Die Rückkehr der alten Blindheit
TL;DR: Die Kolumne kritisiert den vorgeblich „Palästina Solidarischen“ Teil der Partei Die Linke dafür, Antisemitismusvorwürfe pauschal als Kampagnen abzutun, autoritäre Traditionen zu verharmlosen und komplexe politische Konflikte auf einfache Feindbilder zu reduzieren. Statt politischer Erneuerung drohe die Rückkehr alter ideologischer Blindheiten.
Wie Antizionismus und Stalinismus Verharmlosung als linke Erneuerung auftreten
Es geht um ein Gespräch, das sich selbst als innerlinke
Klärung verkauft: Hannah Bruns von der Landesarbeitsgemeinschaft
Palästinasolidarität, deren Austrittserklärung aus der Partei Die Linke auf der
Seite des Jugendwiderstands mit Wohlwollen bedacht wurde; Thies Kehmeier
von der BAG Palästina-Solidarität, dessen Gesinnungsbekenntnis als Bewerbung für den Parteivorstand auf
der Parteitagsseite nachzulesen ist; dazu Fabian Lehr, der Kritik in bester
ML-Manier vor allem für eine politisch koordinierte Kampagne hält.
Die Krise der LINKEN ist ein alter Befund. Seit Jahren heißt
es, die Partei sei zu staatstragend, zu akademisch, zu zahm, zu wenig
sozialistisch. Nun bietet sich ihr vorgeblich „Palästina Solidarischen“ Teil als Kur an. Im Gespräch „LINKE
vs. Linksjugend? Hannah und Thies (BAG Palisoli) zum LINKE-Bundesparteitag“
wird diese Kur ausführlich angepriesen. Der Konflikt erscheint dort nicht als
Streit über politische Inhalte, sondern als Feldzug: hier die mutige
antiimperialistische Basis, dort Apparat, Medien, Staat und die üblichen
„antideutschen“ Bösewichte.
Das Muster kennt man. Jede politische Strömung, die unter
Druck gerät, entdeckt irgendwann, dass nicht sie das Problem sei, sondern ihre
Gegner. Ein bequemer Gedanke. Wer Kritik zur Kampagne erklärt, muss sich mit
ihrem Inhalt nicht mehr abgeben. Dann sind nicht die eigenen Sätze verdächtig,
sondern die Leute, die sie zitieren.
Genau so läuft es in diesem Gespräch. Antisemitismusvorwürfe
erscheinen nicht als Anlass, die eigenen Begriffe zu prüfen. Sie werden als
Erfindung abgetan. Hannah
sagt es ohne Umschweife: „Die Linke hat kein Antisemitismusproblem. Das
Antisemitismusproblem der Linken ist eine Erfindung“. Das ist mehr als eine
Parteiverteidigung. Es ist eine Schutzimpfung gegen jede Kritik.
Denn was es nicht gibt, kann nur böswillig behauptet werden.
Damit ist die alte ideologische Mechanik wieder in Betrieb.
Nicht mehr die Frage zählt, ob bestimmte Parolen oder Deutungen antisemitische
Muster bedienen. Gefragt wird, wer den Vorwurf erhebt und wessen Interessen er
angeblich nützt. Der Inhalt verschwindet hinter dem Überbringer. Der Kritiker
wird zum Angeklagten.
Das ist keine intellektuelle Stärke. Es ist Abwehr.
Wenn „Israel verrecke“ zur Nebensache wird
Besonders deutlich wird das dort, wo das Gespräch
relativiert, was nicht zu relativieren ist.
Die Interviewten
beklagen, dass Medien Äußerungen aus dem Umfeld der Linksjugend aufgegriffen
hätten, darunter „Israel verrecke“ und Debatten über die Einordnung der
Hamas. Entscheidend ist nicht, dass darüber gesprochen wird. Entscheidend ist,
worüber man sich empört.
Nicht über die Parole. Über ihre Veröffentlichung.
Eine demokratische Linke müsste sich nicht wundern, dass
eliminatorische Formeln Kritik auslösen. Sie müsste sich fragen, weshalb solche
Formeln in ihrem Umfeld überhaupt auftauchen. Kritik an israelischer
Regierungspolitik ist selbstverständlich legitim. Sie ist oft nötig.
Israelische Regierungen verdienen keine Schonung, bloß weil ihre Kritiker sich
gern moralisch aufplustern. Aber zwischen der Kritik an einer Regierung und der
pauschalen Verwerfung eines Staates liegt eine Grenze. Politisch. Moralisch. Historisch.
Im Gespräch wird sie unscharf.
Wer Antisemitismuskritik vor allem als Kampagnenwaffe
beschreibt, sorgt dafür, dass antisemitische Aussagen kleiner wirken, als sie
sind. Die Gefahr ist dann nicht mehr der Antisemitismus, sondern seine
Benennung. Nicht die Parole stört, sondern ihr Echo.
Das ist keine neue Schwäche. Große Teile der antiimperialistischen
Linken haben Antisemitismus oft nicht als eigene Ideologie begriffen, sondern
als Nebenwiderspruch, als Ablenkung von der eigentlichen Sache. Klassenkampf,
Antiimperialismus, Antikolonialismus: Das waren die großen Wörter, in denen
sich vieles verstecken ließ. Auch Judenfeindschaft, wenn sie nur im richtigen
Tonfall vorgetragen wurde.
Wohin diese Blindheit führen kann, ist bekannt. Man muss es
nicht ausschmücken.
Die Nostalgie des Autoritären
Ähnlich aufschlussreich ist der Umgang mit stalinistischen
und realsozialistischen Traditionen.
Kritik
an DDR-Symbolik oder FDJ-Bezügen erscheint im Gespräch ebenfalls als Teil einer
Kampagne. Die historische Frage bleibt dabei fast unberührt. Wofür stehen
diese Zeichen eigentlich?
Nicht für demokratische Selbstbestimmung. Nicht für
politische Freiheit. Nicht für freie Presse, unabhängige Gewerkschaften oder
Wahlen, bei denen die Herrschenden verlieren konnten.
Die DDR war kein etwas verunglückter Sozialismus mit
unschönen Begleiterscheinungen. Sie war ein autoritärer Staat mit
systematischer Repression. Wer ihre Symbolik heute als harmlose Provokation
behandelt, gleicht jemandem, der die Warnschilder einer Giftmülldeponie für
hübsche Retro-Deko hält. Das Gift wird dadurch nicht weniger giftig.
Interessant ist weniger, dass solche Nostalgie existiert.
Interessant ist, was sie leisten soll. Der freundliche Blick auf den
sogenannten Realsozialismus stiftet Identität. Er signalisiert Härte,
Konsequenz, Unversöhnlichkeit gegen den Mainstream. Man gibt sich radikal,
indem man historische Niederlagen in Andenken verwandelt.
Der Preis ist hoch. Die Erfahrungen derer, die unter diesen
Apparaten lebten, stören nur noch.
Eine Linke, die aus ihrer Geschichte lernen wollte, müsste
autoritäre Traditionen besonders streng prüfen. Stattdessen entsteht der
Eindruck, als sei schon die Erinnerung an Repression ein feindlicher Akt.
Geschichte wird dann nicht aufgearbeitet. Sie wird bewacht.
Die Verwechslung von Systemkritik und Feindbildpflege
Der Kern des Gesprächs liegt jedoch tiefer.
Hannah und Thies sehen die Krise der LINKEN vor allem in ihrer Anpassung
an Parlamentarismus, Regierungsbeteiligung und staatliche Institutionen.
Daran ist nicht alles falsch. Linke Regierungsprojekte haben oft genug ihre
Versprechen klein regiert, bis kaum mehr als Verwaltung übrig blieb. Anpassung
ist kein Hirngespinst.
Aber aus berechtigter Kritik wird hier eine geschlossene
Weltdeutung.
„Staatsräson“,
Medien, Parlamentarismus und westliche Demokratien erscheinen als Teile eines
Herrschaftszusammenhangs. Je dichter dieses Bild wird, desto weniger Platz
bleibt für Unterscheidungen. Wer überall nur Herrschaft sieht, verlernt,
genauer hinzusehen.
Dann ist Israel nicht mehr ein konkreter Staat mit
Regierung, Opposition, gesellschaftlichen Konflikten, Widersprüchen und
demokratischen Institutionen. Israel wird zum Zeichen. Zum Symbol eines
globalen Machtapparats. Politik verdampft zur Metaphysik. Analyse wird
Projektion.
An dieser Stelle kippt legitime Kritik in Feindbildpflege.
Israel wird dann nicht mehr kritisiert, weil eine Regierung
bestimmte Entscheidungen trifft. Es wird kritisiert, weil es für etwas Größeres
stehen soll: Imperialismus, Kolonialismus, Westen, Herrschaft überhaupt. Wer so
redet, kritisiert am Ende keinen Staat mehr. Er baut an einem Mythos.
Der eigentliche Streit in der LINKEN
Die Auseinandersetzung in der LINKEN ist deshalb mehr als
ein Zwist zwischen Vorstand und Basis.
Es geht um die Frage, was eine demokratische Linke aus ihrer
eigenen Geschichte gelernt hat. Erkennt sie Antisemitismus auch dann, wenn er
antiimperialistisch kostümiert auftritt? Kann sie autoritäre Traditionen
kritisieren, ohne bei DDR-Fahnen weich zu werden? Ist sie fähig, demokratische
Institutionen scharf anzugreifen, ohne sie pauschal als bloße
Herrschaftsmaschinen abzutun?
Das Gespräch mit Hannah und Thies gibt darauf unfreiwillig
eine nüchterne Antwort. Es zeigt nicht die Kraft einer sozialistischen
Erneuerung. Es zeigt die Rückkehr alter Reflexe: Kritik wird Kampagne.
Autoritäres Erbe wird verharmlost. Komplexität wird durch Gewissheit ersetzt.
Vielleicht besteht die Krise der LINKEN also nicht darin,
dass sie sich zu weit von ihren radikalen Rändern entfernt hat. Vielleicht
liegt die Gefahr eher darin, dass Teile dieser Ränder wieder jene Blindheiten
pflegen, für die die europäische Linke schon einmal teuer bezahlt hat.
Die offene Frage lautet daher nicht, ob die Partei linker
oder moderater wird. Sie lautet, ob sie den Mut findet, die eigenen Illusionen
schärfer zu prüfen als die Fehler ihrer Gegner.