den anderen Weg. Er macht die Welt leichter lesbar. Er macht sie auch flacher.

Vielleicht besteht sein Kernfehler nicht darin, dass er zu viel über Israel sagt. Sondern darin, dass er zu wenig über die Linke zeigt, die ihn geschrieben hat: eine Linke, die in einer komplizierter werdenden Welt ausgerechnet dort nach Gewissheit sucht, wo sie am teuersten ist.

In der Vereinfachung.

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