Querfront als Serviceleistung
TL;DR: Holger Friedrichs Blätter sind nicht einfach „kontrovers“, sondern normalisieren systematisch rechte und kremlfreundliche Positionen. Das Problem ist weniger offene Propaganda als die publizistische Verschiebung von Maßstäben: AfD-Leute erscheinen als Opfer, Neurechte als Gesprächspartner, Putin-Versteher als Realisten. Brisant wird das dort, wo selbst Teile der Linken diese Medien als legitime Quellen weiterreichen.
Wie Holger
Friedrich mit der „Berliner Zeitung“ und der „Ostdeutschen Allgemeinen“ nicht
Opposition organisiert, sondern die Begriffe verschiebt, mit denen sich
AfD-Nähe, Kreml-Apologie und autoritäre Sehnsucht als bloßer „Diskurs“ ausgeben
lassen.
Die Formel
stammt von Franz Sommerfeld, und sie ist deshalb brauchbar, weil sie nicht
übertreibt, sondern beschreibt: Die „Berliner Zeitung“ sei „zu
einem Instrument geworden, um den politischen Aufstieg der AfD publizistisch zu
fördern und Verständnis für russische Politik zu wecken“. Das ist nicht
die Art Satz, die in Redaktionen gern fällt. Zu klar, zu riskant, zu wenig
ausweichend. Gerade deshalb trifft er. Denn er benennt keine Gesinnung, sondern
eine Funktion.
Über Funktionen
sollte man reden, wenn Holger Friedrich wieder einmal „Unabhängigkeit“ ruft.
Wer sich fortwährend für unabhängig erklärt, ist meist schon in einer
Abhängigkeit angekommen: nicht
zwingend von einer Partei, wohl aber von der Pose, gegen alle anderen zu
stehen. Diese Pose ist bei Friedrich kein Nebengeräusch, sondern
Geschäftsmodell. Kritik
erscheint bei ihm nie als Kritik, sondern als Verfolgung. Widerspruch gilt
nicht als Korrektiv, sondern als Beweis, dass man selbst offenbar recht hat. So
macht man aus jeder Beanstandung Material für die nächste Selbstinszenierung.
Die Pose der
Unabhängigkeit
Das Verfahren
ist bekannt. Erst lädt man Viktor Orbán ein, dann beklagt man die Erregung über
Orbán. Erst gibt man Götz Kubitschek eine Doppelseite und fragt höflich nach
dem „Anteil der autochthonen Bevölkerung“, dann spielt man hinterher den
Verteidiger des offenen Diskurses. Erst lässt man Leute schreiben, die in
Russland nicht ein Problem, sondern ein Missverständnis sehen, dann erklärt man
dem Publikum, man bilde bloß „die Realität unvoreingenommen“ ab. So sieht keine
Neugier aus. So arbeitet ein Blatt, das nach rechts nicht recherchiert, sondern
vermittelt.
Der Punkt ist
nicht, dass in der „Berliner Zeitung“ oder der „Ostdeutschen
Allgemeinen“ Konservative vorkämen. Das wäre unerquicklich banal. Der Punkt
ist, dass dort die Grenzverschiebung selbst zur publizistischen Leistung
erhoben wird. Was gestern noch randständig war, erscheint heute als mutige
Gegenposition. Was eben noch als autoritäre Versuchung galt, tritt nun als
vernachlässigte Stimme auf. Und was bei anderen Medien als Kreml-Apologie
gelten würde, läuft hier unter Skepsis, Friedenssehnsucht oder ostdeutscher
Erfahrung. Das ist die eigentliche Querfronttechnik: nicht die Synthese fester
Lager, sondern die Auflösung ihrer Begriffe.
Friedrich nennt
das Unabhängigkeit. Man könnte es auch als Freihandelszone der Ressentiments
bezeichnen. Hier darf der AfD-Mann Opfer sein, der Putin-Versteher Realist, der
Neurechte Gesprächspartner und der Verleger Märtyrer. Das Personal wechselt,
das Muster bleibt. Immer wird so getan, als sei nicht die extreme Rechte
normalisiert worden, sondern bloß der Meinungskorridor erweitert. Tatsächlich
erweitert sich vor allem die Anschlussfähigkeit des Rechten. Es soll nicht mehr
nach rechts aussehen, wenn rechts gesagt wird, was rechts meint.
Dass Anja
Reich-Osang nach dreißig Jahren geht, ist in diesem Zusammenhang kein
Betriebsunfall, sondern Symptom. Ihre Abschiedsworte über eine Redaktion, „dass
man eigentlich immer alles schreiben konnte“, lesen sich heute weniger
wie Nostalgie als wie ein stilles Protokoll des Verlusts. Denn gerade dieser
Satz markiert die Differenz: zwischen einer Redaktion, die Offenheit als
Arbeitsform verstand, und einem Verlagshaus, das Offenheit nun als Tarnbegriff
für den Abbau von Maßstäben benutzt. Man kann eben „alles schreiben“ in sehr
verschiedenem Sinn. Einmal heißt das: freie Recherche. Ein andermal heißt es:
Bühne für jeden, der die Republik für verrottet und Moskau für missverstanden
hält.
Wenn
Normalisierung als Pluralismus auftritt
Noch
aufschlussreicher wird es dort, wo die Normalisierung ihre Runde durch das
politische Milieu macht. Wenn Ulrike Eifler, Mitglied des Parteivorstandes Die
Linke, ausgerechnet die „Berliner
Zeitung“ als Quelle propagiert, dann ist das keine Petitesse des
Plattformbetriebs. Es zeigt, wie erfolgreich Friedrichs Querfrontstrategie
arbeitet. Denn sie zielt nicht bloß auf Leser der AfD. Sie zielt auf jene Teile
der Linken, die den Hass
auf den Liberalismus schon für Kritik am Kapitalismus halten und geopolitischen
Zynismus mit Antiimperialismus verwechseln. Wo Rechte „Frieden“ sagen und
manche Linke sofort nicken, ist die publizistische Vorarbeit bereits geleistet.
Wenn ein linkes
Vorstandsmitglied lieber ein Blatt empfiehlt, in dem AfD-Leute sich als Opfer
des Diskurses aufführen dürfen, dann ist der Schaden nicht nur medienpolitisch.
Dann wird eine Verschiebung sichtbar: weg von der Kritik an Herrschaft, hin zur
Faszination für das antiwestliche Geraune. Das Resultat ist keine neue
Souveränität des Ostens, sondern dessen erneute Benutzung. Diesmal nicht durch
westliche Arroganz, sondern durch einen Verleger, der Ostdeutschland als
publizistische Lizenz zur Enthemmung verwertet.
Präfaschistische
Hegemonie beginnt nicht erst dort, wo Faschisten regieren. Sie beginnt früher,
unspektakulärer, feuilletonistischer. Sie beginnt, wenn man ihre Begriffe
zirkulieren lässt, ihre Sprecher adelt, ihre Feindbilder rhythmisiert und ihren
Ton als bloße Provokation abheftet. Sie beginnt, wenn der Satz „Man wird
Russland nicht auf dem Schlachtfeld besiegen können“ nicht als Position im
Krieg, sondern als Ausweis besonderer Klarsicht gehandelt wird. Sie beginnt,
wenn aus rechter Propaganda ein Fall von Pluralismus gemacht wird.
Holger
Friedrich hat aus diesem Verfahren ein Milieu gebaut. Nicht Partei, nicht
Bewegung, eher Durchlauferhitzer. Wer dort hineingerät, soll sich nicht als
Rechtsaußen fühlen, sondern als letzter Vernünftiger. Das ist wirksamer als
jede Parole, weil es die Scham vor dem Falschen abbaut. Eben darum ist das
Ganze so gefährlich: Es marschiert nicht. Es plausibilisiert.
Und der Rest
ist dann nicht mehr Debatte, sondern Vorbereitung.