Politische Klarheit – oder die Rückkehr alter Gewissheiten?
TL;DR: „Politische Klarheit – oder die Rückkehr alter Gewissheiten?“ kritisiert, dass die AKL „politische Klarheit“ vor allem als Gewissheit versteht. Statt echter Selbstkritik dominierten feste Deutungsmuster zu Gaza, Kapitalismus und Parlamentarismus. So drohe Analyse zur Orthodoxie zu werden.
Wer die Welt radikal erklären will, muss zuerst die eigenen Überzeugungen radikal prüfen.
Politische Erklärungen beschreiben selten nur die
Wirklichkeit. Meist zeigen sie auch, wie jene denken, die sie schreiben. Das
gilt auch für die Erklärung des Bundessprecher*innenrates der
Antikapitalistischen Linken (AKL) zum Bundesparteitag der Partei Die Linke.
Schon der Titel setzt den Ton: „Politische
Klarheit gewonnen – Aufbau einer Klassenpartei pausiert.“ Das klingt
sachlich, fast nüchtern. Tatsächlich liest es sich wie ein Erfolgsmeldung mit
angehängter Enttäuschung. Politisch, so die Darstellung, sei die Partei auf
Kurs; organisatorisch fehle nur noch der nächste Schritt. Gerade diese Trennung
ist aufschlussreich. Vielleicht liegt das eigentliche Problem nämlich nicht im
fehlenden Parteiaufbau, sondern in dem, was hier als politische Klarheit gilt.
Die Erklärung zeichnet den Parteitag als Bruch mit einer
Vergangenheit opportunistischer Unschärfe. Delegierte
hätten sich gegen Parteivorstand und Sitzungsleitung behauptet, Debatten seien
offener verlaufen, Beschlüsse deutlicher formuliert worden als zuvor.
Zunächst entsteht so das Bild einer Partei, die demokratischer geworden ist.
Doch Demokratie bedeutet nicht nur, Streit zuzulassen. Sie
verlangt auch die Bereitschaft, die eigenen Voraussetzungen zu befragen. Genau
an diesem Punkt wirkt die Erklärung erstaunlich abgeschlossen. CDU, SPD, Grüne,
Europäische Union, Bundesregierung und Parlamentarismus geraten scharf in die
Kritik. Die Grundannahmen der eigenen Analyse dagegen bleiben weitgehend
unangetastet.
Besonders deutlich wird diese Schieflage dort, wo die
Erklärung den internationalen Blick öffnet.
Politische Gewissheit ersetzt kein historisches Urteil
Die AKL bewertet die Beschlüsse zum Krieg in Gaza als
wichtigen Fortschritt. Die Partei habe die „falsche Haltung der Äquidistanz“
hinter sich gelassen und benenne nun die Verantwortlichen
in der israelischen Regierung wie auch in der US-Regierung; deren Vorgehen
werde als „Genozid und Staatsterrorismus“ bezeichnet . Unabhängig davon, wie
einzelne Entscheidungen der israelischen Regierung politisch zu beurteilen
sind, fällt etwas anderes auf: Politische Klarheit erscheint hier vor allem als
moralische Eindeutigkeit.
Doch Analyse beginnt oft gerade dort, wo moralische
Eindeutigkeit nicht mehr trägt.
Für die deutsche Linke hat der Nahostkonflikt eine
historische Tiefe, die sich nicht in Imperialismuskritik auflösen lässt. Nach
Auschwitz kann die Existenz Israels nicht einfach als Ausdruck westlicher
Machtpolitik verstanden werden. Sie gehört zugleich zur Geschichte der
europäischen Katastrophe. Diese Spannung verschwindet in der Erklärung fast
vollständig. Übrig bleibt ein vertrautes antiimperialistisches Muster: hier
westliche Staaten und Kapitalinteressen, dort Unterdrückung und Widerstand.
Als Werkzeug kann ein solches Muster erklären helfen. Als
vollständige Weltdeutung wird es eng.
Das zeigt sich nicht nur an den Formulierungen der
Erklärung, sondern auch an ihren Leerstellen. Bemerkenswert ist etwa, dass die
AKL das Schweigen des Parteitags zum Sudan nicht kritisch aufgreift. Für den
Krieg dort, für die Massaker, die ethnisch aufgeladene Gewalt in Darfur und die
systematische sexualisierte Gewalt findet sich in ihrer Darstellung kein
vergleichbarer Maßstab. Dabei warnte der UN-Sicherheitsrat im Juni 2026 vor
möglichen Massenverbrechen in El Obeid, der Hauptstadt des sudanesischen Bundesstaates
Nord-Kordofan; die RSF sammelten Berichten zufolge Kräfte für eine Offensive
auf die Stadt. Seit Beginn des Krieges im April 2023 gehen die Schätzungen der
Todesopfer weit auseinander. Doch selbst vorsichtige Angaben beschreiben eine
der schwersten humanitären Katastrophen der Gegenwart.
Gerade an solchen Fällen müsste sich zeigen, wie belastbar
ein internationalistischer Anspruch ist. Wenn Empörung vor allem dort laut
wird, wo sie in vertraute antiimperialistische Erzählungen passt, und dort
ausbleibt, wo die Opfer politisch schwerer einzuordnen sind, entsteht ein
blinder Fleck. Dann wirkt Internationalismus nicht wie ein Prinzip, sondern wie
eine Auswahlregel.
Das Schweigen zum Sudan ist deshalb mehr als eine
Auslassung. Wer politische Klarheit beansprucht, muss erklären können, warum
manche Opfer sofort in den Mittelpunkt rücken und andere kaum vorkommen. Ohne
diese Erklärung verliert der Internationalismus an Glaubwürdigkeit. Er wird zur
Pose.
So betrachtet wirkt auch die Absage an die „Äquidistanz“
weniger wie eine Ausweitung politischer Analyse als wie ihre Verengung. Wer
schon weiß, auf welcher Seite die Geschichte steht, muss ihre Widersprüche kaum
noch ernsthaft untersuchen. Gewissheit tritt dann an die Stelle von Analyse.
Dabei zeigt gerade die Geschichte der Linken oft genug, dass
moralische Eindeutigkeit nicht vor politischen Irrtümern schützt. Manchmal
bereitet sie ihnen den Boden.
Ähnlich verfährt die Erklärung in ihrer Kapitalismuskritik.
Militarisierung erscheint dort als notwendige Folge
kapitalistischer Produktionsverhältnisse. Sozialabbau,
Aufrüstung und Krieg werden als Ausdruck derselben gesellschaftlichen Logik
beschrieben. Diese Sicht hat durchaus Erklärungskraft. Kapitalistische
Staaten verfolgen Machtinteressen; Rüstungsindustrien entwickeln eigene
Dynamiken; ökonomische Konkurrenz prägt internationale Politik.
Schwierig wird es, wenn diese Perspektive zur einzigen
Erklärung wird.
Gesellschaften bestehen nicht nur aus Klassenverhältnissen.
Nationale Identitäten, Religionen, historische Traumata, politische Kulturen
und autoritäre Ideologien haben eigene Kräfte. Wer am Ende jeden Konflikt auf
Kapitalismus zurückführt, erklärt vieles und versteht manches gerade dadurch
schlechter. Die Welt wirkt übersichtlicher, als sie ist.
Darin liegt eine alte Versuchung linker Theorie.
Sie ersetzt die Unordnung der Geschichte durch die
Geschlossenheit eines Modells. Das Modell überzeugt durch Eleganz. Die
Wirklichkeit hält sich nur selten daran.
Die Hoffnung auf die richtige Partei
Auffällig ist auch das Verhältnis zum Parlamentarismus.
Die AKL warnt vor der wachsenden Dominanz parlamentarischer
Strukturen in der Partei. Abgeordnete und Fraktionen drohten, die politische
Richtung zu bestimmen; Widerstand
müsse außerhalb der Parlamente organisiert werden; eine Klassenpartei dürfe
sich nicht im parlamentarischen Betrieb erschöpfen.
Diese Kritik hat einen realen Kern. Parlamente erzeugen
Anpassungsdruck. Regieren verändert Parteien. Opposition wird oft schneller
Teil der Institutionen, als sie gesellschaftliche Verhältnisse verändert.
Gerade hier entsteht jedoch ein theoretischer Widerspruch.
Wenn Parlamentarismus oppositionelle Politik strukturell
integriert, warum sollte ausgerechnet eine konsequenter klassenpolitisch
ausgerichtete Partei diesen Mechanismus überwinden? Die Erklärung gibt darauf
keine überzeugende Antwort. Sie setzt an die Stelle der Antwort eine Hoffnung.
Es ist eine alte Figur linker Politik: Wenn Organisation,
Programm und Klassenorientierung nur konsequent genug seien, werde
gesellschaftliche Veränderung möglich.
Das zwanzigste Jahrhundert hat viele Versuche gesehen, diese
Annahme praktisch zu erproben.
Die Bilanz ist weniger eindeutig, als politische Erklärungen
es oft nahelegen.
Auch die Darstellung politischer Gegner ist bemerkenswert.
CDU, SPD, Grüne, Europäische Union und Bundesregierung erscheinen fast
ausschließlich als Ausdruck kapitalistischer Interessen. Widersprüche innerhalb
dieser Lager spielen kaum eine Rolle. Innerlinke Konflikte wiederum werden
häufig als Mangel an Konsequenz gedeutet.
So verschiebt sich politische Analyse allmählich. Sie
untersucht nicht mehr in erster Linie gesellschaftliche Prozesse, sondern misst
politische Akteure daran, wie weit sie von einem bereits feststehenden
theoretischen Maßstab abweichen.
Das schafft keine Erkenntnis.
Es führt von Analyse zu Orthodoxie.
Gerade deshalb wirkt der Titel der Erklärung fast
unfreiwillig doppeldeutig. Politische Klarheit kann zweierlei heißen. Sie kann
das Ergebnis gründlicher Kritik sein. Oder sie beschreibt einen Zustand, in dem
Zweifel als erledigt gelten. Zwischen beidem liegt ein entscheidender
Unterschied.
Die erste Form erweitert das Denken.
Die zweite beendet es.
Dabei enthält die Erklärung durchaus Ansätze produktiver
Selbstkritik. Sie beklagt den ausbleibenden Aufbau einer dauerhaft
gesellschaftlich verankerten Klassenpartei, benennt organisatorische Schwächen
und warnt
vor parlamentarischer Selbstgenügsamkeit. Gerade diese Passagen zählen zu
den stärksten, weil sie reale Probleme politischer Organisation beschreiben.
Doch genau dort bricht die Selbstkritik ab.
Die theoretischen Grundlagen der eigenen Politik bleiben
verschont.
Vielleicht wäre das heute der entscheidende Schritt: nicht
weniger Kapitalismuskritik, sondern mehr Kritik an den eigenen Begriffen. Nicht
weniger Opposition, sondern mehr Misstrauen gegenüber den eigenen Gewissheiten.
Nicht weniger historische Erinnerung, sondern eine Erinnerung, die auch dann
unbequem bleibt, wenn sie das eigene Weltbild stört.
Die politische Linke war nie stark, weil sie fertige
Antworten besaß. Ihre Stärke lag dort, wo sie bestehende Verhältnisse radikal
infrage stellte. Diese Radikalität verliert ihren Sinn, wenn sie vor den
eigenen Voraussetzungen haltmacht.
Vielleicht lautet die eigentliche Frage nach diesem
Parteitag daher nicht, ob politische Klarheit gewonnen wurde.
Sondern ob jene Selbstkritik noch vorhanden ist, ohne
die politische Klarheit früher oder später zur Selbstgewissheit wird.
Und Selbstgewissheit war selten der Anfang von Erkenntnis.
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