Der grüne Mann als Pflegefall
TL;DR: Die Kolumne kritisiert das grüne Konzept „moderner Männlichkeit“ als gut gemeinte, aber harmlose Umverpackung des alten männlichen Subjekts: Statt patriarchale Verhältnisse anzugreifen, übersetzt es Stärke in Verantwortung und macht aus Gesellschaftskritik Coaching.
Warum „moderne Männlichkeit“ das Patriarchat nicht beseitigt, sondern Männliche Dominanz nur gefälliger verpackt
Grüne haben unter der Überschrift „Starke Männer
übernehmen Verantwortung – Eine Einladung für moderne Männlichkeit“ den
Mann entdeckt. Nicht als Lohnabhängigen. Nicht als Mitspieler in einem Markt,
der ihn erst auf Konkurrenz trimmt und später aussortiert. Auch nicht als
kleinen Herrscher im Privaten. Sie entdecken ihn als pädagogisches Problem:
angeschlagen, verunsichert, erreichbar. Man muss ihm offenbar nur beibringen,
dass er stark sein darf, solange er freundlich bleibt.
Das Impulspapier „Starke Männer
übernehmen Verantwortung – Eine Einladung für moderne Männlichkeit“ will
genau hier ansetzen. Rechte Politiker, Manosphere-Geschäftemacher und
Influencer wie Andrew Tate böten jungen Männern Orientierung. Die progressive
Seite habe zu lange vor allem gesagt, was Männer nicht sein sollen: „Nicht gewalttätig,
nicht dominant, nicht unterdrückend“. Jetzt brauche es eine Antwort darauf,
was Männer stattdessen sein können.
Auf den ersten Blick klingt das angenehmer als die alte
Zumutung. Wer wäre schon gegen Fürsorge, Verantwortung oder Väter, die
selbstverständlich Windeln wechseln? Der Text wendet sich gegen Frauenhass,
gegen Herrschaftsgesten, gegen jene kleine Brutalität, mit der manche Männer
ihre Angst in Autorität verwandeln. Daran ist nichts falsch. Es ist nur zu
wenig.
Denn das Papier möchte Männer vom Patriarchat lösen, ohne
die Verhältnisse ernsthaft anzugehen, die patriarchale Männlichkeit ständig neu
erzeugen. Der alte Befehl hieß: Sei hart. Der neue lautet: Sei verantwortlich.
Das ist freundlicher. Aber es bleibt ein Befehl.
Die grüne moderne Männlichkeit schafft das beschädigte
männliche Subjekt nicht ab. Sie macht es verträglicher. Beziehungsfähiger.
Anschlussfähiger. Moralisch konsumierbar. Der Mann soll nicht länger herrschen,
sondern moderieren. Nicht mehr zuschlagen, sondern „Räume öffnen“. Nicht
brüllen, sondern zuhören. Das ist ein Fortschritt. Doch auch ein polierter
Käfig glänzt.
Das Vakuum als bequeme Erklärung
Das Papier startet mit einer brauchbaren Diagnose.
„Jahrhundertelang wurde Männlichkeit über Dominanz definiert“, heißt es. Ein
Mann galt als stark, „wenn er sich nahm,
was er wollte – notfalls gegen Widerstand“. Dieses Männerbild habe Leid
hervorgebracht, besonders für Frauen. Der Feminismus habe dagegen gekämpft, „und das war bitter
nötig“.
Bis zu diesem Punkt gibt es wenig zu widersprechen.
Patriarchat war nie bloß eine Ansammlung schlechter Eigenschaften. Es
strukturierte Arbeit, Besitz, Sexualität, Familie, Gewalt und Anerkennung. Der
Mann war nicht nur ein inneres Bild. Er hatte eine soziale Funktion: Ernährer,
Haushaltsvorstand, Konkurrent, Soldat, kleiner Chef im Privaten, Bittsteller im
Großen.
Dann nimmt der Text eine andere Richtung. In diesem
notwendigen Kampf sei „etwas auf der
Strecke geblieben“. Man habe zwar benannt, was Männer nicht sein sollen,
aber „vergessen,
ein Angebot zu machen, was Männlichkeit stattdessen sein kann“.
Genau an dieser Stelle wird aus Kritik fast unmerklich
Betreuung. Der Feminismus erscheint nicht mehr nur als notwendiger Einspruch
gegen Herrschaft, sondern auch als Instanz, die dem Herrschenden kein
Ersatzbild geliefert habe. Er habe Gewalt benannt, aber keinen Trost beigelegt.
Natürlich steht dort nicht, der Feminismus sei schuld, wenn
junge Männer nach rechts abdriften. So grob formuliert das Papier nicht. Es
spricht lieber von einem „Vakuum“, in das alte
Bilder zurückströmten. Doch wer ein Vakuum behauptet, deutet auch an, wer
es hinterlassen haben soll.
Damit verschiebt sich die Ursachenanalyse. Der Rechtsruck
junger Männer erscheint nicht zuerst als Zusammenspiel aus gekränkten
Privilegien, ökonomischer Unsicherheit, Statusangst und digitaler
Radikalisierung. Er wirkt eher wie das Ergebnis einer fehlenden progressiven
Ansprache. Nicht die Gesellschaft steht dann im Mittelpunkt, sondern die
Kommunikation.
Das ist bequem. Herrschaft wird zur Frage der Vermittlung.
Krise wird Pädagogik. Der junge Mann erscheint wie ein Paket, das nur an der
falschen Tür abgegeben wurde: rechts statt progressiv.
Das Papier schreibt, Andrew Tate und seine Nachahmer
lieferten „eine
Anleitung zur Selbst- und vor allem Fremdversklavung“. Das trifft etwas.
Wer Versklavung kritisiert, müsste aber mehr zeigen als den falschen Ausbilder.
Er müsste die Werkstatt sichtbar machen, in der solche Subjekte entstehen:
Konkurrenz, Vereinzelung, Pornomarkt, Datingmarkt, Abstiegsangst, Familie, Arbeit,
Algorithmus. Das Papier bleibt vor dem Tor stehen und verteilt Einladungen.
Die neue Stärke trägt noch die alte Jacke
Der Text möchte Stärke retten. „Moderne Männlichkeit
ist keine Absage an Stärke. Im Gegenteil!“. Zurückgewiesen werde nur ein „enges, verkümmertes
Verständnis von Stärke“, das Härte verklärt und Verletzlichkeit abwertet.
Darin liegt der zentrale rhetorische Kniff des Papiers: Es
zieht dem alten Begriff die schärfsten Zähne und setzt ihn anschließend wieder
ein. Der Mann
darf ins Fitnessstudio gehen, auf Ernährung achten, für die Familie sorgen und
beschützen wollen: „Ja, bitte“. Er darf stark bleiben, solange seine Stärke
nicht gegen andere gerichtet ist, sondern ihnen dienen soll.
Das klingt vernünftig. Trotzdem haftet der neuen Stärke noch
der Geruch der alten an. Warum muss Fürsorge erst durch das Tor der Stärke
gehen, damit sie als männlich gelten darf? Warum braucht der Mann die
Bestätigung, dass er noch immer stark ist, wenn er Hilfe benötigt? Warum muss
Verletzlichkeit zum Mut erklärt werden, damit sie nicht peinlich erscheint?
Der Text sagt: „Du darfst weinen. Du
darfst Hilfe brauchen und sie in Anspruch nehmen. Das ist keine Schwäche,
sondern einfach Menschsein“. Genau. Menschsein. Damit wäre eigentlich alles
gesagt. Das Papier macht daraus jedoch wieder Männlichkeit.
Hier liegt der Widerspruch. Was unter „moderner
Männlichkeit“ läuft, sind meist keine spezifisch männlichen Tugenden. Es sind
menschliche Mindeststandards: andere nicht dominieren, zuhören, teilen, sorgen,
Gefühle zulassen, Konflikte nicht durch Flucht oder Gewalt lösen. Wer diese
Standards als neue Männlichkeit ausgibt, zieht jene Grenze neu, die er doch
öffnen möchte.
Das Papier gibt sich offen. „Es gibt unendlich
viele Wege, ein Mann zu sein“. Man könne Muskeln aufbauen
oder Poetry Slams schreiben, Fußball schauen oder tanzen gehen, Karriere machen
oder Hausmann sein, „und sogar beides“.
Das ist freundlich gemeint. Die Bühne bleibt trotzdem binär.
Der Mann darf nun mehrere Rollen spielen. Nur heißt das Theater weiterhin Mann.
Wer diese Bühne gar nicht betreten will, wer die Zweiteilung nicht
modernisieren, sondern hinter sich lassen möchte, wird höflich mitgemeint und
praktisch übergangen.
Früher gab es einen richtigen Weg, Mann zu sein. Jetzt gibt
es unendlich viele. Das ist angenehmer. Aber die Kategorie selbst bleibt
unberührt.
Das Papier nennt das alte Männerbild eine „Rollen-Diktatur“.
Diktaturen enden allerdings nicht dadurch, dass man die Kostümausgabe
erweitert. Man müsste die Herrschaftsform selbst angreifen. Der Text
demokratisiert die Rolle. Er hebt sie nicht auf.
Besonders deutlich wird das am Begriff der Stärke. Der Text
fragt: „Setzt du
dich durch, um andere zurückzudrängen? Oder um Räume zu öffnen?“. Moralisch
ist das brauchbar. Doch die Frage bleibt beim guten Gebrauch von Macht stehen.
Sie fragt nicht, warum der Mann überhaupt gelernt hat, sich als Träger von
Macht zu begreifen.
So wird aus Kritik Coaching. Der Mann soll seine Ressourcen
klüger einsetzen: Kraft, Ehrgeiz, Durchsetzung. Nietzsche besucht einen
Gleichstellungsworkshop und geht mit Care-Kompetenz nach Hause.
Verantwortung ohne Gesellschaft
Das Schlüsselwort des Papiers lautet Verantwortung. „Starke Männer
übernehmen Verantwortung“. Verantwortung für Familie, Freunde, Kolleginnen,
Sportverein, eigene Werte und die Freiheit anderer. Das klingt nach Gemeinsinn.
Und Gemeinsinn klingt oft besonders gut, wenn Gesellschaft nicht genauer
erklärt werden soll.
Verantwortung ist ein dankbares Wort. Unternehmen übernehmen
Verantwortung, wenn sie ein Leitbild drucken. Staaten übernehmen Verantwortung,
wenn sie aufrüsten. Bürger übernehmen Verantwortung, wenn der Sozialstaat sich
zurückzieht. Männer übernehmen Verantwortung, wenn sie nicht erwarten, für
Hausarbeit gelobt zu werden.
Das Papier meint es besser. „Moderne Männlichkeit
bedeutet die Freiheit, der Mann zu sein, der du sein willst – in der
Verantwortung für andere“. Am Ende heißt es: „Sei der Mann, der du
sein willst. Und übernehme Verantwortung dafür, dass andere die gleiche
Freiheit haben“.
Das ist die liberale Utopie im Taschenformat: Alle werden
frei, wenn jeder die Freiheit der anderen achtet. Der Text betont, Freiheit dürfe nicht
„als knappes Gut“ behandelt werden; sie werde größer, wenn man sie allen
ermögliche.
Schön wäre es. Nur hängt Freiheit in dieser Gesellschaft an der
Verfügungsgewalt über Produktionsmittel, Geld, Zeit, Wohnraum, Herkunft,
Körper, Geschlecht, Pass, Lohn und Gewalt. Der eine hat Zeit, weil die andere
putzt. Der eine macht Karriere, weil die andere Betreuung übernimmt. Der eine
entdeckt seine Verletzlichkeit, während die andere seine emotionale Buchhaltung
führt.
Der Text spricht von Augenhöhe. Aber Augenhöhe ist kein
Möbelstück, das man einfach in eine Beziehung stellt. Sie hängt an
Abhängigkeiten. Und an der Möglichkeit zu gehen.
An diesem Punkt wird die Einladung weich. Feminismus befreie
Frauen von Rollenbildern, moderne Männlichkeit Männer. Das seien „keine
konkurrierenden Projekte“, sondern Vorhaben mit demselben Ziel: „Mehr Freiheit
für alle“.
Das klingt versöhnlich. Es unterschlägt aber den Konflikt.
Patriarchat ist nicht nur ein Käfig, in dem alle unglücklich sitzen. Es ist
auch eine Ordnung, in der Männer Vorteile und Privilegien haben, selbst wenn
sie dabei beschädigt werden. Wer diese Vorteile und Privilegien abbaut, trifft
auf Widerstand. Manche Männer verwechseln ihre Kette nicht mit Schmuck. Sie
wissen, dass andere sie tragen.
Auch die Klassenfrage bleibt draußen. Der Mann des Papiers
geht ins Gym, reflektiert Erwartungen, verhandelt Work-Life-Balance,
unterstützt Kolleginnen, wird vielleicht Hausmann, vielleicht Karrieremensch,
vielleicht beides. Das ist eine Welt, in der Optionen wie Prospekte
herumliegen.
Viele Männer kennen diese Prospekte nur von außen. Sie
erleben sich als austauschbar, schlecht bezahlt, einsam, beschämt oder
permanent bewertet. Rechte Männlichkeit bietet ihnen eine wirksame Lüge an:
Deine Niederlage ist die Schuld der Frauen, der Migranten, der Linken, der
Schwachen. Das ist falsch. Aber es berührt ein Gefühl, das nicht verschwindet,
nur weil man sagt: Übernimm Verantwortung.
Wer dem etwas entgegensetzen will, muss mehr tun, als eine
bessere Männlichkeit zu formulieren. Er muss die Verhältnisse angreifen, in
denen Anerkennung als Sieg über andere erscheint. Er muss Konkurrenz,
Sorgearbeit, Körpermarkt und Statuspanik kritisieren. Sonst bleibt moderne
Männlichkeit ein Pflegeprodukt für das alte Subjekt: milder, angenehmer,
dermatologisch getestet.
Das zeigt sich auch an der Anschlussfähigkeit an
Lifestyle-Symbole: Pumpen, Playboy, SUV, Selbstinszenierung. Daraus muss man
keinen künstlichen Skandal machen. Das Papier genügt. Es versichert dem Mann,
er dürfe stark, ehrgeizig, sportlich, beschützend und Versorger sein, solange
er es richtig meint. Die Botschaft lautet: Du musst nicht aufgeben, was du
kennst. Du musst es nur moralisch sortieren.
So wird feministische Substanz dünn. Nicht, weil Männer
nicht angesprochen werden dürften. Natürlich müssen sie angesprochen werden.
Aber linke Politik sollte Männer nicht genau dort bestätigen, wo sie stehen
bleiben möchten.
Das Papier endet mit dem 15-jährigen Jungen, der nicht
zwischen „toxischer Dominanz und orientierungsloser Beliebigkeit“ wählen müsse.
Er solle ein drittes Angebot bekommen: „Sei der Mann, der du
sein willst. Und übernehme Verantwortung dafür, dass andere die gleiche
Freiheit haben“.
Vielleicht hilft das manchen. Aber der Junge lebt nicht in
einem Seminarraum. Er lebt in einer Gesellschaft, die ihn früh fragt, was er
wert ist, wie er aussieht, was er verdient, ob er mithält, gewinnt, begehrt
wird. Rechte antworten darauf mit Feindbildern. Das Papier antwortet mit
Verantwortung.
Das ist ehrenwert. Aber klein.
Wer dem Jungen helfen will, sollte ihm nicht nur eine neue
Männlichkeit anbieten. Er sollte ihm zeigen, warum er glaubt, überhaupt eine zu
brauchen. Er sollte ihm nicht versprechen, dass Stärke gut sein kann, wenn sie
anderen dient. Er sollte für eine Welt kämpfen, in der niemand stark sein muss,
um nicht unterzugehen.
Bis dahin bleibt der grüne Mann unterwegs: kein Krieger
mehr, noch nicht befreit, aber gut gebürstet. Er öffnet Räume, trocknet Tränen,
teilt Erfolge und fragt sich abends, ob er nach seinen Werten gelebt hat. Die
Gesellschaft, die ihn geformt hat, nickt zufrieden. Sie wurde nicht
angegriffen. Sie hat nur einen besseren Mitarbeiter bekommen.