Die Partei und das Gespenst der Gewissheit
TL;DR: Ein Text zum Beitrag „Demokratische Kultur statt Kaderdenken“ von Rainer Benecke und Alexander Stahl in 'Links Bewegt', der linke Politik gegen Kaderdenken, Begriffsrituale und autoritäre Gewissheiten verteidigen. Statt nostalgischer Klassenbeschwörung fordern sie demokratische Kultur, konkrete Analyse und eine Linke, die ihre Tradition prüft, statt sie anzubeten.
Warum „Demokratische Kultur statt Kaderdenken“ von Rainer Benecke und Alexander Stahl zu den besseren Texten der gegenwärtigen Linken zählt
Parteien pflegen ihre Krankheiten mit Vorliebe durch die
Mittel, die sie erst hervorgebracht haben. Fällt die Zustimmung, entsteht ein
Strategiepapier. Löst sich Bindung auf, beschließt man Leitlinien. Passt die
Wirklichkeit nicht mehr zu den Begriffen, wird selten die Wirklichkeit geprüft.
Meist wird das Wörterbuch nachgeschärft.
Der Text
von Rainer Benecke und Alexander Stahl tut etwas Ungewöhnliches: Er
verzichtet auf die nächste Parole. Er stellt eine alte, darum nicht erledigte
Frage. Was wird aus einer linken Partei, wenn sie ihre Begriffe inniger liebt
als die Leute, für die sie zu sprechen vorgibt?
Das ist kein Donnerschlag. Eben deshalb hört man ihn. Denn
viele Debatten der Linken wirken derzeit wie Autofahrer, die unbeirrt aufs Navi
starren, während der Wagen schon im Straßengraben liegt. Die Route stimmt, das
Ziel ist edel, nur die Gegend hat sich geändert. Benecke und Stahl setzen
folgerichtig nicht bei Personal und Programmatik an, sondern bei einer
Erfahrung: dem Sonderparteitag der SED/PDS im Dezember 1989. Dort sprach Michael
Schumann den Satz, den manche Linke häufiger lesen sollten als ihre jeweilige
Tagesparole: „Wir brechen unwiderruflich mit dem Stalinismus als System.“
Das Zitat steht dort nicht als Kranz am Mahnmal. Es dient
als Beleg. Die Autoren erinnern daran, warum der Staatssozialismus zugrunde
ging: nicht bloß an schlechter Ökonomie, nicht bloß am Westen, sondern an einem
politischen Prinzip. Eine Partei beanspruchte, die Wahrheit zu besitzen. Sie
glaubte, Gesellschaft durch Kader steuern zu können. Sie setzte den Apparat an
die Stelle öffentlicher Auseinandersetzung.
Brisant ist daran weniger die historische Diagnose als ihre
Gegenwartsadresse. Benecke und Stahl erklären heutige linke Strömungen nicht zu
Stalinisten. Das wäre billig. Sie zeigen etwas Unbequemereres: Denkformen
können fortleben, lange nachdem ihre Apparate verschwunden sind. Der Apparat
ist weg. Die Gewissheit nicht.
Die Arbeiterklasse als Beschwörung
Man sieht das an einer simplen Beobachtung. In manchen
innerlinken Debatten erscheint die Arbeiterklasse weniger als soziale
Wirklichkeit denn als liturgischer Gegenstand. Man ruft sie an, und schon gilt
man als geerdet. Wer wissen will, wer damit heute gemeint ist, macht sich
verdächtig.
Genau hier liegt eine der stärksten Stellen des Textes. Die
Autoren fragen: „Wer ist denn heute ,die Arbeiterklasse‘?“ Darauf folgt
keine Vorlesung, sondern eine Liste: Pflegekraft, Lieferfahrer, Erzieherin,
Plattformarbeiterin, befristet beschäftigter Wissenschaftler,
Solo-Selbstständige, Industriearbeiter. Das wirkt zunächst harmlos. Ist es
nicht.
Denn jede dieser Figuren stört die bequeme Schablone. Sie
zeigt, dass Klasse nicht verschwunden ist, aber anders aussieht als in den
alten Bildern. Die entscheidende Pointe lautet nicht: Es gibt keine Klassen
mehr. Sie lautet: Wer heute von Klasse redet, muss genauer hinsehen. An dieser
Stelle scheidet sich Analyse von Andacht.
Manche linke Debatte erinnert an den Versuch, eine
Streaming-Plattform mit der Gebrauchsanweisung eines Röhrenfernsehers zu
bedienen. Die Wörter stammen aus gestern, die Zumutungen aus heute. Benecke und
Stahl begegnen diesem Reflex nicht mit kulturkritischem Kichern, sondern mit
der nüchternen Frage nach politischer Brauchbarkeit. Wer Menschen organisieren
will, sollte wissen, wie sie leben. Das klingt banal. In Parteien ist es oft
schon ein Umsturz.
Gegen Werkstor-Romantik und Klimapredigt
Besonders klar wird das beim Thema Ökologie. Die Autoren
verweigern die bequeme Erpressung: hier das Soziale, dort das Klima. Sie
behandeln beides als verbunden. Ihr
Satz über Beschäftigte in der Autoindustrie gehört zu den treffendsten des
Beitrags: „Wenn Beschäftigte in der Automobilindustrie Angst um ihre
Existenz haben, darf linke Politik nicht nur vor dem Werkstor Arbeiterlieder
singen.“
Der Satz trifft, weil er zwei Irrtümer zugleich erledigt.
Den liberalen, Transformation gegen die Betroffenen durchziehen zu können. Und
den linken, es genüge, die Betroffenen symbolisch zu umarmen. Beides ersetzt
Politik durch Haltungstheater.
Gefordert wäre etwas Mühsameres: über Produktion zu reden,
über Interessen, über Eigentum, über Zukunft, über die konkrete Angst vor dem
sozialen Absturz. Das klingt weniger heroisch als Klassenkampfrhetorik. Gerade
darum taugt es eher zur Politik.
Überhaupt misstraut der Text den großen Formeln. Das zeigt
sich auch in seiner Verteidigung der Demokratie. In Teilen der radikalen Linken
wird Demokratie behandelt wie ein Mietwagen: praktisch, solange man selbst
nicht laufen muss. Benecke und Stahl halten dagegen fest, dass die Verteidigung
demokratischer Institutionen gegen den autoritären Rechtsruck keine Fußnote
ist. Sie ist strategisch.
Darin steckt keine Anpassung. Es ist die Einsicht, dass
politische Freiheiten gesellschaftliche Befreiung nicht garantieren, aber meist
erst ermöglichen. Wer das reformistisch nennt, sollte erklären, warum
autoritäre Bewegungen so zuverlässig damit beginnen, demokratische Rechte
abzuräumen.
Die Zumutung des Zweifels
Bemerkenswert ist, wie der Text argumentiert. Er hantiert
kaum mit moralischen Sortierungen. Selten wird ausgerufen, wer gut und wer böse
sei. Die Autoren vergleichen, prüfen, legen frei. Das macht den Beitrag
stärker.
Denn politische Debatten scheitern heute selten an einem
Mangel an Empörung. Eher an einem Überschuss an Gewissheit. Wer die Wahrheit
bereits besitzt, braucht kein Gespräch. Wer schon weiß, wer das Volk ist, muss
niemanden fragen. Wer den Gang der Geschichte kennt, kann sich die Demokratie
sparen.
Gegen genau diese Versuchung richtet sich der Artikel.
Deshalb steht in seinem Zentrum nicht Führung, sondern Beteiligung; nicht
Kaderschulung, sondern Praxis; nicht Reinheit, sondern Verständigung. Natürlich
ist der Text angreifbar. Man kann ihm vorhalten, er traue Gespräch und Dialog
gelegentlich viel zu. Interessen lösen sich nicht in freundlicher Moderation
auf. Macht bleibt Macht, auch wenn sie höflich spricht.
Doch gerade hier zeigt sich die Stärke des Beitrags. Er
behauptet nicht, Konflikte verschwänden, wenn man nur miteinander redet. Er
besteht darauf, dass sie demokratisch ausgetragen werden müssen. Das ist etwas
anderes. Etwas sehr anderes. Zwischen einer Gesellschaft ohne Konflikte und
einer Gesellschaft, die Konflikte politisch bearbeitet, liegt ungefähr die
Entfernung zwischen Religion und Politik.
Die eigentliche Leistung des Artikels besteht darin, eine
linke Tradition gegen ihre eigenen Karikaturen zu verteidigen. Nicht gegen
Kapitalismuskritik, nicht gegen Klassenpolitik, nicht gegen den Kampf gegen
soziale Ungleichheit. Sondern gegen die Versuchung, aus all dem ein
geschlossenes Glaubenssystem zu bauen.
Emanzipation ist keine Vokabelprüfung. Menschen werden nicht
freier, weil eine Partei die richtigen Begriffe gefunden hat. Sie werden
freier, wenn sie über die Verhältnisse mitentscheiden können, die ihr Leben
bestimmen. Das klingt weniger martialisch als manche Parteitagsrede. Vielleicht
ist es deshalb radikaler.
Folgerichtig endet der Beitrag mit Marx. Nicht mit dem Marx
der Gewissheitsverwalter, sondern mit dem Marx des historischen Zweifels. Mit
jenem Marx, der davor warnte, „die Geister der Vergangenheit“ zu beschwören
und alte Parolen als neue Antworten auszugeben.
Man könnte sagen: Benecke und Stahl nehmen Marx ernster als
manche seiner lautesten Verteidiger. Sie behandeln seine Begriffe nicht als
Reliquien, sondern als Werkzeuge. Und Werkzeuge erkennt man auch daran, dass
man sie austauscht, wenn die Arbeit sich ändert.
Darin liegt die Qualität dieses Textes. Er verlangt keine
Abkehr von linker Politik. Er verlangt ihre Erneuerung. Er verwirft Tradition
nicht, er unterzieht sie der Prüfung. Er predigt keine Harmonie, er verteidigt
den Streit. Und er erinnert eine Partei daran, dass demokratische Kultur nicht
der Gegensatz politischer Entschlossenheit ist, sondern ihre Voraussetzung.
In einer Zeit, in der viele wieder nach Gewissheiten
greifen, ist das fast schon subversiv.