Der Sozialdemokrat als nützlicher AfD-Türöffner

TL;DR: Albigs „pragmatischer“ Vorstoß zur AfD-tolerierten Minderheitsregierung ist weniger neu als nützlich – für rechte Medien. Sie feiern ihn, weil er die Brandmauer sprachlich erodiert und die AfD weiter normalisiert

Titelbild eines Beitrags mit einer politisch zugespitzten Grafik: Im Zentrum steht eine Frau an einem Rednerpult mit AfD-Logo, die mit ausgebreiteten Armen spricht. Der Hintergrund ist in Türkis gehalten und zeigt mehrfach das AfD-Logo.  Über das Bild sind mehrere große Textzeilen gelegt, darunter: „Der Sozialdemokrat als nützlicher AfD-Türöffner“ sowie „Brandmauer stürzt weiter ein“ und „Ex-Ministerpräsident rät zu Kooperation mit der AfD“, wobei „Kooperation“ hervorgehoben ist.  Das gesamte Bild ist mit einem roten, diagonalen Kreuz durchgestrichen. Unten ist ein Logo mit einem „C“ und der Schriftzug „compact-online.de“ zu sehen.


Torsten Albig, die SPD und die politische Sehnsucht nach Gewöhnung

Politische Verschiebungen erkennt man oft nicht am Argument, sondern am Applaus.

Torsten Albig, einst Ministerpräsident in Schleswig-Holstein und lange als SPD-Zukunft gehandelt, riet seiner Partei im Mai 2026, sich auch auf von der AfD geduldete Minderheitsregierungen einzulassen. Das Echo kam pünktlich: in der SPD Empörung, bei der AfD Zustimmung, und rechts außen stellte man schon den Sekt kalt.

Dabei ist an Albigs Vorschlag kaum etwas überraschend. Neu war vor allem, wer ihn sofort als Zeichen las – als Einladung.

Der Jubel der falschen Freunde

Süddeutsche Zeitung und ZDF heute behandelten Albigs Aussagen als parteiinternen Krach und als Risiko für die demokratische Abgrenzung. NIUS und COMPACT machten daraus dagegen einen historischen Moment.

COMPACT schrieb auf X, „die Brandmauer stürzt immer weiter ein“. NIUS erklärte Albig zum ersten prominenten Sozialdemokraten, der endlich „verstanden“ habe, dass Ausgrenzung nicht mehr funktioniere.

Damit war die Funktion dieser Sätze klar: Sie liefern Material für Gewöhnung.

Die AfD wartet nicht zuerst auf Ressorts. Sie wartet darauf, dass man sich an sie gewöhnt.

Genau deshalb sind solche Debatten für rechte Medien Gold wert. Nicht weil irgendwo in Mecklenburg-Vorpommern eine Minderheitsregierung praktischer wird, sondern weil sich mit jedem „pragmatischen“ Satz verschiebt, was als normal gelten darf.

Albig sagte laut Süddeutscher Zeitung, man könne „nicht auf Dauer so tun, als wäre“ die AfD „die Ausgeburt der Hölle“, wenn sie von rund 30 Prozent der Wähler unterstützt werde.

Das klingt nach Besonnenheit. Und genau darum wirkt es.

Denn niemand muss die AfD dämonisieren, um ihren autoritären Zug zu sehen. Die Höllen-Metapher erfüllt einen anderen Zweck: Sie stellt scharfe Kritik als überdrehten Affekt hin. Wer warnt, gilt als hysterisch. Wer abwiegt, als vernünftig.

So beginnt Gewöhnung: nicht mit Zustimmung, sondern mit dem Satz, die Warnung sei übertrieben.

Die Erschöpfung der Sozialdemokratie

Natürlich liegt Albig nicht völlig daneben, wenn er auf den Niedergang der SPD verweist. Viele frühere SPD-Wähler sind zur AfD abgewandert. Die Partei hat ihre alten Milieus lange liegen lassen.

Nur folgt daraus kein politischer Zwang, die AfD parlamentarisch aufzuwerten.

Albig klingt eher wie ein politischer Controller. Demokratie erscheint bei ihm als Frage der Leistungsfähigkeit. Mehrparteienkoalitionen, sagte er laut ZDF heute, belasteten die „Leistungsfähigkeit der Demokratie“.

Wer so redet, hält Streit irgendwann für eine Betriebsstörung.

Vielleicht ist das auch eine Berufskrankheit. Nach der Politik arbeitete Albig unter anderem für DHL, den Bundesverband Deutscher Postdienstleister und schließlich als Lobbyist für Philip Morris. Wer lange in solchen Apparaten sitzt, schaut auf Konflikte gern wie auf Stau im Ablaufplan.

Nur ist Demokratie kein Fließband. Sie ist langsam, oft unerquicklich, voller Widerspruch – und gerade das macht sie widerstandsfähig.

Die Medien und die Verschiebung

Dass rechte Medien Albigs Worte begeistert aufsammeln, ist nicht erstaunlich. Erstaunlich ist höchstens, wie zuverlässig es jedes Mal läuft.

Sobald jemand aus dem demokratischen Spektrum „pragmatische“ Kooperationen mit der AfD ins Spiel bringt, wird daraus die Erzählung vom Ende der alten Ordnung.

Dann heißt Abgrenzung plötzlich „Moral“, und Anpassung wird als tapferer Realismus verkauft.

Dieser Realismus hat in Europa eine unschöne Geschichte.

Denn die AfD gewinnt nicht dadurch, dass andere Parteien ihr gelegentlich widersprechen. Sie gewinnt, wenn ihre Prämissen einsickern. Wenn ihre Sprache in die Mitte wandert. Wenn ihre Themen als „verständliche Sorgen“ durchgereicht werden.

Die Hoffnung, man könne rechte Wähler zurückholen, indem man ihnen politisch entgegenkommt, gehört zu den hartnäckigsten Illusionen. Frankreich und Italien liefern genug Anschauung: Wer den Ton der Rechten übernimmt, macht am Ende nicht die Rechten kleiner, sondern ihre Agenda größer.

Gefährlich ist daher nicht die einzelne Minderheitsregierung. Gefährlich ist der Rutsch im Maßstab.

Erst wird Abwehr zur „Moralisierung“. Dann gilt demokratische Grenzziehung als „Blockade“. Und irgendwann wirkt schon opportunistisch, was gestern noch schlicht feige war.

Vielleicht ist das Tragische an Albigs Vorstoß, dass er weniger von Radikalisierung erzählt als von Müdigkeit. Die SPD war einmal eine Partei, die Konflikte austrug. Heute erklärt ein ehemaliger Regierungschef, man müsse autoritäre Rechte einbinden, weil Umfragen es nahelegen.

Und die Rechten klatschen.

Das sollte als Hinweis reichen, was an diesem „Pragmatismus“ tatsächlich praktisch ist.

Quellenbasis: Aussagen und Berichte aus Bild (24.05.2026), Süddeutsche Zeitung (23.05.2026), ZDF heute (23.05.2026), NIUS (23.05.2026) sowie dem X-Beitrag von COMPACT-Magazin (23.05.2026).

 

 

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