Frieden als Pose, Israel als Projektionsfläche: Die Linke zwischen Eifler und Ramelow
TL;DR: Die Auseinandersetzung zwischen Ulrike Eifler und Bodo Ramelow zeigt eine tiefere Spaltung der Linken: Während Eifler politische Gewissheit behauptet und Kritik – etwa an Antisemitismus – in einer Form der Selbstimmunisierung kategorisch zurückweist, erkennt Ramelow zwar die Eskalation der Begriffe, bleibt aber analytisch unentschlossen. Eiflers „Antikrieg“-Position erweist sich dabei weniger als universeller Maßstab denn als selektive politische Chiffre, insbesondere in Bezug auf Israel. Das Ergebnis ist eine Linke zwischen moralischer Selbstgewissheit und analytischer Sprachlosigkeit – und eine Debatte, die mehr bestätigt als erklärt.
Wenn Begriffe kämpfen und Gewissheiten siegen
Es beginnt, wie
es oft beginnt: mit einem Streit über Worte. Und endet, wie es derzeit häufig
endet: mit der Gewissheit, längst alles verstanden zu haben. Bodo Ramelow
formuliert Zweifel, wenn er schreibt: „Wenn Begriffe zur
Keule werden und Freund/Feind zum Kampfplatz werden“. In diesem Satz steckt
zumindest die Ahnung, dass Sprache nicht nur beschreibt, sondern auch zuspitzt,
sortiert, verhärtet. Ulrike Eifler antwortet darauf mit einem knappen „Nein Bodo“ –
und verschiebt damit die Ebene der Auseinandersetzung. Was bei Ramelow noch als
Problem der Eskalation erscheint, wird bei ihr zur Frage der politischen Linie.
Denn Eifler
macht aus dem Streit über Begriffe einen Streit über Richtung: „ob wir die
Antikriegsbewegung aufbauen oder uns weiter von ihr abtrennen“. Das klingt
nach Klarheit, nach Entscheidung, nach politischer Ernsthaftigkeit. Tatsächlich
aber liegt in dieser Zuspitzung bereits eine Vorentscheidung. Wer so
formuliert, definiert implizit, was legitime Politik ist – und was nicht mehr
dazugehört. Der entscheidende Satz folgt am Ende, in Großbuchstaben und ohne
Einschränkung: „@dieLinke
hat KEIN Antisemitismusproblem!“. Das ist weniger eine These als ein
Schlussstrich. Wo so gesprochen wird, soll keine Untersuchung mehr stattfinden,
sondern Ruhe einkehren.
Ramelow dagegen
bleibt merkwürdig unentschieden. Seine Aufzählung – „Israel-Palästinenserstaat,
Semit-Antisemitismus, Zionist-Antizionismus, Genozid-Genozidleugner“ –
wirkt wie der Versuch, ein vermintes Gelände zu kartieren, ohne es zu betreten.
Er erkennt, dass Begriffe zu Waffen werden können, aber er sagt nicht, warum
sie es werden. Das ist die Schwäche seiner Position: Sie beschreibt die Form
des Konflikts, nicht seinen Inhalt. Eifler hingegen liefert Inhalte, aber sie
tut es in einer Weise, die Zweifel nicht mehr vorsieht. So entsteht eine
eigentümliche Konstellation: Hier eine Diagnose ohne Konsequenz, dort eine
Konsequenz ohne Diagnose.
Antikrieg
als Gewissheit – oder als Chiffre?
Erst im
Redebeitrag zum Ostermarsch wird sichtbar, dass Eiflers Tweet kein Ausrutscher
ist, sondern Teil eines geschlossenen Deutungsmusters. Dort entfaltet sich die
These von der „Politik
aktiver Kriegsvorbereitung“, gestützt auf eine Reihe von Beobachtungen:
politische Aussagen, militärische Übungen, gesetzliche Veränderungen. Jede
dieser Beobachtungen für sich genommen wäre diskutierbar. Zusammengenommen
ergeben sie jedoch eine Erzählung, die bereits feststeht, bevor die Belege
eingeführt werden. Aus einzelnen Mosaiksteinen entsteht ein Gesamtbild, das
sich selbst bestätigt.
Um dieses Bild
stabil zu halten, braucht es einen klar umrissenen Akteur. Eifler nennt ihn „die
politische Klasse“, eine Formulierung, die zugleich präzise wirkt und alles
umfasst: Regierung, Opposition, Militär, Experten. „In
den Augen der politischen Klasse offenbar nur namenlose Statisten“, heißt
es. Das ist wirkungsvoll, weil es Empörung bündelt. Aber es ist auch
problematisch, weil es Unterschiede einebnet. Wo alles eins wird, wird Kritik
einfach – und damit oft ungenau.
Am deutlichsten
zeigt sich die Logik dieser Rede in der Passage über Israel. Dort ist von „Völkermord
an den Menschen in Palästina“ und einem Staat die Rede, „der
gerade die Todesstrafe für Palästinenser eingeführt hat“. Diese Sätze
lassen keinen Raum für Kontext, keine Perspektive, keine Gegenposition. Das ist
nicht deshalb problematisch, weil Kritik an Israel unzulässig wäre – sie ist es
nicht, grade in der Frage der Todesstrafe in Israel, deren entschiedener Gegner
ich bin, wenn auch aus anderen Gründen als Eifler. Problematisch ist die Form:
eine moralische Totalisierung, die Komplexität nicht reduziert, sondern
eliminiert. Wenn ein Konflikt nur noch als eindeutige Schuldgeschichte erzählt
wird, verliert er seine politische Dimension und wird zur Projektionsfläche.
Eine Linke
zwischen Diagnose und Gewissheit
Diese Tendenz
setzt sich in der gesamten Rede fort. Sie arbeitet mit starken Begriffen – „Schande“,
„zynisch“,
„wahnsinnig“
– und ersetzt damit zunehmend die Analyse. Moral tritt an die Stelle von
Erklärung. Das Völkerrecht wird zum zentralen Bezugspunkt erklärt, aber nicht
als offenes Instrument, sondern als Bestätigung eines bereits gefällten
Urteils. Es erscheint dort, wo es die eigene Position stützt, und verschwindet
aus dem Blick, wo es sie komplizieren könnte. So wird aus einem normativen
Maßstab ein rhetorisches Werkzeug.
Am Ende
kulminiert diese Logik im Verweis auf die Masse: Hunderttausende auf den
Straßen von London, Rom, Belgien, Millionen in den USA. „All
das zeigt“, heißt es, „diese Zeiten stecken voller Gefahren, aber sie halten
auch jede Menge Möglichkeiten bereit“. Die Existenz von Protest wird zur
Bestätigung seiner Richtigkeit. Doch Quantität ersetzt keine Begründung. Viele
Menschen können sich irren – auch gemeinsam. Die Geschichte ist kein
Gegenbeweis, sondern ein Archiv solcher Irrtümer.
So entsteht ein
paradoxes Bild. Eine Rede, die gegen Krieg mobilisieren will, übernimmt in
ihrer Struktur genau jene Logik, die sie kritisiert: Sie konstruiert Fronten,
definiert Gegner, arbeitet mit totalisierenden Begriffen. Der Satz „Machen
wir ihnen das Leben zur Hölle“ wirkt dabei weniger wie ein Ausrutscher als
wie die konsequente Zuspitzung eines Denkens, das keinen Raum mehr für
Ambivalenz kennt.
Der Konflikt
zwischen Eifler und Ramelow ist daher kein gewöhnlicher Richtungsstreit. Er
markiert eine Verschiebung innerhalb der Linken selbst. Auf der einen Seite
steht Eiflers Neo-Stalinistische Position, die
ihre Stärke aus Gewissheit bezieht und Kritik als Störung empfindet. Auf
der anderen eine Haltung, die die Eskalation zwar erkennt, aber nicht mehr in
der Lage ist, sie politisch zu durchdringen. Eifler liefert Antworten, Ramelow
stellt Fragen – aber ohne sie politisch weiterzuführen.
Vielleicht
liegt genau darin das eigentliche Problem. Nicht in den Begriffen, nicht einmal
in ihrer Schärfe, sondern in der Sicherheit, mit der sie verwendet werden. Wer
sicher ist, dass es kein Antisemitismusproblem gibt, wird keines finden. Wer
sicher ist, dass alles auf Krieg hinausläuft, wird überall Hinweise darauf
entdecken. Die Welt wird dann nicht mehr untersucht, sondern bestätigt.
Die offene
Frage ist daher nicht, wer in diesem Streit recht hat. Sondern ob eine
politische Kultur, die ihre Gewissheiten so früh abschließt, überhaupt noch
lernfähig ist – oder ob sie sich längst in einem Zustand eingerichtet hat, in
dem jede neue Erfahrung nur noch als Bestätigung des Alten dient.