Die falsche Wahl zwischen Flagge und Frömmigkeit

TL;DR: Die Kolumne analysiert den 7. Oktober und seine politischen Nachwirkungen als Offenbarungseid einer Gegenwart, in der Antisemitismus, Islamismus, rassistische Staatsräson und identitäre Linkspolitik sich nicht gegenseitig ausschließen, sondern auf fatale Weise aufeinander bezogen sind. Sie kritisiert die Relativierung des Hamas-Massakers in Teilen der Linken ebenso wie die deutsche Neigung, Antisemitismuskritik in Repression, Abschottung und nationale Selbstentlastung zu verwandeln. Im Zentrum steht die Verteidigung einer emanzipatorischen Position, die weder antisemitische Gewalt als Widerstand verklärt noch antimuslimischen Rassismus als Aufklärung ausgibt.

 

Auf einem grauen Hintergrund klebt ein violetter Aufkleber mit der Aufschrift „Gegen jeden Antisemitismus“ in großen weißen Buchstaben. Der Aufkleber überdeckt teilweise ein Plakat im Hintergrund. Darauf ist eine Person mit einem schwarz-weißen Kufiya-Tuch zu sehen, die nur mit den Augen sichtbar ist. Über dem Bild steht der Text: „Die falsche Wahl zwischen Flagge und Frömmigkeit“.

Wie nach dem 7. Oktober aus Analyse Lagerkunde wurde und aus Kritik ein Geschäft mit der Moral

Es gibt Sätze, die so geschniegelt auftreten, dass man schon an ihrer Frisur merkt, dass sie lügen. Einer davon lautet: Jetzt müsse man sich eben entscheiden. Für Israel oder für Palästina. Für Sicherheit oder für Menschenrechte. Für Antisemitismuskritik oder für Antirassismus. Für den Westen oder für die Verdammten dieser Erde. Wer so spricht, betreibt keine Aufklärung, sondern Sortierung. Er will die Welt nicht begreifen, sondern in Spinde sperren. Seit dem 7. Oktober 2023 ist aus dieser Unsitte ein Betrieb geworden. Er läuft in den Feuilletons, in den sozialen Medien, auf Demonstrationen, in Talkshows, in Seminarräumen und, was unerquicklich genug ist, auch in jener Linken, die früher einmal den Ehrgeiz hatte, den Dingen auf den Grund zu gehen, statt sich auf ihre Oberfläche zu kleben.

Der 7. Oktober markiert eine Zäsur nicht nur wegen des Verbrechens selbst, sondern wegen der politischen und moralischen Verwahrlosung, die ihm folgte. Das Massaker der Hamas war kein bedauerlicher „Ausbruch aus dem Gefängnis“, kein missratener Akt antikolonialer Selbstermächtigung, kein etwas zu weit getriebener Widerstand. Es war ein antisemitisches Massaker. Menschen wurden ermordet, vergewaltigt, entführt, gequält, weil sie Juden waren, weil sie Israelis waren, weil sie in der Phantasie ihrer Mörder das verkörperten, was vernichtet gehört. Wer dieses Verbrechen erst „kontextualisieren“ muss, bevor er es benennen kann, hat den Kontext längst über die Tat gestellt und das Urteil an die Ideologie delegiert. Aus Analyse wird dann Ausrede, aus Geschichte eine Waschanlage.

Wenn das Massaker zum Weltbild passen muss

Man konnte in den Tagen und Wochen danach eine eigentümliche Betriebsamkeit beobachten. Noch bevor die israelische Armee ihre Operationen begann, liefen bereits Demonstrationen, auf denen nicht einfach Solidarität mit Palästinenser*innen formuliert wurde, sondern eine alte Leidenschaft in neuem Outfit exerziert wurde: Israel als Weltübel, Israel als Kollektivschuldiger, Israel als Staat, dessen Existenz nur als Betriebsunfall der Geschichte gilt. Wer die Bilder sah und die Parolen hörte, musste nicht einmal besonders feinfühlig sein, um zu merken, dass hier nicht bloß Mitgefühl artikuliert wurde. Es ging um mehr. Um Identität. Um Ritual. Um jene Überidentifikation mit der „palästinensischen Sache“, die in weiten Teilen der globalen Linken längst die Funktion eines Erkennungszeichens übernommen hat. Andere tragen Konfessionsschmuck, diese Szene trägt Parolen.

Das Erschreckende daran ist nicht, dass es unter Linken Antisemitismus gibt. Er war nie verschwunden. Er hatte nur gelernt, höflicher aufzutreten. Er kam als „Antiimperialismus“, als „Antizionismus“, als schlechte Gewohnheit daher, überall dort, wo von Macht die Rede war, nach Juden zu suchen, und überall dort, wo Juden sich verteidigen, nur noch Macht zu sehen. Neu ist eher die Unbefangenheit, mit der der alte Wahn heute als moralische Sensibilität auftritt. Die Täter werden zu Chiffren des Widerstands veredelt, die Opfer zu Statisten einer größeren Erzählung degradiert. Das Massaker wird nicht geleugnet, das wäre zu grob; es wird umetikettiert. Der Mörder erscheint als Produkt der Verhältnisse, und das Opfer bekommt den Trost, historisch am falschen Ort gestanden zu haben.

Diese Linke hat sich angewöhnt, die Welt als Schaubild zu lesen. Hier die Unterdrückten, dort die Unterdrücker. Hier der Globale Süden, dort der Globale Norden. Hier Authentizität, dort Macht. Das klingt zunächst nach Ordnung, ist aber nur eine Didaktik der Vereinfachung. Denn wer so verfährt, kann Antisemitismus gar nicht mehr begreifen. Antisemitismus ist eben nicht bloß die lineare Unterdrückung einer schwächeren Gruppe durch eine stärkere. Er ist eine falsche Welterklärung, ein Wahn mit System, die Projektion gesellschaftlicher Widersprüche auf ein imaginiertes jüdisches Prinzip. In ihm erscheint „der Jude“ nicht als der Ohnmächtige, sondern als der Übermächtige; nicht als der Ausgeschlossene, sondern als der heimliche Herrscher; nicht als Opfer, sondern als Täter hinter allen Tätern. Eben deshalb hat Antisemitismus einen eliminatorischen Fluchtpunkt. Er will nicht verbessern, nicht bekehren, nicht einmal ordentlich diskriminieren. Er will aus der Welt schaffen.

Gerade eine Linke, die sich auf Gesellschaftskritik etwas zugutehält, müsste das wissen. Sie müsste wissen, dass Antisemitismus kein Betriebsunfall falscher Erziehung ist, den man mit drei Workshops und einem Glossar entsorgt. Er verschwindet auch nicht dadurch, dass man die Arbeitsdefinition der International Holocaust Remembrance Alliance durch die Jerusalemer Erklärung zum Antisemitismus ersetzt. Wo der politische Wille zur Kritik fehlt, wird das Problem nicht gelöst, sondern begrifflich umsortiert. Dann heißt es nicht mehr „der Jude“, sondern „der Zionist“, und die sprachliche Verschiebung gilt schon als Beweis der Läuterung.

Sie müsste begreifen, dass er aus den Widersprüchen bürgerlicher Gesellschaft lebt und gerade dort besonders attraktiv wird, wo Menschen nach einfachen Erklärungen für komplexe Herrschaftsverhältnisse suchen. Doch statt dieser Mühe hat man vielerorts eine bequemere Methode entdeckt: Man erklärt Juden, sofern sie nicht gerade in der Rolle des bedrohten Minderheitenobjekts auftreten, zu Repräsentanten der Macht. Im Zweifel reicht schon helle Haut oder der falsche Pass. Damit ist das Problem elegant entsorgt, jedenfalls für jene, die ihre Welt gern entlang einer moralischen Farbtafel ordnen.

Die Linke und ihre Ersatzreligionen

Diese Verschiebung hängt mit einem allgemeinen Verfall der Analyse zusammen. Dort, wo materialistische Gesellschaftskritik einmal den Anspruch erhob, Formen von Herrschaft in ihrer Vermittlung zu begreifen, herrscht heute oft moralische Lagerbildung. In manchen neo-leninistischen Milieus ist daraus die alte Lehre geworden, nach der alle Übel aus Imperialismus, Monopol und Finanzkapital stammen und sich die Welt sauber in Völker, Lager und Fronten aufteilen lässt. In bestimmten identitätspolitischen Milieus lautet die zeitgemäße Variante: Wahrheit spricht, wer betroffen ist; falsch ist, wer privilegiert erscheint. Beide Modelle unterscheiden sich im Vokabular und ähneln sich in der Denkfaulheit. Sie verwechseln Perspektive mit Erkenntnis und Haltung mit Kritik. Und beide produzieren am Ende dieselbe Sentimentalität: Gewalt des Schwächeren gilt schon deshalb als fortschrittlich, weil sie von unten kommt. Man muss den Stein nur „dekolonial“ beschriften, dann wird selbst das Massaker zum Seminarbeitrag.

Darin liegt auch die eigentümliche Faszination für Hamas, die man selten offen, aber oft im Unterton hört. Nicht die Theokratie stört, nicht der Vernichtungswille, nicht die sexualisierte Gewalt, nicht die patriarchale Herrschaft, nicht die mörderische Verachtung des eigenen und fremden Lebens. Im Gegenteil: All das wird mit Verweisen auf Kontext, Besatzung, Geschichte, Trauma, Perspektivlosigkeit derart eingerahmt, bis der politische Kern verschwindet. Dabei ist Hamas keine Verirrung einer an sich friedlichen Notwehr. Sie ist eine islamistische Organisation mit einem Programm, das jeder Emanzipation den Krieg erklärt. Sie richtet sich gegen Juden, gegen Frauen, gegen Queers, gegen Dissens, gegen Individualität, gegen jede Idee eines guten Lebens, das ohne Gott, Gewehr und Gehorsam auskäme. Sie ist modern, nicht vormodern; politisch, nicht kulturell; reaktionär, nicht archaisch.

Gerade darin berührt sich die Analyse des 7. Oktober mit der Kritik des Islamismus. Islamistische Bewegungen fallen nicht vom Himmel, und sie entstehen auch nicht aus einem geheimnisvollen Kulturkern, den irgendwelche Leitartikler mit ernster Stirn „den Islam“ nennen. Sie sind Krisenreaktionen. Sie gewinnen Attraktivität dort, wo soziale Zerrüttung, politische Ohnmacht und die Niederlage emanzipatorischer Kräfte ein Vakuum hinterlassen. Sie bieten Gemeinschaft, Sinn, Ordnung, Feindbild, Handlungsmacht. Kurz: all das, was auch andere autoritäre Bewegungen versprechen. Der Islamismus ist keine exotische Ausnahme der Weltpolitik, sondern eine ihrer zeitgemäßen Formen. Seine Anhänger haben begriffen, dass Menschen, die von dieser Gesellschaft zermalmt oder ausgespuckt werden, nicht nur Brot suchen, sondern auch Bedeutung. Das macht die Sache nicht verständlicher im moralischen Sinn, aber erklärbarer im politischen.

Nur erklärt ist noch nicht entschuldigt. Wer den Islamismus aus sozialen Bedingungen herleitet, muss ihn nicht schonen. Im Gegenteil: Gerade weil er eine reale Antwort auf reale Krisen ist, muss man ihn ernst nehmen. Die Linke hat sich an diesem Punkt über Jahre gern davongedrückt. Aus Angst, rechten Kulturkämpfern in die Hände zu spielen, hat sie lieber geschwiegen oder sich in Euphemismen gerettet. Das Ergebnis war unerquicklich vorhersehbar: Die Rechte durfte den Gegenstand monopolisieren und als Rassismusgeschäft verwerten, während Teile der Linken jede Kritik am Islamismus für einen Vorhof des antimuslimischen Ressentiments hielten. So überließ man die einen den anderen, die Reaktion den Reaktionären. Fortschritt durch Arbeitsteilung, nur leider in die falsche Richtung.

Die geläuterte Republik und ihr altes Geschäft

Auf der anderen Seite des politischen Elends steht der Staat, und er möchte in dieser Geschichte nun ausgerechnet als Moralpädagoge auftreten. Auch das hat einen eigenen Witz. Derselbe Apparat, der Antisemitismus jahrzehntelang entweder als Problem der Vergangenheit oder als Spezialgebiet der Polizei behandelte, entdeckt plötzlich seine Entschlossenheit. Plätze werden geräumt, Demonstrationen verboten, Grundrechte relativiert, Menschen kontrolliert, Kieze unter Generalverdacht gestellt, Unterrichtsstunden zu Loyalitätsprüfungen umfunktioniert. Man sieht Minister und Kommentatoren, die sich mit der Verteidigung jüdischen Lebens schmücken, als hätten sie es gestern persönlich erfunden. Und natürlich ist unter diesen Bekennern eine bemerkenswerte Zahl jener, die sonst an sozialer Gleichheit, Minderheitenschutz oder zivilen Freiheitsrechten nur ein sehr episodisches Interesse haben.

Das Problem ist nicht, dass der Staat Antisemitismus bekämpfen will. Er müsste es tun. Das Problem ist, wie und wofür er es tut. Antisemitismuskritik wird allzu oft nicht als Einsicht in ein gesellschaftliches Verhältnis betrieben, sondern als nationale Selbstreinigung. Das geläuterte Deutschland hält sich einen Spiegel vor, nickt sich selbst zu und entdeckt den Antisemiten zuverlässig dort, wo er sich mit ohnehin vorhandenen Ressentiments gegen Migranten, Muslime oder die radikale Linke verbinden lässt. Die Figur ist bekannt: Nicht wir, die anderen. Nicht die eigenen Familiengeschichten, die eigene Gegenwart, die eigene bürgerliche Mitte, sondern die importierte Barbarei. Das ist bequem, weil man so den Antisemitismus externalisieren kann, ohne seine deutschen Traditionen, seine Nachwirkungen und seine bürgerlichen Formen ansehen zu müssen. Man verlagert das Problem an die Grenze und spricht dabei von Aufarbeitung.

Die Perfidie dieses Manövers liegt darin, dass es zwei Dinge zugleich leistet. Es erlaubt Deutschland, seine Vergangenheit moralisch zu bewirtschaften, und es erlaubt ihm, seine Gegenwart repressiv zu organisieren. Antisemitismusbekämpfung wird so zum brauchbaren Vorwand für Abschottung, Überwachung, Abschiebung und autoritäre Demonstrationen staatlicher Handlungsfähigkeit. Das richtet sich nicht nur, aber eben auffällig oft gegen migrantisierte Menschen, gegen muslimisch Gelesene, gegen palästinensische Communities. Ganze Milieus werden verdächtig gesprochen, als hätten sie den Vernichtungsantisemitismus pachtweise übernommen. Der alte deutsche Reflex, Schuld in Fremdheit zu verwandeln, bekommt ein neues demokratisches Briefpapier.

Dabei muss man nicht so dumm sein wie die Rechten, um in diese Falle zu tappen. Es genügt schon, die bürgerliche Mitte für einen unschuldigen Beobachter zu halten. Genau das tut sie gern selbst. Sie inszeniert Antisemitismus als Problem der Extreme und der Unaufgeklärten, also der Rechten, der Linken, der Muslime, der Zugereisten, der Wütenden, kurz: der anderen. So spricht sich die bürgerlich-kapitalistische Normalität von jeder Mitschuld frei. Dabei ist gerade sie eine beständige Quelle jener Verhältnisse, aus denen antisemitische und rassistische Ideologien hervorgehen. Der Glaube, die Mitte sei nur dann gefährlich, wenn sie ausnahmsweise laut wird, gehört zu den langlebigsten Illusionen dieses Landes. In Wahrheit ist sie gerade in ihrer gepflegten Selbstgewissheit unerquicklich produktiv.

Gegen die bequemen Einseitigkeiten

Nun wäre es eine billige Übung, die Verkommenheit der einen Seite gegen die der anderen auszuspielen. Genau das tun ja beide Lager mit Vorliebe. Die staatsfromme Fraktion verweist auf antisemitische Exzesse im pro-palästinensischen Milieu und hält damit jede Kritik an Polizeigewalt, Grundrechtseinschränkungen und rassistischer Externalisierung für erledigt. Die identitäre Linke verweist auf deutsche Heuchelei, auf Netanjahus Regierung, auf die Zerstörung in Gaza, und erklärt damit jede Auseinandersetzung mit Hamas, Islamismus und antisemitischer Gewalt zur Nebensache. Beide arbeiten mit echten Tatsachen und ziehen falsche Schlüsse. Genau so funktionieren Ideologien: Sie lügen selten völlig, sie ordnen nur alles so an, dass am Ende nichts mehr stimmt.

Deshalb ist es nötig, auf mehreren Gedanken zugleich zu bestehen. Ja, das Massaker der Hamas war antisemitisch und markiert eine Zäsur. Ja, die Geiselnahmen, die sexualisierte Gewalt und die Morde dürfen nicht durch „Kontext“ moralisch neutralisiert werden. Ja, Antisemitismus in der Linken ist real und wird allzu oft als Antikolonialismus geschniegelt. Ja, Islamismus ist eine reaktionäre politische Bewegung und kein bloßes Missverständnis zwischen Kulturen. Und ebenso: Ja, das Leid der Zivilbevölkerung in Gaza ist real und enorm. Ja, die Kriegsführung der israelischen Armee ist kritikwürdig, auch in ihrer politischen und humanitären Tragweite. Ja, die israelische Rechte instrumentalisiert Sicherheitsbedürfnisse, verfolgt eigene Machtinteressen und betreibt eine antiarabisch-rassistische Politik. Ja, deutsche Antisemitismusbekämpfung ist immer wieder von Rassismus, Symbolpolitik und nationaler Selbstentlastung durchsetzt. Wer eines davon leugnet, um das andere umso reiner sagen zu können, kapituliert vor der Wirklichkeit.

Darin liegt der eigentliche Skandal der Gegenwart: Nicht dass es Widersprüche gibt, sondern dass so viele politische Milieus nur noch in der Form ihrer Verdrängung sprechen können. Die Linke, die einst wissen wollte, wie die Gesellschaft funktioniert, erklärt nun bevorzugt, wer reden darf. Die liberale Mitte, die sich für aufgeklärt hält, betreibt ihre Moral als Exekutivmaßnahme. Die Rechte erledigt den Rest und nennt das Klartext. So entsteht ein Klima, in dem aus jeder Analyse ein Bekenntnis wird und aus jedem Bekenntnis eine Eintrittskarte in die Gemeinschaft der Guten. Politik schrumpft auf Gesinnungsmanagement, und Kritik verkommt zur Frage, mit welcher Fahne man sich fotografieren lassen möchte.

Dabei wäre gerade jetzt das Gegenteil nötig: eine Linke, die weder den antisemitischen Kern des 7. Oktober relativiert noch die Zerstörung Gazas in Kaufhauslogik verrechnet; die Islamismus nicht als Nebensache behandelt, aber antimuslimischen Rassismus ebenso klar zurückweist; die sich nicht von Staatsräson an die Leine legen lässt, aber auch nicht jeder Gewalt des vermeintlich Schwächeren eine Fortschrittsplakette anklebt. Das wäre keine Position der Äquidistanz, dieses Lieblingsgespenst der Dummen, sondern eine der begründeten Parteilichkeit: gegen Antisemitismus, gegen Islamismus, gegen Rassismus, gegen Nationalismus, gegen die Verwaltung menschlichen Elends durch Religion, Staat und Kollektividentität.

Man muss dafür nicht moralisch schöner werden, sondern begrifflich härter. Antisemitismus und Rassismus sind nicht dasselbe. Gerade deshalb darf man sie nicht gegeneinander ausspielen. Islamismuskritik ist nötig. Gerade deshalb darf man sie nicht dem Kulturkampf überlassen. Solidarität mit den Opfern des 7. Oktober ist unverzichtbar. Gerade deshalb taugt sie nicht als Deckname für jede staatliche oder militärische Maßnahme. Solidarität mit den Menschen in Gaza ist geboten. Gerade deshalb darf sie nicht zur politischen Immunisierung von Hamas dienen. Wer diese Unterscheidungen nicht aushält, sucht keine Wahrheit, sondern Erleichterung. Und Erleichterung ist ein schlechter Ratgeber, vor allem wenn sie sich als Haltung verkleidet.

Vielleicht liegt die Härte dieser Einsicht auch darin, dass sie niemanden heil entlässt. Die Linke müsste sich eingestehen, dass sie an zentralen Punkten ihrer eigenen Ideologiekritik untreu geworden ist und antisemitische, autoritäre und identitäre Muster in den eigenen Reihen entweder verharmlost oder mit Pathos übertönt hat. Der Staat und seine publizistischen Hilfstruppen müssten einsehen, dass ihre demonstrative Moral mitunter nur die höfliche Form eines alten Geschäfts ist: nationale Reinwaschung nach außen, repressive Sortierung nach innen. Beides wird nicht gern eingeräumt, denn beides beschädigt die jeweilige Selbstachtung. Aber politische Mündigkeit beginnt bekanntlich dort, wo die narzisstische Kränkung nicht sofort in Agitation umgewandelt wird.

Bleibt die Frage, was aus einer Öffentlichkeit werden soll, die sich ihre Begriffe nur noch aus Lagern leiht. Vielleicht dies: eine Öffentlichkeit, in der jedes Massaker zuerst daraufhin geprüft wird, wem es nützt; in der jede Trauer nach politischer Anschlussfähigkeit sortiert wird; in der man Juden entweder als Opferdekor oder als Machtzeichen liest und Palästinenser*innen entweder als Symbol der Weltgerechtigkeit oder als Sicherheitsproblem; in der Religion den Verzweifelten Sinn, der Staat den Verängstigten Ordnung und die Linke den Verlorenen Identität verspricht, während die Sache selbst, die Befreiung von Verhältnissen, fast schon unanständig altmodisch wirkt. Man muss kein Nostalgiker sein, um daran etwas unerquicklich zu finden.

Die falsche Wahl zwischen Flagge und Frömmigkeit ist eben falsch, nicht weil beide Seiten gleich wären, sondern weil beide den Blick von dem abziehen, worauf es ankäme: von den gesellschaftlichen Verhältnissen, die Wahn, Gewalt, Reaktion und moralische Selbstinszenierung immer neu hervorbringen. Solange Kritik auf die Auswahl der richtigen Zugehörigkeit zusammenschrumpft, wird der nächste Schock wieder nur die alten Reflexe mobilisieren. Dann werden die einen erneut den Mörder historisieren und die anderen die Repression humanisieren. Und alle zusammen werden sich wundern, warum die Welt nicht vernünftiger wird. Die interessantere Frage wäre also nicht, auf welcher Seite man steht. Sondern ob es noch eine Politik gibt, die sich dem Zwang entzieht, überhaupt zwischen diesen falschen Fronten wählen zu müssen.

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