Dekarldent und „Das Ende der Partei Die Linke“
TL;DR Nicht der Antrag der Parteiführung von DIE LINKE gegen jede Form von Antisemitismus ist skandalös, sondern die Dekarldents Reaktion darauf. Ein Bekenntnis gegen Antisemitismus, zur jüdischen Selbstbestimmung und zum Existenzrecht Israels ist kein Bruch mit linker Politik, sondern politischer Mindeststandard. Dass Dekarldent dies als „Freitod“ der Partei deutet, zeigt vor allem eine tiefe Krise der Urteilskraft in Teilen der Linken.
Im Zentrum der Kritik steht Dekarldents Redeweise: große
moralische Begriffe wie „Völkermord“, „Kolonialstaat“ oder „Zionismus“ werden
mit maximaler Gewissheit benutzt, aber ohne hinreichende Differenzierung. Die
Kolumne hält dagegen, dass politische Analyse nicht aus Empörung besteht,
sondern aus Unterscheidungen: zwischen Israelkritik und Dämonisierung, zwischen
Staat und Regierung, zwischen Antizionismus und antisemitischen Mustern.
Teile der deutschen Linken haben im Streit über Israel nicht
bloß einen politischen Konflikt, sondern ein Problem mit ihren eigenen
Begriffen. Nicht der Antrag offenbart den Verfall, sondern die Tatsache, dass
schon die Anerkennung jüdischer Selbstbestimmung als Provokation gilt. Die
Partei muss daran nicht zerbrechen. Aber eine Linke, die moralische Gewissheit
über Analyse stellt, verliert ihre Fähigkeit zur Kritik.
Wenn die Anerkennung jüdischer Selbstbestimmung als
Provokation gilt, ist nicht zuerst die Partei in der Krise, sondern ihr Begriff
von Kritik
Man muss den Angekündigten
Antrag der Parteiführung von DIE LINKE nicht kennen, um sich über seine Skandalisierung
durch Dekarldent zu wundern. Das Papier der Parteivorsitzenden
enthält, laut Presse, ein
Bekenntnis gegen Antisemitismus, ein Verweis auf jüdische Selbstbestimmung im
heutigen Staat Israel, dazu die Einordnung in eine Zwei-Staaten-Lösung: Das
ist nicht revolutionär, nicht originell, nicht einmal kühn. Es ist, gemessen am
politischen Betrieb der Bundesrepublik, beinahe Verwaltungsprosa und doch
zugleich der politischer Mindeststandard, den eine linke Partei in Deutschland nach
Auschwitz besitzen muss. Dass ein solcher Text von Dekarldent gleich als
„Freitod“ (Video
‘Das Ende der Partei Die Linke’ von Dekarldent, 1:44–1:51) der Partei
beschrieben wird, verrät deshalb weniger über die Parteispitze als über das
Milieu, in dem ein Mindestmaß an politischer Nüchternheit und Haltung bereits
als Verrat gilt.
Genau darin liegt der aufschlussreiche Wert des
Streaming-Kommentars von Dekarldent. Nicht weil seine Prognose stimmt oder
seine Analyse trägt. Sondern weil sein Furor etwas freilegt, das die Debatte
über Israel in der deutschen Linken seit Jahren begleitet: die Verwechslung von
moralischer Erregung mit politischer Erkenntnis. Was dort als Klarheit
auftritt, ist oft nur Lautstärke mit Weltanschauung.
Dekarldent formuliert sein Verdikt früh und ohne Zögern. Die
Partei, sagt er, werde „Mitte diesen Jahres vollständig zerbrechen“; später
nennt er den Vorgang den „eigenen Freitod“ der Partei(Video ‘Das Ende
der Partei Die Linke’ von Dekarldent, 0:06–0:15; 1:44–1:51). Eine Diagnose,
die nicht durch Analyse Eindruck machen soll, sondern durch Entschlossenheit.
Wer so spricht, hat den Streit bereits gewonnen, jedenfalls vor sich selbst.
Das ist das erste Kennzeichen dieser Redeweise: Sie möchte nicht prüfen, sie
möchte festlegen.
Der Skandal ist die Skandalisierung
Der eigentliche Gegenstand ist ein Antrag der Parteiführung,
in dem es laut dem vorliegenden Material heißt: „Wir bekennen uns daher
weiterhin unmissverständlich zum Selbstbestimmungsrecht von Jüdinnen und Juden
im heutigen Staat Israel. Dies schließt ausdrücklich das Existenzrecht Israels
… ein“ (Video
‘Das Ende der Partei Die Linke’ von Dekarldent, 22:25–22:41). Man kann über die Formulierung
streiten. Parteitagsanträge sind selten Literatur und oft auch kein Denksport.
Aber dass ausgerechnet dieser Satz als Beleg einer politischen Kapitulation
behandelt wird, zeigt, wie weit sich Teile der Debatte von ihren eigenen
Voraussetzungen entfernt haben. Denn die schlichte Frage lautet nicht: Muss man
jeden Staat lieben, der existiert? Sondern: Was sagt es über eine politische
Bewegung, wenn sie die jüdische Selbstbestimmung nicht als schwierige historische
Tatsache, sondern schon als Zumutung behandelt?
Dekarldent nennt ein „Bekenntnis zum Nationalstaat Israel im
Grundsatz“ „verrückt“ und erklärt, ein solches Bekenntnis sei „Widerspruch zum
Linksein“ (Video
‘Das Ende der Partei Die Linke’ von Dekarldent, 7:30–7:49; 3:01–3:15). Das
klingt entschlossen, ist aber begrifflich unerquicklich. Denn entweder meint
er, Linke dürften sich grundsätzlich nie zu Staaten verhalten. Dann wäre
Politik allerdings nur noch ein Seminar über den Wunsch nach ihrer Abschaffung.
Oder er meint selektiv den einen Staat, dessen Existenz, Geschichte und
Verteidigung er in eine reine Kolonialformel presst. Dann ist das Problem nicht
der Staat als solcher, sondern die Weigerung, Israel als mehr zu denken als als
Chiffre des Bösen.
Diese Verkürzung ist nicht neu. Neu ist höchstens die
Selbstverständlichkeit, mit der sie vorgetragen wird. Israel erscheint in dem
Video fast ausschließlich als „kolonialer Apartheidstaat“, als
„Siedlungsprojekt“, dessen Gründungsgeschichte mit Vertreibung einhergehe (Video ‘Das Ende
der Partei Die Linke’ von Dekarldent, 13:47–14:13). Dass an dieser
Geschichte Gewalt, Vertreibung und Unrecht beteiligt waren, ist weder geheim
noch bestreitbar. Die Frage ist, was aus dieser Feststellung analytisch folgt.
Für Dekarldent folgt daraus fast alles und daher am Ende gar nichts mehr. Denn
wenn ein Staat im Wesentlichen nur noch als Verbrechen erscheint, dann
verwandelt sich jede politische Frage in eine moralische Schlussfigur: Wer
diesen Staat anerkennt, billigt das Verbrechen; wer sich gegen ihn stellt,
steht auf der richtigen Seite. Die Wirklichkeit ist unerquicklich genug. Man
muss sie nicht noch um ihre Widersprüche erleichtern.
Die bequeme Wucht der großen Begriffe
Das Entscheidende ist deshalb nicht, dass hier Kritik an
israelischer Politik geübt wird. Die ist legitim, nötig und im Fall des
Gaza-Krieges in vielen Punkten unvermeidlich. Entscheidend ist die Struktur
dieser Kritik. Dekarldent verwendet absolute Begriffe mit einer Leichtigkeit,
die man sonst nur aus politischen Milieus kennt, die sich für das Denken
bereits entschuldigt haben. Er spricht vom „Völkermord an den Palästinensern
und Palästinenserinnen“ als ausgemachter Sache (Video ‘Das Ende
der Partei Die Linke’ von Dekarldent , 0:57–1:04), er nennt Zionismus
schlicht die Bewegung mit dem Ziel, „einen jüdischen Staat in Palästina zu
errichten“, und behandelt schon diese Beschreibung als hinreichende
Selbstwiderlegung (Video
‘Das Ende der Partei Die Linke’ von Dekarldent , 5:52–6:23). Das ist eine
Redeweise, die von der Schwere ihrer Wörter lebt. Je größer der Begriff, desto
kleiner die Mühe seiner Begründung.
Gerade darin liegt die intellektuelle Schwäche. Denn
politische Begriffe sind keine Wurfgeschosse, sondern Werkzeuge. Wer
„Völkermord“ sagt, muss mehr tun, als seine Empörung zu adeln. Wer
„Kolonialstaat“ sagt, muss mehr leisten, als geschichtliche Analogien zu
stapeln. Wer „Zionismus“ kritisiert, sollte zumindest anzeigen, welchen
Zionismus er meint: den historischen Nationalbewegungsbegriff, den
Staatsgründungsprozess, eine konkrete Regierungspolitik, die Siedlerbewegung,
messianische Expansion, militärische Besatzung, ethnonationalistische Doktrin
oder die Existenz jüdischer Souveränität überhaupt. Wer alles eins macht,
kritisiert nicht schärfer, sondern gröber.
Es ist bezeichnend, dass Dekarldent die Formel, man stelle
sich „gegen jede Form von Antisemitismus“, nicht als politische
Selbstverständlichkeit, sondern als Zumutung behandelt. Er sagt wörtlich, auch
dieses „gegen jeden Antisemitismus“ sei etwas, das er „absolut nicht raffen“
wolle; es sei „antideutscher Schwachsinn“, sich so zu positionieren (Video ‘Das Ende
der Partei Die Linke’ von Dekarldent , 3:45–4:55). Das ist mehr als nur
eine geschmacklose Volte. Es offenbart ein Antisemitismusverständnis, das nur
den offenen, bekennenden Judenhass anerkennen will, weil nur dieser bequem
genug ist, um eindeutig verurteilt zu werden. Antisemit ist dann stets der
andere: der Rechte, der Neonazi, der historische Vernichtungsantisemit. Das
entlastet die eigene politische Sprache von jeder Prüfung.
Entsprechend höhnt er über den Begriff des „linken
Antisemitismus“ und reduziert ihn auf Leute, die sagten: „Völkermord ist eine
beschissene Angelegenheit“ (Video ‘Das Ende
der Partei Die Linke’ von Dekarldent , 17:29–17:41). Das ist polemisch
brauchbar, analytisch unerquicklich und politisch unerquicklich aus demselben
Grund: Es verschiebt die Frage. Niemand, der bei Trost ist, nennt die bloße
Ablehnung von Krieg oder Massentötung antisemitisch. Die eigentliche Debatte
beginnt erst dort, wo Israel nicht kritisiert, sondern dämonisiert wird; wo
jüdische Selbstbestimmung nur noch als Vorwand gilt; wo an Israel Maßstäbe
angelegt werden, deren Selektivität nicht aus humanistischer Strenge, sondern
aus ideologischer Besetzung stammt; wo das Existenzrecht eines jüdischen
Staates als besonderer Skandal behandelt wird, während das Staatenwesen
insgesamt als Nebensache durchgeht. Nicht jeder Antizionismus ist
antisemitisch. Aber wer so redet, als könne es israelbezogenen Antisemitismus
nur in der Fantasie staatlicher Beauftragter geben, hat seine Begriffe bereits
gegen die Wirklichkeit immunisiert.
Antisemitismus als Kampfplatz des Missverständnisses
Das Problem der deutschen Linken liegt deshalb nicht in
einer zu großen Sensibilität gegenüber Antisemitismus. Es liegt in ihrer
Unfähigkeit, zwischen legitimer Israelkritik und Ressentiment zu unterscheiden,
ohne die eine in die andere aufzulösen. Für die einen ist fast jede Kritik an
israelischer Politik schon verdächtig. Für die anderen ist schon die Erwähnung
antisemitischer Muster ein Versuch, Kritik an Israel zu verbieten. Beide
Positionen leben von Entlastung. Die eine muss die Härte der israelischen
Politik nicht mehr sehen, die andere ihre blinden Stellen nicht mehr prüfen.
Dekarldents Video ist in diesem Sinn nicht die Ursache eines
Problems, sondern sein Symptom. Es zeigt einen Typus politischer Rede, der in
linken Öffentlichkeiten längst heimisch ist: hohe moralische Temperatur,
geringer begrifflicher Aufwand, dazu die angenehme Gewissheit, dass sich
Geschichte in einem selbst bereits entschieden habe. Wo früher Analyse
wenigstens als Zumutung noch anerkannt wurde, genügt heute Haltung mit
Mikrofon. Man sagt „Apartheid“, „Kolonialstaat“, „Genozid“, und die Wörter
sollen die Arbeit verrichten, die man selbst verweigert. Das Publikum dankt es
mit Zustimmung, denn auch dort ist Gewissheit meist beliebter als
Unterscheidung.
Dabei wäre gerade im Fall der Linken die Unterscheidung die
erste Pflicht. Ihre Geschichte in Deutschland verpflichtet sie doppelt: auf
Universalismus, also auf die gleichen Maßstäbe für alle, und auf die Einsicht,
dass der Schutz jüdischen Lebens in Deutschland keine Nebenfrage ist, die sich
im antiimperialistischen Gesamtbild wegblenden ließe. Wer das für „Staatsräson“
hält und darum verächtlich macht, ersetzt Kritik an deutscher
Erinnerungspolitik allzu schnell durch die Geringschätzung des Gegenstands, auf
den sie sich bezieht. Dass Deutschland Israel aus historischen Gründen anders
betrachtet als Costa Rica oder Belgien, ist keine metaphysische Wahrheit, aber
eine politische Tatsache. Man kann sie kritisieren. Man darf nur nicht so tun,
als sei schon ihre bloße Existenz der letzte Beweis für ein Komplott.
An einer Stelle sagt Dekarldent, es sei „nach jeder mir
bekannten und gängigen Antisemitismus Definition antisemitisch, den Staat
Israel mit dem Weltjudentum gleichzusetzen“; genau das tue die Linke nicht,
sondern sie kritisiere das „koloniale Siedlungsprojekt Israel“ unabhängig vom
„Judendasein“ (Video
‘Das Ende der Partei Die Linke’ von Dekarldent , 18:25–19:19). In diesem
Satz steckt, fast wider Willen, das ganze Problem. Denn richtig ist: Israel mit
„den Juden“ schlechthin gleichzusetzen, wäre antisemitisch. Falsch ist die
Annahme, daraus folge schon, dass die eigene Rede immun gegen antisemitische
Motive sei. Zwischen plumper Gleichsetzung und völliger Unschuld liegt ein
breites Feld politischer Projektionen. Man kann Jüdinnen und Juden nicht
kollektiv für Israels Politik verantwortlich machen und dennoch Israel als den
bevorzugten Träger all dessen behandeln, was man an moderner Gewalt, Nation,
Westen, Kapital, Militär und Herrschaft verabscheut. Auch das ist keine saubere
Kritik, sondern eine Überfrachtung.
Die Partei zerbricht nicht – sie erkennt sich
Die Partei DIE LINKE streitet darüber seit Jahren. Der
aktuelle Antrag ist also kein Meteoriteneinschlag, sondern die jüngste Episode
eines alten Konflikts. Es ist deshalb unerquicklich komisch, wenn nun
ausgerechnet seine Gegner die große Zerfallsprognose ausrufen. Parteien wie DIE
LINKE leben nicht trotz solcher Widersprüche, sondern durch sie. Sie sind
Bündnisse von Restbeständen, Milieus, Flügeln, Erinnerungspolitiken und
Zukunftsfantasien, die oft nur den Namen gemeinsam haben. Dass sie an Israel streiten,
ist kein Betriebsunfall. Es ist Teil ihrer Verfassung. Wer darin nun den
sicheren Endpunkt erkennt, verwechselt die Ermüdung am eigenen Lager mit
Geschichtsdiagnose.
Auch die Behauptung, nun würden die „echten Linken“ in
Scharen austreten, verrät mehr über die Sehnsucht nach Reinheit als über
politische Organisation. Dekarldent sagt mehrfach, er kenne „keinen“, der in
der Partei bliebe, wenn ein solches Bekenntnis beschlossen werde (Video ‘Das Ende
der Partei Die Linke’ von Dekarldent , 7:21–7:39; 9:52–10:17; 24:01–24:17).
Die Ich-Form ist hier kein Zufall, sondern Methode. Das eigene Umfeld wird zum
Weltbeleg. Die Szene ersetzt die Empirie, die Bekanntschaft den Befund. So
redet man, wenn man aus Milieunähe Wahrheit gewinnt und aus Zustimmung Evidenz.
Nun könnte man einwenden, dies alles sei eben
Streamer-Rhetorik, also nicht an den Maßstäben einer Kolumne, eines Essays oder
gar einer Parteitagsrede zu messen. Das wäre bequem. Denn der eigentliche Punkt
ist ja, dass solche Rhetorik inzwischen politische Wirklichkeit mitprägt. Sie
liefert Begriffe, Stimmungen und Loyalitätsproben. Wer nicht mit maximaler
Härte gegen Israel spricht, gerät in Verdacht; wer Antisemitismus auch dort
thematisiert, wo er nicht als Hakenkreuz auftritt, gilt schnell als „antideutsch“
oder Schlimmeres. So entsteht eine Kultur, in der nicht Positionen geprüft,
sondern Verdächtigungen verteilt werden. Am Ende gewinnt nicht die Wahrheit,
sondern die Fraktion mit der besseren Erregungsökonomie.
Besonders unerquicklich wird es dort, wo der Universalismus
nur noch selektiv aufgerufen wird. Dekarldent versteht sich ersichtlich als
Anwalt moralischer Konsequenz. Er empört sich darüber, dass eine linke Partei
sich nicht entschieden genug gegen mutmaßliche Verbrechen Israels positioniere;
darin steckt ein nachvollziehbarer Impuls. Aber derselbe Universalismus, der
ihn gegen Krieg und Vertreibung mobilisiert, bricht ab, sobald es um die
politische Form jüdischer Selbstbestimmung geht. Dann wird aus der universalen
Norm plötzlich ein Sonderfall. Nationalstaaten seien als solche verdächtig,
heißt es, aber die besondere Verdächtigkeit trifft erkennbar nur den jüdischen.
Dass in einer Welt real existierender Staaten ausgerechnet Israel als
prinzipiell unerlaubter Staat verhandelt wird, soll dann nicht als Problem der
Kritik erscheinen, sondern als Ausweis ihrer Reinheit. Gerade das macht die
Sache unerquicklich.
Die Frage ist also nicht, ob man Israels Regierung
kritisieren darf. Natürlich darf man das. Man muss es sogar, wenn Kritik noch
etwas anderes sein soll als die Pflege eigener Anständigkeit. Die Frage ist, ob
die Kritik ihre Gegenstände noch unterscheiden kann. Zwischen Regierung und
Staat. Zwischen Kriegsverbrechen und Existenzrecht. Zwischen Zionismus als
historischer Nationalbewegung und seinen autoritären, expansionistischen,
ethnonationalistischen Varianten. Zwischen Solidarität mit Palästinensern und der
Lust, Israel als Chiffre des Weltübels zu gebrauchen. Wer das nicht mehr
trennt, betreibt nicht Radikalität, sondern Begriffsverwüstung.
Vielleicht ist dies die eigentliche
Selbstverständigungskrise der Linken: dass sie an Israel nicht nur streitet,
sondern sich erkennt. Nicht in einem heroischen Sinn, sondern in einem
entlarvenden. Der Streit zeigt, wer Politik noch als Arbeit am Begriff versteht
und wer sie längst als moralische Selbstvergewisserung betreibt. Der eine weiß,
dass Geschichte unerquicklich, widersprüchlich und voll unauflösbarer Konflikte
ist. Der andere verlangt von ihr, sich endlich den richtigen Affekten zu fügen.
Darum ist der Skandal nicht der Antrag. Der Skandal ist,
dass seine Gegner ihn für skandalös halten. Wer ein Bekenntnis gegen
Antisemitismus und zur jüdischen Selbstbestimmung im heutigen Staat Israel als
„Freitod“ deutet, hat sich bereits so weit in eine Feindbildlogik hineinbewegt,
dass die minimale Anerkennung historischer Wirklichkeit als Verrat erscheint.
Man muss den Antrag nicht feiern, um zu begreifen, was an dieser Reaktion
unerquicklich ist. Sie verrät eine Linke, die ihre Kategorien nicht verloren
hat, weil sie zu wenig Moral besäße, sondern weil sie von ihr zu viel und von
der Analyse zu wenig verlangt.
So wird aus einer politischen Debatte eine Schule der
Urteilslosigkeit. Das ist der Ernstfall der eigenen Moral: wenn sie nicht mehr
hilft, die Welt zu verstehen, sondern nur noch dazu dient, die eigenen Freunde
zu erkennen und die falschen auszusortieren. Eine Linke, die auf diese Weise
spricht, verliert nicht zuerst Wahlen, Mitglieder oder Flügel. Sie verliert die
Fähigkeit, zugleich Partei zu ergreifen und doch zu unterscheiden. Und genau
darin läge, sollte es so kommen, ihr eigentlicher Zerfall.
Vielleicht wird DIE LINKE an diesem Streit nicht zerbrechen.
Wahrscheinlicher ist, dass sie ihn wie so viele andere überlebt, verletzt,
verärgert, unerquicklich belehrt, aber organisatorisch intakt. Die
interessantere Frage reicht ohnehin über diese Partei hinaus. Was bleibt von
einer politischen Kultur, die die Anerkennung jüdischer Selbstbestimmung schon
für einen Skandal hält, den Begriff des Antisemitismus nur noch als gegnerische
Waffe liest und sich dabei für besonders wach hält? Nicht der Streit über
Israel ist dann das Problem. Sondern die Sicherheit, mit der er geführt wird,
als hätte Erkenntnis gegen Haltung ohnehin keine Chance mehr.