Ulrike Eifler und der Antikapitalismus als Schutzbehauptung
TL;DR: „Alles nur Kampagne“: Ulrike Eifler deutet die Antisemitismusvorwürfe gegen Teile der Linksjugend als Angriff auf antikapitalistische Jugendpolitik. Damit ersetzt sie die inhaltliche Prüfung der dokumentierten Aussagen durch die Frage nach den Motiven der Kritiker. Entscheidend bleibt aber, ob die Vorwürfe stimmen.
Wie Ulrike Eifler die Antisemitismusdebatte in der
Linksjugend von den Aussagen auf die Absichten der Kritiker verschiebt
Ulrike Eifler (@EiflerUlrike), Mitglied im Parteivorstand
der Linken, twitterte gestern. Das tut sie öfter. Drei Tweets von ihr
gewinnen ihr Gewicht jedoch erst als Reaktion auf die Recherchen von BR
und ARD
über die Linksjugend [`solid]. An der Oberfläche geht es um Funktionäre, die
Stalin feiern, Mao zitieren, Honecker verklären oder antisemitische und
antiisraelische Parolen verbreiten. Das ist hässlich genug. Doch der
eigentliche Befund liegt tiefer. Wieder treten politische Muster hervor, deren
Überwindung einmal Voraussetzung dafür war, dass es nach der SED überhaupt eine
demokratische Linke geben konnte.
Die Frage ist also nicht nur, ob die Linksjugend ein Problem
hat. Die Frage ist, warum Traditionen, die historisch erledigt schienen, für
Teile einer jungen Generation wieder nach Zukunft klingen.
Vor diesem Hintergrund sind Eiflers Tweets bemerkenswert.
Nicht, weil sie Medienkritik übt. Das wäre banal. Bemerkenswert ist, dass sie
eine Debatte über konkrete Aussagen, Parolen und politische Bezugnahmen in eine
Debatte über die angeblichen Motive der Kritiker verwandelt.
Der BR-Bericht spricht von Aussagen aus der Linksjugend.
Eifler spricht von einem Angriff auf ein antikapitalistisches Jugendmilieu. Aus
der Frage, was gesagt wurde, wird die Frage, wer ein Interesse daran haben
könnte, es öffentlich zu machen. Da beginnt das Problem.
Der Widerspruch in Ulrike Eiflers Tweets liegt nicht darin,
dass sie Medien kritisiert. Das darf man. Man soll es sogar, wenn es Grund dazu
gibt. Der Widerspruch liegt darin, dass sie eine Debatte über bestimmte Sätze,
Parolen und politische Bezugnahmen in eine Debatte über die angeblichen Motive
derer verwandelt, die darauf hinweisen.
Der BR-Bericht spricht von Aussagen aus der Linksjugend.
Eifler spricht von einem Angriff auf ein antikapitalistisches Jugendmilieu. Aus
der Frage, was gesagt wurde, wird die Frage, wer ein Interesse daran haben
könnte, es öffentlich zu machen. Da beginnt das Problem.
Eiflers These ist rasch erzählt: Die Krise des Kapitalismus
treibe junge Leute nach links. Das erschrecke die bürgerliche Klasse. Deshalb
würden Jugendorganisationen der Linken als antisemitisch, stalinistisch oder
DDR-verklärt denunziert. Kritik an der Linksjugend erscheint so nicht mehr als
Reaktion auf konkrete Vorfälle, sondern als Abwehr einer radikalen Opposition.
Das ist eine politische Deutung. Sie kann stimmen, sie kann
Unsinn sein. Nur beantwortet sie nicht die Frage, um die es geht.
Im BR-Bericht stehen keine allgemeinen Meditationen über
Klassenherrschaft im Mittelpunkt. Dort werden nach
Darstellung des Berichts konkrete Aussagen genannt: „Israel verrecke“, die
Rede von „israelischen Konzentrationslagern“, die Verharmlosung des
islamistischen Charakters der Hamas, positive Bezüge auf die Intifada und
Forderungen nach der Vernichtung der israelischen Armee. Dazu kommen Stimmen
ehemaliger und aktueller Mitglieder der Linksjugend, die selbst von einem
Antisemitismusproblem im Verband sprechen.
Die entscheidende Frage lautet also nicht, ob Medien
Interessen haben. Natürlich haben sie welche. Die Frage lautet: Sind diese
Aussagen gefallen oder nicht?
Die Flucht vor dem Inhalt
An genau dieser Stelle wird Eiflers Argumentation dünn.
Sie weist die Vorwürfe nicht als falsch zurück. Sie prüft
sie auch nicht. Sie erklärt stattdessen, weshalb solche Vorwürfe erhoben
würden. Das ist etwas anderes. Wer erklärt, warum Kritik entsteht, hat noch
nichts darüber gesagt, ob sie zutrifft.
Die Methode ist alt. Wer Kritik als Produkt feindlicher
Interessen deutet, spart sich die Beschäftigung mit ihrem Gegenstand. Das ist
bequem, aber nicht besonders klug. Auch politische Gegner können wahre Dinge
sagen. Dass eine Redaktion eigene Absichten verfolgt, macht ihre Recherche
nicht automatisch falsch. Sonst müsste man jede politische Berichterstattung
nur noch nach den vermuteten Motiven ihrer Autoren beurteilen.
Auffällig ist auch Eiflers Verweis auf die SDAJ. Dort habe
die Führung zusammengehalten und Angriffe abgewehrt. Die Lehre scheint zu
lauten: Geschlossenheit schützt.
Aber wovor? Vor falschen Vorwürfen? Oder vor Kritik an
Funktionären? Das ist nicht dasselbe.
Politische Organisationen kennen dieses Dilemma. Sie wollen
nach innen Loyalität zeigen und nach außen nicht jeden Angriff übernehmen.
Zugleich müssen sie reagieren, wenn sich in den eigenen Reihen etwas zeigt, das
nicht mit ein paar Pressefehlern erledigt ist. Eiflers Tweets behandeln fast
nur die erste Seite. Die zweite verschwindet.
Darum wirkt auch ihr Vorwurf an die Parteiführung der Linken
verkürzt. Sie spricht von Autoritarismus, weil sich die Führung öffentlich von
bestimmten Positionen distanziert habe. Aber politische Führung besteht nicht
nur darin, den Hausfrieden zu wahren. Sie besteht auch darin, Grenzen zu
ziehen. Entscheidend ist nicht, dass man sich distanziert. Entscheidend ist,
wovon.
Wenn Funktionäre eines Jugendverbandes tatsächlich Parolen
verbreiten, die an klassische antisemitische Feindbilder anschließen oder
terroristische Gewalt kleinreden, wäre Schweigen keine demokratische Noblesse.
Es wäre Duldung.
Man kann Eiflers Argument sogar gegen sie wenden. Wenn eine
Parteiführung problematische Äußerungen aus Rücksicht auf den innerparteilichen
Frieden übergeht, entsteht genau jene Loyalitätsordnung, die offene Debatten
verhindert. Autorität zeigt sich nicht nur im Ausschluss. Sie zeigt sich auch
im Druck, das Offensichtliche nicht aussprechen zu dürfen.
Wenn Ideologie die Tatsachenprüfung ersetzt
Hinter dieser Debatte liegt ein größeres Problem. Teile der
radikalen Linken lesen den Nahostkonflikt inzwischen durch ein grobes
antiimperialistisches Raster. Israel erscheint als koloniales Projekt,
Palästina als revolutionäres Subjekt. Das hat den Vorteil moralischer
Übersichtlichkeit. Und den Nachteil politischer Blindheit.
Je stärker ein Konflikt auf die Formel Unterdrücker gegen
Unterdrückte gebracht wird, desto leichter fallen störende Tatsachen unter den
Tisch. Der islamistische Charakter der Hamas wird relativiert. Antisemitische
Muster gelten als Nebengeräusch. Gewalt gegen israelische Zivilisten wird in
ein Befreiungsnarrativ einsortiert, als ließe sich dadurch ihr Gehalt ändern.
Solche Erzählungen leisten politisch viel. Sie machen die
Welt einfach. Sie liefern Schuldige, Opfer, Lager. Wer sich in ihnen bewegt,
muss weniger erklären. Differenzierung stört dann nur noch.
Gerade deshalb liegt es nahe, jede Kritik an solchen
Positionen als Angriff auf die ganze Bewegung zu behandeln.
Nur werden politische Bewegungen nicht glaubwürdiger, wenn
sie Kritik pauschal zur Kampagne erklären. Glaubwürdigkeit entsteht dort, wo
man zwischen berechtigtem Einwand und politischer Instrumentalisierung
unterscheiden kann.
Die linke Tradition, auf die sich viele Kapitalismuskritiker
berufen, hätte dafür einen brauchbaren Satz bereit: Kritik der Verhältnisse
beginnt mit Kritik der eigenen Illusionen.
Hermann L. Gremliza, der 2019 in Hamburg verstorbene
Herausgeber der Zeitschrift konkret, war kein Mann der bürgerlichen
Empörung. Konservative Medien, Staatsautorität und deutsche Selbstgewissheit
waren ihm verhasst. Umso weniger hätte er ausgerechnet der Linken durchgehen
lassen, was sie bei anderen zu Recht kritisiert. Sein Maßstab war schlicht: Was
wurde gesagt, was wurde getan? Antisemitismus wird nicht harmloser, wenn er von
links kommt. Und er wird nicht sauberer, wenn man ihn antiimperialistisch
nennt. Genau diese Verwechslung ist eine der gefährlichsten linken
Selbsttäuschungen.
Vor diesem Hintergrund liegt die Schwäche von Eiflers Tweets
nicht in ihrer Kapitalismuskritik. Sie liegt in der Ausweichbewegung. Aus
konkreten Aussagen werden gesellschaftliche Machtverhältnisse. Das kann
mobilisieren. Es klärt nichts.
Denn wenn die dokumentierten Äußerungen zutreffen, entstand
die Kritik nicht wegen des Antikapitalismus der Linksjugend. Sie entstand wegen
dessen, was einzelne Funktionäre gesagt oder geschrieben haben.
Die entscheidende Frage lautet daher nicht, ob Medien
Interessen verfolgen. Das tun sie. Sie lautet auch nicht, ob Parteien ihre
Jugendorganisationen schützen sollten. Das sollten sie, solange es etwas zu
schützen gibt.
Die Frage lautet: Was geschieht mit einer politischen
Bewegung, wenn sie die Prüfung der eigenen Inhalte durch die Analyse ihrer
Gegner ersetzt?
Dort verläuft die Grenze zwischen Kritik und Ideologie. Wer
sie überschreitet, fragt irgendwann nicht mehr, ob ein Problem existiert. Er
fragt nur noch, wem es nützt, dass man darüber spricht.
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