Die Moral der Aufmerksamkeit
TL;DR: Ich schreibe über die Linke, weil in ihren Funktionsträger mit Reichweite z. B. Antisemitismus normalisieren. Wenn selektive Empörung (z. B. Schweigen zum Sudan) und die Relativierung von Antisemitismus unwidersprochen bleiben, werden sie zur Normalität. Genau das will ich nicht.
Warum ich über die Linke, ihre Funktionäre und linken Antisemitismus schreibe
Warum schreibe
ich so oft über „Die Linke“ oder über Personen wie Ulrike Eifler, Özlem Alev
Demirel oder Nicole Gohlke?
Es gibt die
Erwartung, man müsse mit politischen Zusammenhängen, aus denen man kommt,
irgendwann abschließen. Als wäre Kritik eine Phase, die man hinter sich lässt.
Aber politische Öffentlichkeit funktioniert nicht so. Wer spricht, prägt. Und
wer prägt, trägt Verantwortung – auch über den eigenen Kreis hinaus.
Ich schreibe
darüber nicht aus Nostalgie oder persönlicher Verbundenheit. Sondern weil diese
Personen Funktionen haben: Parteivorstand, Bundestag, Europaparlament. Das sind
keine privaten Räume. Es sind Orte politischer Produktion. Was dort gesagt
wird, bleibt nicht dort. Es wird zitiert, zugespitzt, reproduziert – und prägt,
was als legitime linke Position gilt.
Und genau
deshalb ist es nicht egal.
Die Linke, in
der ich politisch sozialisiert wurde, hatte einmal einen universalen Anspruch:
Solidarität war nicht selektiv. Sie galt nicht dort, wo sie sich gut erzählen
ließ, sondern dort, wo sie notwendig war. Dieser Anspruch ist nicht nur
normativ – er ist konstitutiv. Ohne ihn verliert linke Politik ihren eigenen
Maßstab.
Selektive
Solidarität und ihre Folgen
Die
sozialwissenschaftliche Forschung weist seit Jahren darauf hin, dass
Antisemitismus kein ausschließlich rechtes Phänomen ist. Er kann sich auch in
linken Kontexten artikulieren – insbesondere in Form eines sogenannten
„israelbezogenen“ oder „antizionistischen“ Antisemitismus, der klassische
Muster in politisch anschlussfähiger Form reproduziert.
Diese Befunde
lassen sich nicht durch politische Selbstvergewisserungen entkräften – also durch die
bloße Behauptung, man stehe traditionell auf der richtigen Seite und sei
deshalb gegen solche Tendenzen immun.
Dabei geht es
nicht um offene Feindbilder, sondern um Verschiebungen: Israel wird zum
Projektionsraum, an dem sich globale Kritik bündelt. Antisemitismus erscheint
dann nicht mehr als Ressentiment, sondern als vermeintlich radikale Analyse.
Gerade diese Form ist schwerer zu erkennen – und deshalb politisch wirksam.
Parallel dazu
zeigt die Forschung, dass moralische und politische Aufmerksamkeit ungleich
verteilt ist. Konflikte werden nicht nur nach ihrem Ausmaß bewertet, sondern
nach ihrer symbolischen Anschlussfähigkeit.
Das führt zu
einer Hierarchisierung von Leid.
Genau diese
Dynamik lässt sich beobachten.
Während der
Krieg in Gaza große Teile linker Mobilisierung bindet, bleiben andere Konflikte
– etwa der Krieg im Sudan – politisch randständig. Hunderttausende Tote,
Millionen Vertriebene, massive humanitäre Katastrophen – und vergleichsweise
wenig Resonanz. Diese Diskrepanz ist nicht zufällig. Sie verweist auf eine
politische Gewichtung.
Diese
Gewichtung hat Konsequenzen: Sie definiert, wessen Leid sichtbar wird – und
wessen nicht. Und sie verschiebt den Begriff von Solidarität: weg von einem
universalen Anspruch hin zu einer Frage politischer Verwertbarkeit.
Wenn in diesem
Kontext Positionen vertreten werden, die Antisemitismus zur bloßen „Erzählung
der Herrschenden“ erklären, dann ist das nicht nur analytisch verkürzt. Es
entzieht der Kritik an genau diesen Verschiebungen ihre Grundlage. Es macht
blinde Flecken unsichtbar – und stabilisiert sie damit.
Wer dazu
schweigt, widerspricht nicht – aber er lässt es gelten.
Und das genügt.
Denn politische
Normalität entsteht nicht durch Mehrheiten, sondern durch
Widerspruchslosigkeit. Was nicht mehr bestritten wird, setzt sich fest.
Deshalb
schreibe ich darüber.
Nicht, weil ich
an einzelnen Personen hänge. Sondern weil sie für eine Entwicklung stehen, die
über sie hinausgeht. Eine Entwicklung, in der sich der Anspruch universaler
Solidarität verengt – und in der Kritik daran zunehmend delegitimiert wird.
Man kann
Antisemitismus für ein reales Problem halten – dann muss man ihn auch dort
benennen, wo er nicht ins eigene Selbstbild passt. Oder man erklärt ihn zum
Instrument „der Herrschenden“ – dann hat man vor allem eines: Ruhe vor der
Wirklichkeit.
Ich ziehe die
Unruhe vor.