Das andere Amerika spricht zum 250. Geburtstag
TL;DR: Mamdani erzählt den amerikanischen Nationalmythos von links neu. Amerika erscheint bei ihm nicht als Machtprojekt der Reichen, Weißen und Besitzenden, sondern als offenes Versprechen für Arbeiterinnen, Migrantinnen, Krankenpflegerinnen, Mieterinnen und Protestierende. Aus europäisch-linker Perspektive bleibt Misstrauen gegenüber Patriotismus angebracht. Für die politische Auseinandersetzung in den USA ist diese Rede trotzdem stark, weil sie den Begriff Amerika nicht der Rechten überlässt.
Zohran Kwame Mamdani hält zum 250. Geburtstag der USA
eine linke Antwort auf den autoritären Patriotismus: historisch, sozial,
migrantisch und gerade deshalb amerikanisch.
New Yorks Bürgermeister Zohran Mamdani setzt einen deutlichen Kontrapunkt zu Donald Trump. Während Trump seine Rede zum 250. Geburtstag der USA vor der Kulisse des Mount Rushmore in South Dakota nutzte, um gegen „gottlose Kommunisten“ und Einwanderer*innen auszuteilen, gipfelnd in dem Satz: „Man kann Karl Marx treu sein oder Amerika. Man kann Kommunist sein oder Patriot. Beides geht nicht“, wählte Mamdani eine andere Bühne und eine andere Sprache. Hinter dem historischen George-Washington-Präsidentenschreibtisch im New Yorker Rathaus entwarf er in fünfzehn Minuten eine bildreiche, weit ausholende und emotional aufgeladene Gegenrede. Inklusiv im Ton, klar in der sozialen Anklage.
Mamdani spricht über die nicht eingelösten Ideale des
Landes, über Einwanderung und über systemische Ungleichheit. Er zerstört den
amerikanischen Nationalmythos nicht, sondern verschiebt ihn. Das wahre Amerika,
so seine Botschaft, sind nicht die Reichen, Rassisten, Imperialisten und
Behörden. Es sind die Arbeiterinnen, Migrantinnen, Krankenpflegerinnen,
Mieterinnen und Protestierenden.
Das ist eine ideologische Leistung, die man nicht kleinreden
sollte. Mamdani macht Unzufriedenheit patriotisch verwendbar. Aus
europäisch-linker Sicht kann man zu Recht fragen, weshalb Ausgebeutete ihre
Hoffnung überhaupt noch in die Sprache der Nation legen sollen. Für die USA
aber markiert diese Rede einen wichtigen Punkt: Die Arbeiterinnen, Migrantinnen,
Krankenschwestern und Ausgebeuteten sprechen nicht gegen Amerika. Sie sprechen
als das andere, bessere Amerika.
Der Hafen als Gegenarchiv
Das ist nicht wenig in einem Land, dessen offizielle
Festtagsrhetorik Geschichte und Herrschaft gern in ein Feuerwerk verwandelt,
das man mit der Hand auf dem Herzen anschaut. Mamdani beginnt nicht mit
Marschmusik. Er beginnt mit Wasser. „Saison
für Saison, Jahr für Jahr strömen die Gezeiten in den New Yorker Hafen und
wieder hinaus.“ Noch bevor es New York gab, gab es Lenape-Boote. Später
kamen Kolonialsegler, Sklavenschiffe, Einwandererdampfer, Frachter und Fähren.
Der Hafen wird bei Mamdani nicht zur Postkarte. Er wird zum
Speicher der Zumutungen und Hoffnungen, aus denen Amerika entstanden ist.
Dann stellt er die entscheidende Frage: „Was
sehen wir, wenn wir Amerika betrachten?“ Seine Antwort ist keine Reklame
der Macht. Er zeigt kein Land, das immer schon groß war, sondern eines, das
immer wieder an seinen eigenen Ansprüchen scheitert. Die Ankommenden sahen „Land,
üppig und voller Leben“, aber auch „Männer,
die an den Docks warteten, um sie in die Sklaverei zu verschleppen“. Sie
sahen „Elendsviertel“,
Fabriken, Rauch, Lärm, Bewegung und schließlich „ein
hoch aufragendes Denkmal der Freiheit“.
Wer so spricht, verweigert sich der Dummheit der reinen
Feier. Aber auch der Bequemlichkeit der reinen Verachtung.
Die Stärke dieser Rede liegt darin, dass sie die
amerikanische Gründung nicht als heilige Urkunde behandelt, sondern als offene
Rechnung. Die Unabhängigkeitserklärung erscheint nicht als erledigtes Dokument,
sondern als Versprechen, das die Herrschenden nie freiwillig eingelöst haben. „Die
Aufgabe, die Werte zu verwirklichen, die in der Unabhängigkeitserklärung
verankert wurden — diese Aufgabe bleibt bestehen“, sagt Mamdani.
Man kann das, europäisch und links geschult, für eine zu
freundliche Lesart der bürgerlichen Revolution halten. Man kann einwenden, dass
die Poesie der Verfassung oft genug nur der schöne Vorhang vor Sklaverei,
Landraub, Ausbeutung und Krieg war. Doch in den USA ist diese Sprache nicht nur
Dekoration. Sie ist ein Kampffeld.
Mamdani verschiebt dieses Feld. Er überlässt die Nation
nicht denen, die daraus Eigentum der Weißen, Reichen und Bewaffneten machen
wollen. Dem „Liebe es oder verlass es“ setzt er einen anderen Satz entgegen: „Patriotismus
bedeutete noch nie, so zu tun, als sei unser Land fehlerlos.“
Das ist der Kern der Rede. Mamdani nimmt der Rechten ihre
billigste Waffe: die Gleichsetzung von Kritik und Verrat. Patriotismus bedeutet
bei ihm nicht Unterwerfung. Er bedeutet Widerspruch. Nicht Fahnenverehrung,
sondern „jeder
Akt des gerechten Protests, jeder Marsch in der prallen Sonne, jede
Demonstration, die ein Jahrzehnt zu früh stattfindet“.
Patriotismus als Kampfansage
Hier ist die Rede am stärksten. Mamdani spricht nicht von
abstrakten Bürgern. Er spricht von denen, die den Laden am Laufen halten und
dafür verachtet werden. Amerika zeigt sich für ihn nicht nur in Konzernen, „für
die Fahrlässigkeit zum Geschäftsmodell gehört“. Es zeigt sich auch in dem
Vater, der seine Kinder unter einer wassergeschädigten Decke ins Bett bringt
und trotzdem glaubt, „sein
Land könne es besser für seine Familie machen“.
Amerika ist für Mamdani nicht nur die
Krankenversicherungsindustrie, „die
Kranke ausbeutet“. Es ist auch die Krankenschwester, „die
eine Doppelschicht arbeitet“ und auf dem Heimweg nach einer kranken
Nachbarin sieht. Ja, das ist sentimental. Aber es ist die richtige Art von
Sentimentalität. Nicht die der Herrschenden, die ihre Opfer um Verständnis
bitten. Sondern die derjenigen, die wissen, dass Solidarität nicht aus
Sonntagsreden wächst, sondern aus Müdigkeit, Pflege, Nachbarschaft und Streik.
Dass Mamdani die Geschichte New Yorks als Geschichte der
Unterdrückten erzählt, ist mehr als lokale Folklore. Er erinnert an Weeksville,
an James Weeks, an freigelassene Schwarze, die Land kauften, Wahlrechte
erkämpften und ein Zuhause bauten. Er erinnert an Iren, Chinesen, Juden,
Italiener, Syrer, Puertoricaner, Westinder, Südasiaten und Westafrikaner.
Einwanderung erscheint bei ihm nicht als humanitäres
Schmuckstück, sondern als Arbeits- und Klassenrealität. Die Neuankömmlinge
hätten den Fremdenhass noch nicht erahnen können, „die
Arbeitsverweigerungen, die Vermieter, die ihnen keine Wohnungen vermieten
würden, und die erbärmlichen Arbeits- und Lebensbedingungen“. Das ist kein
Schmelztiegel-Kitsch. Es ist die nüchterne Wahrheit: Amerika nahm Menschen auf,
weil es sie brauchte, und demütigte sie, weil es sie beherrschen wollte.
Gerade deshalb ist Mamdanis Umdeutung des amerikanischen
Exzeptionalismus bemerkenswert. „Amerika
ist außergewöhnlich, weil hier nichts in Stein gemeißelt ist.“ Nicht weil
es reicher, stärker, größer oder bewaffneter wäre. Nicht weil seine Drohnen
weiter fliegen und seine Milliardäre höher stapeln. Sondern weil die Bedeutung
dieses Landes politisch offen bleibt.
Bei so viel nationaler Hoffnung darf man misstrauisch
werden. Man darf fragen, ob das Elend erträglicher wird, nur weil man es in
schöneren Farben auf eine Fahne malt. Diese Frage ist berechtigt. Aber sie
erledigt die Rede nicht.
Denn Mamdani liefert keine Regierungslyrik für die
Besitzenden. Er hält eine Kampfrede gegen sie. „Wir
sehen Monopole, die jede Branche beherrschen, und Oligarchen, die Wahlen kaufen.“
Er sieht „maskierte
Agenten“, die Nachbarn ohne Papiere verschleppen. Er sieht ein Land, dessen
Reichtum von Menschen mit „rauen, schmutzigen Händen“ geschaffen wurde, und
zugleich ein Land, das zugelassen hat, dass dieser Reichtum „in
den Händen einiger weniger Privilegierter konzentriert wird“.
Wer so spricht, redet nicht von nationaler Einheit. Er redet
von Klassenverhältnissen. Dass Mamdani am Ende trotzdem „God
bless America. God bless New York City. And happy 4th of July.“ sagt, ist
der Preis der amerikanischen Bühne. Dass er vorher benennt, wer dieses Amerika
aufgebaut hat und wer es ausplündert, ist der politische Gewinn.
Man sollte diese Rede also nicht mit dem Maßstab
europäischer Reinheitspolitik lesen, die schon zufrieden ist, wenn sie mit
keinem Gemeinwesen mehr verwechselt werden kann. In den Vereinigten Staaten
wird der Begriff Amerika täglich von Reaktionären, Kapitalisten, Rassisten und
Gotteskriegern besetzt. Wer ihn ihnen kampflos überlässt, übt keine radikale
Kritik. Er räumt ein Schlachtfeld.
Mamdani tut das Gegenteil. Er sagt den Ausgeschlossenen: Ihr
seid keine Gäste in diesem Land. Ihr seid seine Geschichte. Ihr seid nicht der
Störfall Amerikas. Ihr seid seine Möglichkeit.
Das macht die Rede positiv im besten Sinne. Nicht harmlos
positiv, nicht versöhnlerisch, nicht als Balsam auf Wunden, die der
Kapitalismus täglich schlägt. Positiv ist sie, weil sie die Hoffnung nicht den
Lügnern überlässt. Weil sie nicht behauptet, Hunger, Abschiebungen, Mietwucher
und Oligarchie ließen sich mit ein paar schönen Worten wegreden. Und weil sie
den Menschen sagt, dass ihr Protest nicht außerhalb der Geschichte steht.
„Gerade
weil wir dieses Land lieben, werden wir es nicht verlassen.“ Für
europäische Ohren klingt das schnell nach zu viel Pathos. In den USA ist es
eine Kampfansage. Es heißt: Wir gehen nicht. Nicht die Migrantinnen. Nicht
die Armen. Nicht die Kranken. Nicht die Mieterinnen. Nicht die Arbeiterinnen.
Nicht die Nachbarinnen, die sich bei einer Razzia unterhaken. Nicht die,
die im Regen wählen gehen. Nicht die, die mehr fordern „nicht
nur für sich selbst, sondern auch für ihre amerikanischen Mitbürger“.
Mamdani hat den 250. Geburtstag der USA nicht als
Glückwunschkarte an die Macht begangen. Er hat eine Gegenrede gehalten: gegen
das kleine, schwache, einfallslose Amerika der Ausgrenzung; gegen das Amerika
der Milliardäre, Grenzpolizisten und Kriegskassen; gegen das Amerika, das
Freiheit predigt und Unterwerfung organisiert. Gleichzeitig hat er ein anderes
Amerika sichtbar gemacht: nicht unschuldig, nicht erlöst, nicht frei von
Geschichte, aber veränderbar.
Mit linkem Misstrauen im Hinterkopf kann man sagen: Hier
wird der Nationalmythos nicht abgeschafft, sondern nach links gedreht. Ja. Doch
manchmal ist genau das der Fortschritt, der unter den gegebenen Verhältnissen
möglich und nötig ist. Mamdani hat den Mythos nicht den Herrschenden
überlassen. Er hat ihn ihnen entrissen und denen in die Hand gedrückt, die
sonst nur als Problem, Last, Gefahr oder Fremdkörper vorkommen.
Das bessere Amerika, von dem Mamdani spricht, ist kein
Zustand. Es ist eine Zumutung an die Gegenwart. Und wenn eine Festrede zum
Nationaljubiläum das leisten kann, wenn sie Feier in Anklage verwandelt,
Anklage in Hoffnung und Hoffnung in politische Zuständigkeit, dann war sie mehr
als gelungen. Sie war, im besten Sinne, unamerikanisch genug, um amerikanisch
zu sein.