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Arbeit, Krieg, Gewissen – und Ole Nymoens Sehnsucht nach einfachen Erklärungen

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TL;DR: Die „Schlafschaf“-Provokation von Ole Nymoen sagt weniger etwas über die Gesellschaft aus als über einen verarmten Diskurs: Komplexe Themen wie Arbeit, Krieg und Staat werden auf einfache, moralische Deutungen reduziert. Nymoens Systemkritik enthält valide Punkte (Ausbeutung, Machtinteressen), verabsolutiert sie aber so stark, dass Differenzierungen verloren gehen – etwa bei der Bewertung von Kriegen oder individueller Lebensrealität. Gleichzeitig verstärkt der zuspitzende Interviewstil diese Vereinfachung. Ergebnis: viel Pose, wenig Erkenntnis. Die eigentliche Frage ist nicht, ob Menschen „schlafen“, sondern warum einfache Erklärungen so attraktiv geworden sind. Warum die „Schlafschaf“-Provokation mehr über den Zustand des Diskurses verrät als über die Gesellschaft Es beginnt, wie solche Gespräche heute beginnen müssen: mit einer Provokation, die so grob geschnitzt ist, dass sie zugleich als Diagnose und als Beleidigung funktioniert. Wer 45 Jahre arbeiten gehe, sei ein „Sch...

Tiszas politisches Angebot: Pläne für ein Ungarn nach Orbán

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TL;DR:  Ungarns Wahlsiegerin Tisza verspricht die Rückkehr Ungarns in die europäische Normalität – weniger Blockade, mehr Kooperation. Doch viele Positionen bleiben nah an Orbáns politischem Terrain so zu Migration, Ukraine, LGBTQ+-Rechte; der Bruch liegt eher im Stil und in der Methode als im Inhalt. Entscheidend wird sein, ob sich ein von Fidesz geprägter Staat überhaupt so leicht „normalisieren“ lässt. Nach fast 16 Jahren Fidesz-Herrschaft hat die Mitte-Rechts-Partei Tisza die ungarischen Wahlen gewonnen. Sie verspricht Kooperation mit Europa statt systematischer Blockade Wer verstehen will, was Tisza verspricht, muss sich vergegenwärtigen, was Orbán geliefert hat: ein politisches System, in dem „Kontrolle und Gegenstand“ nicht zufällig nebeneinander stehen. Die Pensionierung „hunderter Richter“ per Gesetz, die Neuzuschneidung von Wahlkreisen, die Erweiterung des Wahlkörpers um wohlgesonnene Diaspora – das war keine Entgleisung, sondern Methode. Dass Orbán „die Vorwürf...

Sudan schreiben – Anatomie eines Krieges in Fragmenten

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TL;DR:  Kurz vor dem dritten Jahrestag des Kriegsbeginns im Sudan habe ich meine Artikel aus dem  Jungle World -Blog „Von Tunis nach Teheran“ hier zusammengestellt, thematisch geordnet und jeweils kurz eingeordnet. Meine Texte begreifen den Sudan nicht als „Konflikt“, sondern als System: Gewalt, Hunger, sexualisierte Verbrechen, Ressourcenökonomie und internationale Verflechtungen greifen ineinander. Die Liste zeigt, wie sich daraus eine Analyse eines Krieges ergibt, der keiner einzelnen Logik folgt – sondern vielen zugleich.   Eine kommentierte Liste meiner Artikel zum Sudan aus dem Jungle world Blog „Von Tunis nach Teheran“ Die hier versammelten Blogtexte sind für mich keine lose Folge von Kommentaren zum Sudan. In ihrer Gesamtheit bilden sie den Versuch, ein analytisches Archiv eines Krieges zu schreiben, der sich einfachen Erklärungen entzieht. Während viele Darstellungen zwischen „Machtkampf“ und „Ethnienkonflikt“ pendeln, gehe ich einen anderen Weg: Ich zerlege den ...

Die Moral der Aufmerksamkeit

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TL;DR: Ich schreibe über die Linke, weil in ihren Funktionsträger mit Reichweite z. B. Antisemitismus normalisieren. Wenn selektive Empörung (z. B. Schweigen zum Sudan) und die Relativierung von Antisemitismus unwidersprochen bleiben, werden sie zur Normalität. Genau das will ich nicht. Warum ich über die Linke, ihre Funktionäre und linken Antisemitismus schreibe Warum schreibe ich so oft über „Die Linke“ oder über Personen wie Ulrike Eifler, Özlem Alev Demirel oder Nicole Gohlke? Es gibt die Erwartung, man müsse mit politischen Zusammenhängen, aus denen man kommt, irgendwann abschließen. Als wäre Kritik eine Phase, die man hinter sich lässt. Aber politische Öffentlichkeit funktioniert nicht so. Wer spricht, prägt. Und wer prägt, trägt Verantwortung – auch über den eigenen Kreis hinaus. Ich schreibe darüber nicht aus Nostalgie oder persönlicher Verbundenheit. Sondern weil diese Personen Funktionen haben: Parteivorstand, Bundestag, Europaparlament. Das sind keine privaten Räume...

Frieden als Pose, Israel als Projektionsfläche: Die Linke zwischen Eifler und Ramelow

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TL;DR:  Die Auseinandersetzung zwischen Ulrike Eifler und Bodo Ramelow zeigt eine tiefere Spaltung der Linken: Während Eifler politische Gewissheit behauptet und Kritik – etwa an Antisemitismus – in einer Form der Selbstimmunisierung kategorisch zurückweist, erkennt Ramelow zwar die Eskalation der Begriffe, bleibt aber analytisch unentschlossen. Eiflers „Antikrieg“-Position erweist sich dabei weniger als universeller Maßstab denn als selektive politische Chiffre, insbesondere in Bezug auf Israel. Das Ergebnis ist eine Linke zwischen moralischer Selbstgewissheit und analytischer Sprachlosigkeit – und eine Debatte, die mehr bestätigt als erklärt.     Wenn Begriffe kämpfen und Gewissheiten siegen   Es beginnt, wie es oft beginnt: mit einem Streit über Worte. Und endet, wie es derzeit häufig endet: mit der Gewissheit, längst alles verstanden zu haben. Bodo Ramelow formuliert Zweifel, wenn er schreibt: „ Wenn Begriffe zur Keule werden und Freund/Feind zum Kampfpla...

Querfront als Serviceleistung

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TL;DR: Holger Friedrichs Blätter sind nicht einfach „kontrovers“, sondern normalisieren systematisch rechte und kremlfreundliche Positionen. Das Problem ist weniger offene Propaganda als die publizistische Verschiebung von Maßstäben: AfD-Leute erscheinen als Opfer, Neurechte als Gesprächspartner, Putin-Versteher als Realisten. Brisant wird das dort, wo selbst Teile der Linken diese Medien als legitime Quellen weiterreichen. Wie Holger Friedrich mit der „Berliner Zeitung“ und der „Ostdeutschen Allgemeinen“ nicht Opposition organisiert, sondern die Begriffe verschiebt, mit denen sich AfD-Nähe, Kreml-Apologie und autoritäre Sehnsucht als bloßer „Diskurs“ ausgeben lassen. Die Formel stammt von Franz Sommerfeld, und sie ist deshalb brauchbar, weil sie nicht übertreibt, sondern beschreibt: Die „Berliner Zeitung“ sei „ zu einem Instrument geworden, um den politischen Aufstieg der AfD publizistisch zu fördern und Verständnis für russische Politik zu wecken “. Das ist nicht die Art Satz, d...

Die falsche Wahl zwischen Flagge und Frömmigkeit

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TL;DR: Die Kolumne analysiert den 7. Oktober und seine politischen Nachwirkungen als Offenbarungseid einer Gegenwart, in der Antisemitismus, Islamismus, rassistische Staatsräson und identitäre Linkspolitik sich nicht gegenseitig ausschließen, sondern auf fatale Weise aufeinander bezogen sind. Sie kritisiert die Relativierung des Hamas-Massakers in Teilen der Linken ebenso wie die deutsche Neigung, Antisemitismuskritik in Repression, Abschottung und nationale Selbstentlastung zu verwandeln. Im Zentrum steht die Verteidigung einer emanzipatorischen Position, die weder antisemitische Gewalt als Widerstand verklärt noch antimuslimischen Rassismus als Aufklärung ausgibt.   Wie nach dem 7. Oktober aus Analyse Lagerkunde wurde und aus Kritik ein Geschäft mit der Moral Es gibt Sätze, die so geschniegelt auftreten, dass man schon an ihrer Frisur merkt, dass sie lügen. Einer davon lautet: Jetzt müsse man sich eben entscheiden. Für Israel oder für Palästina. Für Sicherheit oder für Mens...