Der „Versöhner“ Höcke und die Bühne „Weltwoche“
TL;DR: Der Weltwoche-Podcast von Roger Köppel mit Björn Höcke wirkt weniger durch neue Inhalte als durch seine Inszenierung. Höckes bekannte Positionen erscheinen in einem intellektuellen, kultivierten Rahmen als legitime Kulturkritik statt als politische Radikalität. Kritisiert wird vor allem, dass das Interview zentrale Annahmen – etwa die Erzählung einer deutschen „Identitätskrise“ – weitgehend übernimmt und dadurch zur Normalisierung rechter Narrative beiträgt.
Wie ein Gespräch politische Radikalität in intellektuelle Gelassenheit verwandelt
Die Leistung des Gesprächs liegt nicht
in neuen Gedanken. Höckes Setzkasten ist bekannt. Neu ist, wie er ausgestellt
wird: weniger als Programm, mehr als Weltdeutung. Ruhiger Ton, kultivierte
Umgebung, offene Fragen. Wo man Zuspitzung erwarten würde, entsteht
Verständigung. Das wirkt harmlos – bis man merkt, wie stark sich politische
Wirkung verschiebt, wenn sich die Form ändert.
Höcke zeichnet Deutschland als
existenziell bedroht. Demografie und Zuwanderung führten, so seine
Formulierung, zum „Ende
Deutschlands“. Das gehört seit Jahren zum Inventar rechter
Untergangserzählungen. Auffällig ist nicht der Alarm, sondern die Verpackung:
nicht als schrille Warnung, sondern als Einstieg in eine lange Betrachtung über
Geschichte, Identität, kulturelle Kontinuität.
So läuft das Muster: Radikalität kommt
heute selten mit dem Vorschlaghammer. Sie bevorzugt den Ton der Kulturkritik.
Aus dem Angriff auf Vielfalt wird „Sorge“ um Substanz. Aus
Feindbildern werden historische Diagnosen. Aus Ausgrenzung wird „Bewahrung“. Die Wörter
wechseln, die Richtung nicht.
Deutlich wird das, wenn Höcke ein Volk
beschreibt, das von den eigenen Ursprüngen getrennt worden sei. Nach seiner
Darstellung habe man den Deutschen nach 1945 ihre Identität systematisch
genommen. Die Bundesrepublik erscheint dann nicht als demokratischer Aufstieg,
sondern als Projekt der Selbstverleugnung. Und der Nationalsozialismus wird
weniger als Katastrophe mit langen Schatten behandelt, sondern als
Ausgangspunkt einer angeblich überzogenen Selbstkritik.
Man muss diese Sicht nicht teilen, um
ihre Funktion zu sehen. Sie verlagert das Gewicht der Erinnerung. Nicht die
Verbrechen stehen im Zentrum, sondern die angeblichen Nebenwirkungen ihrer
Aufarbeitung. Die Frage heißt nicht mehr: Wie geht eine Demokratie mit ihrer
Geschichte um? Sondern: Hat Deutschland zu viel Erinnerung und zu wenig
Selbstbehauptung gelernt?
An dieser Stelle wird die
Gesprächsführung heikel. Der Interviewer widerspricht hin und wieder, fragt
nach, setzt Einwände. Nur: Der Grundrahmen bleibt stehen. Eine „Identitätskrise“ wird
nicht als Behauptung geprüft, sondern als Ausgangslage akzeptiert. Die
Erzählung von „Entwurzelung“
wird kaum an Fakten, Erfahrungen, Gegenbeispiele gebunden. Man denkt innerhalb
des Korridors, den Höcke absteckt.
Genau so funktioniert Normalisierung.
Nicht durch Applaus, sondern durch Routine. Wer eine These nicht zurückweist,
sondern sie als legitime Startlinie weiterer Überlegungen behandelt, schenkt
ihr Plausibilität. Das Gift wirkt, wenn es nicht mehr nach Gift aussieht.
Dazu kommen die historischen Bilder.
Deutschland als Nation mit Auftrag. Deutschland als Vermittler zwischen Ost und
West. Deutschland mit kultureller Mission, mit Eigenschaften, die „verloren“ seien und „wiederentdeckt“ werden
müssten. Das ist kein Neuland. Es gehört seit langem zur nationalen
Selbstbespiegelung.
Problematisch wird es, wenn Geschichte
zur Suche nach einer verlorenen Essenz wird. Nationen haben keinen festen Kern,
den man ausgraben könnte wie ein Fossil. Sie ändern sich, widersprechen sich,
leben von Brüchen und Konflikten. Wer von der einen, wahren Identität spricht,
beschreibt selten Wirklichkeit. Meist beschreibt er Sehnsucht – und macht
daraus Politik.
Das Interview liefert reichlich
Material. Höcke spricht von einem Deutschland, das durch äußere Einflüsse vom „eigentlichen Wesen“
entfernt worden sei. Er greift den Liberalismus der Gegenwart an und stellt ihm
ein idealisiertes Bild kultureller Kontinuität gegenüber. Gleichzeitig
inszeniert er sich als Verteidiger demokratischer Selbstbestimmung.
Dieser Widerspruch gehört auf den
Tisch. Demokratie lebt davon, dass unterschiedliche Vorstellungen von
Zugehörigkeit nebeneinander bestehen dürfen. Wer hingegen behauptet, es gebe
einen klar definierbaren Wesenskern der Nation, gerät zwangsläufig mit Pluralismus
aneinander. Denn dann stellt sich sofort die Frage: Wer zählt dazu – und wer
bleibt draußen?
Bemerkenswert ist auch das Etikett „Versöhnung“. Höcke nennt
sich selbst Versöhner. Das klingt weich, fast verbindlich. Doch Versöhnung
setzt einen Konflikt voraus. Also: Wer soll sich mit wem versöhnen? Und nach
welchen Bedingungen?
Im Gespräch entsteht der Eindruck,
Deutschland müsse sich mit sich selbst versöhnen. Gemeint ist aber nicht
Verständigung zwischen unterschiedlichen Gruppen. Gemeint ist die Rückkehr zu
einer bestimmten Idee von Nation. Versöhnung wird so weniger zum offenen
Gespräch als zur Heimkehr in ein vermeintlich verlorenes Selbstbild.
Deshalb lohnt der Blick auf die
Wörter. Begriffe entfalten Macht, wenn sie freundlich klingen. Wer wäre gegen
Versöhnung? Gegen kulturelle Selbstverständigung? Gegen historische
Orientierung? Nur: Politische Konzepte bewertet man nicht nach ihrem Klang, sondern
nach dem, was sie anrichten.
Ein weiteres Leitmotiv ist die
Opferrolle. Die Bundesrepublik erscheint als Land, das von Eliten, äußeren
Einflüssen und Ideologien „in
die Krise“ geführt worden sei. Solche Geschichten sind attraktiv: Sie
machen Komplexität klein und Schuld groß. Wirtschaftlicher Wandel, soziale
Unsicherheit, kulturelle Konflikte erscheinen dann nicht als verwickelte
Prozesse, sondern als Ergebnis gezielter Fehlsteuerung.
Der Vorteil liegt nahe: Wer die
Ursachen außerhalb der eigenen Ideen verortet, muss die eigenen Voraussetzungen
nicht prüfen. Der Preis ist hoch. Komplexität verschwindet. Geschichte wird
Dramaturgie.
Auch hier arbeitet das Interview mit
Kontrastfolien. Immer wieder wird eine Vergangenheit beschworen, in der „Zusammenhalt“ stärker
gewesen sei. Ob es diese Vergangenheit so gab, bleibt oft offen. Entscheidend
ist ihre Rolle als Hintergrundbild: Je goldener gestern wirkt, desto düsterer
wird heute.
Gerade deshalb wäre journalistische
Distanz gefragt. Erinnerung ist kein neutrales Archiv, sondern Auswahl. Wer das
eine hervorhebt und anderes verschweigt, erzählt bereits Politik. Ein Gespräch
muss nicht nur Positionen hörbar machen, es muss auch ihre Voraussetzungen
sichtbar machen.
Das heißt nicht, kontroverse Stimmen
auszusperren. Demokratische Öffentlichkeit braucht Streit. Nur: Streit braucht
Reibung. Ein Interview, das vor allem Verständnis organisiert, kann –
unbeabsichtigt – dazu beitragen, Positionen von ihren Folgen zu trennen.
Die Pointe liegt darum nicht in
einzelnen Sätzen Höckes. Sie liegt in der Atmosphäre, die sie umgibt.
Politischer Konflikt erscheint als gelehrte Debatte. Ideologische Schärfe
verschwindet hinter historischen Exkursen. Radikales wirkt milder, wenn man es
zwischen Goethe, Bismarck und Kulturgeschichte platziert.
Das ist eine moderne Form politischer
Kommunikation: Der Skandal weicht der Selbstverständlichkeit. Provokation wird
als Reflexion verkauft. Aufmerksamkeit entsteht nicht mehr durch Lautstärke,
sondern durch die Fähigkeit, Projekte als vernünftige Antwort auf nationale
Krisen aussehen zu lassen.
Man kann das als Professionalität
lesen. Man kann es auch als Auftrag an den Journalismus verstehen. Denn
demokratische Öffentlichkeit braucht mehr als Gesprächsbereitschaft. Sie
braucht das Prüfen von Begriffen, das Einordnen historischer Analogien, das
Nachfragen nach den stillen Voraussetzungen politischer Erzählungen.
Am Ende steht weniger die Frage, was
Höcke gesagt hat – vieles ist bekannt. Wichtiger ist, warum bestimmte Sätze
heute so leicht als legitimer Teil der allgemeinen Debatte durchgehen. Welche
Bedingungen machen diese Verschiebung möglich? Welche Rolle spielen Medien
dabei? Und ab wann wird Offenheit zur Aufwertung?
Vielleicht liegt die eigentliche
Herausforderung nicht darin, Radikalität zu erkennen. Sondern darin, den Moment
zu erwischen, in dem sie aufhört, radikal zu wirken. Ideen ändern sich nicht
nur durch ihren Inhalt. Sie ändern sich auch durch die Räume, in denen man sie
sagt. Wer baut diese Räume – und wer entscheidet, was darin als
selbstverständlich gilt?