Querfront als Serviceleistung

TL;DR: Holger Friedrichs Blätter sind nicht einfach „kontrovers“, sondern normalisieren systematisch rechte und kremlfreundliche Positionen. Das Problem ist weniger offene Propaganda als die publizistische Verschiebung von Maßstäben: AfD-Leute erscheinen als Opfer, Neurechte als Gesprächspartner, Putin-Versteher als Realisten. Brisant wird das dort, wo selbst Teile der Linken diese Medien als legitime Quellen weiterreichen.

Collage im Social-Media-Stil: Oben ein Screenshot eines Tweets von Ulrike Eifler (6. April), in dem sie der Bundesregierung Kriegsvorbereitung vorwirft und einen Artikel der „Berliner Zeitung“ zitiert. Darüber liegt groß der Schriftzug „Querfront als Serviceleistung“. Unten ein Foto eines bärtigen Mannes im Studio (Holger Friedrich), der mit erhobenen Händen spricht; eingeblendet ist eine Bildunterschrift zur „Berliner Zeitung“ und einer Chefreporterin.


Wie Holger Friedrich mit der „Berliner Zeitung“ und der „Ostdeutschen Allgemeinen“ nicht Opposition organisiert, sondern die Begriffe verschiebt, mit denen sich AfD-Nähe, Kreml-Apologie und autoritäre Sehnsucht als bloßer „Diskurs“ ausgeben lassen.

Die Formel stammt von Franz Sommerfeld, und sie ist deshalb brauchbar, weil sie nicht übertreibt, sondern beschreibt: Die „Berliner Zeitung“ sei „zu einem Instrument geworden, um den politischen Aufstieg der AfD publizistisch zu fördern und Verständnis für russische Politik zu wecken“. Das ist nicht die Art Satz, die in Redaktionen gern fällt. Zu klar, zu riskant, zu wenig ausweichend. Gerade deshalb trifft er. Denn er benennt keine Gesinnung, sondern eine Funktion.

Über Funktionen sollte man reden, wenn Holger Friedrich wieder einmal „Unabhängigkeit“ ruft. Wer sich fortwährend für unabhängig erklärt, ist meist schon in einer Abhängigkeit angekommen: nicht zwingend von einer Partei, wohl aber von der Pose, gegen alle anderen zu stehen. Diese Pose ist bei Friedrich kein Nebengeräusch, sondern Geschäftsmodell. Kritik erscheint bei ihm nie als Kritik, sondern als Verfolgung. Widerspruch gilt nicht als Korrektiv, sondern als Beweis, dass man selbst offenbar recht hat. So macht man aus jeder Beanstandung Material für die nächste Selbstinszenierung.

Die Pose der Unabhängigkeit

Das Verfahren ist bekannt. Erst lädt man Viktor Orbán ein, dann beklagt man die Erregung über Orbán. Erst gibt man Götz Kubitschek eine Doppelseite und fragt höflich nach dem „Anteil der autochthonen Bevölkerung“, dann spielt man hinterher den Verteidiger des offenen Diskurses. Erst lässt man Leute schreiben, die in Russland nicht ein Problem, sondern ein Missverständnis sehen, dann erklärt man dem Publikum, man bilde bloß „die Realität unvoreingenommen“ ab. So sieht keine Neugier aus. So arbeitet ein Blatt, das nach rechts nicht recherchiert, sondern vermittelt.

Der Punkt ist nicht, dass in der „Berliner Zeitung“ oder der „Ostdeutschen Allgemeinen“ Konservative vorkämen. Das wäre unerquicklich banal. Der Punkt ist, dass dort die Grenzverschiebung selbst zur publizistischen Leistung erhoben wird. Was gestern noch randständig war, erscheint heute als mutige Gegenposition. Was eben noch als autoritäre Versuchung galt, tritt nun als vernachlässigte Stimme auf. Und was bei anderen Medien als Kreml-Apologie gelten würde, läuft hier unter Skepsis, Friedenssehnsucht oder ostdeutscher Erfahrung. Das ist die eigentliche Querfronttechnik: nicht die Synthese fester Lager, sondern die Auflösung ihrer Begriffe.

Friedrich nennt das Unabhängigkeit. Man könnte es auch als Freihandelszone der Ressentiments bezeichnen. Hier darf der AfD-Mann Opfer sein, der Putin-Versteher Realist, der Neurechte Gesprächspartner und der Verleger Märtyrer. Das Personal wechselt, das Muster bleibt. Immer wird so getan, als sei nicht die extreme Rechte normalisiert worden, sondern bloß der Meinungskorridor erweitert. Tatsächlich erweitert sich vor allem die Anschlussfähigkeit des Rechten. Es soll nicht mehr nach rechts aussehen, wenn rechts gesagt wird, was rechts meint.

Dass Anja Reich-Osang nach dreißig Jahren geht, ist in diesem Zusammenhang kein Betriebsunfall, sondern Symptom. Ihre Abschiedsworte über eine Redaktion, „dass man eigentlich immer alles schreiben konnte“, lesen sich heute weniger wie Nostalgie als wie ein stilles Protokoll des Verlusts. Denn gerade dieser Satz markiert die Differenz: zwischen einer Redaktion, die Offenheit als Arbeitsform verstand, und einem Verlagshaus, das Offenheit nun als Tarnbegriff für den Abbau von Maßstäben benutzt. Man kann eben „alles schreiben“ in sehr verschiedenem Sinn. Einmal heißt das: freie Recherche. Ein andermal heißt es: Bühne für jeden, der die Republik für verrottet und Moskau für missverstanden hält.

Wenn Normalisierung als Pluralismus auftritt

Noch aufschlussreicher wird es dort, wo die Normalisierung ihre Runde durch das politische Milieu macht. Wenn Ulrike Eifler, Mitglied des Parteivorstandes Die Linke, ausgerechnet die „Berliner Zeitung“ als Quelle propagiert, dann ist das keine Petitesse des Plattformbetriebs. Es zeigt, wie erfolgreich Friedrichs Querfrontstrategie arbeitet. Denn sie zielt nicht bloß auf Leser der AfD. Sie zielt auf jene Teile der Linken, die den Hass auf den Liberalismus schon für Kritik am Kapitalismus halten und geopolitischen Zynismus mit Antiimperialismus verwechseln. Wo Rechte „Frieden“ sagen und manche Linke sofort nicken, ist die publizistische Vorarbeit bereits geleistet.

Wenn ein linkes Vorstandsmitglied lieber ein Blatt empfiehlt, in dem AfD-Leute sich als Opfer des Diskurses aufführen dürfen, dann ist der Schaden nicht nur medienpolitisch. Dann wird eine Verschiebung sichtbar: weg von der Kritik an Herrschaft, hin zur Faszination für das antiwestliche Geraune. Das Resultat ist keine neue Souveränität des Ostens, sondern dessen erneute Benutzung. Diesmal nicht durch westliche Arroganz, sondern durch einen Verleger, der Ostdeutschland als publizistische Lizenz zur Enthemmung verwertet.

Präfaschistische Hegemonie beginnt nicht erst dort, wo Faschisten regieren. Sie beginnt früher, unspektakulärer, feuilletonistischer. Sie beginnt, wenn man ihre Begriffe zirkulieren lässt, ihre Sprecher adelt, ihre Feindbilder rhythmisiert und ihren Ton als bloße Provokation abheftet. Sie beginnt, wenn der Satz „Man wird Russland nicht auf dem Schlachtfeld besiegen können“ nicht als Position im Krieg, sondern als Ausweis besonderer Klarsicht gehandelt wird. Sie beginnt, wenn aus rechter Propaganda ein Fall von Pluralismus gemacht wird.

Holger Friedrich hat aus diesem Verfahren ein Milieu gebaut. Nicht Partei, nicht Bewegung, eher Durchlauferhitzer. Wer dort hineingerät, soll sich nicht als Rechtsaußen fühlen, sondern als letzter Vernünftiger. Das ist wirksamer als jede Parole, weil es die Scham vor dem Falschen abbaut. Eben darum ist das Ganze so gefährlich: Es marschiert nicht. Es plausibilisiert.

Und der Rest ist dann nicht mehr Debatte, sondern Vorbereitung.

 

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